Vier neue Bischöfe und vier sprechende Wappen

Man kann an einer Kirche vieles erkennen – sogar an ihren Wappen.


Von links die Wappen der neuen Bischöfe Pascal Schreiber, Michael Goldade, Michel Poinsinet de Sivry und Marc Hanappier
Von links die Wappen der neuen Bischöfe Pascal Schreiber, Michael Goldade, Michel Poinsinet de Sivry und Marc Hanappier

Das mag in einer Zeit über­ra­schen, in der selbst Bischofs­wap­pen häu­fig aus­se­hen, als sei­en sie von einer Wer­be­agen­tur oder einem Gra­phik­bü­ro ent­wor­fen wor­den. Die ehr­wür­di­ge Heral­dik, einst eine hoch­ent­wickel­te Bild­spra­che mit stren­gen Regeln und rei­cher Sym­bo­lik, ist vie­ler­orts zu einer Spiel­wie­se sub­jek­ti­ver Ein­fäl­le ver­kom­men. Wo frü­her Ord­nung, Rang, Geschich­te und Glau­bens­in­halt sicht­bar wur­den, begeg­nen heu­te nicht sel­ten sti­li­sier­te Ele­men­te, abstrak­te Lini­en, geo­me­tri­sche Farb­flä­chen oder gra­phi­sche Spie­le­rei­en, die mehr an ein moder­nes Fir­men­lo­go erin­nern als an das Wap­pen eines Nach­fol­gers der Apostel.

Um so bemer­kens­wer­ter ist daher der Blick nach Écô­ne. Man­cher wird ihn für neben­säch­lich hal­ten. Doch gera­de an ver­meint­li­chen Neben­säch­lich­kei­ten offen­bart sich oft der Zustand einer Kul­tur, wes­halb wir die­sen Blick wer­fen wollen.

Weni­ge Tage vor den heu­te erfolg­ten Bischofs­wei­hen ver­öf­fent­lich­te das Gene­ral­haus der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. die Wap­pen und Wahl­sprü­che der vier neu­en Weih­bi­schö­fe. Was dort vor­ge­stellt wur­de, ist weit mehr als deko­ra­ti­ve Bei­ga­be zu einer kirch­li­chen Fei­er. Es ist ein klei­nes kul­tur­ge­schicht­li­ches Bekennt­nis – und zugleich ein Beweis dafür, daß in der Prie­ster­bru­der­schaft der Sinn für die klas­si­sche Heral­dik leben­dig geblie­ben ist.

Das ist kei­nes­wegs selbstverständlich.

Die kirch­li­che Heral­dik hat in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten einen beacht­li­chen Nie­der­gang erlebt. Mit bemer­kens­wer­ter Selbst­ver­ständ­lich­keit wur­den ihre über Jahr­hun­der­te ent­wickel­ten Regeln miß­ach­tet. Man­cher Bischof scheint sich ein Wap­pen weni­ger zuzu­le­gen als ein per­sön­li­ches Mar­ken­zei­chen. Sym­bo­li­sche Belie­big­keit ver­drängt theo­lo­gi­sche Aus­sa­ge­kraft, Indi­vi­dua­lis­mus ersetzt Tra­di­ti­on, modi­scher Geschmack tritt an die Stel­le gewach­se­ner For­men­spra­che. Bei nicht weni­gen neu­en Bischö­fen beschleicht der Ein­druck, sich ein Wap­pen zule­gen zu müs­sen, sei eine kaum erträg­li­che Last. Ent­spre­chend lieb­los fal­len die Ergeb­nis­se aus.

