„Krieg ist schlimmer als Terrorismus“ — Die Botschaft von Papst Franziskus zum Assisi IV-Treffen

(Rom) Papst Fran­zis­kus nahm am gest­ri­gen Diens­tag am All-Reli­gio­nen-Spek­ta­kel „für den Frie­den“ in Assi­si teil. Um genau zu, ließ sei­ne Anwe­sen­heit das Ereig­nis erst zum Medi­en­spek­ta­kel wer­den. Die­sem Vor­wurf ver­such­te Fran­zis­kus vor­ab den Wind aus den Segeln zu neh­men, indem er am Mor­gen in San­ta Mar­ta beton­te, die Ver­tre­ter aller Reli­gio­nen gin­gen nicht wegen eines „Spek­ta­kels“ nach Assi­si. Die Kern­bot­schaft des katho­li­schen Kir­chen­ober­haup­tes am Assi­si-Tag lau­te­te: „Der Krieg ist schlim­mer als der Ter­ro­ris­mus“.

Das Tref­fen fand ohne den Dalai Lama statt, der ger­ne gekom­men wäre. Die Ver­an­stal­ter hiel­ten es jedoch für „oppor­tun“, kei­ne „fal­schen Schrit­te“ zu set­zen, die das kom­mu­ni­sti­sche Regime in der Volks­re­pu­blik Chi­na rei­zen könn­te. Das gilt für die bud­dhi­sti­schen Tibe­ter, vor allem aber für die „Neue Ost­po­li­tik“, die Papst Fran­zis­kus gegen­über Peking ver­sucht.

Der rote Faden der Abschluß­kund­ge­bung des Reli­gi­ons­tref­fens wur­de von Papst Fran­zis­kus daher nicht in Assi­si ent­hüllt, son­dern bereits in sei­ner mor­gend­li­chen Pre­digt in San­ta Mar­ta. „Män­ner und Frau­en aller Reli­gio­nen bege­ben sich nach Assi­si: Nicht um ein Spek­ta­kel zu ver­an­stal­ten, son­dern um zu beten, für den Frie­den zu beten.“

Ganz am Ende sei­ner Anspra­che in Assi­si griff Fran­zis­kus die­sen Gedan­ken noch ein­mal auf: „Wir haben nicht die einen gegen die ande­ren gebe­tet, wie es in der Geschich­te manch­mal gesche­hen ist. Ohne Syn­kre­tis­men und ohne Rela­ti­vis­men haben wir hin­ge­gen, die einen an der Sei­te der ande­ren, die einen für die ande­ren, gebe­tet.“

BIlder des Osservatore Romano zum Treffen Assisi IV
Bil­der des Osser­va­to­re Roma­no zum Tref­fen Assi­si IV

Der eigent­li­che päpst­li­che Appell in Assi­si lau­te­te: „Gott bit­tet uns dar­um und ermahnt uns, der gro­ßen Krank­heit unse­rer Zeit ent­ge­gen­zu­tre­ten: der Gleich­gül­tig­keit. Sie ist ein Virus, das lähmt, das unbe­weg­lich und unemp­find­lich macht, eine Krank­heit, wel­che die Mit­te der Reli­gio­si­tät selbst befällt und ein neu­es, über­aus trau­ri­ges Hei­den­tum her­vor­ruft: das Hei­den­tum der Gleich­gül­tig­keit.“

Der Auf­ruf des Pap­stes galt den „Lei­den­den Stim­me“ zu ver­lei­hen, den „ver­bor­ge­nen Schrei der unschul­di­gen Klei­nen“ hör­bar zu machen, die „Bit­te der Armen“ und jener, die am mei­sten Frie­den brau­chen. „Wer hört sie?“, frag­te der Papst und kri­ti­sier­te Ego­is­mus und Gleich­gül­tig­keit.

In sei­ner Mor­gen­pre­digt war er deut­li­cher: „Der Krieg ist eine Schan­de“. Es gibt „kei­nen Kriegs­gott“. Den Krieg will „das Böse. Es ist der Teu­fel, der alle töten will.“

An die­ser Stel­le sprach der Papst eine Unter­schei­dung zwi­schen Krieg und Ter­ro­ris­mus aus. „Wir erschrecken wegen eini­ger ter­ro­ri­sti­scher Aktio­nen, das hat aber nichts mit dem zu tun, was in jenen Län­dern herrscht, wo Tag und Nacht die Bom­ben fal­len und Kin­der, Alte, Män­ner und Frau­en töten.“ Es wäre gut, so der Papst, wenn „jeder von uns, wäh­rend wir hier beten, sich schä­men wür­de. Schä­men, weil die Men­schen, unse­re Brü­der, imstan­de sind, so etwas zu tun. Heu­te, am Tag des Gebets, der Buße, des Wei­nens für den Frie­den. Tag, um den Schrei des Armen zu hören. Die­ser Schrei, der unser Herz der Barm­her­zig­keit öff­net, der Lie­be öff­net und uns vor dem Ego­is­mus ret­tet.“

Woll­te der Papst damit eine Ent­la­stung des isla­mi­schen Ter­ro­ris­mus andeu­ten? Oder woll­te er sagen, daß der isla­mi­sche Ter­ro­ris­mus eine Fol­ge der Krie­ge ande­rer Mäch­te ist oder von ande­ren Mäch­ten für deren Krie­ge miß­braucht wird?

