Kurt Gödel und die Rückkehr der Gottesfrage in der modernen Wissenschaft

Die Gottesfrage als zentrale Frage mernschlicher Erkenntnis


Vor 120 Jah­ren wur­de in Brünn in der Mark­graf­schaft Mäh­ren in der dama­li­gen Dop­pel­mon­ar­chie Öster­reich-Ungarn Kurt Gödel gebo­ren – ein Mathe­ma­ti­ker, des­sen Werk die Grund­la­gen der moder­nen Logik erschüt­tert hat wie kaum ein ande­res im 20. Jahrhundert.

Gödel, spä­ter Mit­ar­bei­ter des Insti­tu­te for Advan­ced Stu­dy in Prin­ce­ton und enger Freund von Albert Ein­stein, gehört zu jener klei­nen Grup­pe von Den­kern, die nicht nur inner­halb eines Fach­ge­bie­tes wirk­ten, son­dern das Selbst­ver­ständ­nis der Wis­sen­schaft ins­ge­samt veränderten.

Bereits mit sei­nen Unvoll­stän­dig­keits­sät­zen von 1931 zeig­te Gödel, daß das Ide­al einer voll­stän­dig abge­schlos­se­nen, rein for­mal begründ­ba­ren Mathe­ma­tik nicht halt­bar ist. In jedem hin­rei­chend kom­ple­xen System gibt es wah­re Aus­sa­gen, die sich inner­halb die­ses Systems nicht bewei­sen las­sen; zugleich läßt sich die inne­re Wider­spruchs­frei­heit eines sol­chen Systems nicht aus sich selbst her­aus sichern. Die­se Ergeb­nis­se gel­ten bis heu­te als Zäsur der moder­nen Wissenschaftsgeschichte.

Gera­de in einer Zeit, in der man glaub­te, Ver­nunft und For­ma­li­sie­rung könn­ten alle letz­ten Fra­gen lösen, setz­te Gödel einen nüch­ter­nen Gegen­ak­zent: Die Ver­nunft ist mäch­tig – aber sie ist nicht abso­lut selbsttragend.

Der ontologische Gottesbeweis im Lichte moderner Logik

Beson­de­res Inter­es­se über die Fach­gren­zen hin­aus erlang­te Gödels Arbeit zur For­ma­li­sie­rung des soge­nann­ten onto­lo­gi­schen Got­tes­ar­gu­ments. Die­ses geht auf den mit­tel­al­ter­li­chen Theo­lo­gen Anselm von Can­ter­bu­ry zurück, der im 11. Jahr­hun­dert argu­men­tier­te, daß Gott als das „größt­mög­li­che denk­ba­re Wesen“ not­wen­di­ger­wei­se exi­stie­ren müs­se, da rea­le Exi­stenz eine Voll­kom­men­heit dar­stel­le, die einem bloß gedach­ten Wesen fehle.

Kurt Gödels Gottesbeweis

Über Jahr­hun­der­te wur­de die­ses Argu­ment kon­tro­vers dis­ku­tiert – von Tho­mas von Aquin bis in die neu­zeit­li­che Phi­lo­so­phie, von Kri­ti­kern wie Kant bis hin zu moder­nen Modal­lo­gi­kern. Gödel griff die­se Tra­di­ti­on auf und ver­such­te, sie in die Spra­che der for­ma­len Logik zu über­füh­ren. Ergeb­nis war ein kur­zer, hoch­ab­strak­ter Beweis in moda­ler Logik, der unter bestimm­ten Axio­me tat­säch­lich die not­wen­di­ge Exi­stenz eines „gött­li­chen Wesens“ ableitet.

Gödels For­ma­li­sie­rung ist kein „Beweis Got­tes“ im natur­wis­sen­schaft­li­chen Sinn, son­dern eine kon­di­tio­na­le logi­sche Ablei­tung. In die­sem Sinn ist sie sehr wohl ein Got­tes­be­weis im Sin­ne der Logik und der Phi­lo­so­phie. Ihre Gül­tig­keit hängt von den gewähl­ten Axio­men ab. Akzep­tiert man die­se Prä­mis­sen, folgt die Schluß­fol­ge­rung zwin­gend; lehnt man sie ab, ver­liert das Argu­ment sei­ne Über­zeu­gungs­kraft. Die Ableh­nung der gewähl­ten Axio­me muß aller­dings im wis­sen­schaft­li­chen Kon­text von The­se und Gegen­the­se begrün­det wer­den, was erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten aufwirft.

Gödel, der zwar im all­ge­mei­nen Bewußt­sein kaum bekannt ist, spielt an den Uni­ver­si­tä­ten eine zen­tra­le Rol­le in den Berei­chen moder­ne Logik, Mathe­ma­tik und theo­re­ti­sche Infor­ma­tik. Sein Got­tes­be­weis ist phi­lo­so­phisch bedeu­tend und ins­ge­samt eine Her­aus­for­de­rung an die intel­lek­tu­el­le Welt: Sie zeigt, wie weit rei­ne Logik rei­chen kann – und wo ihre Gren­zen beginnen.

Bedeutung und Grenzen moderner Rationalität

In einer Zeit, in der vie­le gesell­schaft­li­che Debat­ten zwi­schen mate­ria­li­sti­schem Szi­en­tis­mus und reli­giö­ser Sinn­su­che schwan­ken, wirkt Gödel wie ein unbe­que­mer Zeu­ge: Die for­ma­le Ratio­na­li­tät ist streng, aber nicht selbst­evi­dent abge­schlos­sen. Sie setzt Grund­an­nah­men vor­aus, die selbst nicht mehr rein for­mal beweis­bar sind.

Gedenk­ta­fel für Kurt Gödel in Wien

Die­se Ein­sicht berührt unmit­tel­bar klas­si­sche Fra­gen der Meta­phy­sik, wie sie bereits in der scho­la­sti­schen Tra­di­ti­on behan­delt wur­den. Daß ein moder­ner Logi­ker des 20. Jahr­hun­derts – inmit­ten der säku­la­ren Wis­sen­schafts­kul­tur – über­haupt wie­der eine prä­zi­se Form eines Got­tes­ar­gu­ments for­mu­liert, ist kul­tur­ge­schicht­lich bemer­kens­wert und stellt bis heu­te einen Prüf­stein im Wis­sen­schafts­be­trieb dar, um den wenig ehr­lich ein gro­ßen Bogen gemacht wer­den kann, denn andern­falls wird man sich mit ihm kon­fron­tie­ren müssen.

Ein Leben zwischen Genialität und innerer Zerbrechlichkeit

Der getauf­te Katho­lik Gödel habi­li­tier­te sich 1933 an der Uni­ver­si­tät Wien. Dort war er anschlie­ßend Pri­vat­do­zent. Nach dem Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­ließ er 1939 Euro­pa und wur­de in den USA ein­ge­bür­gert. In Prin­ce­ton beweg­te er sich im Umfeld der bedeu­tend­sten Wis­sen­schaft­ler sei­ner Zeit, dar­un­ter Einstein.

Gleich­zei­tig war sein per­sön­li­ches Leben zuneh­mend von Äng­sten und para­no­iden Vor­stel­lun­gen geprägt. Er ent­wickel­te die Über­zeu­gung, ver­gif­tet zu wer­den, und ernähr­te sich schließ­lich aus­schließ­lich von Nah­rung, die sei­ne Frau Ade­le für ihn zube­rei­te­te. Nach deren krank­heits­be­ding­tem Aus­fall ver­wei­ger­te er jede Nah­rungs­auf­nah­me und starb 1978.

Gödel bleibt eine Figur, die sich ein­fa­chen Deu­tun­gen ent­zieht: Er ist weder bloß ein tech­ni­scher Logi­ker noch ein reli­giö­ser Den­ker im klas­si­schen Sinn. Sein Werk zeigt viel­mehr, daß selbst die streng­ste Form der Ver­nunft an Fra­gen stößt, die sie nicht voll­stän­dig aus sich selbst beant­wor­ten kann.

Gera­de dar­in liegt sei­ne blei­ben­de Bedeu­tung – auch und nicht zuletzt durch sein Auf­grei­fen der Got­tes­fra­ge, die er auch für die moder­ne Wis­sen­schaft zur Her­aus­for­de­rung, zu einer zen­tra­len Fra­ge mensch­li­cher Erkennt­nis über­haupt, machte.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Store Nor­ske Leksikon

5 Kommentare

  1. Vie­len Dank für die­sen hoch­in­ter­es­san­ten Bei­trag, eine groß­ar­ti­ge Zusam­men­fas­sung der Bedeu­tung Kurt Gödels für die Logik und für den Ansel­mia­ni­schen Gottesbeweis! 

    Die­ser ist offen­bar nicht tot. Er ist auch weni­ger ein „Beweis“ als ein intui­ti­ves Erfas­sen. Jeden­falls lohnt es sich, dar­über mehr nach­zu­den­ken. Josef Sei­fert hat sich in „Gott als Got­tes­be­weis“ vor etwa 25 Jah­ren Gedan­ken dar­über gemacht. Anselms Argu­ment ist nicht totzukriegen.

  2. Phi­lo­so­phie ist eine Fra­ge der Posi­tur. In wel­chen Gemüts­zu­stand bege­be ich mich, um Gedan­ken zu erör­tern. Was schlie­ße ich aus mei­ner Auf­merk­sam­keit aus und wor­auf fokus­sie­re ich mich. Das gewöhn­li­che Ziel der Phi­lo­so­phen ist nor­ma­ler­wei­se nicht die Erör­te­rung selbst. Das heißt, was will ich bewei­sen, fal­si­fi­zie­ren, wo will ich Ver­ständ­nis erlan­gen. Das Ziel ist viel­mehr, wie füh­le ich mich beim Phi­lo­so­phie­ren. Es geht des­halb nicht um das The­ma, son­dern dreht sich immer um den Phi­lo­so­phen selbst. 

