Papst Leo XIV. im E‑Ferrari – doch die Aktie fällt

Vorgänger bestimmte, daß vatikanische Fahrzeugflotte zur Gänze auf E-Autos umgestellt wird


E-Ferrari mit Papst Leo XIV.
E-Ferrari mit Papst Leo XIV.

Papst Leo XIV. erleb­te am gest­ri­gen Diens­tag in den päpst­li­chen Gär­ten von Castel Gan­dol­fo eine Begeg­nung der unge­wöhn­li­chen Art: Die Spit­zen des ita­lie­ni­schen Luxus­au­to­bau­ers Fer­ra­ri prä­sen­tier­ten dem Kir­chen­ober­haupt den ersten voll­elek­tri­schen Fer­ra­ri der Fir­men­ge­schich­te. Der Pon­ti­fex nahm selbst hin­ter dem Steu­er Platz. Wäh­rend­des­sen gin­gen in der Auto­mo­bil­bran­che seit der soge­nann­te „Ener­gie­wen­de“ in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, einer poli­ti­schen Ent­schei­dung, rund 130.000 Arbeits­plät­ze ver­lo­ren. In Ita­li­en ist die jähr­li­che Auto­pro­duk­ti­on auf den tief­sten Stand seit 1956 gefal­len. Dem Luxus­au­to­bau­er Fer­ra­ri half auch Papst Leo XIV. als Wer­be­trä­ger nicht: Die Fer­ra­ri-Aktie brach nach der Vor­stel­lung des E‑Ferrari ein, der aller­dings nicht ganz über­zeugt, da die Fer­ra­ri-Aktie anschlie­ßend um neun Pro­zent nachgab.

Der Papst aus den USA emp­fing gestern in sei­ner Som­mer­re­si­denz den Fer­ra­ri-Prä­si­den­ten John Elkann sowie den Geschäfts­füh­rer Bene­det­to Vigna und wei­te­re Füh­rungs­kräf­te des tra­di­ti­ons­rei­chen Unter­neh­mens mit dem „caval­li­no ram­pan­te“, dem sprin­gen­den Pferd als Markenzeichen.

Anlaß der Pri­vat­au­di­enz war die Vor­stel­lung des neu­en „Fer­ra­ri Luce“, des ersten voll­stän­dig elek­trisch betrie­be­nen Sport­wa­gens aus Mara­nel­lo. Das Fahr­zeug mar­kiert einen tief­grei­fen­den Wan­del für die tra­di­ti­ons­be­wuß­te Mar­ke, die jahr­zehn­te­lang vor allem durch ihre Hoch­lei­stungs-Ver­bren­nungs­mo­to­ren berühmt wurde.

Die ver­öf­fent­lich­ten Bil­der zei­gen Leo XIV. sicht­bar inter­es­siert an dem neu­en Modell. Der Papst öff­ne­te die Türen des Fahr­zeugs, erkun­dig­te sich nach des­sen Lei­stungs­da­ten und setz­te sich schließ­lich selbst auf den Fah­rer­sitz. Mit auf­ge­setz­ter Bril­le ließ er sich tech­ni­sche Ein­zel­hei­ten erklä­ren und betrach­te­te auf­merk­sam das Cock­pit des Wagens. Fer­ra­ri-Prä­si­dent Elkann über­reich­te dem Papst zudem sym­bo­lisch das Lenk­rad des neu­en Modells.

Der Auto­bau­er sprach anschlie­ßend von einer „immensen Ehre“, dem Bischof von Rom den Wagen vor­stel­len zu dür­fen. Elkann hob ins­be­son­de­re den „sym­bo­li­schen Wert“ der Begeg­nung her­vor – auch mit Blick auf die Zukunft der Mit­ar­bei­ter des Unter­neh­mens in einer Zeit des tech­no­lo­gi­schen Umbruchs.

Der neue Fer­ra­ri Luce ver­fügt über eine kom­bi­nier­te Lei­stung von 1.050 PS, beschleu­nigt in ledig­lich 2,5 Sekun­den von 0 auf 100 Stun­den­ki­lo­me­ter und erreicht eine Höchst­ge­schwin­dig­keit von über 310 km/​h. Eben­falls am Diens­tag wur­de das Fahr­zeug dem ita­lie­ni­schen Staats­prä­si­den­ten Ser­gio Mat­tar­el­la präsentiert.

Die Begeg­nung wirft zugleich ein bezeich­nen­des Licht auf das gegen­wär­ti­ge Pon­ti­fi­kat. Wäh­rend frü­he­re Päp­ste tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen häu­fig mit grö­ße­rer Distanz betrach­te­ten, zeigt sich Leo XIV. erneut offen gegen­über moder­nen Indu­strie- und Zukunfts­the­men. Bereits in den ersten Mona­ten sei­nes Pon­ti­fi­kats wur­de deut­lich, daß der neue Papst den Dia­log mit Wirt­schaft, Tech­no­lo­gie und moder­ner Gesell­schaft bewußt sucht.

