Nach Österreich legt sich der Logen-Schatten auf Frankreich — Der Großorient und die Präsidentschaftswahlen 2017

(Paris) Jean-Luc Mélen­chon führt die radi­ka­le Lin­ke Frank­reichs an. Der Euro­pa­ab­ge­ord­ne­te, ehe­ma­li­ge Sena­tor und Mini­ster kann auf eine beacht­li­che poli­ti­sche Kar­rie­re zurück­blicken, die strikt links­ge­strickt ist, und zwar radi­kal links. Am 30. Mai applau­dier­ten ihm in Paris Hun­der­te Frei­mau­rer, vor denen er auf Ein­la­dung des Groß­ori­ents von Frank­reich hin­ter ver­schlos­se­nen Türen sei­ne poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen dar­le­gen konn­te.

Trotzkist, Sozialist, Logenbruder

Mélen­chon wur­de 1951 in der damals inter­na­tio­nal ver­wal­te­ten Zone Tan­ger in Marok­ko gebo­ren. Sei­ne Eltern waren spa­nisch­stäm­mi­ge Pieds-noirs, wie die Alge­ri­en­fran­zo­sen genannt wur­den. In den 60er Jah­ren nach Frank­reich über­sie­delt, nahm Jean-Luc 1968 an den Stu­den­ten­pro­te­sten teil und schloß sich der trotz­ki­sti­schen Kom­mu­ni­sti­schen Inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on (OIC) an. In die­ser Zeit war Mélen­chon ver­hei­ra­tet. Aus der Ehe, die geschie­den ist, ging eine Toch­ter her­vor, die mit einem füh­ren­den Funk­tio­när von Mélen­chons Links­par­tei liiert ist.

Unter Fran­çois Mit­ter­rand, der einen „demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus“ ver­kün­de­te, schloß sich Mélen­chon 1976 der Sozia­li­sti­schen Par­tei (PS) an. 1981 wur­de Mit­te­rand zum Staats­prä­si­den­ten gewählt. Bald dar­auf wur­de Mélen­chon in einer Frei­mau­rer­lo­ge des Groß­ori­ents von Frank­reich initi­iert. Bereits sein Vater und Groß­va­ter waren Logen­brü­der gewe­sen.

1986 wur­de er erst­mals zum Sena­tor der Repu­blik gewählt. Ein Amt, das er mit kur­zer Unter­bre­chung bis 2010 inne­hat­te. Inner­halb der Sozia­li­sti­schen Par­tei such­te er den Kon­takt zum lin­ken Flü­gel.

Nach dem Ende der sozia­li­sti­schen Prä­si­dent­schaft ver­such­te Mélen­chon die Füh­rung der Par­tei zu über­neh­men und kan­di­dier­te 1997 gegen Fran­çois Hol­lan­de für den Par­tei­vor­sitz, unter­lag die­sem jedoch.

2000 trat er in der Zeit der „Koha­bi­ta­ti­on“ (der Gaul­list Jac­ques Chi­rac war Staats­prä­si­dent, im Par­la­ment gab es jedoch eine lin­ke Mehr­heit) als Mini­ster für die Berufs­aus­bil­dung in die Regie­rung des Sozia­li­sten Lio­nel Jospin ein. Nach der sozia­li­sti­schen Wahl­nie­der­la­ge von 2002 ver­lor er sein Mini­ster­amt und sam­mel­te den lin­ken Par­tei­flü­gel unter der Bezeich­nung „Nou­veau Mon­de“ (Neue Welt). Ideo­lo­gisch ori­en­tier­te sich Mélen­chon ver­stärkt an der post­kom­mu­ni­sti­schen, deut­schen Par­tei Die Lin­ke.

Vom Sozialisten zum Linksradikalen

Grand Orient de France
Grand Ori­ent de Fran­ce

2008 kam es zum Bruch mit der Sozia­li­sti­schen Par­tei. Mélen­chon ver­ließ die Par­tei und kün­dig­te in Anwe­sen­heit von Oskar Lafon­tai­ne die Grün­dung einer neu­en links­ra­di­ka­len Par­tei an. Am 1. Febru­ar 2009 erfolg­te deren Grün­dung unter dem Namen Par­ti de Gau­che (Links­par­tei, PG). Die Par­tei ent­stand mit sta­tu­ta­ri­schen und pro­gram­ma­ti­schen Anleh­nun­gen an die deut­sche radi­ka­le Lin­ke. Wäh­rend die post­kom­mu­ni­sti­sche Lin­ke in Deutsch­land in den neo­mar­xi­sti­schen Grü­nen Kon­kur­renz hat, war Mélen­chon von Anfang an bemüht, die in Frank­reich weni­ger stark ver­an­ker­te Grün­be­we­gung in sei­ne neue Links­front zu inte­grie­ren. Im Par­tei­pro­gramm heißt es daher: „Öko­lo­gie und Kapi­ta­lis­mus sind unver­ein­bar“. Im sel­ben Jahr wur­de er für die Links­front aus Kom­mu­ni­sti­scher Par­tei (PCF), Links­par­tei (PG) und Ver­ein­ter Lin­ker (GU) in das Euro­päi­sche Par­la­ment gewählt, dem er seit­her ange­hört.