Kardinalstaatssekretär Parolin: „Christen die am meisten verfolgte religiöse Gruppe“

Weni­ge Stun­de zuvor hat­te Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin beim Welt­gip­fel zu Flucht und Migra­ti­on am Haupt­sitz der UNO betont, daß die „größ­te Her­aus­for­de­rung“ heu­te dar­in bestehe, die „Grün­de, die Mil­lio­nen von Men­schen zwin­gen, ihre Häu­ser, ihre Fami­li­en, ihre Hei­mat zu ver­las­sen“, aus­fin­dig zu machen und dage­gen ein­zu­wir­ken. Paro­lin nann­te in die­sem Zusam­men­hang auch die „reli­giö­se Ver­fol­gung“. Es gebe ver­schie­de­ne Grup­pen, die schwer­ster Ver­fol­gung aus­ge­setzt sei­en, doch „bestä­ti­gen vie­le Berich­te, daß die Chri­sten die weit­aus am mei­sten ver­folg­te reli­giö­se Grup­pe sind“.

Der Kar­di­nal­staats­se­kre­tär zitier­te ver­schie­de­ne Berich­te und sprach von einer „eth­nisch-reli­giö­sen Säu­be­rung“, die in Tei­len der Erde im Gan­ge sei, „die Papst Fran­zis­kus als eine Form von Geno­zid bezeich­net“.

Damit depo­nier­te der Hei­li­ge Stuhl an höch­ster Stel­le vor der Ver­ein­ten Natio­nen, daß die Chri­sten­ver­fol­gung in man­chen Gegen­den, kon­kret im Bereich isla­mi­scher Dschi­had-Mili­zen wie dem Isla­mi­schen Staat (IS) oder Boko Haram, das Aus­maß eines Geno­zids ange­nom­men hat.

Der Begriff Geno­zid (Völ­ker­mord) wur­de wegen sei­ner völ­ker­recht­li­chen Impli­ka­tio­nen, die die inter­na­tio­na­le Staa­ten­ge­mein­schaft zum Han­deln zwin­gen wür­den, bis­her gemie­den. Papst Fran­zis­kus selbst hat­te vor kur­zem noch expli­zit davon abge­ra­ten, von einem Geno­zid zu spre­chen. Die EU und noch hart­näcki­ger die USA ver­wei­ger­ten lan­ge Zeit der Chri­sten­ver­fol­gung in Syri­en und im Irak die­sen Sta­tus. Erst im Lau­fe des ver­gan­ge­nen Jah­res bahn­te sich die Erkennt­nis Bahn, daß der Geno­zid, dem die Chri­sten im Nahen Osten aus­ge­setzt sind, auch als sol­cher bezeich­net wer­den müs­se. Für die Chri­sten­ver­fol­gung im Irak ist dies inzwi­schen der Fall. Bei der Aner­ken­nung der­sel­ben Chri­sten­ver­fol­gung in Syri­en zau­dern Brüs­sel und Washing­ton, weil der Kampf gegen den ala­wi­ti­schen Staats­prä­si­den­ten Assad in der Prio­ri­tä­ten­li­ste Washing­tons noch immer vor dem Schutz der Chri­sten und ande­rer reli­giö­ser Min­der­heit ran­giert.

Mit der Rede von Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Paro­lin beim Welt­gip­fel zu Flucht und Migra­ti­on erhöh­te der Vati­kan den Druck, auch in Syri­en den Geno­zid an den Chri­sten anzu­er­ken­nen und dage­gen ein­zu­schrei­ten.

„Nur der Friede ist heilig, nicht der Krieg!“

In Assi­si sag­te Papst Fran­zis­kus unter Beru­fung auf den hei­li­gen Franz von Assi­si:

„Wir hier, die wir in Frie­den ver­sam­melt sind, glau­ben an eine brü­der­li­che Welt und erhof­fen sie. Wir wün­schen, daß Män­ner und Frau­en unter­schied­li­cher Reli­gio­nen über­all zusam­men­kom­men und Ein­tracht schaf­fen, beson­ders wo es Kon­flik­te gibt. Unse­re Zukunft ist das Zusam­men­le­ben. Daher sind wir auf­ge­ru­fen, uns von den schwe­ren Bür­den des Miß­trau­ens, der Fun­da­men­ta­lis­men und des Has­ses zu befrei­en.“

Und wei­ter: „Wer­den wir nicht müde zu wie­der­ho­len, daß der Name Got­tes die Gewalt nie recht­fer­ti­gen kann. Allein der Frie­de ist hei­lig. Nur der Frie­de ist hei­lig, nicht der Krieg! “

Da das Tref­fen wie erst­mals vor 30 Jah­ren in Assi­si statt­fand, und sich Papst Fran­zis­kus auf den hei­li­gen Franz von Assi­si berief, bleibt die in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten viel­fach gestell­te Fra­ge, wie die gleich­wer­ti­ge Behand­lung aller Reli­gio­nen mit dem Ver­ständ­nis des gro­ßen Hei­li­gen in Ein­klang zu brin­gen ist.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL