Deutscher Holocaust-Narzißmus

von Sabi­ne Hil­le

Gut­men­schen sind uns zuwi­der, nicht weil sie gut, son­dern weil sie ver­lo­gen – also höchst ungut – sind. Klopft man Gut­men­schen ab, stellt man fest, daß es ihnen um ihr Ego geht: In der einen Rich­tung geben sie sich gön­ner­haft her­ab­las­send in der ande­ren als Ober­leh­rer und Moral­apo­stel. Wir mögen sie nicht recht, die­se Chri­sten bei­spiels­wei­se, die nicht müde wer­den, vor lau­ter Reli­gi­ons­dia­log die Schön­hei­ten des Islams zu pre­di­gen oder die­se Deut­schen, die den edlen Zuwan­de­rer mit demon­stra­ti­vem Wohl­wol­len über­schüt­ten aber ihre Lands­leu­te und Nach­barn mit erho­be­nem Zei­ge­fin­ger des Ras­sis­mus bezich­ti­gen.

Vor allem begei­stert sich der Gut­men­schen-Deut­sche für den Holo­caust. In die­sem Fall ist der Gut­men­schen-Deut­sche sogar bereit, sich mit sei­ner Nati­on zu iden­ti­fi­zie­ren. Unger­ne wür­de er die Mög­lich­kei­ten, die der Holo­caust eröff­net, sei­ner Welt­bür­ger­lich­keit opfern. Gegen­über den eige­nen Lands­leu­ten kann der vom Holo­caust beflü­gel­te Gut­men­schen-Deut­sche als eli­tä­rer „Mah­ner“ auf­tre­ten. Als­dann legi­ti­miert eine der Schuld­last ange­mes­se­ne Reue auf­dring­li­ches Enga­ge­ment für sämt­li­che Mensch­heits­an­lie­gen. Gut­men­schen-Deut­sche mischen sich über­all ein, beleh­ren Ame­ri­ka­ner, Israe­lis oder den Vati­kan. Deut­sche Gut­men­schen-Medi­en sind über­all vor Ort, wo gegen Auto­kra­ten pro­te­stiert wird oder ein demo­kra­ti­scher Früh­ling ansteht. Grü­nen-Beck mis­sio­niert in Ruß­land und Mar­tin Schulz gibt den Ober­leh­rer der EU.

Ihren abge­ho­be­nen Sta­tus haben die Gut­men­schen-Deut­schen allein dem Füh­rer zu ver­dan­ken. Hät­ten die Gut­men­schen-Deut­schen ihr Ausch­witz und ihren Adolf nicht, müß­ten sie die­se erfin­den. Kein Wun­der also, daß eifer­süch­tig über die qua­li­ta­ti­ve und quan­ti­ta­ti­ve Unüber­treff­lich­keit des Holo­caust, des­sen „Sin­gu­la­ri­tät“ für alle Ewig­keit, gewacht wird. Sei­nen Spit­zen­platz im Ran­king der gro­ßen Ver­bre­chen der Mensch­heits­ge­schich­te läßt sich der Gut­men­schen-Deut­sche nicht neh­men. Allein ihm, dem Gut­men­schen-Deut­schen, gebührt das Ver­mächt­nis des größ­ten Ver­bre­chens aller Zei­ten (Grö­Vaz). Ohne Grö­Vaz wür­de der Gut­men­schen-Deut­sche auf Nor­mal­maß redu­ziert, müß­te er sich mit mit­tel­mä­ßi­gen Natio­nen wie Bri­ten, Fran­zo­sen oder Ita­lie­nern gemein machen.

Ver­flo­gen wäre der Vor­rang, daß „gera­de wir Deut­schen“ eine „beson­de­re“ Ver­pflich­tung haben, die Men­schen­rech­te zu ach­ten. Zwar lie­ße sich ein­wen­den, daß Men­schen­rech­te uni­ver­sal sind, es also kei­ne Nati­on gibt, die weni­ger ver­pflich­tet wäre, die­se zu ach­ten oder daß die Ver­bind­lich­keit der Men­schen­rech­te eines Indi­vi­du­ums nicht davon abhängt, wo sich die­ses Indi­vi­du­um gera­de auf­hält. Aber irdi­sche Logik ficht den Gut­men­schen-Deut­schen nicht an, der sich in höhe­ren Sphä­ren wähnt. Der Gut­men­schen-Deut­sche besteht auf der Pla­tin-Card für exklu­si­ven Zugang zu uni­ver­sa­len Rechts­gü­tern. Wir sind eben etwas Beson­de­res! Wie fade wäre auch das deut­sche Dasein ohne Sen­dungs­be­wußt­sein, ohne den schau­rig-schö­nen Kit­zel tie­fer Schuld­ver­strickung, ohne Toten- und Gedenk­kult!

Wer den Holo­caust aber in nar­ziss­ti­scher Selbst­be­weih­räu­che­rung zu einem semi­re­li­giö­sen Natio­nal­my­thos über­höht, der alles mensch­li­che Begrei­fen über­steigt, belei­digt die Ver­nunft, der er die Reich­wei­te abspricht, die­se geschicht­li­che Epi­so­de aus­zu­lo­ten und ein­zu­ord­nen. Wer eigen­sin­nig dar­auf bedacht ist, daß der Holo­caust eine rein­ras­sig deut­sche Ange­le­gen­heit bleibt, ver­kürzt ihn und ent­hält die an den deut­schen Juden­mord geknüpf­ten Ein­sich­ten der Mensch­heit vor. So wich­tig es war und ist, daß wir Deut­sche uns dem Holo­caust als unse­rer natio­na­len Ver­gan­gen­heit stel­len, so gebo­ten soll­te es aus Grün­den der intel­lek­tu­el­len und mora­li­schen Red­lich­keit auch sein, zu erken­nen, daß der Holo­caust auch aber nicht nur ein Phä­no­men ist, das sich allein aus dem Zusam­men­hang der deut­schen Kul­tur ablei­ten läßt.

Denn der Holo­caust steht auch für die dunk­le Sei­te des­sen, was wir salopp als „Moder­ne“ bezeich­nen, auf die wir uns anson­sten viel ein­bil­den: Selbst­be­frei­ung von der „jüdisch-christ­li­chen Erfin­dung“ des Gewis­sens, Miss­ach­tung des Natur­rechts, ras­si­sti­sche Men­schen­zucht, ein vul­gär­ma­te­ria­li­sti­sches Men­schen­bild, indu­stri­el­le Mas­sen­ver­nich­tung mensch­li­chen Lebens. Ins­ge­samt zeigt sich die Hybris des von einer rein tech­nisch ver­stan­de­nen Ratio­na­li­tät berausch­ten Men­schen, Geschich­te und Evo­lu­ti­on in die eige­nen Hän­de zu neh­men, sich sei­ner selbst zu ermäch­ti­gen, sich selbst neu und eine opti­mier­te Welt zu schaf­fen. Auch das ist eine „Leh­re aus Ausch­witz“, an der alle Men­schen par­ti­zi­pie­ren soll­ten. Der Holo­caust gehört nicht nur exklu­siv „uns Deut­schen“, dem Gut­men­schen-Deut­schen, allei­ne.

„Unüber­seh­bar gibt es eine Ten­denz der Ent­welt­li­chung des Holo­caust. Das geschieht dann, wenn das Gesche­hen des deut­schen Juden­mor­des in eine Ein­zig­ar­tig­keit über­höht wird, die letzt­lich dem Ver­ste­hen und der Ana­ly­se ent­zo­gen ist. Offen­sicht­lich suchen bestimm­te Milieus post­re­li­giö­ser Gesell­schaf­ten nach der Dimen­si­on der Abso­lut­heit, nach dem Ele­ment des Erschau­erns vor dem Unsag­ba­ren. Da dem Nicht­re­li­giö­sen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an des­sen Stel­le das abso­lu­te Böse, das den Betrach­ter erschau­ern läßt. Das ist para­do­xer­wei­se ein psy­chi­scher Gewinn, der zudem noch einen wei­te­ren Vor­teil hat: Wer das Koor­di­na­ten­sy­stem reli­giö­ser Sinn­ge­bung ver­lo­ren hat und unter einer gewis­sen Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit der Moder­ne litt, der gewann mit der Ori­en­tie­rung auf den Holo­caust so etwas wie einen nega­ti­ven Tief­punkt, auf dem – so die unbe­wuß­te Hoff­nung – so etwas wie ein Koor­di­na­ten­sy­stem errich­tet wer­den konn­te. Das aber wirkt »tröst­lich« ange­sichts einer ver­stö­rend unge­ord­ne­ten Moder­ne. Wür­de der Holo­caust aber in einer unhei­li­gen Sakra­li­tät auf eine qua­si-reli­giö­se Ebe­ne ent­schwin­den, wäre er vom Betrach­ter nur noch zu ver­dam­men und zu ver­flu­chen, nicht aber zu ana­ly­sie­ren, zu erken­nen und zu beschrei­ben. Wir wür­den nicht begrei­fen. »Aber der Holo­caust wur­de inmit­ten der moder­nen, ratio­na­len Gesell­schaft kon­zi­piert und durch­ge­führt, in einer hoch­ent­wickel­ten Zivi­li­sa­ti­on und im Umfeld außer­ge­wöhn­li­cher kul­tu­rel­ler Lei­stun­gen; er muss daher als Pro­blem die­ser Gesell­schaft, Zivi­li­sa­ti­on und Kul­tur betrach­tet wer­den.« (Gauck, Bosch-Stif­tung 2006)

1 Kommentar

  1. Die Gott­lo­sig­keit hat den Holo­caust und anders­wo unsäg­li­ches Leid in vie­len Län­dern
    der Welt her­vor­ge­bracht-den­ken wir nur an die kom­mu­ni­sti­sche Vergangenheit,die bis
    heu­te nicht auf­ge­ar­bei­tet wur­de.

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