Kapitalismus ja? Liberalismus nein? — Erweiterte Fassung

Liberté, Égalité, Fraternité – kein Goldenes Zeitalter, sondern der Beginn der Loslösung der Rationalität von der Moral
Liberté, Égalité, Fraternité – kein Goldenes Zeitalter, sondern der Beginn der Loslösung der Rationalität von der Moral

Pro­fes­sor End­re A. Bár­d­os­sy legt eine über­ar­bei­te­te, erwei­ter­te Fas­sung sei­nes bemer­kens­wer­ten, grund­le­gen­den Auf­sat­zes zum Ver­hält­nis von Kapi­ta­lis­mus und Libe­ra­lis­mus vor, eine nicht nur wirt­schafts­po­li­ti­sche, son­dern vor allem kul­tur­hi­sto­ri­sche Abhand­lung, die der Fra­ge nach­geht, was tra­gend für die Gemein­schaft und die Nati­on ist, und was im Wider­spruch zum Tra­gen­den steht oder die­ses sogar bekämpft. Die älte­re Fas­sung wird damit vom Netz genom­men.

Gast­kom­men­tar End­re A. Bár­d­os­sy*

Das XVIII. Jahr­hun­dert des „Lich­tes“ und der soge­nann­ten, histo­ri­schen „Auf­klä­rung“ (Cond­or­cet, Kant, Rous­se­au etc.) ist nicht das Gol­de­ne Zeit­al­ter, son­dern der Beginn der Los­lö­sung der Ratio­na­li­tät von der Moral, wor­an wir bis heu­te immer mehr und mehr lei­den. Para­do­xer­wei­se hat die Ent­fes­se­lung der rei­nen Ver­nunft eine Epo­che fin­ste­rer Irra­tio­na­li­tät und die Illu­si­on einer ver­meint­li­chen, bereits hin und her tau­meln­den Auto­no­mie ein­ge­lei­tet:

„Es gibt nichts Gutes und nichts Schlech­tes,
abso­lut gespro­chen.
Alles ist rela­tiv,
das ist der ein­zi­ge abso­lu­te Satz.“
(Augu­ste Comte, 1817)

Der Gei­stes­wan­del wur­de von eis­kal­ten Ratio­na­li­sten dik­tiert. Die­sel­be gott- und erbar­mungs­lo­se Ratio­na­li­tät wird frei­lich vom mora­lisch ver­rot­te­ten Libe­ra­lis­mus als Sen­ti­men­ta­li­tät der schö­nen Gefüh­le ver­mark­tet. Libe­ra­lis­mus ten­diert – lei­der – immer und über­all zur links­li­be­ra­len Dem­ago­gie.

Liberalismus und Sozialismus sind eineiige Zwillinge der Aufklärung

Auguste Comte (1798-1857)
Augu­ste Comte (1798–1857)

Es gab nie eine „libe­ral-kon­ser­va­ti­ve“ Par­tei oder Zei­tung, weil das ein begriff­li­cher Wider­spruch ist. Kon­ser­va­ti­ve Wer­te und libe­ra­le Ansich­ten schlie­ßen sich gegen­sei­tig aus. Die rund 300 Jah­re dau­ern­de Pro­spe­ri­tät (1688–1900) im Ver­ei­nig­ten König­reich beruh­te auf der Über­win­dung des von Furcht und Unsi­cher­heit gepräg­ten Natur­zu­stan­des dank Tho­mas Hob­bes‘ Staats­phi­lo­so­phie, die einen bür­ger­li­chen Pakt unter könig­li­cher Auto­ri­tät beschwor. Seit­her gibt es das größ­te Kurio­sum der poli­ti­schen Kul­tur nach fein­ster eng­li­scher Art: „Sei­ner Maje­stät All­er­treue­ste Oppo­si­ti­on“. Der jako­bi­nisch-repu­bli­ka­ni­sche „Cont­rat social“ ist dage­gen spie­gel­ver­kehrt kon­zi­piert: Rous­se­au inter­pre­tiert die Zivi­li­sa­ti­on als Übel und den Urzu­stand der Wil­den als Gut­men­schen­tum. Unter ande­rem auch als wol­lü­sti­ge Pro­mis­kui­tät.

Nach der Glo­rious Revo­lu­ti­on kon­so­li­dier­te die „Bill of Rights“ eine sta­bi­le, kon­sti­tu­tio­nel­le Mon­ar­chie, deren Vor­zü­ge in jener Zeit auf kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­schem Boden ganz und gar unbe­kannt waren. Die­se geord­ne­ten Ver­hält­nis­se waren das Erfolgs­ge­heim­nis der kon­ser­va­ti­ven Tories und der „halb­li­be­ral“ ein­ge­brem­sten Whigs auf der Höhe der dama­li­gen poli­ti­schen Phi­lo­so­phie.

Die funk­tio­nie­ren­de Markt­wirt­schaft war kei­ne „libe­ra­le“ Erfin­dung, sie gab es bereits im grie­chisch-römi­schen Alter­tum. Die Vor­zü­ge der kom­pa­ra­ti­ven Kosten dürf­ten bereits den see­fah­ren­den Phö­ni­zi­ern nicht unbe­kannt gewe­sen sein und stell­ten die eigent­li­che Moti­va­ti­on für den blü­hen­den Tausch­han­del im Mit­tel­meer­raum dar.

Der Kapi­ta­lis­mus ist zwar in Eng­land des XVIII. Jahr­hun­derts kon­tem­po­rär mit dem fran­zö­si­schen Libe­ra­lis­mus ent­stan­den, die bei­den sind aber unter­ein­an­der inkom­pa­ra­bel und inkom­pa­ti­bel zugleich. Die Unver­träg­lich­keit des exzes­si­ven Libe­ra­lis­mus zeigt sich über­zeu­gend in der Ten­denz zur maß­lo­sen Mono­pol­bil­dung und in der Ver­ro­hung der guten Sit­ten und der han­dels­üb­li­chen Usan­cen. Die kapi­ta­li­sti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se ist eine rein tech­ni­sche Ange­le­gen­heit der fort­schritt­li­chen Betriebs­wirt­schaft. Der Libe­ra­lis­mus ist dage­gen poli­ti­sche Revolu­tion und wirt­schaft­li­ches Cha­os, Deka­denz und anti­ka­tho­li­sche Ver­schwö­rung der inter­na­tio­na­len Frei­mau­re­rei.

