Papst Franziskus verweist zu „Amoris laetitia“ auf Kardinal Schönborn — Was sagte Schönborn am 8. April wörtlich?

(Rom) Kein kirch­li­ches Doku­ment ist der­zeit umstrit­te­ner als Amo­ris lae­ti­tia. Nie herrsch­te eine sol­che Ver­wir­rung über die Aus­le­gung eines päpst­li­chen Doku­ments. Auf der einen Sei­te ste­hen welt­li­che Mas­sen­me­di­en, die einen per­ma­nen­ten Druck zugun­sten einer „pro­gres­si­ven Wei­chen­stel­lung“ (Baye­ri­scher Rund­funk, 8. April 2016) erzeu­gen. Auf der ande­ren Sei­te gibt es pro­gres­si­ve Krei­se in der katho­li­schen Kir­che, die die­sem Druck ger­ne nach­ge­ben möch­ten.

Glau­bens­prä­fekt Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler ver­such­te Ord­nung und Klar­heit in das Durch­ein­an­der zu brin­gen, zuletzt am 4. Mai mit einer Lec­tio magi­stra­lis zu Amo­ris lae­ti­tia im spa­ni­schen Ovie­do. Papst Fran­zis­kus igno­riert jedoch den Glau­bens­wäch­ter der Kir­che und ver­weist statt­des­sen auf den Wie­ner Erz­bi­schof. Des­sen Vor­stel­lung von Amo­ris lae­ti­tia am 8. April in Rom sei die authen­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on.

Was aber genau sag­te Schön­born in Rom? Die voll­stän­di­ge, wört­li­che Nie­der­schrift der Schön­born-Prä­sen­ta­ti­on und der anschlie­ßen­den Ant­wor­ten auf die Jour­na­li­sten­fra­gen.

Interpretations-Chaos

Papst Fran­zis­kus über­trug Kar­di­nal Chri­stoph Schön­born die Auf­ga­be, das nach­syn­oda­le Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia am 8. April in Rom der Welt­öf­fent­lich­keit vor­zu­stel­len. Der Kar­di­nal hat­te in den letz­ten Syn­oden­ta­gen wesent­lich dazu bei­getra­gen, daß es nicht zu einem Bruch gekom­men ist. Das nach­syn­oda­le Schrei­ben gehört zu den umstrit­ten­sten Doku­men­ten der jün­ge­ren Kir­chen­ge­schich­te. Es hat zwar laut aus­drück­li­cher Erklä­rung des Pap­stes kei­nen ver­bind­li­chen Cha­rak­ter. Jener Teil der Kir­che, der eine Ände­rung der Sakra­men­ten­ord­nung anstrebt, unter ande­rem durch die Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner zur Kom­mu­ni­on, beruft sich jedoch auf Amo­ris lae­ti­tia und hat bereits mit der Umset­zung der Ände­run­gen in der Pra­xis begon­nen. Sel­ten herrsch­te eine sol­che Inter­pre­ta­ti­ons­viel­falt und ent­spre­chen­de Ver­wir­rung unter Katho­li­ken wie über die­ses Doku­ment.

Wel­ches ist also die vom Papst selbst gewünsch­te, aber viel­leicht miß­ver­ständ­lich for­mu­lier­te Les­art?

Papst Franziskus mit CELAM-Präsidium
Papst Fran­zis­kus mit CELAM-Prä­si­di­um (19. Mai, Rom)

Am 16. April auf dem Rück­flug von Les­bos und am 19. Mai gegen­über dem Prä­si­di­um des Latein­ame­ri­ka­ni­schen Bischofs­ra­tes (CELAM) beton­te Papst Fran­zis­kus, daß die Prä­sen­ta­ti­on Schön­borns für ihn die authen­ti­sche Les­art von Amo­ris Lae­ti­tia ist.

Was also genau sag­te Kar­di­nal Schön­born bei sei­ner Vor­stel­lung von Amo­ris lae­ti­tia in Rom?