Selbst der Apo­sto­li­sche Stuhl blieb davon nicht ver­schont. Als Papst Fran­zis­kus zu Beginn sei­nes Pon­ti­fi­ka­tes sein per­sön­li­ches Wap­pen über­ar­bei­ten ließ, wur­de der zunächst vor­ge­se­he­ne Ent­wurf wegen sei­ner gestal­te­ri­schen und heral­di­schen Schwä­chen rasch zum Gegen­stand deut­li­cher Kri­tik. Daß es nicht bei die­ser wenig glück­li­chen Fas­sung blieb, war vor allem Andrea Kar­di­nal Cor­de­ro Lan­za di Mon­te­ze­mo­lo zu ver­dan­ken. Der aus altem Adel stam­men­de Kar­di­nal war nicht nur ein erfah­re­ner Diplo­mat, son­dern der damals auch bedeu­tend­ste Heral­di­ker des Vati­kans. Er leg­te bin­nen kur­zer Zeit einen neu­en Ent­wurf vor, der die gröb­sten Män­gel besei­tig­te. Gleich­wohl konn­te auch die­ser die ins­ge­samt wenig über­zeu­gen­de Gesamt­kom­po­si­ti­on nur begrenzt ret­ten. Der kul­tu­rel­le Ver­lust blieb sichtbar.

Ganz anders die vier neu­en Bischofs­wap­pen der Priesterbruderschaft.

Hier begeg­net man kei­ner modi­schen Ori­gi­na­li­tät, son­dern einer Heral­dik, die weiß, was sie ist. Die Wap­pen spre­chen eine Spra­che, die über Jahr­hun­der­te gewach­sen ist. Sie ver­zich­ten auf Effek­te und suchen statt­des­sen jene Ein­heit von Schön­heit, theo­lo­gi­scher Aus­sa­ge und heral­di­scher Ord­nung, die gute Wap­pen­kunst seit jeher aus­ge­zeich­net hat.

Das gevier­te­te Wap­pen des neu­en Weih­bi­schofs Pas­cal Schrei­ber knüpft bewußt an die gro­ße heral­di­sche Tra­di­ti­on des deut­schen Sprach­rau­mes an. Im Mit­tel­punkt steht das geheim­nis­vol­le Ant­litz Chri­sti aus der Visi­on des hei­li­gen Niklaus von Flüe, des Patrons der Eid­ge­nos­sen­schaft. Fami­li­en­ge­schich­te und geist­li­che Beru­fung ver­bin­den sich mit den spre­chen­den Sym­bo­len des Löwen und der Feder, wäh­rend der gol­de­ne Stern zugleich auf Chri­stus, die Got­tes­mut­ter und den hei­li­gen Bru­der Klaus ver­weist. Selbst die Farb­wahl ist durch­dacht: Schwarz, Rot und Gold erin­nern an die deut­schen Natio­nal­far­ben, die (heu­te zwar auch die Staats­far­ben der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land) den gan­zen deut­schen Sprach­raum umfas­sen, da sie ursprüng­lich an Spra­che und Kul­tur gekop­pelt waren, und an das Semi­nar in Zaitz­kofen, das er als Regens leitet.

Der Wahl­spruch Vir­go fide­lis ist eben­so schlicht wie pro­gram­ma­tisch. Maria, die getreue Jung­frau, erscheint als Vor­bild unver­brüch­li­cher Treue in einer Epo­che kirch­li­cher Unsi­cher­heit. Zugleich erin­nert der Wahl­spruch an den Grün­der der Bru­der­schaft, Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re, der die­sen Mari­en­ti­tel aus­drück­lich in den Sta­tu­ten verankerte.

Auch das Wap­pen des ame­ri­ka­ni­schen Weih­bi­schofs Micha­el Gold­a­de ist von bemer­kens­wer­ter Geschlos­sen­heit. Zwölf gol­de­ne Wei­zen­äh­ren umfas­sen das bekann­te Herz­sym­bol der Prie­ster­bru­der­schaft. Die Sym­bo­lik erschließt sich auf meh­re­ren Ebe­nen zugleich: Hei­mat und Fami­lie, die zwölf Apo­stel, der hei­li­ge Josef, die Eucha­ri­stie und schließ­lich das hei­li­ge Meß­op­fer, das Herz des katho­li­schen Prie­ster­tums. Nichts wirkt zufäl­lig, nichts deko­ra­tiv um sei­ner selbst willen.

