„Zeugnis von Benedikt XVI. grundlegend für Seligsprechung von Johannes Paul I.“

Papst Johannes Paul II. mit Joseph Kardinal Ratzinger (1978)
Papst Johannes Paul I. mit Joseph Kardinal Ratzinger (1978)

(Rom) „Papst Lucia­ni wird Dank Ratz­in­ger hei­lig­ge­spro­chen“, lau­tet der Titel einer Repor­ta­ge der ita­lie­ni­schen Wochen­zeit­schrift Oggi, die am Diens­tag ver­öf­fent­licht wur­de. Gemeint ist damit eine Selig­spre­chung und zwei Päp­ste, der jüng­sten Kir­chen­ge­schich­te: der deut­sche Papst Bene­dikt XVI. und Kar­di­nal Albi­no Lucia­ni, der Patri­arch von Vene­dig, der 1978 als Johan­nes Paul I. zum Papst gewählt wur­de. Sein Pon­ti­fi­kat währ­te nur 33 Tage und zählt damit zu den kür­ze­sten der Kir­chen­ge­schich­te.

Am 26. August 1978 wur­de „Papa Lucia­ni“ gewählt, der auch als „Papst des Lächelns“ bekannt wur­de. Am 28. Sep­tem­ber starb Kir­chen­ober­haupt für die Welt­öf­fent­lich­keit, die nichts von sei­ner Herz­krank­heit wuß­te, ganz über­ra­schend.

2003 lei­te­te sei­ne ober­ita­lie­ni­sche Hei­mat­diö­ze­se Bel­lu­no-Feltre ein Selig­spre­chungs­ver­fah­ren ein, das seit 2007 von Rom fort­ge­führt wird. Die Selig­spre­chung des „33-Tage-Pap­stes“ könn­te nun näher­rücken. Den zustän­di­gen Gre­mi­en der Hei­lig­spre­chungs­kon­gre­ga­ti­on liegt das fer­ti­ge, 3.600 Sei­ten umfas­sen­de Dos­sier vor.

„Zeugnis von Ratzinger grundlegend für Seligsprechungsverfahren“

Der etwas rei­ße­ri­sche Titel, den die Zeit­schrift Oggi für ihre Repor­ta­ge wähl­te, hat damit zu tun, daß das Dos­sier auch eine Zeu­gen­aus­sa­ge von Bene­dikt XVI. ent­hält, deren Inhalt aller­dings nicht näher aus­ge­führt wird.

Die Repor­ta­ge wur­de eini­ge Wochen nach der Eröff­nung eines Muse­ums über Albi­no Luciani/Papst Johan­nes Paul I. in sei­nem Geburts­ort Cana­le d’Agordo in der Pro­vinz Bel­lu­no (Vene­ti­en) ver­öf­fent­licht.

„Das Zeug­nis von Ratz­in­ger ist sehr wich­tig, ja grund­le­gend für das Selig­spre­chungs­ver­fah­ren.“ Mit die­sen Wor­ten zitiert Oggi den amtie­ren­den Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin, der wie Papa Lucia­ni aus Vene­ti­en stammt. Auf die Fra­ge, ob es Gemein­sam­kei­ten zwi­schen Papst Fran­zis­kus und Johan­nes Paul II. gebe, sag­te der Kar­di­nal­staats­se­kre­tär: „Sicher: Das The­ma der Barm­her­zig­keit ver­bin­det die bei­den Pon­ti­fi­ka­te.“

Ratzingers Weigerung im Verfahren für Johannes Paul II. auszusagen

Das Selig­spre­chungs­ver­fah­ren ruft zwei ande­re Hei­lig­spre­chungs­ver­fah­ren von Päp­sten der jüng­sten Kir­chen­ge­schich­te in Erin­ne­rung.

Das Ver­fah­ren zur Selig­spre­chung von Papst Johan­nes Paul II., dem direk­ten Nach­fol­ger von Johan­nes Paul I., wur­de bereits am 28. Juni 2005 auf aus­drück­li­chen Wunsch von Papst Bene­dikt XVI., nur weni­ge Mona­te nach dem Tod des pol­ni­schen Pap­stes, eröff­net. Dazu muß­ten die gel­ten­den kano­ni­sche Bestim­mun­gen außer Kraft gesetzt wer­den, die erst fünf Jah­re nach dem Tod die Eröff­nung eines Selig­spre­chungs­ver­fah­ren erlau­ben.

Wegen die­ser Aus­nah­me wei­ger­te sich Bene­dikt XVI., obwohl fast ein Vier­tel­jahr­hun­dert sein eng­ster Mit­ar­bei­ter, als Zeu­ge direkt am Ver­fah­ren für Johan­nes Paul II. mit­zu­wir­ken. Er woll­te damit einem mög­li­chen Vor­wurf vor­beu­gen, er wür­de Kraft sei­ner nun­meh­ri­gen Auto­ri­tät als Papst, sei­nem Vor­gän­ger und lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­ten beschleu­nigt auf die Altä­re ver­hel­fen.