Katholisch.at, die Inter­net­platt­form des Medi­en­re­fe­rats der Öster­rei­chi­schen Bischofs­kon­fe­renz ver­öf­fent­lich­te einen deut­schen Text. Den Pres­se­ver­tre­tern in Rom wur­de am 8. April ein schrift­li­cher Text vor­ge­legt. Kar­di­nal Schön­born sprach bei der Prä­sen­ta­ti­on ita­lie­nisch. Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster ver­öf­fent­lich­te am Mon­tag die wört­li­che Nie­der­schrift des Ori­gi­nal­mit­schnitts des gespro­che­nen Wor­tes. Die vom schrift­lich vor­ge­leg­ten Text abwei­chen­den Stel­len und spon­ta­nen Ergän­zun­gen wur­den durch ecki­ge Klam­mern gekenn­zeich­net.

Katholisches.info über­trug die­se Nie­der­schrift ins Deut­sche und ver­glich sie mit der Ver­öf­fent­li­chung des Medi­en­re­fe­rats der Öster­rei­chi­schen Bischofs­kon­fe­renz.

Im Anschluß an die Prä­sen­ta­ti­on folg­ten Jour­na­li­sten­fra­gen, die von Kar­di­nal Schön­born beant­wor­tet wur­den. Da auch sie Teil der Prä­sen­ta­ti­on sind, auf die Papst Fran­zis­kus ver­weist, wer­den auch sie wört­lich wie­der­ge­ge­ben.

 

Pressekonferenz im Pressesaal des Heiligen Stuhls

Präsentation des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens
„Amoris Laetitia“ von Papst Franziskus durch Kardinal Christoph Schönborn

[Am Abend des 13. März 2013 waren die ersten Wor­te des neu­ge­wähl­ten Pap­stes Fran­zis­kus zu den Men­schen am Peters­platz und in der gan­zen Welt: „Buo­na Sera!“ ((Ita­lie­nisch für „Guten Abend!“, Anm. d. Red.)) So ein­fach wie die­ser Gruß sind Spra­che und Stil des neu­en Schrei­bens von Papst Fran­zis­kus. Nicht ganz so kurz wie die­ser schlich­te Gruß, aber so lebens­na­he. Papst Fran­zis­kus spricht auf die­sen 200 Sei­ten „Über die Lie­be in der Fami­lie“, und er tut es so kon­kret, so schlicht, so herz­er­wär­mend wie die­ses „Buo­na sera“ des 13. März 2013. Das ist sein Stil, und er wünscht sich, dass über die Din­ge des Lebens so lebens­na­he wie mög­lich gespro­chen wird, beson­ders wenn es um die Fami­lie geht, die zu den ele­men­tar­sten Wirk­lich­kei­ten des Lebens gehört.

Zual­ler­erst möch­te ich mei­ne Freu­de zum Aus­druck brin­gen, über die Art, mit der Papst Fran­zis­kus über die Lie­be in der Fami­lie spricht. Für mich ist Amo­ris lae­ti­tia ganz ein­fach ein wun­der­schö­ner Text. Ich wage zu sagen, daß unse­re kirch­li­chen Doku­men­te manch­mal ein biß­chen anstren­gend zu lesen sind. Trotz der Län­ge die­ses Tex­tes, han­delt es sich um eine wun­der­schö­ne Lek­tü­re, jeden­falls für mich. Ich möch­te in sehr per­sön­li­chem Namen den Grund nen­nen, war­um ich ihn mit gro­ßer Freu­de, mit Dank­bar­keit und immer auch mit star­ker Ergrif­fen­heit gele­sen habe. Ich muß es sagen.]

In der kirch­li­chen Rede über Ehe und Fami­lie besteht oft eine Ten­denz, viel­leicht unbe­wusst, die Rede über die­se Lebens­wirk­lich­kei­ten zwei­glei­sig zu füh­ren. Da gibt es die Ehen und Fami­li­en, die „in Ord­nung“ sind, die den Regeln ent­spre­chen, in denen alles „stimmt“ und „passt“, und dann gibt es die „irre­gu­lä­ren“ Situa­tio­nen, die ein Pro­blem dar­stel­len. Schon mit dem Wort „irre­gu­lär“ wird sug­ge­riert, dass die­se Unter­schei­dung so fein­säu­ber­lich getrof­fen wer­den kann.

