Das mag in einer Zeit überraschen, in der selbst Bischofswappen häufig aussehen, als seien sie von einer Werbeagentur oder einem Graphikbüro entworfen worden. Die ehrwürdige Heraldik, einst eine hochentwickelte Bildsprache mit strengen Regeln und reicher Symbolik, ist vielerorts zu einer Spielwiese subjektiver Einfälle verkommen. Wo früher Ordnung, Rang, Geschichte und Glaubensinhalt sichtbar wurden, begegnen heute nicht selten stilisierte Elemente, abstrakte Linien, geometrische Farbflächen oder graphische Spielereien, die mehr an ein modernes Firmenlogo erinnern als an das Wappen eines Nachfolgers der Apostel.
Um so bemerkenswerter ist daher der Blick nach Écône. Mancher wird ihn für nebensächlich halten. Doch gerade an vermeintlichen Nebensächlichkeiten offenbart sich oft der Zustand einer Kultur, weshalb wir diesen Blick werfen wollen.
Wenige Tage vor den heute erfolgten Bischofsweihen veröffentlichte das Generalhaus der Priesterbruderschaft St. Pius X. die Wappen und Wahlsprüche der vier neuen Weihbischöfe. Was dort vorgestellt wurde, ist weit mehr als dekorative Beigabe zu einer kirchlichen Feier. Es ist ein kleines kulturgeschichtliches Bekenntnis – und zugleich ein Beweis dafür, daß in der Priesterbruderschaft der Sinn für die klassische Heraldik lebendig geblieben ist.
Das ist keineswegs selbstverständlich.
Die kirchliche Heraldik hat in den vergangenen Jahrzehnten einen beachtlichen Niedergang erlebt. Mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit wurden ihre über Jahrhunderte entwickelten Regeln mißachtet. Mancher Bischof scheint sich ein Wappen weniger zuzulegen als ein persönliches Markenzeichen. Symbolische Beliebigkeit verdrängt theologische Aussagekraft, Individualismus ersetzt Tradition, modischer Geschmack tritt an die Stelle gewachsener Formensprache. Bei nicht wenigen neuen Bischöfen beschleicht der Eindruck, sich ein Wappen zulegen zu müssen, sei eine kaum erträgliche Last. Entsprechend lieblos fallen die Ergebnisse aus.
Selbst der Apostolische Stuhl blieb davon nicht verschont. Als Papst Franziskus zu Beginn seines Pontifikates sein persönliches Wappen überarbeiten ließ, wurde der zunächst vorgesehene Entwurf wegen seiner gestalterischen und heraldischen Schwächen rasch zum Gegenstand deutlicher Kritik. Daß es nicht bei dieser wenig glücklichen Fassung blieb, war vor allem Andrea Kardinal Cordero Lanza di Montezemolo zu verdanken. Der aus altem Adel stammende Kardinal war nicht nur ein erfahrener Diplomat, sondern der damals auch bedeutendste Heraldiker des Vatikans. Er legte binnen kurzer Zeit einen neuen Entwurf vor, der die gröbsten Mängel beseitigte. Gleichwohl konnte auch dieser die insgesamt wenig überzeugende Gesamtkomposition nur begrenzt retten. Der kulturelle Verlust blieb sichtbar.
Ganz anders die vier neuen Bischofswappen der Priesterbruderschaft.
Hier begegnet man keiner modischen Originalität, sondern einer Heraldik, die weiß, was sie ist. Die Wappen sprechen eine Sprache, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Sie verzichten auf Effekte und suchen stattdessen jene Einheit von Schönheit, theologischer Aussage und heraldischer Ordnung, die gute Wappenkunst seit jeher ausgezeichnet hat.
Das geviertete Wappen des neuen Weihbischofs Pascal Schreiber knüpft bewußt an die große heraldische Tradition des deutschen Sprachraumes an. Im Mittelpunkt steht das geheimnisvolle Antlitz Christi aus der Vision des heiligen Niklaus von Flüe, des Patrons der Eidgenossenschaft. Familiengeschichte und geistliche Berufung verbinden sich mit den sprechenden Symbolen des Löwen und der Feder, während der goldene Stern zugleich auf Christus, die Gottesmutter und den heiligen Bruder Klaus verweist. Selbst die Farbwahl ist durchdacht: Schwarz, Rot und Gold erinnern an die deutschen Nationalfarben, die (heute zwar auch die Staatsfarben der Bundesrepublik Deutschland) den ganzen deutschen Sprachraum umfassen, da sie ursprünglich an Sprache und Kultur gekoppelt waren, und an das Seminar in Zaitzkofen, das er als Regens leitet.