Die Dampfmaschine eröffnete das neue Zeitalter (1764)

Seit der Fort­ent­wick­lung der ersten Dampf­ma­schi­ne durch James Watt sind die Erfor­der­nis­se nach Anla­ge­gü­tern sprung­haft ange­stie­gen. Die ein­fa­che Kapi­tal­aus­rü­stung hat sich in allen her­kömm­li­chen Betrie­ben nicht nur im Hand­werk, son­dern sogar in der natur­na­hen Land- und Forst­wirt­schaft neben allen Facet­ten des Ver­kehrs und der Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­viel­facht. Ab Mit­te des XIX. Jahr­hun­derts ver­bin­den immer dich­ter wer­den­de Eisen­bahn- und spä­ter Auto­bahn­net­ze die klei­ner wer­den­de Welt. In den ent­le­ge­nen Pro­vin­zen Argen­ti­ni­ens ste­hen die roten Back­stein­häu­ser der eng­li­schen Inge­nieu­re heu­te noch ent­lang der still­ge­leg­ten Eisen­bahn­li­ni­en, die auf Schmal­spur sogar über die 6.000 Meter hohen Andenket­ten nach Sant­ia­go de Chi­le führ­ten. Ohne Oze­an­damp­fer hät­te sich der Welt­han­del nie so kräf­tig ent­fal­ten kön­nen. Dass die irrever­si­ble Indu­stria­li­sie­rung in der Psy­che der Mas­sen auf gro­ßes Befrem­den stieß, ist bis heu­te am Maschi­nen- und Auto­mo­bil­hass der soge­nann­ten „Grü­nen“ abzu­le­sen.

Der stei­gen­de Kapi­tal­ein­satz brach­te auf allen Sek­to­ren eine enor­me Pro­duk­ti­vi­tät her­vor. Es ist nicht wahr, dass die Sche­re zwi­schen Arm und Reich immer wei­ter auf­geht. In abso­lu­ten Zah­len gerech­net, ist das Gegen­teil der Fall. Dank des Kapi­ta­lis­mus gibt es, trotz stei­gen­der Welt­be­völ­ke­rung, eine abneh­men­de Ten­denz der abso­lu­ten Armut. In rei­che­ren Regio­nen wird, sta­ti­stisch gerech­net, jemand als armuts­ge­fähr­det aus­ge­wie­sen, wenn er weni­ger als 60% des Medi­an­ein­kom­mens erwirt­schaf­tet bzw. erhält. Wem also nicht alle Güter, Dien­ste und Rech­te in die­sem Aus­maß gleich­zei­tig zukom­men, der kann sich rela­tiv arm füh­len, obwohl sei­ne Posi­ti­on durch­aus nicht unbe­hag­lich oder gar leid­voll (son­dern eher neid­voll) erach­tet wer­den muss.

Einen „Anti­ka­pi­ta­lis­mus“ kön­nen sich daher nur wirt­schaft­lich Unge­bil­de­te lei­sten, da eine kapi­tal­star­ke Wirt­schaft als sol­che in abso­lu­ten und rela­ti­ven Zah­len unge­ahn­te Fort­schrit­te gebracht hat.

Im ideologischen Puzzle passen Kapitalismus und Liberalismus inhaltlich nicht zusammen

Die bei­läu­fi­ge Zuga­be des (Neo-) Libe­ra­lis­mus zum Kapi­ta­lis­mus als Attri­but (Wesens­ei­gen­schaft) scheint ver­rä­te­risch dafür zu sein, dass sich in die all­ge­mei­ne Begriffs­bil­dung eine weit­ver­brei­te­te Kon­fu­si­on ein­ge­schli­chen hat. Sie koin­zi­die­ren nur dar­in, dass sie als Neo­lo­gis­men im XIX. Jahr­hun­dert kon­tem­po­rär ent­stan­den sind.

Thomas Robert Malthus (1766-1834)
Tho­mas Robert Mal­thus (1766–1834)

Der hoch­kom­ple­xe Kapi­tal­be­darf ist eine betriebs­wirt­schaft­li­che Not­wen­dig­keit. Das Fließ­band als sym­bol­träch­ti­ger Inbe­griff der neu­en Fabri­ka­ti­ons­wei­se (im Gegen­satz zur zise­lier­ten, aber lei­der erbärm­lich unpro­duk­ti­ven Manu­fak­tur) ist also weder eine unna­tür­li­che, künst­li­che „Ent­frem­dung“ des Alten und Gedie­ge­nen noch eine „Aus­beu­tung“ des Pro­le­ta­ri­ats. Im Gegen­teil, die Pro­duk­ti­vi­tät des Kapi­ta­lis­mus hob den Lebens­stan­dard der Lohn­ar­bei­ter sehr bald auf ein Niveau, ohne des­sen Früch­te sie im Aus­lauf­mo­dell des Feu­da­lis­mus hät­ten ver­hun­gern müs­sen. Tho­mas Robert Mal­thus war in die­sem wei­ten Sin­ne der erste „grü­ne“ Ideo­lo­ge und Menschen­feind, der die enor­me Lei­stungs­fä­hig­keit der Indu­stri­el­len Revo­lu­ti­on nicht erkann­te. Mar­xens und Engels‘ ein­fäl­ti­ge Pro­phe­zei­un­gen sind gera­de­zu nicht in den fort­schritt­lich­sten Indu­strie­na­tio­nen, son­dern in rück­stän­di­gen Agrar­län­dern wie Russ­land und Chi­na in Erfül­lung gegan­gen. Die letz­ten Ban­ner­trä­ger dafür sind nun­mehr jene Volks- und Befrei­ungs­theo­lo­gen, die eine retro­gra­de 68er Genera­ti­on in Latein­ame­ri­ka (zur Zeit lei­der auch im Vati­kan) hart­näckig über­leb­ten.

