Haec Sancta (1415) – Ein Konzilsdokument, das von der Kirche verurteilt wurde

Dekret Haec Sancta des Konzils von Konstanz wollte Konzil zum ständigen Kollegialorgan machen und über den Papst stellen
Dekret Haec Sancta des Konzils von Konstanz wollte Konzil zum ständigen Kollegialorgan machen und über den Papst stellen

von Rober­to de Mattei*

Das Kon­zil von Kon­stanz (1414–1418) zählt zu den 21 Öku­me­ni­schen Kon­zi­len der Kir­che. Eines sei­ner Dekre­te, Haec Sanc­ta vom 6. April 1415, gilt jedoch als häre­tisch, weil es die Supe­rio­ri­tät des Kon­zils über den römi­schen Papst behaup­te­te. In Kon­stanz fand Haec Sanc­ta kon­kre­te Anwen­dung im Dekret Fre­quens vom 9. Okto­ber 1417, das die Ein­be­ru­fung eines Kon­zils fünf Jah­re spä­ter, das fol­gen­de wei­te­re sie­ben Jah­re spä­ter und dann eines alle zehn Jah­re ver­füg­te.

Damit sprach das Dekret dem Kon­zil eine Funk­ti­on als stän­di­ges Kol­le­gi­al­or­gan an der Sei­te des Pap­stes zu und eine Voll­macht, die es sogar über die­sen stell­te. Mar­tin V., der 1417 in Kon­stanz erwähl­te Papst, erkann­te mit der Bul­le Inter cunc­tas vom 22. Febru­ar 1418 das Kon­zil von Kon­stanz als öku­me­nisch an und alles, was es beschlos­sen hat­te, wenn auch mit der all­ge­mei­nen Ein­schrän­kung: „in favo­rem fidei et salu­tem ani­ma­rum“.

Wir wis­sen nicht, ob der Papst die Theo­rien des Kon­zi­lia­ris­mus teil­te, oder zumin­dest Tei­le davon, oder ob er sich durch den Druck der Kar­di­nä­le, die ihn erwählt hat­ten, zu die­ser Hal­tung genö­tigt sah. Jeden­falls wies er Haec Sanc­ta nicht zurück und setz­te das Dekret Fre­quens wort­ge­treu um, indem er das Datum für ein neu­es, all­ge­mei­nes Kon­zil fest­leg­te, das 1423/1424 in Pavia und Sie­na statt­fand. Zudem bestimm­te er Basel als Aus­tra­gungs­ort des näch­sten Kon­zils. Er starb aller­dings am 21. Febru­ar 1431, und die Kir­chen­ver­samm­lung wur­de bereits unter sei­nem Nach­fol­ger Gabrie­le Con­dul­mer eröff­net, der am 3. März 1431 mit dem Namen Eugen IV. zum Papst erwählt wor­den war.

Kaum hat­te das Kon­zil von Basel begon­nen, bra­chen die Gegen­sät­ze zwi­schen zwei Par­tei­en auf: zwi­schen den treu­en Anhän­gern des Papst­tums und den Par­tei­gän­gern des Kon­zi­lia­ris­mus, die unter den Kon­zils­vä­tern die Mehr­heit bil­de­ten. Das Tau­zie­hen erleb­te zahl­rei­che wech­sel­haf­te Ent­wick­lun­gen. In einer ersten Pha­se ent­zog Eugen IV. den Rebel­len­vä­tern von Basel die Appro­ba­ti­on. Spä­ter gab er dem star­ken poli­ti­schen und kirch­li­chen Druck nach, mach­te einen Rück­zie­her und nahm mit der Bul­le Dudu­um Sacrum vom 15. Dezem­ber 1433 die von ihm bereits ver­füg­te Auf­lö­sung des Kon­zils zurück. Statt­des­sen rati­fi­zier­te er die Doku­men­te, die vom Kon­zil bis zu die­sem Zeit­punkt beschlos­sen wor­den waren, und damit auch das Dekret Haec Sanc­ta, das die Kon­zils­vä­ter von Basel zu ihrer Magna Char­ta erklärt hat­ten.