Wer also auf der Sei­te der „Irre­gu­lä­ren“ zu ste­hen kommt, wird damit leben müs­sen, dass die „Regu­lä­ren“ auf der ande­ren Sei­te sind. Wie schmerz­lich das für die ist, die sel­ber aus einer Patch­work-Fami­lie stam­men, ist mir per­sön­lich ver­traut durch die eige­ne Fami­li­en­si­tua­ti­on. Die kirch­li­che Rede kann hier ver­let­zend sein, ja das Gefühl geben, aus­ge­schlos­sen zu sein.

Papst Fran­zis­kus hat sein Schrei­ben unter das Leit­wort gestellt: „Es geht dar­um, alle zu inte­grie­ren“ (AL, 297). Denn es geht um eine Grund­ein­sicht des Evan­ge­li­ums: Wir bedür­fen alle der Barm­her­zig­keit! „Wer von euch ohne Sün­de ist, der wer­fe den ersten Stein“ (Joh 8,7). Alle, in wel­cher Ehe- und Fami­li­en­si­tua­ti­on wir uns befin­den, sind unter­wegs. Auch eine Ehe, bei der alles „stimmt“, ist unter­wegs. Sie muss wach­sen, ler­nen, neue Etap­pen schaf­fen. Sie kennt Sün­de und Ver­sa­gen, braucht Ver­söh­nung und Neu­be­ginn, und das bis ins hohe Alter (vgl. AL, 134).

Es ist Papst Fran­zis­kus gelun­gen, wirk­lich alle Situa­tio­nen anzu­spre­chen, ohne kata­lo­gi­sie­ren, ohne kate­go­ri­sie­ren, mit jenem Blick eines fun­da­men­ta­len Wohl­wol­lens, der etwas mit dem Her­zen Got­tes, mit den Augen Jesu zu tun hat, die nie­man­den aus­schlie­ßen (vgl. AL, 291), alles annimmt und allen die „Freu­de des Evan­ge­li­ums“ zuspricht. Des­halb ist die Lek­tü­re von Amo­ris Lae­ti­tia so wohl­tu­end. Kei­ner muss sich ver­ur­teilt, kei­ner ver­ach­tet füh­len. In die­sem Kli­ma des Ange­nom­men­seins wird die Rede von der christ­li­chen Sicht von Ehe und Fami­lie zur Ein­la­dung, zur Ermu­ti­gung, zur Freu­de über die Lie­be, an die wir glau­ben dür­fen und die nie­man­den, wirk­lich und ehr­lich nie­mand aus­schließt.

Für mich ist des­halb Amo­ris lae­ti­tia vor allem und zuerst ein „Spra­cher­eig­nis“, wie es schon Evan­ge­li­um Gau­di­um war. Etwas im kirch­li­chen Dis­kurs hat sich gewan­delt. Die­ser Wan­del der Spra­che war schon wäh­rend des Syn­oda­len Weges spür­bar. Zwi­schen den bei­den Syn­oden­sit­zun­gen von Okto­ber 2014 und Okto­ber 2015 ist deut­lich erkenn­bar, wie der Ton wert­schät­zen­der gewor­den ist, wie die ver­schie­de­nen Lebens­si­tua­tio­nen ein­fach ein­mal ange­nom­men wer­den, ohne sie gleich zu be- oder ver­ur­tei­len. In AL ist dies zum durch­ge­hen­den Sprach­stil gewor­den. Dahin­ter steht frei­lich nicht nur eine lin­gu­isti­sche Opti­on, son­dern eine tie­fe Ehr­furcht vor jedem Men­schen, der nie zuerst ein „Pro­blem­fall“ in einer „Kate­go­rie“ ist, son­dern eine unver­wech­sel­ba­re Per­son mit ihrer Geschich­te und ihrem Weg mit und zu Gott. Papst Fran­zis­kus sag­te in Evan­ge­li­um Gau­di­um, wir müss­ten „die Schu­he aus­zie­hen vor dem hei­li­gen Boden des Ande­ren“ (EG 36).