Sei­ne Logen­mit­glied­schaft begrün­det Mélen­chon mit der radi­ka­len und lai­zi­sti­schen Tra­di­ti­on Frank­reichs, der er sich ver­pflich­tet fühlt. Bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len 2012 konn­te er sich als Kan­di­dat der Links­front durch­set­zen und erreich­te im ersten Wahl­gang 11,1 Pro­zent der Stim­men. Seit­her gilt er als deren unum­strit­te­ner Anfüh­rer. Für die ent­schei­den­de Stich­wahl rief er sei­ne Anhän­ger auf, „gegen Nico­las Sar­ko­zy“ zu stim­men, ohne eine direk­te Wahl­emp­feh­lung für den sozia­li­sti­schen Kan­di­da­ten Fran­çois Hol­lan­de aus­zu­spre­chen, der neu­er Staats­prä­si­dent wur­de. Nicht nur die Sozia­li­sten, auch die Logen haben es ihm gedankt.

„Dammbauer“ gegen Front National

Bei poli­ti­schen Wah­len sieht sich Mélen­chon als „Damm­bau­er“ gegen eine Regie­rungs­über­nah­me durch Ver­tre­ter des Front Natio­nal (FN). Das öff­net immer neue Türen.

Im Febru­ar star­te­te er sei­ne Kam­pa­gne für eine erneu­te Kan­di­da­tur für das Amt des Staats­prä­si­den­ten. Damit hat­te auch sei­ne Ein­la­dung durch den Groß­ori­ent von Frank­reich zu tun. Eine Ein­la­dung unter „Brü­dern“.

Der sei­ner­zei­ti­ge Groß­mei­ster des Groß­ori­ents, Roger Leray, hat­te Mélen­chon 1983 in die Loge geholt. Seit­her gehört er einer nach Leray benann­ten Loge an. Nun scheint der amtie­ren­de Groß­mei­ster Dani­el Kel­ler vom Links­ra­di­ka­len über­zeugt zu sein. Kel­ler beton­te, in vie­len Punk­ten mit Mélen­chons Dia­gno­se über den Zustand des Lan­des über­ein­zu­stim­men. Aller­dings nicht in allen.

Mélen­chon steht dem Kom­mu­nis­mus (mit dem er in der Links­front ver­bun­den ist), dem kuba­ni­schen Sozia­lis­mus, den deut­schen Post­kom­mu­ni­sten und der grie­chi­schen Syri­za weit näher als der Sozi­al­de­mo­kra­tie. Aller­dings for­dert er den Zusam­men­schluß der bei­den gro­ßen Links­strö­mun­gen. Eine sol­che gab es in Deutsch­land bereits ein­mal: sie hieß SED, und ist kei­nes­wegs zufäl­lig die Vor­läu­fe­rin von Mélen­chons deut­scher Schwe­ster­par­tei Die Lin­ke.

Schocktherapie: Neugründung Frankreichs als 6. Republik

Mélen­chon ist ein begei­ster­ter Unter­stüt­zer von Evo Mora­les, und war es auch von Hugo Cha­vez. Als über­zeug­ter Anti­ka­pi­ta­list betont er, „all­er­gisch gegen alles zu sein, was ‚rechts‘ ist“. Der Enkel von Spa­ni­ern, Kata­la­nen und Sizi­lia­nern und Sohn von Alge­ri­en­fran­zo­sen ist über­zeugt, daß die Repu­blik einer „Neu­grün­dung“ bedarf. Frank­reich müs­se, wie er vor den Logen­brü­dern sag­te, „im Namen der Lai­zi­tät“ neu­ge­grün­det wer­den. Die „Schock­the­ra­pie“ sei der ein­zi­ge Weg, Frank­reich im „huma­ni­sti­schen“ Sinn zu gesun­den.