Sitzung des Konzils von Konstanz (1414-1418)
Sit­zung des Kon­zils von Kon­stanz (1414–1418)

Als er sich bewußt wur­de, daß die Kon­zi­lia­ri­sten durch sei­ne Nach­gie­big­keit nicht von ihren wei­ter­ge­hen­den For­de­run­gen abrück­ten, miß­bil­lig­te er erneut das bis­he­ri­ge Wir­ken des Kon­zils und ver­leg­te es nach Fer­ra­ra (1438), dann nach Flo­renz (1439) und schließ­lich nach Rom (1443). Die Ver­le­gung des Tagungs­or­tes wur­de von der Mehr­heit der Kon­zils­vä­ter jedoch abge­lehnt, die in Basel blie­ben und dort ihre Arbeit fort­setz­ten. Damit kam es zu dem, was als Klei­nes Abend­län­di­sches Schis­ma (1439–1449) in die Kir­chen­ge­schich­te ein­ging, um es vom Gro­ßen Abend­län­di­schen Schis­ma (1378–1417), das ihm vor­aus­ge­gan­gen war, zu unter­schei­den.

Das Kon­zil von Basel setz­te Eugen IV. unter dem Vor­wurf der Häre­sie ab und wähl­te den Reichs­für­sten Her­zog Ama­de­us VIII. von Savoy­en zum Gegen­papst, der den Namen Felix V. annahm. Eugen IV. ver­häng­te von Flo­renz aus, wohin er das Kon­zil ver­legt hat­te, über das Kon­zil von Basel  den Bann und erklär­te den Gegen­papst und die schis­ma­ti­schen Bas­ler Kon­zils­vä­ter für exkom­mu­ni­ziert. Die Chri­sten­heit erleb­te damit, kaum mehr als 20 Jah­re nach der Über­win­dung des schmerz­li­chen Gro­ßen Abend­län­di­schen Schis­mas, erneut eine Spal­tung. Hat­ten in der Zeit des vor­her­ge­hen­den Schis­mas die kon­zi­lia­ri­sti­schen Theo­lo­gen die Ober­hand gewon­nen, wur­de der Papst in die­ser Pha­se von einem gro­ßen Theo­lo­gen, dem spa­ni­schen Domi­ni­ka­ner Juan de Tor­que­ma­da (1388–1468, nicht zu ver­wech­seln mit dem gleich­na­mi­gen Inqui­si­tor) unter­stützt.

Juan de Torquemada (1388-1468)
Juan de Tor­que­ma­da (1388–1468)

Tor­que­ma­da, von Eugen IV. mit dem ehren­vol­len Titel eines Defen­sor fidei und der Kar­di­nal­s­wür­de aus­ge­zeich­net, ist der Autor der Sum­ma de Eccle­sia, in der er mit Nach­druck den Pri­mat des Pap­stes und des­sen infal­libi­li­tas bekräf­tig­te. In die­sem Werk löste er mit größ­ter Prä­zi­si­on die Miß­ver­ständ­nis­se auf, die im 14. Jahr­hun­dert ent­stan­den waren, dar­un­ter die Hypo­the­se vom häre­ti­schen Papst. Ein sol­cher sei, so der spa­ni­sche Theo­lo­ge, zwar kon­kret mög­lich. Die Lösung des Pro­blems sei aber auf kei­nen Fall im Kon­zi­lia­ris­mus zu suchen, der den päpst­li­chen Vor­rang leug­net. Die Mög­lich­keit, daß der Papst eine Häre­sie lehrt und damit selbst zum Häre­ti­ker wird, so Tor­que­ma­da, kom­pro­mit­tiert nicht das Dog­ma der Unfehl­bar­keit, unter ande­rem auch des­halb nicht, weil er, soll­te er eine Häre­sie ex cathe­dra ver­kün­den wol­len, noch im sel­ben Moment sei­nes Amtes ver­lu­stig gin­ge. ((Paci­fi­co Mas­si: Magi­stero infal­libi­le del Papa nella teo­lo­gia di Gio­van­ni de Tor­que­ma­da (Unfehl­ba­res Lehr­amt des Pap­stes in der Theo­lo­gie von Juan de Tor­que­ma­da) Mari­et­ti, Turin 1957, S. 117–122)) Die The­sen Tor­que­ma­das wur­den im fol­gen­den Jahr­hun­dert von einem sei­ner ita­lie­ni­schen Mit­brü­der, dem Gene­ral­ma­gi­ster des Domi­ni­ka­ner­or­dens und Kar­di­nal Tho­mas Caje­tan, wei­ter­ent­wickelt.