Die­se Grund­hal­tung durch­zieht das gan­ze Schrei­ben. Sie ist auch der tie­fe­re Grund für die bei­den ande­ren Schlüs­sel­wor­te: unter­schei­den und beglei­ten. Sie gel­ten nicht nur für die „soge­nann­ten irre­gu­lä­ren Situa­tio­nen“ (Papst Fran­zis­kus betont die­ses „soge­nannt“!), son­dern für alle Men­schen, für jede Ehe, für jede Fami­lie. Denn alle sind unter­wegs und alle bedür­fen der „Unter­schei­dung“ und der „Beglei­tung“.

Mei­ne gro­ße Freu­de an die­sem Doku­ment ist, dass es kon­se­quent die künst­li­che, äußer­li­che, fein säu­ber­li­che Tren­nung von „regu­lär“ und „irre­gu­lär“ über­win­det und alle unter den gemein­sa­men Anspruch des Evan­ge­li­ums stellt, gemäß dem Wort des Hl. Pau­lus: „Er hat alle in den Unge­hor­sam ein­ge­schlos­sen, um sich aller zu erbar­men“ (Röm 11,32).

Die­ses durch­ge­hen­de Prin­zip der „Inklu­si­on“ macht frei­lich manch einem Sor­gen. Wird hier nicht dem Rela­ti­vis­mus das Wort gespro­chen? Wird die so oft ange­spro­che­ne Barm­her­zig­keit nicht zur Belie­big­keit? Gibt es nicht mehr die Klar­heit von Gren­zen, die nicht über­schrit­ten wer­den dür­fen, von Situa­tio­nen, die objek­tiv als irre­gu­lär, ja als sünd­haft zu bezeich­nen sind? Wird die­ses Schrei­ben nicht einem gewis­sen Laxis­mus Vor­schub lei­sten, einem „ever­ything goes“? Ist Jesu eige­ne Barm­her­zig­keit nicht oft eine durch­aus stren­ge, anspruchs­vol­le Barm­her­zig­keit?

Um das klar­zu­stel­len: Papst Fran­zis­kus lässt kei­nen Zwei­fel an sei­ner Absicht und unse­rer Auf­ga­be: Als Chri­sten dür­fen wir nicht dar­auf ver­zich­ten, uns zugun­sten der Ehe zu äußern, nur um dem heu­ti­gen Emp­fin­den nicht zu wider­spre­chen, um in Mode zu sein oder aus Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­len ange­sichts des mora­li­schen und mensch­li­chen Nie­der­gangs. Wir wür­den der Welt Wer­te vor­ent­hal­ten, die wir bei­steu­ern kön­nen und müs­sen. Es stimmt, dass es kei­nen Sinn hat, bei einer rhe­to­ri­schen Anpran­ge­rung der aktu­el­len Übel ste­hen zu blei­ben, als könn­ten wir dadurch etwas ändern. Eben­so­we­nig dient es, mit der Macht der Auto­ri­tät Regeln durch­set­zen zu wol­len. Uns kommt ein ver­ant­wor­tungs­vol­le­rer und groß­her­zi­ge­rer Ein­satz zu, der dar­in besteht, die Grün­de und die Moti­va­tio­nen auf­zu­zei­gen, sich für die Ehe und die Fami­lie zu ent­schei­den, so dass die Men­schen eher bereit sind, auf die Gna­de zu ant­wor­ten, die Gott ihnen anbie­tet. (AL, 35)

[Dar­um den­ke ich, daß hier der ent­schei­den­de Punkt ist, die Moti­va­ti­on. Papst Fran­zis­kus ist ein Päd­ago­ge, und er weiß, daß nur die Moti­va­ti­on die christ­li­che Vor­ga­be der Ehe und der Fami­lie lie­ben läßt.]