Es ist nicht erstaun­lich, dass in der Regel alle Sozia­li­sten voll­keyne­sia­ni­stisch ange­haucht sind. Der argen­ti­ni­sche Ex-Prä­si­dent Néstor Kirch­ner, Bru­no Krei­sky und Öster­reichs neu­ge­backe­ner Bun­des­prä­si­dent Alex­an­der Van den Bel­len sind ein­drucks­vol­le Bei­spie­le dafür. Van den Bel­len bekann­te sich wäh­rend sei­nes Wahl­kamp­fes 2016 im Lin­zer Kep­ler-Saal öffent­lich zu den Irr­leh­ren von Lord May­nard Keynes, die von Fried­rich August von Hayek bereits 1932 ein­drucks­voll wider­legt wur­den.

Wer sich bis heu­te nach allen Infla­ti­ons­schü­ben und der Schul­den­po­li­tik im XX. Jahr­hun­dert nicht schämt zu verkün­den: „Ich bin ein Keyne­sia­ner!“, der hat sich als Wirt­schafts­pro­fes­sor dis­qua­li­fi­ziert. Die mehr als 30 Jah­re lang prak­ti­zier­ten Staats­ausgaben auf Grund­la­ge der Noten­drucke­rei und Staats­ver­schul­dung führ­ten in Argen­ti­ni­en zu einem spek­ta­ku­lä­ren Staats­bank­rott (2002). Aber auch dank der Geld­schwem­me der Euro­päi­schen Zen­tral­bank und der dubio­sen Ret­tungs­schir­me wird es nicht anders kom­men.

 

Friedrich August von Hayek (1899-1992)
Fried­rich August von Hayek (1899–1992)

Die öster­rei­chi­schen Brief­kar­ten­wäh­ler (deren Stim­men mysteriöser­weise immer wie­der über­wie­gend den Grü­nen zugu­te kom­men…) und die fei­ne­ren Künst­ler & Intel­lek­tu­el­len (die es gewohn­heits­mä­ßig schick fin­den links zu wäh­len…) haben noch nichts davon gehört, dass die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der „bösen“ Unter­neh­mer (Kapitalis­ten) bei dün­nen Kapi­tal­an­la­gen und schwin­den­der Kauf­kraft zurück­geht, dass die Arbeits­lo­sig­keit bei Wirt­schafts­feind­lich­keit, Über­sozialisierung und Ver­schwen­dung steigt, etc. etc. Klu­ge Arbei­ter und Bau­er wis­sen das anschei­nend bes­ser ein­zu­schät­zen als die Schicke­ria der Intel­lek­tu­el­len oder jene, die sich dafür hal­ten. Des­halb wan­dern die Arbei­ter mas­sen­wei­se weg aus der SPÖ, und die Land­be­völ­ke­rung weg aus der ÖVP – in Rich­tung FPÖ.

Präzisierung des kontinentalen Liberalismus ist nötig

Der aus Frank­reich ver­strö­men­de Libe­ra­lis­mus – den ich uner­müd­lich als lin­ke „Liber­ti­na­ge“ defi­nie­ren möch­te – ist kei­ne betriebs­wirt­schaft­li­che Ange­le­gen­heit, son­dern das bereits oben erwähn­te Pro­blem der los­ge­lö­sten Ratio­na­li­tät von den guten Sit­ten und den über­lie­fer­ten ethi­schen Wer­ten wäh­rend der fran­zö­si­schen Auf­klä­rung. „Wirt­schaft­li­be­ral“ ist ein sinn­lo­ses Kom­po­si­tum der Jour­na­li­sten­spra­che. Es hat weder zur Glo­rious Revo­lu­ti­on noch zur Indu­stri­el­len Revo­lu­ti­on einen gene­ti­schen Bezug. Die fest ver­brief­ten und minu­ti­ös geleb­ten Spiel­re­geln der „Bill of Rights“, die Insti­tu­tio­nen und das Zere­mo­ni­ell des Staats­we­sens im Ver­ei­nig­ten König­reich sind gerade­zu das Gegen­teil des kon­ti­nen­ta­len Libe­ra­lis­mus. Unter den geord­ne­ten Ver­hält­nis­sen des Com­mon­wealth war die Frei­zü­gig­keit des Han­dels nur eine Facet­te unter vie­len ande­ren wesent­li­che­ren Aspek­ten.

John Maynard Keynes (1883-1946)
John May­nard Keynes (1883–1946)

Ver­nünf­ti­ger­wei­se soll­te ein regel­lo­ser, chao­ti­scher FREIHANDEL (span. „Libre­cam­bis­mo“) – der über­stra­pa­zier­te Refrain aller „Wirt­schafts­li­be­ra­len“ – mit über­le­ge­nen Aus­län­dern im Inland nicht zu einem „TTIP-libe­ra­len“ FREITOD der Klei­nen und Mitt­le­ren Unter­neh­men (KMU), Hand­wer­ker und Bau­ern füh­ren. Wenn die kom­parativen Pro­duk­ti­ons­ko­sten von Gütern, Dien­sten und Rech­ten im Außen­han­del kei­ne ange­mes­se­nen Vor­tei­le indi­zie­ren, die für bei­de Sei­ten (vor allem aber zuhau­se im eige­nen Länd­le, wo das Hemd näher ist als der Rock!) eine wech­sel­sei­ti­ge Win-Win-Situa­ti­on erlau­ben, dann dürf­ten nicht alle Han­dels­schran­ken, Schutz­zöl­le, Kontin­gente radi­kal aus­ge­merzt wer­den. Die KMU ver­die­nen es, erhal­ten zu blei­ben, da sie dem Kun­den eine ande­re Auf­merk­sam­keit, ande­re Dienst­lei­stun­gen und Ser­vice ent­ge­gen­brin­gen als die anony­men Kon­zer­ne. Über­dies sind sie die effi­zi­en­te­sten Kräf­te im Kampf gegen das Übel der Arbeits­lo­sig­keit.