Das Kon­zil von Flo­renz war sehr wich­tig, weil es am 6. Juli 1439 das Dekret Lae­ten­tur Coeli et exul­tet ter­ra ver­ab­schie­de­te, das dem Mor­gend­län­di­schen Schis­ma oder Gro­ßem Schis­ma ein Ende berei­te­te, ein Dekret, das heu­te zu wenig Beach­tung fin­det (sie­he dazu Rober­to de Mattei: Die „histo­ri­sche“ Begeg­nung zwi­schen Fran­zis­kus und Kyrill). Vor allem aber ver­ur­teil­te es defi­ni­tiv den Kon­zi­lia­ris­mus und bestä­tig­te die Leh­re von der höch­sten Auto­ri­tät des Pap­stes über die Kir­che. Am 4. Sep­tem­ber 1439 erklär­te Eugen IV. fei­er­lich:

“Eben­so bestim­men wir, daß der hei­li­ge Apo­sto­li­sche Stuhl und der Römi­sche Papst den Pri­mat über den gesam­ten Erd­kreis inne­hat, und der Römi­sche Papst selbst der Nach­fol­ger des seli­gen Apo­stel­für­sten Petrus und der wah­re Stell­ver­tre­ter Chri­sti, das Haupt der gan­zen Kir­che und der Vater und Leh­rer aller Chri­sten ist; und ihm ist von unse­rem Herrn Jesus Chri­stus im seli­gen Petrus die vol­le Gewalt über­tra­gen wor­den, die gesam­te Kir­che zu wei­den, zu lei­ten und zu len­ken, wie es auch in den Akten der öku­me­ni­schen Kon­zi­le und in den hei­li­gen Kano­nes fest­ge­hal­ten wird“ (s. Den­zin­ger-Hüner­mann, Nr. 1307).

Basel zur Zeit des Konzils
Basel zur Zeit des Kon­zils (1431–1437 aner­kannt, bis 1449 nicht aner­kannt)

Im Schrei­ben Etsi dubi­te­mus vom 21. April 1441 ver­ur­teil­te Eugen IV. die Häre­ti­ker von Basel und die „dia­bo­li­ci fun­d­a­to­res“ der Kon­zi­lia­ris­mus-Leh­re: Mar­si­li­us von Padua, Johann von Jan­dun und Wil­helm von Ock­ham ((Epi­sto­lae pon­ti­fi­ciae ad Con­ci­li­um Flo­ren­ti­num spec­tan­tes, Pon­ti­fi­cio Isti­tu­to Ori­en­ta­le, Rom 1946, S. 24–35, beson­ders S. 28)), wäh­rend er gegen­über dem Kon­zils­de­kret Haec Sanc­ta zöger­te, indem er im Umgang damit das vor­schlug, was man nach heu­ti­gen Begrif­fen eine “Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ nen­nen könn­te. Im Dekret vom  4. Sep­tem­ber 1439 erklär­te Eugen IV., daß der Vor­rang der Kon­zi­le über den Papst, wie er von den Kon­zils­vä­tern von Basel auf der Grund­la­ge von Haec Sanc­ta behaup­tet wur­de, „eine schlech­te Inter­pre­ta­ti­on“ der Base­ler sei, die sich de fac­to im Wider­spruch zum genui­nen sen­sus der Hei­li­gen Schrift, der Kir­chen­vä­ter und auch des Kon­zils von Kon­stanz selbst befin­det“. ((Dekret vom 4. Sep­tem­ber 1439, in: Con­ci­lio­rum Oecu­me­ni­co­rum Decre­ta, EDB, Bolo­gna 2002, S. 533))

Eugen IV. rati­fi­zier­te das Kon­zil von Kon­stanz als Gan­zes und in sei­nen Dekre­ten unter Aus­schluß „von jedem Prä­ju­diz gegen das Recht, die Wür­de und den Vor­rang des Apo­sto­li­schen Stuhls“, wie sein Legat am 22. Juli 1446 schrieb.

