Nachruf für John L. Allen Jr. (1965–2026)

Kein Apologet, kein Gegner, vor allem ein Chronist der römischen Wirklichkeit.


John Allen Jr., bereits durch die Krankheit gezeichnet, mit Papst Leo XIV.
John Allen Jr., bereits durch die Krankheit gezeichnet, mit Papst Leo XIV.

John L. Allen Jr., einer der pro­fi­lier­te­sten Vati­kan-Repor­ter der eng­lisch­spra­chi­gen Welt und Grün­der der Nach­rich­ten­sei­te Crux, ist am gest­ri­gen 22. Janu­ar 2026 im Alter von 61 Jah­ren nach lan­ger, schwe­rer Krank­heit in Rom ver­stro­ben. Er kämpf­te meh­re­re Jah­re gegen den Krebs, den er in den letz­ten Jah­ren sei­nes Lebens offen und mit erstaun­li­cher Stär­ke trug.

Gebo­ren am 20. Janu­ar 1965 in Hays, Kan­sas, schlug Allen zunächst eine Lehr­tä­tig­keit im Fach Jour­na­lis­mus ein, bevor er 1997 als Kor­re­spon­dent für den pro­gres­si­ven Natio­nal Catho­lic Repor­ter nach Rom ging. Dort eta­blier­te er sich über fast zwei Jahr­zehn­te hin­weg als einer der kennt­nis­reich­sten Beob­ach­ter der Hei­li­gen Stadt, beglei­te­te den Tod von Johan­nes Paul II., die Kon­kla­ven von 2005 und 2013, die Pon­ti­fi­ka­te von Bene­dikt XVI. und Fran­zis­kus und präg­te in die­ser Zeit die vati­ka­ni­sche Bericht­erstat­tung nachhaltig.

Allen war sehr um Aus­ge­wo­gen­heit bemüht. Wenn außer­halb des pro­gres­si­ven und gleich­gül­ti­gen Spek­trums, der Natio­nal Catho­lik Repor­ter als Quel­le her­an­ge­zo­gen wur­de, dann war dies allein Allen und sei­nen Berich­ten geschuldet.

Allen war in jour­na­li­sti­schen Krei­sen nicht nur wegen sei­ner Fach­kennt­nis, son­dern auch wegen sei­ner Metho­den bekannt: Er bemüh­te sich um eine sorg­fäl­ti­ge, fak­ten­ba­sier­te und zugleich ver­ständ­li­che Dar­stel­lung inner­kirch­li­cher Vor­gän­ge, die sich an Leser außer­halb der katho­li­schen Welt rich­te­te und daher latent pro­gres­siv ori­en­tiert war, aber doch die katho­li­sche Sache zu erklä­ren ver­such­te. In die­ser Eigen­schaft war er vie­len – auch sol­chen, die sei­ne Ein­schät­zun­gen nicht in allen Punk­ten teil­ten – eine unver­zicht­ba­re Infor­ma­ti­ons­quel­le über die Dyna­mik am Hei­li­gen Stuhl.

Am Beginn des Pon­ti­fi­kats von Fran­zis­kus, im Jahr 2014, ver­ließ Allen den Natio­nal Catho­lic Repor­ter, um Crux zu grün­den, zunächst unter dem Dach des Bos­ton Glo­be, spä­ter als eigen­stän­di­ges, von ihm gelei­te­tes katho­li­sches Pres­se­por­tal. Mit die­sem Pro­jekt schuf er eine Platt­form, die nicht nur aktu­el­le Nach­rich­ten bot, son­dern auch jun­ge Autoren för­der­te und einen gewis­sen­haf­ten Jour­na­lis­mus in der kirch­li­chen Bericht­erstat­tung eta­blier­te. Frei­lich eine Main­stream-Bericht­erstat­tung.

In einer Zeit, in der die kirch­li­che Bericht­erstat­tung wie die poli­ti­sche von ideo­lo­gi­schen Lagern zer­split­tert ist, such­te Allen nach einem nüch­ter­nen, gut infor­mier­ten Blick auf die Wirk­lich­keit, indem er bemüht war, sich eisern in der gera­de aktu­el­len Mit­te zu bewe­gen. Allen gelang es sich dadurch der Vati­kan-Exper­te für die welt­li­chen Medi­en zu sein, deren Redak­tio­nen selbst kei­ne Ahnung haben, was im Vati­kan geschieht. Allen lie­fer­te jenen sach­kun­di­gen und unauf­ge­reg­ten Über­blick, der gewünscht wur­de: eine nüch­ter­ne, sach­li­che Dar­stel­lung der offi­zi­el­len Linie, ohne Aus­rei­ßer in die eine oder ande­re Rich­tung und ohne den kon­ser­va­ti­ven Hauch, auf den ein Groß­teil der Medi­en­ma­cher all­er­gisch reagiert. Allen war „der Vati­ka­nist, den man anrief, wenn man wirk­lich wis­sen woll­te, was im Hei­li­gen Stuhl vor­geht“, wie ein lang­jäh­ri­ger Kol­le­ge sagte.

Allen hin­ter­läßt sei­ne Ehe­frau, Eli­se Ann Allen, selbst Vati­kan-Kor­re­spon­den­tin. Sie führ­te das erste Inter­view mit Papst Leo XIV. das die­ser gewähr­te. Ein Pri­vi­leg, das auch die inhalt­li­che Posi­tio­nie­rung von Crux in der Medi­en­land­schaft ver­deut­licht. Allen hin­ter­läßt auch eine Rei­he von Büchern, die auch künf­ti­gen Gene­ra­tio­nen als eine Quel­le für das Ver­ständ­nis der jün­ge­ren Kir­chen­ge­schich­te die­nen wer­den. Er selbst in den letz­ten Mona­ten sei­ne Leser um das Gebet – ein Aus­druck eines Glau­bens, der in den dunk­len Tagen sei­nes Lei­dens offen­kun­dig wurde.

Requiescat in pace.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­Me­dia (Screen­shot)

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