Daß nun aus­ge­rech­net Fer­ra­ri – Sym­bol ita­lie­ni­scher Inge­nieurs­kunst, Geschwin­dig­keit und luxu­riö­sen Lebens­stils – zu den Gästen des Pap­stes zählt, dürf­te den­noch nicht weni­ge Katho­li­ken irri­tie­ren. Denn die Kir­che steht tra­di­tio­nell eher für Maß­hal­ten und Nüch­tern­heit als für Hoch­lei­stungs­ma­schi­nen mit vier­stel­li­gen PS-Zah­len. Gera­de des­halb besitzt der Besuch eine nicht zu unter­schät­zen­de Sym­bol­kraft: Er zeigt eine Kir­che, die sich auch gegen­über den Iko­nen moder­ner Kon­sum- und Tech­no­lo­gie­kul­tur nicht verschließt.

Doch wie gesagt, auch der päpst­li­che Segen brach­te dem Fer­ra­ri-Ein­stieg in die E‑Autoproduktion kein Glück, wie der Rück­gang an der Bör­se zeigte.

Ein kleiner kulturhistorischer Exkurs

Da Fer­ra­ri und Fiat tra­di­tio­nell eng mit der Fami­lie Agnel­li ver­bun­den sind und John Elkann heu­te die Inter­es­sen der Fami­lie ver­tritt, bie­tet sich ein kur­zer kul­tur­hi­sto­ri­scher Exkurs an – nicht zuletzt, weil hier zwei ein­fluß­rei­che Unter­neh­mer­dy­na­stien zusam­men­wir­ken, deren Wir­kung durch ihre Ver­bin­dung erheb­lich ver­stärkt wurde.

Fer­ra­ri ist als Teil des Fiat- bzw. Exor-Impe­ri­ums eng mit der Turi­ner Indu­stri­el­len­fa­mi­lie Agnel­li ver­bun­den (Fiat, Alfa Romeo, Fer­ra­ri, Lan­cia) und wird heu­te durch John Elkann reprä­sen­tiert. Die Fami­lie Agnel­li war tra­di­tio­nell römisch-katho­lisch geprägt und sozia­li­siert, ver­trat jedoch über Gene­ra­tio­nen hin­weg eine deut­lich welt­li­che, libe­ra­le und in wei­ten Tei­len lai­zi­sti­sche Haltung.

Durch Hei­rat ver­band sich die Fami­lie Agnel­li in den 1970er-Jah­ren mit der Fami­lie Elkann, einer eben­falls wohl­ha­ben­den jüdisch-fran­zö­si­schen Fami­lie des Wirt­schafts­bür­ger­tums. John Elkanns Urgroß­va­ter väter­li­cher­seits war der Indu­stri­el­le Armand Elkann; sein Urur­groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits war Gio­van­ni Agnel­li, der Grün­der von Fiat.

Sein Groß­va­ter väter­li­cher­seits, der Ban­kier Jean-Paul Elkann, an der Grün­dung der Grou­pe Edmond de Roth­schild betei­ligt, war von 1982 bis 1992 Prä­si­dent des Con­si­stoire cen­tral israé­li­te, des höch­sten Reprä­sen­ta­ti­ons­or­gans der jüdi­schen Gemein­den in Frank­reich. Über sei­ne Groß­mutter ist John Elkann zudem mit der jüdisch-ita­lie­ni­schen Ban­kiers­fa­mi­lie Ovaz­za ver­bun­den, die eben­falls in Turin ansäs­sig war.

Die Fami­lie Elkann läßt sich genea­lo­gisch in den asch­ke­na­sisch-jüdi­schen Raum Mit­tel­eu­ro­pas ein­ord­nen und dürf­te ursprüng­lich aus rechts­rhei­ni­schen Gebie­ten stam­men. Nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg wan­der­ten Tei­le die­ser jüdi­schen Bevöl­ke­rung in das unter fran­zö­si­scher Herr­schaft ste­hen­de Elsaß ein. Mit dem West­fä­li­schen Frie­den von 1648 fie­len die habs­bur­gi­schen Rech­te im Elsaß an Frank­reich. In der Fol­ge­zeit för­der­te die fran­zö­si­sche Kro­ne in begrenz­tem Umfang die Ansied­lung jüdi­scher Fami­li­en, ins­be­son­de­re in den ent­völ­ker­ten länd­li­chen Regio­nen, häu­fig gegen Schutzabgaben.

Aus die­sen Zuwan­de­rungs­pro­zes­sen ent­wickel­ten sich die spä­te­ren jüdi­schen Gemein­den des Elsaß. Im spä­ten 19. Jahr­hun­dert ver­lie­ßen ein­zel­ne Fami­li­en – dar­un­ter auch Vor­fah­ren der Elkann – das Elsaß wie­der in Rich­tung fran­zö­si­scher Kern­ge­bie­te, ins­be­son­de­re nach der Anne­xi­on von 1871 durch das Deut­sche Reich. Vie­le nutz­ten dabei die soge­nann­te Opti­on, die fran­zö­si­sche Staats­bür­ger­schaft zu behal­ten und nach Frank­reich über­zu­sie­deln. Die jüdi­schen Gemein­den des Elsaß fühl­ten sich seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on eng mit Frank­reich verbunden.

Bei­de Fami­li­en sind eng ein­ge­bun­den in das trans­at­lan­ti­sche Netz­werk. John Elkanns Vater Alain Elkann ist Vor­sit­zen­der des Wis­sen­schaft­li­chen Komi­tees der Italy–USA Foun­da­ti­on. John Elkann nimmt wie sein Groß­va­ter Gian­ni Agnel­li, des­sen Erbe er antrat, an den jähr­li­chen Bil­der­berg-Kon­fe­ren­zen teil.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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