Die The­se der “Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ zwi­schen Haec Sanc­ta und der Tra­di­ti­on der Kir­che wur­de bald auf­ge­ge­ben. Haec Sanc­ta ist sicher ein authen­ti­scher Akt eines recht­mä­ßi­gen öku­me­ni­schen Kon­zils, das von drei Päp­sten rati­fi­ziert wur­de. Das genügt aber nicht, um auf dok­tri­nel­ler Ebe­ne einem lehr­amt­li­chen Doku­ment Ver­bind­lich­keit zu ver­lei­hen, das im Wider­spruch zur immer­gül­ti­gen Leh­re der Kir­che steht. Heu­te ver­tre­ten wir den Stand­punkt, daß nur jene Doku­men­te des Kon­zils von Kon­stanz aner­kannt wer­den kön­nen, die nicht die Rech­te des Papst­tums schä­di­gen und nicht der Tra­di­ti­on der Kir­che wider­spre­chen. Die­sen Kri­te­ri­en ent­spricht das Dekret Haec Sanc­ta nicht, das ein for­mal häre­ti­scher Kon­zils­akt ist.

Die Histo­ri­ker und die Theo­lo­gen erklä­ren, daß Haec Sanc­ta abge­lehnt wer­den kann, weil es sich um kei­ne dog­ma­ti­sche Defi­ni­ti­on han­delt, da ihm die typi­schen For­mu­lie­run­gen feh­len wie „anathe­ma sit“ und Ver­ben wie „bestimmt, ord­net an, defi­niert, legt fest, dekre­tiert und erklärt. Die wirk­li­che Trag­wei­te des Dekrets ist dis­zi­pli­na­ren und pasto­ra­len Cha­rak­ters und impli­ziert nicht die Unfehl­bar­keit. ((vgl. z.B. den Ein­trag Con­ci­le de Con­stance von Kar­di­nal Alfred Baudrill­art im Dic­tion­n­aire de Théo­lo­gie Catho­li­que, III, coll. 1200–1224, beson­ders col. 1221))

Das Schis­ma von Basel wur­de 1449 been­det als der Gegen­papst Felix V. eine Über­ein­kunft mit dem Nach­fol­ger von Eugen IV., Papst Niko­laus V. (1447–1455), erreich­te. Felix dank­te fei­er­lich ab, und der recht­mä­ßi­ge Papst kre­ierte ihn zum Kar­di­nal und päpst­li­chen Vikar.

Die Ver­ur­tei­lung des Kon­zi­lia­ris­mus wur­de vom Fünf­ten Later­an­kon­zil , vom Kon­zil von Tri­ent und vom Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zil bekräf­tigt.

Wer heu­te die Insti­tu­ti­on des Papst­tums ver­tei­digt, muß das Stu­di­um die­ser dog­ma­ti­schen Defi­ni­tio­nen mit der Ver­tie­fung der Wer­ke der gro­ßen Theo­lo­gen der Ersten und der Zwei­ten Scho­la­stik ver­knüp­fen, um in die­ser dok­tri­nel­len Schatz­tru­he alle nöti­gen Ele­men­te zu fin­den, um die aktu­el­le Kri­se der Kir­che zu bewäl­ti­gen.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt erschie­nen: Vica­rio di Cri­sto. Il pri­mato di Pie­tro tra nor­ma­li­tà  ed ecce­zio­ne (Stell­ver­tre­ter Chri­sti. Der Pri­mat des Petrus zwi­schen Nor­ma­li­tät und Aus­nah­me), Vero­na 2013; in deut­scher Über­set­zung zuletzt: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, Rup­pich­teroth 2011. Die Zwi­schen­ti­tel stam­men von der Redak­ti­on.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na