Älteste Marienikone Nubiens entdeckt — Die lange christliche Geschichte des Sudan

Mutter Anna, Fresko aus dem 9. Jahrhundert aus der Bischofskirche von Farsa (Nubien)
Mutter Anna, Fresko aus dem 9. Jahrhundert aus der Bischofskirche von Faras (Nubien), seit ca. 1970 vom Nubia-See überflutet

(Kar­thum) Eine Gra­bungs­ex­pe­di­ti­on pol­ni­scher Archäo­lo­gen der Uni­ver­si­tät War­schau ent­deck­te den größ­ten christ­li­chen Fres­ken­zy­klus im Sudan aus vor­is­la­mi­scher Zeit. Wer an den Sudan denkt, denkt an ein isla­mi­sches Land, den Mah­di-Auf­stand und die blu­ti­ge Ver­fol­gung der Chri­sten im Süden des Sudans, der 2011 zum Schutz der Chri­sten die Unab­hän­gig­keit erlang­te. Wenig bekannt ist die lan­ge christ­li­che Geschich­te des alten Nubi­ens, die von der Anti­ke bis ins 16. Jahr­hun­dert dau­er­te.

Ent­deckt wur­den die Fres­ken in der St.-Raphaels-Kirche, die wahr­schein­lich Teil des Königs­pa­la­stes von Alt Don­go­la im nörd­li­chen Sudan war. Die Kir­che befin­det sich direkt neben den Rui­nen eines mit­tel­al­ter­li­chen Pala­stes. Die Kunst­hi­sto­ri­ker datie­ren die Fres­ken in das 8./9. Jahr­hun­dert.

Der christliche vorislamische Sudan

Don­go­la war die Haupt­stadt von Maku­ri­en, eines christ­li­chen Rei­ches in Nubi­en, das vom 6.–14. Jahr­hun­dert das Gebiet zwi­schen dem 1. und dem 5. Nil­ka­ta­rakt beherrsch­te. Im 6. Jahr­hun­dert war die Chri­stia­ni­sie­rung Maku­ri­ens voll­zo­gen, was für 568 belegt ist. Sie war durch Mis­sio­na­re aus dem Byzan­ti­ni­schen Reich begon­nen wor­den, erfolg­te dann aber durch das kop­ti­sche Chri­sten­tum Ägyp­tens.

St. Raphaels-Kirche von Dongola
St.-Raphaels-Kirche von Don­go­la

640 wur­de Ägyp­ten von den isla­misch gewor­de­nen Ara­bern erobert. Bereits 642 mar­schier­te ein isla­mi­sches Heer gegen Nubi­en. Dem christ­li­chen Maku­ri­en gelang es jedoch, den Angriff sieg­reich abzu­weh­ren. Auch in den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten konn­ten wie­der­hol­te mus­li­mi­sche Feld­zü­ge zurück­ge­schla­gen wer­den.

Es folg­te die Blü­te­zeit des König­rei­ches, in der gro­ße Kir­chen errich­tet und mit präch­ti­gen, far­ben­fro­hen Fres­ken aus­ge­stat­tet wur­den. Eben­so ent­stan­den zahl­rei­che Klö­ster. Maku­ri­en konn­te sich zwar mit dem isla­mi­schen Groß­reich der Umay­ya­den nicht mes­sen, den­noch war es stark genug, am Ende der Ummay­ya­den-Zeit, nach 748, einen Ein­marsch in Ägyp­ten zu wagen.

Der Grund dafür war die Ver­haf­tung des kop­ti­schen Patri­ar­chen Micha­el I. von Alex­an­dria durch die isla­mi­schen Macht­ha­ber. Die­ser war auch Ober­haupt der nubi­schen Chri­sten. Er allein konn­te Bischö­fe ein­set­zen, was sei­ne Bedeu­tung für die Kir­che in Nubi­en erklärt. Die christ­li­chen Nubi­er rück­ten unter ihrem König Kyria­kos bis Kai­ro vor und erzwan­gen die Frei­las­sung des Patri­ar­chen. Danach zogen sie sich wie­der aus Ägyp­ten zurück. Der Vor­stoß war begün­stigt durch inter­ne Macht­kämp­fe der isla­mi­schen Herr­scher und durch den Umstand, daß die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit Ägyp­tens damals noch christ­lich war.

Älteste Darstellung eines makurischen Königs

Die dem Erz­engel Rapha­el geweih­te Kir­che in Don­go­la war 2006 ent­deckt wor­den. Erst nach der Über­da­chung der gesam­ten Kir­chen­an­la­ge konn­te 2015 mit wei­ter­füh­ren­den Aus­gra­bun­gen begon­nen wer­den.

Die dabei ent­deck­ten Fres­ken zei­gen Erz­engel, Engel, Prie­ster und Hei­li­ge des Nubi­er­rei­ches. Ursprüng­lich war jede Figur durch eine Inschrift mit dem Namen und der Bedeu­tung der dar­ge­stell­ten Figur ver­se­hen. Pro­fes­sor Wlod­zi­mierz God­lew­ski, der Lei­ter des Archäo­lo­gi­schen Insti­tuts der Uni­ver­si­tät War­schau und Gra­bungs­lei­ter, ver­weist vor allem auf eine Inschrift an der Mau­er des Bap­ti­ste­ri­ums der Kir­che.