Das Selig­spre­chungs­ver­fah­ren für Johan­nes Paul II. wur­de streng nach den kano­ni­schen Vor­schrif­ten, ein­schließ­lich der Aner­ken­nung der vor­ge­schrie­be­nen Wun­der, und unab­hän­gig von der Zeu­gen­schaft Bene­dikts XVI. durch­ge­führt. Am 1. Mai 2011 erfolg­te die Selig­spre­chung durch den deut­schen Papst.

Hei­lig­ge­spro­chen wur­de Johan­nes Paul II. am 27. April 2014 von Papst Fran­zis­kus. Das dafür not­wen­di­ge zwei­te Wun­der seit der Selig­spre­chung war aner­kannt, und ein posi­ti­ves Gut­ach­ten von allen zustän­di­gen Gre­mi­en vor­ge­legt wor­den.

Die wunderlose Heiligsprechung von Johannes XXIII.

Am sel­ben Tag sprach Papst Fran­zis­kus auch den „Kon­zils­papst“ Johan­nes XXIII. hei­lig. Dabei han­del­te es sich aller­dings um eine Hei­lig­spre­chung „sui gene­ris“. Was Bene­dikt XVI. durch sei­nen Ver­zicht ver­mei­den woll­te, durch eine Zeu­gen­aus­sa­ge für Johan­nes Paul II., den Ein­druck einer „leich­ten“, einer will­kür­li­chen Selig­spre­chung, beküm­mer­te sei­nen Nach­fol­ger Fran­zis­kus nicht. Er erklär­te Johan­nes XXIII. kur­zer­hand für hei­lig, obwohl weder das vor­ge­schrie­be­ne Wun­der vor­lag noch ein regu­lä­res Hei­lig­spre­chungs­ver­fah­ren durch­ge­führt wor­den war.

Seit­her haf­tet an der Hei­lig­keit des von 1958–1963 regie­ren­den Pap­stes etwas der Ein­druck einer kir­chen­po­li­ti­schen Will­kür. „Johan­nes XXIII. hat das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil eröff­net, dafür wird er hei­lig­ge­spro­chen“, schrieb 2014 der spa­ni­schen Kolum­nist Fran­cis­co Fer­nan­dez de la Cigo­ña. Der Hei­li­gen­schein wer­de ihm ver­lie­hen wie ande­ren ein Orden für beson­de­re Ver­dien­ste: „weil Papst Fran­zis­kus —  und noch mehr jene, die ihn gewählt haben -, das Zwei­te Vati­ka­ni­schen Kon­zil, beson­ders den ‚Geist des Kon­zils‘, zu den Altä­ren erhe­ben wol­len“.

Eine kir­chen­po­li­ti­sche Moti­va­ti­on hin­ter der Dop­pel-Hei­lig­spre­chung wur­de damals von ganz unter­schied­li­chen kirch­li­chen Strö­mun­gen gese­hen. Weit­ge­hend einig war man sich auch, daß Papst Fran­zis­kus die Erhe­bung von Papst Johan­nes Paul II. zu den Altä­ren, die von der Hei­lig­spre­chungs­kon­gre­ga­ti­on noch unter sei­nem Vor­gän­ger Bene­dikt XVI. vor­be­rei­tet wor­den war, durch die eigen­wil­li­ge Hau­ruck-Hei­lig­spre­chung von Johan­nes XXIII. „neu­tra­li­siert“ wer­den soll­te, um die bei­den gro­ßen, gegen­sätz­li­chen Flü­gel in der Kir­che „zufrie­den­zu­stel­len“.

Benedikt XVI. und „Papa Luciani“

Bereits 2003 hat­te der dama­li­ge Glau­bens­prä­fekt Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger in einem Inter­view der Monats­zeit­schrift 30Giorni geäu­ßert, daß er per­sön­lich von der Hei­lig­keit Johan­nes Pauls I. über­zeugt ist. Wört­lich sag­te er damals:

„Per­sön­lich bin ich völ­lig über­zeugt, daß er hei­lig­mä­ßig war. Wegen sei­ner Güte, Ein­fach­heit und Demut. Und wegen sei­nes gro­ßen Mutes. Denn er hat­te auch den Mut, die Din­ge mit gro­ßer Klar­heit zu sagen, die der vor­herr­schen­den Mei­nung wider­spra­chen. Und auch wegen sei­ner gro­ßen Glau­bens­kul­tur. Er war nicht nur ein ein­fa­cher Pfar­rer, der zufäl­lig Patri­arch wur­de. Er war ein Mann von gro­ßer theo­lo­gi­scher Kul­tur und einem gro­ßen pasto­ra­len Sinn und gro­ßer pasto­ra­ler Erfah­rung. Sei­ne Schrif­ten über die Kate­che­se sind wert­voll, und wun­der­schön ist sein Buch ‚Illu­stris­si­mi‘, das ich gleich nach sei­ner Wahl gele­sen habe. Ja, ich bin voll­kom­men über­zeugt, daß er ein Hei­li­ger ist.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: coope­ra­to­res­ve­ri­ta­tis (Sreen­shot)