Das „verbotene“ Tagebuch des Konklave 2005

Sonn­tag, 17. April 2005
„Am Nach­mit­tag bezog ich mein Zim­mer in der Casa San­ta Mar­ta. Als ich mein Gepäck abge­stellt hat­te, ver­such­te ich die Fen­ster­lä­den zu öff­nen, weil es im Raum so dun­kel war. Es gelang mir nicht. Ein Mit­bru­der wand­te sich wegen des­sel­ben Pro­blems an die Schwe­stern, die das Haus füh­ren. Er ver­mu­te­te, daß es sich um einen tech­ni­schen Feh­ler han­del­te. Die Schwe­stern erklär­ten ihm, daß die Fen­ster­lä­den ver­sie­gelt wur­den. Kon­kla­ve­klau­sur … Eine neue Erfah­rung, für fast alle von uns. Von 115 Kar­di­nä­len haben nur zwei bereits an einer Papst­wahl teil­ge­nom­men.“

Mit die­sen Wor­ten beginnt das „ver­bo­te­ne“ Tage­buch des Kon­kla­ve, das am 19. April 2005 zur Wahl von Papst Bene­dikt XVI. führ­te. Die ver­trau­li­chen Noti­zen schrieb ein anony­mer Kar­di­nal nie­der, sobald er nach den Abstim­mun­gen in der Six­ti­ni­schen Kapel­le in sein Zim­mer zurück­ge­kehrt war. Die Auf­zeich­nun­gen wur­den in der renom­mier­ten Monats­schrift für Geo­po­li­tik „Limes“ ver­öf­fent­licht. Die Kar­di­nä­le und alle Mit­ar­bei­ter, die wäh­rend des Kon­kla­ve mit den wäh­len­den Kar­di­nä­len in Kon­takt tre­ten, sind zur streng­sten Ver­schwie­gen­heit über den Wahl­her­gang ver­pflich­tet. Im Medi­en­zeit­al­ter fiel es dem namen­los blei­ben­den Kar­di­nal offen­sicht­lich schwer, sich dar­an zu hal­ten. Ent­spre­chend schnell fan­den sei­ne Noti­zen den Weg in die Öffent­lich­keit.

Die Auf­zeich­nun­gen erlau­ben, Schritt für Schritt die Wahl­gän­ge trotz des päpst­li­chen Wil­lens, den Ablauf eines Kon­kla­ves geheim­zu­hal­ten, zu rekon­stru­ie­ren. Sie zei­gen, daß Kar­di­nal Ratz­in­ger von Anfang an der aus­sichts­reich­ste Kan­di­dat war. Der 78jährige Dekan des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums und Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on fand umge­hend die Unter­stüt­zung einer star­ken und ent­schlos­se­nen Grup­pe. Das Tage­buch wider­legt die nach der Wahl viel­fach wie­der­hol­te Behaup­tung, der ehe­ma­li­gen Erz­bi­schof von Mai­land, Kar­di­nal Car­lo Maria Mar­ti­ni, sei bei der Wahl der „Gegen­spie­ler“ Ratz­in­gers gewe­sen und habe eine Rol­le gespielt. Bestä­ti­gung fin­det hin­ge­gen, daß der ein­zi­ge wirk­li­che „Kon­kur­rent“ der Erz­bi­schof von Bue­nos Aires, Kar­di­nal Jor­ge Mario Ber­go­glio, war, ein Jesu­it wie Mar­ti­ni. Kar­di­nal Ber­go­glio erhielt mit bis zu 40 Stim­men das Ver­trau­en von mehr als einem Drit­tel der Wahl­män­ner.

Mon­tag, 18. April 2005
Doch der Rei­he nach: Das ins­ge­samt nur 24 Stun­den dau­ern­de Kon­kla­ve begann am Nach­mit­tag des 18. April 2005, einem Mon­tag. Nach­dem die 115 Pur­pur­trä­ger in die Six­ti­ni­sche Kapel­le ein­ge­zo­gen waren, lei­ste­ten sie den Ver­schwie­gen­heits­eid und hör­ten eine Medi­ta­ti­on des über 80jährigen Kar­di­nals Spid­lik, der nicht stimm­be­rech­tigt war.

Beginn des ersten Wahl­gangs. Die recht­ecki­gen, dop­pelt gefal­te­ten Stimm­zet­tel wer­den aus­ge­hän­digt. Im obe­ren Teil tra­gen sie die Auf­schrift: „Eli­go in Sum­mo Pon­ti­ficem“ (Ich wäh­le zum Höch­sten Pon­ti­fex), im unte­ren Teil ist der Platz weiß, um den Namen des Aus­ge­wähl­ten ein­tra­gen zu kön­nen.

Jeder Kar­di­nal nähert sich der Metal­l­ur­ne, spricht eine fei­er­li­cher For­mel und wirft sei­nen Stimm­zet­tel ein. Der erste Wahl­gang endet weni­ge Minu­ten nach 19 Uhr. Nie­mand erwar­tet sich bereits die Wahl eines neu­es Pap­stes. Das Ergeb­nis ist durch­aus über­ra­schend: Kar­di­nal Ratz­in­ger erhält sofort 47 Stim­men (40,9 Pro­zent). An zwei­ter Stel­le folgt uner­war­tet Kar­di­nal Ber­go­glio mit 10 Stim­men, Kar­di­nal Mar­ti­ni erhält 9. Auf Kar­di­nal Camil­lo Rui­ni, den Bischofs­vi­kar von Rom, ent­fal­len 6 Stim­men, auf Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Ange­lo Soda­no 4, auf den Erz­bi­schof von Hon­du­ras, Kar­di­nal Oscar Rodri­guez Mara­dia­ga 3 und auf Kar­di­nal Dio­ni­gi Tettaman­zi, Nach­fol­ger Mar­ti­nis als Erz­bi­schof von Mai­land 2 Stim­men. Mehr als 30 Stim­men ver­tei­len sich als Ein­zel­stim­men auf ande­re Kar­di­nä­le. Die­se gro­ße Grup­pe scheint abzu­war­ten, wel­che Gewich­tun­gen aus dem ersten Wahl­gang her­vor­ge­hen. Es steigt schwar­zer Rauch aus der Six­ti­ni­schen Kapel­le auf.

Das wich­tig­ste Ergeb­nis ist das schlech­te Abschnei­den des “pro­gres­si­ven“ Flü­gels im Kar­di­nals­kol­le­gi­um. Er hat­te sich auf Kar­di­nal Mar­ti­ni geei­nigt, vor allem mit der Absicht, das eige­ne Gewicht aus­zu­lo­ten. Das Ergeb­nis war aus­ge­spro­chen beschei­den. Die Kar­di­nä­le ver­las­sen die Kapel­le und bege­ben sich zum Abend­essen. Die Grup­pe, die Kar­di­nal Ratz­in­ger als künf­ti­gen Papst wünscht, konn­te sofort einen deut­li­chen Erfolg ver­bu­chen. Das uner­war­te­te Ergeb­nis des Erz­bi­schofs von Bue­nos Aires sorgt nicht min­der für Gesprächs­stoff. Der süd­ame­ri­ka­ni­sche Pur­pur­trä­ger ist aus­ge­spro­chen zurück­hal­tend und scheut das Schein­wer­fer­licht der Pres­se. Nur aus­ge­spro­chen sel­ten gibt er Inter­views. Das erz­bi­schöf­li­che Palais hat­te er ver­las­sen, um in einer klei­nen, ein­fa­chen Woh­nung zu leben. Sei­ne Gestalt erin­nert irgend­wie an Papst Johan­nes Paul I.
Nach dem Abend­essen fin­den zahl­rei­che infor­mel­le Tref­fen in „klei­nen Grup­pen von zwei, drei Per­so­nen statt, kei­ne grö­ße­ren Ver­samm­lun­gen. Wie in zahl­rei­chen Hotels herrscht neben tau­send ande­ren Ver­bo­ten auch ein Rauch­ver­bot. Der por­tu­gie­si­sche Kar­di­nal Jose Poli­car­po da Crux hält es nicht aus und ver­läßt das Gebäu­de, „um sich eine gute Zigar­re anzu­zün­den.“

Diens­tag, 19. April 2005
Am Mor­gen danach, Diens­tag, den 19. April, keh­ren die 115 Pur­pur­trä­ger in die von Michel­an­ge­lo mit Fres­ken aus­ge­stal­te­te Six­ti­ni­sche Kapel­le zurück. Vor der Dar­stel­lung des rie­si­gen Jüng­sten Gerichts beginnt der zwei­te Wahl­gang. Er dient dazu, die Zahl der ver­streu­ten Stim­men zu lich­ten. Kar­di­nal Ratz­in­ger erhält mit 65 Stim­men (56,5 Pro­zent) eine deut­li­che Mehr­heit. Da der erste Urnen­gang nur der Son­die­rung dien­te, fand der Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on aus dem Stand das Ver­trau­en einer Mehr­heit des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums. Es feh­len aller­dings noch 12 Stim­men zur Zwei-Drit­tel-Hür­de, die für die Wahl wäh­rend der ersten bei­den Wochen des Kon­kla­ves vor­ge­schrie­ben ist. Auch Kar­di­nal Ber­go­gli­os Anteil stieg erheb­lich. Auf ihn kon­zen­triert sich das Votum von 35 Kar­di­nä­len. Die Stim­men Rui­nis waren auf Ratz­in­ger über­ge­gan­gen. Mar­ti­nis Stim­men auf Ber­go­glio. Soda­no behielt hin­ge­gen sei­ne vier Stim­men, eben­so Tettaman­zi sei­ne zwei. Erneut steigt schwar­zer Rauch aus dem Kamin auf.