Die St.-Raphaels-Kirche von Don­go­la wur­de von König Joan­nes errich­tet, von dem man bis­her kaum etwas wuß­te. Die Inschrift berich­tet von einem Tref­fen der Bischö­fe Maku­ri­ens, an deren Spit­ze der Erz­bi­schof von Don­go­la stand. Das Tref­fen fand in Anwe­sen­heit des Königs in der Kir­che statt.  Die Inschrift gibt detail­lier­te Aus­kunft über die kir­chen­recht­li­che Ein­tei­lung des König­reichs. An der Ver­samm­lung nahm auch der Bischof von Faras teil. Dort hat­ten pol­ni­sche Archäo­lo­gen bereits vor eini­gen Jah­ren eine Kir­che mit rei­chem Fres­ken­schmuck ent­deckt. Eini­ge Tei­le davon befin­den sich heu­te im Natio­nal­mu­se­um von War­schau.

Älteste Marienikone Nubiens entdeckt

Mariendarstellung "Geburt Jesu", Kathedrale von Faras
Mari­en­dar­stel­lung „Geburt Jesu“, Kathe­dra­le von Faras

Die pol­ni­schen Archäo­lo­gen ent­deck­ten in St. Rapha­el auch die älte­ste bis­her bekann­te Dar­stel­lung eines maku­ri­schen Königs in einer Kir­che. Das Fres­ko befin­det sich in der Apsis der Kir­che. Die nubi­schen Fres­ken wei­sen einen star­ken byzan­ti­nisch-kop­ti­schen Ein­fluß auf. Die Künst­ler benütz­ten kost­spie­li­ge Pig­men­te, dar­un­ter Lapis­la­zu­li.

Unter ande­rem wur­de ein Ambo aus Gra­nit­blöcken gefun­den, die aus einem ägyp­ti­schen Tem­pel der Pha­rao­nen­zeit stam­men. Auf ihnen sind noch deut­lich Hie­ro­gly­phen zu erken­nen.

Auf­se­hen­er­re­gen­der ist die Auf­fin­dung eines Frag­ments einer auf Holz gemal­ten Iko­ne. Es han­delt sich um den ersten Fund die­ser Art im Sudan. Die Iko­ne ist beid­sei­tig bemalt. Auf einer Sei­te zeigt sie eine Dar­stel­lung der Got­tes­mut­ter Maria und einen Gebets­text. Auf der ande­ren Sei­te ist ein loka­ler Herr­scher abge­bil­det. Die Iko­ne stammt aus dem 8./9. Jahr­hun­dert, der „gol­de­nen Zeit“ Maku­ri­ens.

Unter den Mame­lucken, die seit 1250 Ägyp­ten beherrsch­ten, ver­stärk­te sich der isla­mi­sche Druck auf das christ­li­che Nubi­en. Mit­te des 14. Jahr­hun­derts scheint Maku­ri­en unter die­sem Druck zusam­men­ge­bro­chen zu sein. Um 1366 wur­de die Haupt­stadt Don­go­la auf­ge­ge­ben.

Als letz­te christ­li­che Pro­vinz in Nubi­en konn­te sich die Herr­schaft Dota­wo hal­ten, wahr­schein­lich bis zum tür­ki­schen Vor­drin­gen Mit­te des 16. Jahr­hun­derts.

Lite­ra­tur zum Chri­sten­tum in Nubi­en, den christ­li­chen nubi­schen Staa­ten vom 6.–14. Jahr­hun­dert und Nubi­en all­ge­mein:

  • Sieg­fried Rich­ter: Stu­di­en zur Chri­stia­ni­sie­rung Nubi­ens, Rei­chert Ver­lag, Wies­ba­den 2003
  • Roland Wer­ner: Das Chri­sten­tum in Nubi­en. Geschich­te und Gestalt einer afri­ka­ni­schen Kir­che, zugl. Univ. Diss., Mar­burg 2011, Lit Ver­lag, Ber­lin 2013
  • Peter Hubai: Kop­ti­sche Apo­kry­phen aus Nubi­en. Der Kasr el-Wizz Kodex, De Gruy­ter, 2009
  • Stef­fen Wenig/Karola Zibe­li­us-Chen (Hrsg.): Die Kul­tu­ren Nubi­ens, Röll Ver­lag, 2013
  • Johann Lud­wig Burck­hardt: Ent­deckun­gen in Nubi­en. Der erste euro­päi­sche For­schungs­rei­sen­de am Ober­lauf des Nils 1813–1814, Ver­lags­haus Römer­weg, 2013
  • Horst Beinlich/Jochen Hall­of (Hrsg.): Die Pho­tos der Preu­ßi­schen Expe­di­ti­on 1908–1910 nach Nubi­en, Röll Ver­lag, 2015

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Text: Giu­sep­pe Nar­di
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