Eine funk­ti­ons­tüch­ti­ge, wert­ge­bun­de­ne, kon­ser­va­ti­ve Markt­wirt­schaft der ordent­li­chen Kauf­leu­te (oder wenn man es so sagen will: Ein gemein­sa­mer Markt der euro­päi­schen Vater­län­der) ist kein Pri­vi­leg der mora­lisch ent­fes­sel­ten Neo­li­be­ra­len. Bereits im grie­chisch-römi­schen Alter­tum, aber auch im blü­hen­den Mit­tel­al­ter und in der ange­hen­den Neu­zeit, vor allem in Ita­li­en, den Nie­der­lan­den, Eng­land, Schwe­den… ja, ent­lang der Mee­re und Strö­me sogar im ent­le­ge­nen Rà­o de la Pla­ta der Spa­ni­schen Kro­ne gab es Moral, Han­del und Han­dels­ver­trä­ge. Gerech­ter­wei­se kam aber der Welt­han­del, dort wo der Schuh drück­te, nie ohne natio­na­le Schutz­zöl­le aus. Auch die Ame­ri­ka­ner prakti­zierten Pro­tek­tio­nis­mus, sooft es ihnen dar­auf ankam.

Die Öff­nung des Hafens von Bue­nos Aires durch das „Reg­la­men­to de libre comercio“ (1778) war der erste bedeu­ten­de Schritt für den Welt­han­del der kom­men­den Jahr­hun­der­te. ((Das König­li­che Patent (1778) von Car­los III. von Spa­ni­en hieß mit vol­lem Namen: Reg­la­men­to y Aran­ce­les Rea­les para el Comercio Libre de Espa­ña a Indias. Dafür wur­den im Mut­ter­land 13 und in den über­see­ischen Kolo­nien 27 Häfen geöff­net.)) Wo die Zivi­li­sa­ti­on zum Durch­bruch kam, dort war dies immer wie­der dank des Natur­rechts und der schiff­ba­ren Gewäs­ser mög­lich gewor­den. Kara­wa­nen in der Saha­ra oder in der Wüste Gobi, quer über den Hima­la­ya im Her­zen Asi­ens, Schlit­ten in Sibi­ri­en oder Schnei­sen in tro­pi­schen Urwäl­dern waren dafür weni­ger prä­de­sti­niert. Argen­ti­ni­scher Wei­zen nähr­te aber bald die Fabrik­arbeiter von Man­che­ster – und die Por­te­ñas fla­nier­ten in den ele­gan­ten Klei­dern der eng­li­schen Tex­til­in­du­strie.

Liberalismus und Sozialdarwinismus

Der histo­ri­sche Libe­ra­lis­mus rea­li­sier­te die Ideen­welt Dar­wins in der Gesell­schaft – oder war der Dar­wi­nis­mus die Über­tra­gung der libe­ra­len Ideen auf die Flo­ra und Fau­na? Das ist eine müßi­ge Fra­ge wie jene, ob das Ei oder die Hen­ne frü­her war. Die rei­ne Erfolgs­ethik als Durch­set­zungs­ver­mö­gen des Fak­ti­schen und Zufäl­li­gen wäre dem­nach der Motor sowohl der bio­lo­gi­schen wie auch der kul­tu­rel­len „Evo­lu­ti­on“.

Als Advo­kat des Libe­ra­lis­mus zieht Mar­tin Rhon­hei­mer ((Hoch­wür­den Mar­tin Rhon­hei­mer ist Nume­rari­er der katho­li­schen Per­so­nal­prä­la­tur Opus Dei, Pro­fes­sor für Ethik und Poli­ti­sche Phi­lo­so­phie an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät San­ta Cro­ce in Rom und Grün­dungs­prä­si­dent des Austri­an Insti­tu­te of Eco­no­mics and Social Phi­lo­so­phy in Wien.)) in einem zwie­späl­ti­gen Gast­bei­trag „Wel­che Wirt­schaft tötet?“ die Sinn­haf­tig­keit von Selbst­schutz­maß­nah­men als eine Rein­kul­tur

„von Rent-See­king und Ver­tei­lungs­kämp­fen um den staat­li­chen Kuchen –
unter Ver­nach­läs­si­gung, ja Bestra­fung der pro­duk­ti­ven, unter­neh­me­ri­schen Kräf­te“

in Zwei­fel. Rhon­hei­mer sieht in den Selbst­schutz­stra­te­gien der jun­gen, auf­stre­ben­den Schwel­len­län­der – insbeson­dere im „Des­ar­rollis­mo“ ((Aus dem Spa­ni­schen sinn­ge­mäß über­setzt, bedeu­te­te „Des­ar­rollis­mo“ in den 50er Jah­ren ein wirt­schafts­po­li­ti­sches Entwick­lungspostulat durch Import­substitutions­politik, die ins­be­son­de­re Raùl Pre­bisch (1901–1986), dem ehe­ma­li­gen Gene­ral­di­rek­tor der Argen­ti­ni­schen Zen­tral­bank (1935) zuge­schrie­ben wird. Im Zeit­raum von 1923–1948 war er Pro­fes­sor an der Fakul­tät für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät von Bue­nos Aires. Er ging ins chi­le­ni­sche Exil, da er sich dem Gene­ral Juan Dom­in­go Perón wider­setz­te. Als Alt-Keyne­sia­ner von einem schnell wach­sen­den, links­la­sti­gen Neo-Des­ar­rollis­mo ange­tan, war er spä­ter Direk­tor bzw. General­sekretär (1949–1969) der United Nati­ons Con­fe­rence on Tra­de and Deve­lo­p­ment. Im hohen Alter, zwei Jah­re vor sei­nem Able­ben kehr­te er nach Argen­ti­ni­en zurück (1984), um die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Regie­rung von Raùl Alfon­sìn (1983–1989) zu bera­ten. Alfonsà­n schei­ter­te im wirt­schaft­li­chen Cha­os einer spek­ta­ku­lä­ren Infla­ti­on, die monat­lich zuletzt bis zu 30% erreich­te.)) des Argen­ti­ni­ers Raùl Pre­bisch, – nur unnüt­ze Anstren­gun­gen kor­rup­ter Poli­ti­ker. Er über­sieht dabei die destruk­ti­ve Über­macht der Stär­ke­ren aus dem hoch­ent­wickel­ten Aus­land in den Pro­zes­sen der soge­nann­ten „Schöp­fe­ri­schen Zer­stö­rung“ (Joseph Schum­pe­ter), die an den Kra­gen unge­zähl­ter Fami­li­en und auf­stre­ben­der jun­ger Betrie­be gehen kön­nen.

So ein­fach ver­lie­fen jedoch die Sachen in Theo­rie und Pra­xis nicht. Eine rea­li­täts­ge­rech­te Dar­stel­lung müss­te zei­gen, dass Pre­bischs Tenor, wonach der Kapi­ta­lis­mus am Ran­de der Welt die Armen aus der Ent­wick­lung aus­schließt und Kon­flik­te schürt…, ein unwis­sen­schaft­li­cher ideo­lo­gi­scher Stand­punkt ist. Ande­rer­seits wäre gegen Rhon­hei­mers Dik­tum des Rent-Seeking’s fest­zu­hal­ten, dass Pre­bischs Anknüp­fun­gen an die Prei­sela­sti­zi­tät der Nach­fra­ge und an die schwin­den­de Ein­kom­men­sela­sti­zi­tät der infe­rio­ren Güter doch nicht aus der Luft gegrif­fen waren. Pre­bisch und Rhon­hei­mer spren­gen aber bei­de, weil sie all­zu aka­de­misch sind, den Rah­men mei­nes vor­lie­gen­den Auf­sat­zes. In einem ande­ren Her­an­ge­hen an die­ses Kern­pro­blem wer­den wir viel­leicht eine Lösung nach­ho­len, um zu erfor­schen: „Wel­che Wirt­schaft tötet?“ wirk­lich, nicht nur ver­bal, son­dern in der Tat.

Vor­erst stel­len wir jedoch fest, dass die tota­le Ent­fes­se­lung aller mora­li­schen und kom­mer­zi­el­len Hem­mun­gen nach der Ein­schät­zung der tra­di­tio­nel­len katho­li­schen Leh­re immer schon eine Tod­sün­de war. Die Schuld dar­an kann nur dem Libe­ra­lis­mus, nicht der tech­nisch-kapi­ta­li­sti­schen Pro­duk­ti­ons­tech­nik ange­la­stet wer­den. Pre­bisch wür­de für mei­ne vor­läu­fi­ge Fest­stel­lung viel­leicht applau­die­ren, und Rhon­hei­mer könn­te schwer dage­gen oppo­nie­ren. Es ist eine wahr­haft könig­li­che Funk­ti­on noblen Under­state­ments klug und gerecht, maß­voll und tap­fer gegen die nack­te MACHTGIER & HABGIER ein­zu­wir­ken. Im Bereich von Wirt­schaft, Poli­tik und Recht soll­te jeder „pro­gres­si­ve“ Umbruch – ich mei­ne jede in der Tat fort­schritt­li­che und nicht bloß hin­ter­häl­ti­ge Schlau­meie­rei, – gra­du­ell und nicht über­stürzt zuge­las­sen wer­den, damit Fehl­in­ve­sti­tio­nen recht­zei­tig ver­mie­den und Anpas­sungs­pro­zes­se tun­lichst schmerz­los ein­ge­lei­tet wer­den kön­nen. Es geht nicht an, jede zeit- und orts­be­grün­de­te restrik­ti­ve Wirt­schafts­po­li­tik als kor­rupt hin­zu­stel­len, damit für die berüch­tig­te „Unsicht­ba­re Hand“ Adam Smit­hs freie Bahn geschaf­fen wird. Selbst ein gro­ßer kon­ser­va­ti­ver Geist wie F. A. von Hayek tapp­te zeit­le­bens in die libe­ra­len Fal­len der „Spon­ta­nen Ord­nun­gen“, die zufalls­be­dingt aus dem Nichts ent­ste­hen und die Welt nach dar­wi­ni­sti­schen Mustern regie­ren soll­ten. Der Zufall als Selek­ti­ons- und Ent­wick­lungs­grund ist mei­net­we­gen für Bak­te­ri­en oder Dino­sau­ri­er zuläs­sig, aber nicht für zivi­li­sier­te Gemein­schaf­ten.

Der Unter­gang der KMU in der Wirt­schaft, unge­rech­te Ent­loh­nung der Arbei­ter, Zer­set­zung der Fami­li­en­mo­ral, Miss­ach­tung der öffent­li­chen Ord­nung, eine dem Tra­di­ti­ons­prin­zip wider­stre­ben­de, „libe­ra­le“ (will­kür­li­che) Theo­lo­gie u. a. m. sind die übel­sten Mis­se­ta­ten des Libe­ra­lis­mus. Histo­risch ist das Wort der­ma­ßen bela­stet, dass es gera­de­zu einem Syn­onym der Apost­asie gleich­kommt. Es ist strikt unmög­lich die­sen Begriff und sei­ne Konnotatio­nen für den Segen der Katho­li­schen Kir­che zu beschö­ni­gen oder umzu­deu­ten.