Um 11 Uhr des­sel­ben Mor­gens beginnt der 3. Wahl­gang, wie es die Wahl­ord­nung vor­sieht. Das Ergeb­nis ist von Bedeu­tung. Auch die Stim­men für Tettaman­zi und Soda­no ver­schwin­den. Es gibt nur mehr weni­ge ver­streu­te Stim­men, dazu zählt eine für den kolum­bia­ni­schen Kuri­en­kar­di­nal Dario Cas­tril­lon Hoyos. Kar­di­nal Ratz­in­ger erhält 72 Stim­men (62,6 Pro­zent) und nähert sich deut­lich der vor­ge­schrie­ben qua­li­fi­zier­ten Mehr­heit. Auch Kar­di­nal Ber­go­glio kann noch ein­mal sei­nen Stim­men­an­teil auf 40 Voten erhö­hen.

Die Zustim­mung für ihn reicht nicht aus, um rea­li­sti­sche Aus­sich­ten zu haben, gewählt zu wer­den. Sie ist aber gera­de aus­rei­chend, um die Wahl jedes ande­ren Kan­di­da­ten zu blockie­ren. Zumin­dest zwei Wochen lang. Danach wür­de sich die Hür­de von zwei Drit­tel auf die abso­lu­te Mehr­heit von 50+1 redu­zie­ren. Fol­ge wären jedoch lan­ge, zer­mür­ben­de Tage gewe­sen, die durch­aus Über­ra­schun­gen brin­gen hät­ten kön­nen. An die­sem ent­schei­den­den Augen­blick wäre bei ver­här­ten­den Posi­tio­nen aus­schlag­ge­bend gewe­sen, wer die stär­ke­ren Ner­ven hat­te. Theo­re­tisch war Kar­di­nal Ratz­in­ger bereits gewählt. Die sich um ihn geschar­te Mehr­heit des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums hät­te nur 30 wei­te­re Wahl­gän­ge durch­wäh­len brau­chen, bis sich laut Wahl­ord­nung Papst Johan­nes Pauls II. die Wahl­hür­de senkt.

Kar­di­nal Ratz­in­ger, wie wahr­schein­lich jeder ande­re Kan­di­dat, wäre jedoch kaum für einen solch ver­bis­se­nen Kampf zur Ver­fü­gung gestan­den, wäh­rend die Welt auf die Wahl eines neu­en Pap­stes war­tet. Sein Rück­zug für einen sol­chen Fall kann kei­nes­wegs aus­ge­schlos­sen wer­den. Damit aber wäre das „Ren­nen“ wie­der völ­lig offen. Man­cher denkt, daß das Kon­kla­ve eine uner­war­te­te Wen­de neh­men und weder Kar­di­nal Ratz­in­ger noch Kar­di­nal Ber­go­glio, son­dern ein ganz ande­rer Kan­di­dat als Papst aus der Six­ti­ni­schen Kapel­le her­vor­ge­hen könn­te und daß bereits ab dem näch­sten Tag alles ganz anders sein wird.

Vie­le Kar­di­nä­le sind sich daher bewußt, daß dies der ent­schei­den­de Moment des Kon­kla­ves ist. In den fol­gen­den Stun­den fin­den eine Rei­he von infor­mel­len Gesprä­chen statt, bevor es am Nach­mit­tag zum 4. Wahl­gang kommt. “Schon in der Six­ti­ni­schen Kapel­le noch vor der Rück­kehr nach San­ta Mar­ta zum Mit­tag­essen erfol­gen die ersten Gesprä­che. Unter den Pur­pur­trä­gern, die die Wahl Kar­di­nal Ratz­in­gers erhof­fen, herrscht gro­ße Besorg­nis. Die Gesprä­che wer­den inten­si­ver, der Aktiv­ste ist Kar­di­nal Lopez Tru­ji­l­lo …“. Kar­di­nal Tru­ji­l­lo bemüht sich vor allem um die latein­ame­ri­ka­ni­schen Kar­di­nä­le. Er ver­sucht, sie davon zu über­zeu­gen, daß es kei­ne wirk­li­che Alter­na­ti­ve zu Kar­di­nal Ratz­in­ger gibt. „Mor­gen gibt es gro­ße Neu­ig­kei­ten“, habe Kar­di­nal Mar­ti­ni mit einem sybil­li­ni­schen Lächeln in der Mit­tags­pau­se einem ande­ren Kar­di­nal zuge­flü­stert.