Papst Fran­zis­kus ist über­zeugt, dass die christ­li­che Sicht von Ehe und Fami­lie auch heu­te eine unge­bro­che­ne Anzie­hungs­kraft hat. Aber er for­dert „eine heil­sa­me selbst­kri­ti­sche Reak­ti­on“: „Zugleich müs­sen wir demü­tig und rea­li­stisch aner­ken­nen, dass unse­re Wei­se, die christ­li­chen Über­zeu­gun­gen zu ver­mit­teln, und die Art, die Men­schen zu behan­deln, manch­mal dazu bei­getra­gen haben, das zu pro­vo­zie­ren, was wir heu­te bekla­gen“ (AL, 36).

„Wir haben haben ein zu abstrak­tes theo­lo­gi­sches Ide­al der Ehe vor­ge­stellt, das fast künst­lich kon­stru­iert und weit von der kon­kre­ten Situa­ti­on und den tat­säch­li­chen Mög­lich­kei­ten der rea­len Fami­li­en, so wie sie sind, ent­fernt ist.

[Ich beto­ne: so wie sie sind!]

„Die­se über­trie­be­ne Idea­li­sie­rung vor allem, wenn wir nicht das Ver­trau­en auf die Gna­de wach­ge­ru­fen haben, hat die Ehe nicht erstre­bens­wer­ter und attrak­ti­ver gemacht, son­dern das völ­li­ge Gegen­teil bewirkt. (AL, 36)

[Not­wen­di­ge Selbst­kri­tik!]

Ich erlau­be mir, hier eine Erfah­rung der Syn­ode vom ver­gan­ge­nen Okto­ber zu erzäh­len: So weit ich weiß, haben zwei der drei­zehn „Cir­cu­li mino­res“ ihre Arbeit damit begon­nen, dass alle Teil­neh­mer zuerst ein­mal erzählt haben, wie ihre eige­ne Fami­li­en­si­tua­ti­on ist. Dabei zeig­te sich schnell, dass fast alle der Bischö­fe oder der ande­ren Teil­neh­mer des „Cir­cu­lus minor“ in ihrer eige­nen Fami­lie mit den The­men, Sor­gen und „Irre­gu­la­ri­tä­ten“ kon­fron­tiert sind, von denen wir in der Syn­ode meist viel zu abstrakt gespro­chen haben. Papst Fran­zis­kus lädt uns alle ein, über unse­re Fami­li­en zu spre­chen, „so, wie sie sind“. Und nun das Groß­ar­ti­ge des Syn­oda­len Weges und des­sen Wei­ter­füh­rung durch Papst Fran­zis­kus: Weit davon ent­fernt, dass die­ser nüch­ter­ne Rea­lis­mus über die Fami­li­en „so, wie sie sind“, uns vom Ide­al weg­führt! Im Gegen­teil: Papst Fran­zis­kus schafft es, zusam­men mit den Arbei­ten der bei­den Syn­oden, einen zutiefst hoff­nungs­vol­len, posi­ti­ven Blick auf die Fami­lie zu wer­fen.