Der Wahlspruch Virgo fidelis ist ebenso schlicht wie programmatisch. Maria, die getreue Jungfrau, erscheint als Vorbild unverbrüchlicher Treue in einer Epoche kirchlicher Unsicherheit. Zugleich erinnert der Wahlspruch an den Gründer der Bruderschaft, Erzbischof Marcel Lefebvre, der diesen Marientitel ausdrücklich in den Statuten verankerte.
Auch das Wappen des amerikanischen Weihbischofs Michael Goldade ist von bemerkenswerter Geschlossenheit. Zwölf goldene Weizenähren umfassen das bekannte Herzsymbol der Priesterbruderschaft. Die Symbolik erschließt sich auf mehreren Ebenen zugleich: Heimat und Familie, die zwölf Apostel, der heilige Josef, die Eucharistie und schließlich das heilige Meßopfer, das Herz des katholischen Priestertums. Nichts wirkt zufällig, nichts dekorativ um seiner selbst willen.
Sein Wahlspruch Adeamus cum fiducia führt unmittelbar an den Altar. Vertrauen auf die Gottesmutter und Vertrauen auf die Gnaden des Meßopfers bilden eine unauflösliche Einheit.
Nicht minder klassisch erscheint das Wappen des französischen Weihbischofs Michel Poinsinet de Sivry. Schwert und Palme im oberen Schildfeld sprechen vom geistlichen Kampf und vom Sieg der Märtyrer. Der Schwan des Familienwappens im unteren Feld steht für Reinheit und Treue. Sein Wahlspruch Fides vincit mundum erinnert daran, daß die Kirche ihrem Wesen nach die Ecclesia militans bleibt. Gerade in einer Zeit, in der kirchliche Kreise den Begriff des geistlichen Kampfes häufig scheuen, besitzt diese Aussage bemerkenswerte Klarheit.
Das vielleicht eindrucksvollste Wappen dürfte jenes des neuen Weihbischofs Marc Hanappier sein. Das triumphierende Osterlamm, dessen Blut in den goldenen Kelch fließt, gehört zu den großen christlichen Bildmotiven überhaupt. Die drei Lilien umgeben das Agnus Dei zugleich als Zeichen des Königtums Christi, der Reinheit Mariens und der französischen Tradition. Das Wappen ist in seiner Symbolik vollständig auf Christus und das heilige Opfer ausgerichtet.
Dignus est Agnus – „Würdig ist das Lamm“ – faßt diese Spiritualität in wenigen Worten zusammen. Das Lamm der Geheimen Offenbarung steht im Mittelpunkt der Heilsgeschichte. Von ihm her erschließt sich das Priestertum ebenso wie das Geheimnis der Kirche.
Gerade in ihrer Gesamtheit beeindrucken diese vier Wappen. Sie beweisen, daß kirchliche Kunst nicht erst dann lebendig ist, wie manche meinen, wenn sie mit der Vergangenheit bricht. Im Gegenteil: Sie gewinnt ihre Kraft aus der Treue zu einer gewachsenen Formensprache. Heraldik ist eben keine museale Liebhaberei für Spezialisten, sondern eine der anspruchsvollsten Ausdrucksformen christlicher Kultur. Sie verdichtet Theologie zu Bildern, Geschichte zu Symbolen und geistliche Sendung zu einer sichtbaren Ordnung.
Die vier neuen Weihbischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius X. tragen daher nicht nur würdige Wappen. Sie setzen ein stilles, aber unübersehbares Zeichen gegen jene kulturelle Verarmung, die vielerorts auch in die Kirche eingedrungen ist. Während anderswo heraldische Beliebigkeit zur Regel geworden ist, zeigt Écône, daß Schönheit, Ordnung und Symbolkraft keineswegs Relikte vergangener Jahrhunderte sind.
Mitunter genügt eben schon ein Wappen, um sichtbar zu machen, wo das Bewußtsein für die eigene Überlieferung noch lebt.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Fsspx (Screenshot)
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