Mar­ti­ni gehört zu jenen, die für den Mor­gen des näch­sten Tages einen völ­li­gen Aus­tausch der Kan­di­da­ten vor­her­sa­gen, falls auch die bei­den für den Nach­mit­tag vor­ge­se­he­nen Wahl­gän­ge zu kei­nem Ergeb­nis füh­ren soll­ten. Damit die Wahl Kar­di­nal Ratz­in­gers ver­hin­dert wird, muß die Grup­pe um Ber­go­glio wei­ter­hin kom­pakt blockie­ren. Der Erz­bi­schof von Bue­nos Aires zeigt ein lei­den­des Gesicht. Ein Kar­di­nal meint, daß Ber­go­glio, soll­te er gewählt wer­den, sei­ne Wahl sogar ableh­nen könn­te. Tak­ti­sches Geplän­kel?

Um 16 Uhr keh­ren die Kar­di­nä­le in die Six­ti­ni­sche Kapel­le zurück. Zu die­sem Zeit­punkt steht das Ergeb­nis schon fest. Vie­le der Unter­stüt­zer Ber­go­gli­os sind zur Grup­pe um Kar­di­nal Ratz­in­ger gewech­selt, um das Kon­kla­ve nicht unnö­tig in die Län­ge zu zie­hen und das Hei­li­ge Kol­le­gi­um nicht zu spal­ten. Kar­di­nal Ratz­in­ger wird im 4. Wahl­gang mit 84 Stim­men (73 Pro­zent) zum Papst gewählt. Er nimmt den Namen Bene­dikt XVI. an. Die Zustim­mung für Kar­di­nal Ber­go­glio fällt auf 26 Voten. Fünf Stim­men blei­ben ver­streut, eine fällt auf den ame­ri­ka­ni­schen Kar­di­nal Ber­nard Law, den Erz­bi­schof von Bos­ton, der spä­ter zum Rück­tritt gezwun­gen wird, weil er nicht aus­rei­chend deut­lich gegen Prie­ster sei­ner Diö­ze­se vor­ging, denen Pädo­phi­lie vor­ge­wor­fen wur­de.

Der letz­te Ein­trag im Kon­kla­ve-Tage­buch des anony­men Pur­pur­trä­gers lau­tet: „Auch Kar­di­nal Ratz­in­ger notiert sich auf einem Zet­tel die Stim­men wäh­rend der Aus­zäh­lung. Als er um 17.30 Uhr das Quo­rum von 77 Stim­men erreicht, herrscht in der Six­ti­ni­schen Kapel­le ein Moment der Stil­le, auf den ein lan­ger herz­li­cher Applaus folgt.“

Die Wahl Papst Bene­dikts XVI. mag kein Ple­bis­zit gewe­sen sein, doch gehört sie zu den kür­ze­sten Kon­kla­ves der Kir­chen­ge­schich­te.

Text: Limes/Vatican Insider/Giuseppe Nar­di
Bild: Kom­pas-Online

1 Kommentar

  1. Ja inter­es­san­te Ant­wor­ten die hier zu fin­den sind, also ich kenn hier nicht lesen das eine Kar­di­nal Ber­go­glio unter Trä­nen dar­um bat, nicht gewählt zu wer­den. aber den­noch ist die­ses Tage­buch ein Skan­dal, der der­je­ni­ge der dies nun ver­öf­fent­lich­te hat ja unter Eid auf die Hei­li­ge Bibel und der Andro­hung der Exkom­mu­ni­ka­ti­on sich zum Schwei­gen ver­pflich­tet, und so ist zu erken­nen das sich auch schon vie­le Kar­di­nä­le von Gott dem Herrn und sei­ner Einen, Hei­li­gen, Katho­li­schen und Apo­sto­li­schen Kir­che abge­wen­det haben, eben­so wie auch die Eides­bre­cher nach dem letz­ten Kon­kla­ve.

    Got­tes und Mari­ens Segen auf allen Wegen

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