Doch erfor­dert die­ser ermu­ti­gen­de Blick auf die Fami­lie jene pasto­ra­le Neu­aus­rich­tung, von der Evan­ge­lii Gau­di­um so ein­drucks­voll sprach. Der fol­gen­de Text aus Amo­ris lae­ti­tia (Nr. 37) zeich­net die gro­ßen Lini­en die­ser „pasto­ra­len Neu­aus­rich­tung“: „Lan­ge Zeit glaub­ten wir, dass wir allein mit dem Behar­ren auf dok­tri­nel­len, bio­ethi­schen und mora­li­schen Fra­gen und ohne dazu anzu­re­gen, sich der Gna­de zu öff­nen, die Fami­li­en bereits aus­rei­chend unter­stütz­ten, die Bin­dung der Ehe­leu­te festig­ten und ihr mit­ein­an­der geteil­tes Leben mit Sinn erfüll­ten. Wir haben Schwie­rig­kei­ten, die Ehe vor­ran­gig als einen dyna­mi­schen Weg der Ent­wick­lung und Ver­wirk­li­chung dar­zu­stel­len und nicht so sehr als eine Last, die das gan­ze Leben lang zu tra­gen ist. Wir tun uns eben­falls schwer, dem Gewis­sen der Gläu­bi­gen Raum zu geben, die oft­mals inmit­ten ihrer Begren­zun­gen, so gut es ihnen mög­lich ist, dem Evan­ge­li­um ent­spre­chen und ihr per­sön­li­ches Unter­schei­dungs­ver­mö­gen ange­sichts von Situa­tio­nen ent­wickeln, in denen alle Sche­ma­ta aus­ein­an­der­bre­chen. Wir sind beru­fen, die Gewis­sen zu bil­den, nicht aber dazu, den Anspruch zu erhe­ben, sie zu erset­zen. (AL, 37)

Aus Papst Fran­zis­kus spricht ein tie­fes Ver­trau­en in die Her­zen und die Sehn­sucht der Men­schen. Sehr schön kommt das in sei­nen Aus­füh­run­gen über die Erzie­hung zum Aus­druck. Man spürt dar­in die gro­ße jesui­ti­sche Tra­di­ti­on [Das sage ich als Domi­ni­ka­ner!] der Erzie­hung zur Eigen­ver­ant­wor­tung. Zwei ent­ge­gen­ge­setz­te Gefah­ren spricht er an: das „Lais­sez-fai­re“ und die Obses­si­on, alles kon­trol­lie­ren und beherr­schen zu wol­len. Einer­seits gilt: „Die Fami­lie darf nicht auf­hö­ren, ein Ort des Schut­zes, der Beglei­tung, der Füh­rung zu sein… Stets bedarf es einer Auf­sicht. Die Kin­der sich selbst zu über­las­sen, ist nie­mals gesund“ (AL, 260).

Aber die Wach­sam­keit kann auch über­trie­ben wer­den: „Über­trie­be­ne Sor­ge erzieht nicht und man kann nicht alle Situa­tio­nen, in die ein Kind gera­ten könn­te, unter Kon­trol­le haben… Wenn ein Vater ver­ses­sen dar­auf ist zu wis­sen, wo sein Sohn ist, und alle sei­ne Bewe­gun­gen zu kon­trol­lie­ren, wird er nur bestrebt sein, des­sen Raum zu beherr­schen. Auf die­se Wei­se wird er ihn nicht erzie­hen, er wird ihn nicht stär­ken und ihn nicht dar­auf vor­be­rei­ten, Her­aus­for­de­run­gen die Stirn zu bie­ten. Wor­auf es ankommt, ist vor allem, mit viel Lie­be im Sohn Pro­zes­se der Rei­fung sei­ner Frei­heit, der Befä­hi­gung, des geist­li­chen Wachs­tums und der Pfle­ge er ech­ten Selb­stän­dig­keit aus­zu­lö­sen.“ (AL, 261)

Ich fin­de, es ist sehr erhel­lend, die­se Gedan­ken über die Erzie­hung mit denen über die pasto­ra­le Pra­xis der Kir­che in Ver­bin­dung zu brin­gen. Denn genau in die­sem Sinn spricht Papst Fran­zis­kus immer wie­der das Ver­trau­en in das Gewis­sen der Gläu­bi­gen an: „Wir sind beru­fen, die Gewis­sen zu bil­den, nicht aber dazu, den Anspruch erhe­ben, sie zu erset­zen“ (AL, 37). Die gro­ße Fra­ge ist frei­lich: Wie wird das Gewis­sen geformt?

[Ein The­ma, das bereits Papst Johan­nes Paul und Papst Bene­dikt sehr beschäf­tigt hat.]