Besonnenheit der Lehrschrift „Centesimus annus“ (1991)

Johan­nes Paul II. – reich­lich spät für die Kir­che, aber doch defi­ni­tiv – aner­kann­te dage­gen, dass „Kapi­ta­lis­mus & Markt­wirt­schaft“ an und für sich als zeit­ge­mä­ße Pro­duk­ti­ons- und Ver­tei­lungs­mo­di in Ver­bin­dung mit den tra­di­tio­nel­len Wer­ten und Tugen­den als mora­lisch ein­wand­frei zu betrach­ten sind. Für die per­sön­li­che Weiter­bildung des Wis­sens und Gewis­sens der Poli­ti­ker & Unter­neh­mer, Arbei­ter & Ange­stell­ten, Anbie­ter & Kon­sumenten gibt es natür­lich einen enor­men Hand­lungs­be­darf, damit die ideo­lo­gie­frei­en Grund­po­si­tio­nen eine brei­te­re Ver­brei­tung fin­den mögen.

Das Gute auf die­sem kom­ple­xen Gebiet, wie über­all, kann nicht von einem „Wahr­heits­mi­ni­ste­ri­um“ im Zen­tra­len Super­staat der Büro­kra­ten geplant und ver­ord­net, son­dern muss in sub­si­diä­ren Ein­hei­ten erkannt, sorg­fäl­tig erwo­gen und ange­eig­net wer­den. Ein hoff­nungs­lo­ses Unter­fan­gen? Viel­leicht doch nicht, denn das Unklu­ge und Unge­rech­te, das Maß­lo­se und Fei­ge lie­gen hau­fen­wei­se an jeder Stra­ßen­ecke her­um. Eine höhe­re Fre­quenz von Volks­befragungen wäre der ein­zi­ge effi­zi­en­te Weg für die Ent­lar­vung öffent­li­cher Miss-Stän­de. Die Nutz­nie­ßer der ver­lo­ge­nen reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie, die hin­ter Pol­ster­tü­ren der Gre­mi­en und Par­tei­en schal­ten und wal­ten kön­nen, was sie wol­len, fürch­ten die „Vox popu­li – vox Dei“ wie der Teu­fel das Weih­was­ser. Daher wäre ein­zig und allein die viel­ge­schmäh­te, über­schau­ba­re „Klein­staa­te­rei“ der Euro­päi­schen Vater­län­der mit direk­ter Demo­kratie wie sie in der Schwei­zer Eid­ge­nos­sen­schaft üblich ist, der ein­zi­ge Aus­weg aus der „Neo­syn­di­ka­li­sti­schen Mei­nungs­dik­ta­tur“ ((Chri­sti­an Zeitz ist Wis­sen­schaft­li­cher Direk­tor des Insti­tuts für Ange­wand­te Poli­ti­sche Öko­no­mie. Die Erst­fas­sung sei­nes Auf­sat­zes erschien in Andre­as Unter­ber­gers Tage­buch)), die in den star­ren Insti­tu­tio­nen der EUdSSR immer höhe­re Sturm­bö­en der Unzu­frie­den­heit schlägt.

Die stets mög­li­che Gier beschränkt sich nicht allein auf den Kreis der Wirt­schafts­trei­ben­den, wenn auch die­se aus­ge­präg­te Unfrei­heit auf die­sem Gebiet kei­ne Sel­ten­heit ist. In die­sem Sin­ne gab es „liber­tär“ ent­fes­sel­te Des­po­ten bereits im alten Rom, Athen und Spar­ta auf allen Sek­to­ren des Lebens, zu allen Zei­ten der Haus- und Hof­wirt­schaft, im Feu­da­lis­mus eben­so wie in der klas­si­schen Markt­wirt­schaft seit aber­tau­send Jah­ren.

Wer liefert die Fundamente einer umfassenden Erneuerung?

Nach allen Indi­zi­en aus letz­ter Zeit scheint es sicher zu sein, dass uns nur eine Rück­be­sin­nung auf die grie­chisch-römi­sche Katho­li­zi­tät des Abend­lan­des noch ein­mal erret­ten könn­te, wenn wir inzwi­schen vom Islam nicht weg­gefegt wer­den.

Fas­sen wir zusam­men. Im Zuge der letz­ten drei Jahr­hun­der­te bil­de­ten sich drei ver­wir­ren­de Dicho­to­mien aus. Eine Viel­zahl ver­schie­den­ster Enti­tä­ten mit unge­zähl­ten, schil­lern­den Facet­ten waren die Lie­fe­ran­ten dafür:

1. KAPITALISMUS ver­sus KREISLAUFWIRTSCHAFT

Kapi­ta­lis­mus ist die indu­stria­li­sier­te, tech­nisch hoch­ent­wickel­te Pro­duk­ti­ons­wei­se im Gegen­satz zur vorkapitalisti­schen, vor­in­du­stri­el­len Haus- und Hof­wirt­schaft, wobei der erste der drei ele­men­ta­ren Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren domi­nant gewor­den ist:

  • Güter (Kapi­tal),
  • Dien­ste (phy­si­sche und gei­sti­ge Arbeit) und
  • Rech­te (kodi­fi­zier­te und sank­tio­nier­te Moral).

2. MARKTWIRTSCHAFT ver­sus PLAN- bzw. BEFEHLSWIRTSCHAFT

Eine flot­te, kon­ser­va­ti­ve Markt­wirt­schaft steht mit Pri­vat­ei­gen­tum, Pri­vat­in­itia­ti­ve, Pri­vat­ver­fü­gung dem schwer­fälligen Staats­ka­pi­ta­lis­mus gegen­über, der

  • mit exklu­si­vem (oder über­wie­gen­dem) Staats­ei­gen­tum;
  • mit exklu­siv (oder über­wie­gend) poli­ti­scher und büro­kra­ti­scher Initia­ti­ve;
  • mit exklu­si­ver (oder über­wie­gen­der) „sozia­ler“ Staats­ver­sor­gung

nur blei­er­ne Füße hat.

Nur in unkünd­ba­ren, tief in der See­le ver­wur­zel­ten „Gemein­schaf­ten“ (Com­mu­nio) der Fami­lie, Nati­on, Kir­che kann die Voll­ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit auf Treu und Glau­ben eine Gewähr, einen festen Grund und Boden, sowie die Erfül­lung des Lebens fin­den. In losen „Gesell­schaf­ten“ (Socie­tas, Socia­lis­mus, Socia­le Demo­kra­tie) kön­nen sich die Vor­zü­ge des „Civis roma­nus“ kei­nes­wegs ent­fal­ten. Zwi­schen „Com­mu­nio & Socie­tas“ besteht eine onto­lo­gi­sche Dif­fe­renz.

Die abge­dro­sche­nen Flos­keln der „frei­en“ oder der „sozia­len“ Markt­wirt­schaft, der „erbar­mungs­lo­sen“ oder der rück­grat­lo­sen „sozia­len“ Gerech­tig­keit sind gleich­wer­ti­ge Kon­tra­dik­tio­nen in Adjec­to! Sub spe­cie aeter­ni­ta­tis wer­den nur „Bür­ger“ (Voll­per­so­nen) eigen­ver­ant­wort­lich vor dem Jüng­sten Gericht bestehen kön­nen, nicht kol­lek­ti­ve „Gesell­schaf­ten, Ver­ei­ne und Par­tei­en“.

Eine „libe­ra­le “ (d. h. auf gut Deutsch eine gewis­sen- und ver­ant­wor­tungs­lo­se, moral­freie) Markt­wirt­schaft und die fixe Idee des schran­ken­lo­sen „Frei­han­dels“ als Pana­zee sind eben­falls bewuss­te Irre­füh­run­gen der öffent­li­chen Mei­nung. Der spek­ta­ku­lä­re Zusam­men­bruch der argen­ti­ni­schen Wirt­schaft war nicht nur die Kon­se­quenz einer dilet­tan­ti­schen Wirt­schafts­po­li­tik der soge­nann­ten „Sozia­len Gerech­tig­keit“ im Chor­ge­sang der Kir­che mit dem Pero­nis­mus, son­dern vor allem eine all­ge­mei­ne Moral­kri­se von den halb­feu­da­len Kräf­ten ange­fan­gen, über den büro­kra­ti­schen Staat bis zu allen Insti­tu­tio­nen der Öffent­lich­keit.

Argen­ti­ni­ens exem­pla­ri­sche Tra­gö­die war nicht nur dem Unver­mö­gen des Pero­nis­mus, son­dern eben­so den rezen­ten Regie­run­gen des Sozi­al­de­mo­kra­ten Raùl Alfon­sìn (1983–1989) und des Neo­li­be­ra­len Car­los Saùl Menem (1990–2000) sowie den unrühm­li­chen Volks- und Befrei­ungs­theo­lo­gen zuzu­schrei­ben. Die links­lin­ken Auto­kra­ten Néstor und Cri­sti­na Kirch­ner (2003–2015) waren die letz­ten Mas­se­ver­wal­ter des Ruins. Die gei­stes­ge­schicht­li­chen Ante­ze­den­zi­en dazu kön­nen bei Fried­rich August von Hayek nach­ge­le­sen wer­den: „Miss­brauch und Ver­fall der Ver­nunft“ (1959, 21979). Von Hayek war – nach eige­ner Aus­sa­ge – ein „Old Whig Boy“, des­sen kon­ser­va­ti­ve Kern­aus­sa­gen über­zeu­gen­der sind als die unlös­ba­ren Apo­rien des Libe­ra­lis­mus. Der „Ordo-Libe­ra­lis­mus“ der Frei­bur­ger Schu­le war eo ipso ein so ekla­tan­ter Wider­spruch wie eine ver­meint­li­che „ordent­li­che Unord­nung…“ wo auch immer.

Eine unfreie Markt- und Tausch­wirt­schaft gibt es nicht. Die bür­ger­li­chen Frei­hei­ten der Unter­neh­mer und Kauf­leu­te brau­chen daher nicht pau­sen­los dekla­miert zu wer­den. Unter Bedin­gun­gen der Unfrei­heit ent­steht unwei­ger­lich ein „frei­er“ Schwarz­markt. Ein unfrei­er Han­del wäre eben­falls ein Wider­spruch, wenn näm­lich der Besitz­wech­sel unter unfrei­en Bedin­gun­gen statt­fin­det, dann ist er nicht mehr Han­del und Tausch, son­dern „Abga­be, Ablie­fe­rung, Raub“ (Zum Bei­spiel: Finanz­ab­ga­be, Ent­eig­nung, etc). Unfreie Unter­neh­mer sind sol­che, die im para­ly­sier­ten Sta­tus gera­de­zu nichts unter­neh­men kön­nen.

3. KATHOLIZISMUS ver­sus LIBERALISMUS

Nach älte­ster Tra­di­ti­on im Ein­klang mit der Leh­re des hl. Pau­lus ((Cf. Gala­ter­brief (2,11): „Als dann … trat ich [Petrus] Auge in Auge ent­ge­gen, weil er im Unrecht war.“)) ist die Frei­heit jeder voll­jäh­ri­gen, ver­nünf­ti­gen Per­son das „Prae­stan­tis­si­mum donum“ schlecht­hin. In sei­nem Lehr­schrei­ben (1888) bekräf­tig­te Papst Leo XIII. unzwei­deu­tig:

„Die Frei­heit ist die vor­züg­lich­ste Gabe unter den natür­li­chen Gütern“.