Die­se „Schock­the­ra­pie“ sol­le in den Schu­len begin­nen. Und hier zeigt sich eine zen­tra­le Über­ein­stim­mung mit der Frei­mau­re­rei, die seit der Macht­über­nah­me von Staats­prä­si­dent Hol­lan­de Ein­fluß auf die Bil­dungs­plä­ne des Lan­des nimmt. Ziel ist unter ande­rem eine „repu­bli­ka­ni­sche, lai­zi­sti­sche“, dezi­diert anti­re­li­giö­se und vor allem anti­ka­tho­li­sche Umer­zie­hung der Schü­ler. Zum neu­en „Huma­nis­mus“, ob der Loge, der Sozia­li­sten oder der Links­ra­di­ka­len, gehört die Gen­der-Theo­rie. Ins­ge­samt geht es dar­um, daß die Erzie­hung zum „Citoy­en“ im Logen-Sinn erfolgt.

Ein­spruch erhob Groß­mei­ster Kel­ler ledig­lich zur Euro­pa-Posi­ti­on  Mélen­chons: „Es braucht eine poli­ti­sche Kon­struk­ti­on, das was die [Euro­päi­sche] Uni­on lei­der nicht ist, und nicht eine Rück­kehr zur [natio­nal­staat­li­chen] Sou­ve­rä­ni­tät“. Kel­ler miß­fiel auch Mélen­chons Lob für Charles de Gaul­le. Der Anfüh­rer der Links­front lob­te nicht de Gaulles poli­ti­sches Bekennt­nis. Er lob­te aber sei­nen „repu­bli­ka­ni­schen Geist“ und sei­ne „Fähig­keit, Nein zu sagen“, wie beim NATO-Aus­tritt. Die „auto­ri­tä­re“ Schlag­sei­te Mélen­chons für eine „Sech­ste Repu­blik“ scheint eini­ge Logen­brü­der erstaunt zu haben.

Parlamentswahlen 2017: Österreich grüßt Frankreich

Freimaurer-Tempel "Zu den drei Bergen" in Innsbruck, in der 1975 Alexander Van der Bellen initiiert wurde
Frei­mau­rer-Tem­pel „Zu den drei Ber­gen“ in Inns­bruck, in der 1975 der desi­gnier­te öster­rei­chi­sche Bun­des­prä­si­dent Alex­an­der Van der Bel­len initi­iert wur­de

Grund der Ein­la­dung, vor den höch­sten Logen­brü­dern Frank­reichs spre­chen zu dür­fen, sind die Prä­si­dent­schafts­wah­len 2017. Ob „Bru­der“ Mélen­chon, der 100 Jah­re frei­mau­re­ri­sche Fami­li­en­tra­di­ti­on gel­tend machen kann, den Groß­ori­ent über­zeu­gen konn­te, läßt sich noch nicht sagen. Tat­sa­che ist, daß die Prä­si­dent­schafts­wah­len bevor­ste­hen, und der Groß­ori­ent offen­sicht­lich dabei mit­mi­schen will.

Das Wett­ren­nen ist eröff­net, und Mélen­chon könn­te bei bei­den Wahl­gän­gen eine wich­ti­ge Rol­le zukom­men. Wie die öster­rei­chi­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len im ver­gan­ge­nen April und Mai gezeigt haben, geht es zunächst dar­um, den gewünsch­ten Kan­di­da­ten in die Stich­wahl zu brin­gen, um dann in einer „lai­zi­sti­schen“ Alli­anz den mög­li­chen Sieg des uner­wünsch­ten Kan­di­da­ten zu ver­hin­dern. Wie in Öster­reich mit Nor­bert Hofer (FPÖ) scheint auch in Frank­reich bereits fest­zu­ste­hen, daß die Vor­sit­zen­de des Front Natio­nal (FN), Mari­ne Le Pen, in die Stich­wahl kom­men wird. In Öster­reich war es der Logen­bru­der Alex­an­der Van der Bel­len (Grü­ne), der Nor­bert Hofers Wahl mit eini­gen Unge­reimt­hei­ten hauch­dünn ver­hin­der­te.

In Frank­reich dürf­te dem Logen­bru­der Mélen­chon eine wich­ti­ge Rol­le zukom­men, der dem­sel­ben gei­sti­gen und poli­ti­schen Milieu Van der Bel­lens ent­stammt. Jeden­falls wol­len die­sel­ben Krei­se weder in Öster­reich noch in Frank­reich die Prä­si­den­ten­wahl dem „Zufall“ über­las­sen.

Text: Andre­as Becker
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na/­Frei­mau­rer-Wiki (Screen­shot)