    Die ver­schie­de­nen Phi­lo­so­phen betrei­ben ger­ne eine All­tags­flucht, damit sie der all­ge­mei­nen mensch­li­chen Unzu­läng­lich­keit ent­kom­men kön­nen. Wir sehen den Stoi­ker Kant, der sei­ne Gefühls­welt bei­sei­te schiebt, um in der abstrak­ten Küh­le zu ver­wei­len. Scho­pen­hau­er, der wie ein Gour­met üppig Vor­stel­lun­gen in sich auf­nimmt. Nietz­sche, der den Anreiz ver­bor­ge­ner Inhal­te in sich bren­nen füh­len möch­te. Sat­re mag viel­leicht die Trau­rig­keit. Kurt Gödel will sich ganz aus sei­ner Erör­te­rung aus­schal­ten. Er über­läßt es mathe­ma­ti­schen Ansät­zen, die Bewei­se zu geben. 

    Allein die hier genann­ten Namen zei­gen, nicht alle Posi­tu­ren der Phi­lo­so­phen sind gesund. Kant blieb in sei­nem klei­nen Umfeld ver­schlos­sen. Nietz­sche ver­lor gar ganz sein Bewußt­sein an die frem­den Inhal­te, die er inha­lier­te. Gödel ver­dräng­te die Auf­merk­sam­keit für die eige­nen Bedürf­nis­se bis er ver­gaß, leben zu wol­len. Und leben zu wol­len, sind wir dem Schöp­fer schul­dig. Wer wie Gödel Gott beweist, muss auch sei­nen eige­nen Anteil für die geschenk­te Exi­stenz beitragen. 

    Wir sehen also, gesund phi­lo­so­phie­ren ist genau­so eine wich­ti­ge Eigen­ver­ant­wor­tung, wie gesun­de Ernäh­rung. Wor­auf will ich hin­aus? Rab­bi Manis Fried­man hat sich zuletzt zu den schlim­men psy­chi­schen Zustän­den der Gegen­warts­men­schen geäu­ßert. Die Zahl der Men­schen, die zum Psych­ia­ter gehen und dann erfolg­los The­ra­pien machen oder Medi­ka­men­te ein­neh­men, steigt Rich­tung, bald sind alle krank. Fried­man sagt, die Krank­heit liegt in der Ich-Sucht. Das Anti­christ­li­che Zeit­al­ter hat die Paro­le, „lie­be Dich selbst“ und zwar bis zur Infi­ni­tas. Mehr, noch­mehr Ich­kult, unend­li­cher Ich­kult, vorbei.
    Und Fried­man gibt das allei­ni­ge Gegen­mit­tel. Erken­ne, daß Du hier bist, weil der Schöp­fer Dich hier haben will. Im näch­sten Schritt stel­le die Fra­ge: „Was will der Schöp­fer von mir?“ Es geht viel wei­ter als Ein­hal­tung der Gebo­te oder Prak­ti­zie­ren der Tra­di­tio­nen. Es geht um das in-Situ-Wahr­neh­men. Wenn ich in einer Situa­ti­on bin, fra­ge ich, was Gott von mir will. Wer nicht den eige­nen Wil­len tut, son­dern das, was Gott will, wird gesund. Und genau das haben die hier genann­ten Phi­lo­so­phen vergessen.

  3. Eine Über­set­zung von Gödels Beweis­skiz­ze (in der Ver­si­on des Gödel-Schü­lers Dana Scott) aus der for­ma­len Logik in die natür­li­che Sprache:

    Annah­me 1: Ent­we­der eine Eigen­schaft oder ihre Nega­ti­on ist positiv.
    Annah­me 2: Eine Eigen­schaft, die not­wen­di­ger­wei­se durch eine posi­ti­ve Eigen­schaft impli­ziert wird, ist positiv.
    Theo­rem 1: Posi­ti­ve Eigen­schaf­ten kom­men mög­li­cher­wei­se einer exi­sten­ten Enti­tät zu.
    Defi­ni­ti­on 1: Eine gott­ähn­li­che Enti­tät besitzt alle posi­ti­ven Eigenschaften.
    Annah­me 3: Die Eigen­schaft, gott­ähn­lich zu sein, ist positiv.
    Schluss­fol­ge­rung: Mög­li­cher­wei­se exi­stiert Gott.
    Annah­me 4: Posi­ti­ve Eigen­schaf­ten sind not­wen­di­ger­wei­se positiv.
    Defi­ni­ti­on 2: Eine Eigen­schaft ist Essenz einer Enti­tät, falls sie der Enti­tät zukommt und not­wen­di­ger­wei­se alle Eigen­schaf­ten der Enti­tät impliziert.
    Theo­rem 2: Gott­ähn­lich zu sein ist eine Essenz von jeder gott­ähn­li­chen Entität.
    Defi­ni­ti­on 3: Eine Enti­tät exi­stiert genau dann not­wen­di­ger­wei­se, wenn all ihre Essen­zen not­wen­di­ger­wei­se in einer exi­sten­ten Enti­tät rea­li­siert sind.
    Annah­me 5: Not­wen­di­ger­wei­se zu exi­stie­ren ist eine posi­ti­ve Eigenschaft.
    Theo­rem 3: Gott exi­stiert notwendigerweise.

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