Des­halb zählt das Argu­ment von Erik von Kuehnelt-Led­dihn nicht, wonach die Kon­ser­va­ti­ven eigent­lich nur ver­kapp­te „Libe­ra­le“ wären, denn bei nähe­rem Zuse­hen hat der histo­ri­sche Libe­ra­lis­mus mit den wohl­ver­stan­de­nen Frei­hei­ten herz­lich wenig zu tun.

Der Libe­ra­lis­mus ist ein Eti­ket­ten­schwin­del, der gera­de­zu auf Unfrei­hei­ten (Liber­ti­na­ge) beruht, der von Anfang an gegen die Eine, Hei­li­ge, Katho­li­sche Kir­che gerich­tet war – egal, ob wäh­rend oder nach dem Eng­li­schen Bür­ger­krieg, wäh­rend oder nach der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on oder im Deut­schen Kul­tur­kampf. Seit König Hen­ry VIII. (1509–1547) bis heu­te, wo auch immer eine anti­kle­ri­ka­le Bewe­gung des Libe­ra­lis­mus aus­ge­bro­chen ist, ist sie mit ihren näch­sten Schrit­ten in der Gos­se der Immo­ra­li­tät ver­kom­men. So sind vie­le Angli­ka­ner, Luthe­ra­ner, Cal­vi­ni­sten mei­stens bereit­wil­lig „libe­ral“ gewor­den. Heu­te ist der Libe­ra­lis­mus sogar ins Herz und den Schoß der Katho­li­schen Kir­che ein­ge­drun­gen.

Unter Patro­nanz der Frei­mau­re­rei wur­de die Wort­fa­mi­lie „Libe­ra­lis­mus, libe­ral“ vom Links­li­be­ra­lis­mus mit allen Nuan­cen in Beschlag genom­men.

Wer noch ein wenig LATEIN gelernt hat, der weiß, dass die Her­kunft der Wort­fa­mi­lie „Liber, Liber­tas, Libe­ra­li­tas“ im Alter­tum bis zum Herbst des Mit­tel­al­ters eine leuch­ten­de Sinn­fül­le reprä­sen­tier­te: näm­lich Frei­heit, Edel­mut und Groß­zü­gig­keit, die frü­her ein­mal die Cha­rak­ter­zü­ge und der Stolz eines Römi­schen Bür­gers waren.

Wer noch ein wenig GESCHICHTE gelernt hat, der weiß auch, dass die­se Sinn­fül­le wäh­rend der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on (1789–1799), im Keim­zu­stand aber bereits vor­her in der Pro­te­stan­ti­schen, und schließ­lich in der Pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on des fin­ste­ren XX. Jahr­hun­derts defi­ni­tiv ver­nich­tet wor­den ist.

Alle liber­tä­ren Bewe­gun­gen des XIX. Jahr­hun­derts (z.B. Gene­ral Josef Bem in Polen für Napo­le­on, danach in Ungarn gegen Öster­reich, schließ­lich als kon­ver­tier­ter Musel­mann zu Dien­sten des tür­ki­schen Sul­tans; oder der unga­ri­sche „Frei­heits­kämp­fer“ Lajos Koss­uth 1848/49) unter Ägi­de der „Libe­ra­len Frei­mau­re­rei“ dien­ten der Aus­höh­lung der abend­län­disch-katho­li­schen Über­lie­fe­rung, und bekämpf­ten ins­be­son­de­re den sou­ve­rä­nen Päpst­li­chen Kir­chen­staat und das katho­li­sche Öster­reich.

Papst Benedikt XV.
Papst Bene­dikt XV.

Die Pari­ser Vor­ort­ver­trä­ge (1919 / 20)

  • von Ver­sailles mit dem Deut­schen Reich,
  • von Saint-Ger­main mit Deutsch­öster­reich,
  • von Neuil­ly-Sur-Sei­ne mit Bul­ga­ri­en,
  • von Tria­non mit Ungarn,
  • von Sà¨vres mit dem Osma­ni­schen Reich

prä­sen­tier­ten die End­ab­rech­nung der Frei­mau­re­rei und den Dolch­stoß für uns. Papst Bene­dikt XV. (1914–1922) for­der­te Gerech­tig­keit für die Besieg­ten. In sei­ner Enzy­kli­ka „Pacem Dei munus“ (1920) bezeich­ne­te er die Frie­dens­ver­trä­ge als „rach­süch­ti­ges Dik­tat“. Frei­lich, sei­ne Wor­te waren ver­geb­lich!

„Liber­té, Éga­li­té, Fra­ter­ni­té“ sind heu­te – lei­der Got­tes – Syn­ony­me von Links­li­be­ra­lis­mus, Hedo­nis­mus und Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit. Ein Libe­ra­ler, d. h. Frei­den­ker zu sein, heißt heu­te klar und deut­lich, frei von über­lie­fer­ten Wer­ten und Tugen­den zu han­deln. Das Rin­gen des Guten mit dem Bösen sind zwei grund­ver­schie­de­ne Wel­ten: Ein­mal muss man aber – spä­te­stens am Ende des Lebens – Far­be beken­nen und die Gei­ster unter­schei­den. Der kom­pro­miss­lo­se Schutz des wer­den­den Lebens, der wohl­ver­stan­de­ne Schutz des gei­sti­gen und mate­ri­el­len Eigen­tums der Fami­lie, der Betrie­be und des Vater­lan­des gehö­ren dazu.

*End­re A. Bár­d­os­sy war o. Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor in San Sal­va­dor de Jujuy, Argen­ti­ni­en, für Land­wirt­schaft­li­che Betriebswirtschafts­lehre und Lei­ter eines Semi­na­rio de Apli­cación Inter­di­sci­pli­na­ria im Depar­ta­men­to de Cien­ci­as Socio-Econó­mi­cas an der Uni­ver­sidad Nacio­nal de Cuyo, Men­do­za. Die vor­lie­gen­de, leicht erwei­ter­te Arbeit erschien erst­ma­lig am 30. Mai bei Katholischofs.info.

Bil­der: Wiki­com­mons