Sein Wahl­spruch Adea­mus cum fidu­cia führt unmit­tel­bar an den Altar. Ver­trau­en auf die Got­tes­mut­ter und Ver­trau­en auf die Gna­den des Meß­op­fers bil­den eine unauf­lös­li­che Einheit.

Nicht min­der klas­sisch erscheint das Wap­pen des fran­zö­si­schen Weih­bi­schofs Michel Poin­si­net de Sivry. Schwert und Pal­me im obe­ren Schild­feld spre­chen vom geist­li­chen Kampf und vom Sieg der Mär­ty­rer. Der Schwan des Fami­li­en­wap­pens im unte­ren Feld steht für Rein­heit und Treue. Sein Wahl­spruch Fides vin­cit mund­um erin­nert dar­an, daß die Kir­che ihrem Wesen nach die Eccle­sia mili­tans bleibt. Gera­de in einer Zeit, in der kirch­li­che Krei­se den Begriff des geist­li­chen Kamp­fes häu­fig scheu­en, besitzt die­se Aus­sa­ge bemer­kens­wer­te Klarheit.

Das viel­leicht ein­drucks­voll­ste Wap­pen dürf­te jenes des neu­en Weih­bi­schofs Marc Hanap­pier sein. Das tri­um­phie­ren­de Oster­lamm, des­sen Blut in den gol­de­nen Kelch fließt, gehört zu den gro­ßen christ­li­chen Bild­mo­ti­ven über­haupt. Die drei Lili­en umge­ben das Agnus Dei zugleich als Zei­chen des König­tums Chri­sti, der Rein­heit Mari­ens und der fran­zö­si­schen Tra­di­ti­on. Das Wap­pen ist in sei­ner Sym­bo­lik voll­stän­dig auf Chri­stus und das hei­li­ge Opfer ausgerichtet.

Dig­nus est Agnus – „Wür­dig ist das Lamm“ – faßt die­se Spi­ri­tua­li­tät in weni­gen Wor­ten zusam­men. Das Lamm der Gehei­men Offen­ba­rung steht im Mit­tel­punkt der Heils­ge­schich­te. Von ihm her erschließt sich das Prie­ster­tum eben­so wie das Geheim­nis der Kirche.

Gera­de in ihrer Gesamt­heit beein­drucken die­se vier Wap­pen. Sie bewei­sen, daß kirch­li­che Kunst nicht erst dann leben­dig ist, wie man­che mei­nen, wenn sie mit der Ver­gan­gen­heit bricht. Im Gegen­teil: Sie gewinnt ihre Kraft aus der Treue zu einer gewach­se­nen For­men­spra­che. Heral­dik ist eben kei­ne musea­le Lieb­ha­be­rei für Spe­zia­li­sten, son­dern eine der anspruchs­voll­sten Aus­drucks­for­men christ­li­cher Kul­tur. Sie ver­dich­tet Theo­lo­gie zu Bil­dern, Geschich­te zu Sym­bo­len und geist­li­che Sen­dung zu einer sicht­ba­ren Ordnung.

Die vier neu­en Weih­bi­schö­fe der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. tra­gen daher nicht nur wür­di­ge Wap­pen. Sie set­zen ein stil­les, aber unüber­seh­ba­res Zei­chen gegen jene kul­tu­rel­le Ver­ar­mung, die vie­ler­orts auch in die Kir­che ein­ge­drun­gen ist. Wäh­rend anders­wo heral­di­sche Belie­big­keit zur Regel gewor­den ist, zeigt Écô­ne, daß Schön­heit, Ord­nung und Sym­bol­kraft kei­nes­wegs Relik­te ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te sind.

Mit­un­ter genügt eben schon ein Wap­pen, um sicht­bar zu machen, wo das Bewußt­sein für die eige­ne Über­lie­fe­rung noch lebt.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Fsspx (Screen­shot)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*