Wie kommt es zu dem, was ein Schlüs­sel­be­griff des gan­zen gro­ßen Doku­men­tes ist, der Schlüs­sel zum rech­ten Ver­ständ­nis des Anlie­gens von Papst Fran­zis­kus: „die per­sön­li­che Unter­schei­dung“, beson­ders in schwie­ri­gen, kom­ple­xen Situa­tio­nen? Die Unter­schei­dung ist ein zen­tra­ler Begriff der Igna­tia­ni­schen Exer­zi­ti­en. Denn die­se sol­len hel­fen, den Wil­len Got­tes in den kon­kre­ten Lebens­si­tua­tio­nen zu unter­schei­den. Die Unter­schei­dung macht die rei­fe Per­sön­lich­keit aus, und zu die­ser Rei­fung der Per­sön­lich­keit will ja der christ­li­che Weg hel­fen: Kei­ne fremd­ge­steu­er­ten Auto­ma­ten, son­dern in der Freund­schaft mit Chri­stus gereif­te Men­schen.

[Ein gro­ßes The­ma von Papst Bene­dikt!]

Nur wo das per­sön­li­che Unter­schei­den gewach­sen ist, kann es auch zu dem „pasto­ra­len Unter­schei­den“ kom­men, das vor allem wich­tig ist „ange­sichts von Situa­tio­nen, die nicht gänz­lich dem ent­spre­chen, was der Herr uns auf­trägt“ (ALm 6). Um die­ses „pasto­ra­le Unter­schei­den“ geht es im 8. Kapi­tel, das ver­mut­lich am mei­sten die kirch­li­che Öffent­lich­keit, aber auch die Medi­en inter­es­siert.

[Ich wage es nicht, zu fra­gen, wer von Euch bereits das 8. Kapi­tel gele­sen hat. Ich lade euch herz­lich ein, vor­her das 4. Kapi­tel zu lesen!]

Der Papst selbst sagt, daß das 4. und das 5. Kapi­tel „die zen­tra­len Kapi­tel“ sind, nicht nur im geo­gra­phi­schen Sinn, son­dern wegen ihres Inhalts: „Denn wir kön­nen nicht zu einem Weg der Treue und der gegen­sei­ti­gen Hin­ga­be ermu­ti­gen, wenn wir nicht zum Wachs­tum, zur Festi­gung und zur Ver­tie­fung der ehe­li­chen und fami­liä­ren Lie­be anre­gen“ (AL, 89). Die­se bei­den zen­tra­len Kapi­tel von Amo­ris lae­ti­tia wer­den wohl von vie­len über­sprun­gen wer­den, [auch von uns Theo­lo­gen und Bischö­fen], um gleich zu den soge­nann­ten „hei­ßen Eisen“, den kri­ti­schen Punk­ten zu kom­men. Als erfah­re­ner Päd­ago­ge weiß frei­lich Papst Fran­zis­kus, dass nichts so stark moti­viert und anzieht, wie die posi­ti­ve Erfah­rung der Lie­be. „Von der Lie­be spre­chen“ (AL, 89) – das macht Papst Fran­zis­kus offen­bar gro­ße Freu­de, und er spricht von der Lie­be mit gro­ßer Leben­dig­keit, Anschau­lich­keit, Ein­füh­lung. Das 4. Kapi­tel ist ein aus­führ­li­cher Kom­men­tar zum „Hohen­lied der Lie­be“ aus 1 Kor 13. Allen sei die Medi­ta­ti­on die­ser Sei­ten ans Herz gelegt. Sie ermu­ti­gen, an die Lie­be zu glau­ben (vgl. 1 Joh 4,16) und auf ihre Kraft zu ver­trau­en. Hier hat ein wei­te­res Schlüs­sel­wort von Amo­ris lae­ti­tia sei­nen „Haupt­sitz“: wach­sen: Nir­gend­wo wird so deut­lich wie in der Lie­be, dass es um einen dyna­mi­schen Pro­zess geht, in dem die Lie­be wach­sen, aber auch erkal­ten kann. Ich kann nur ein­la­den, die­se köst­li­chen Kapi­tel zu lesen und zu ver­ko­sten!

Es ist mir wich­tig, auf einen Aspekt eigens hin­zu­wei­sen: Mit sel­te­ner Deut­lich­keit spricht Papst Fran­zis­kus auch vom Anteil der „pas­sio­nes“, der Lei­den­schaf­ten, der Emo­tio­nen, des Eros, der Sexua­li­tät in der ehe­li­chen und fami­liä­ren Lie­be. Es ist kein Zufall, dass Papst Fran­zis­kus sich hier beson­ders auf den hl. Tho­mas von Aquin bezieht.

[Ich muß mei­ne Freu­de über die Lek­tü­re die­ses Doku­men­tes zum Aus­druck brin­gen, das zutiefst tho­mi­stisch ist. Es stimmt, ich kann es bewei­sen, syste­ma­tisch. Es ist die gro­ße Visi­on des hl. Tho­mas von der Glück­se­lig­keit als Lebens­ziel. Und der gan­ze mensch­li­che Weg, das Sein im Bewe­gung, es ist das Gehen in Rich­tung die­ser Selig­keit, die uns ver­hei­ßen ist und uns anzieht. Nur das Gute zieht an, und die­se päd­ago­gi­sche Art wur­de vom hl. Tho­mas sehr ent­fal­tet. Des­halb spricht der hl. Tho­mas so oft von der Bedeu­tung der Lei­den­schaf­ten in der Erzie­hung und dem Zuge­hen auf eine glück­li­che Ehe. Es ist ein von der moder­nen Moral­theo­lo­gie sehr ver­nach­läs­sig­tes The­ma, das es fast nicht mehr gibt: die Lei­den­schaf­ten. Im Kate­chis­mus der katho­li­schen Kir­che beharr­te Kar­di­nal Ratz­in­ger sehr dar­auf, daß aus­drück­lich über die Bedeu­tung der Lei­den­schaf­ten im mora­li­schen Leben gespro­chen wer­de. Und Sie wer­den wun­der­schö­ne Sei­ten dar­über bei Papst Fran­zis­kus fin­den.]

Hier fin­det der Titel des päpst­li­chen Schrei­bens sei­ne vol­le Ent­fal­tung: Amo­ris lae­ti­tia! Hier wird deut­lich, wie es gelin­gen kann, „den Wert und den Reich­tum der Ehe zu ent­decken“ (AL, 205). Hier wird aber auch schmerz­lich sicht­bar, wie weh die Ver­wun­dun­gen der Lie­be, wie ver­let­zend die Erfah­run­gen vom Schei­tern der Bezie­hun­gen sind. Des­halb ist es nicht ver­wun­der­lich, dass beson­ders das Kapi­tel VIII die Auf­merk­sam­keit und das Inter­es­se anzieht. Denn die Fra­ge, wie die Kir­che mit sol­chen Ver­wun­dun­gen, mit dem Schei­tern in der Lie­be umgeht, ist für vie­le zur Test­fra­ge gewor­den, ob die Kir­che wirk­lich der Ort erfahr­ba­rer Barm­her­zig­keit Got­tes ist.

Die­ses Kapi­tel ver­dankt viel der inten­si­ven Arbeit der bei­den Syn­oden, der aus­gie­bi­gen Dis­kus­si­on in der kirch­li­chen und welt­li­chen Öffent­lich­keit. Hier zeigt sich die Frucht­bar­keit der Vor­gangs­wei­se von Papst Fran­zis­kus. Er woll­te aus­drück­lich eine offe­ne Dis­kus­si­on über die pasto­ra­le Beglei­tung von kom­ple­xen Situa­tio­nen, und er konn­te sich weit­ge­hend auf die von den bei­den Syn­oden ihm vor­ge­leg­ten Tex­te stüt­zen.

[Die­se Metho­de der Syn­ode, der bei­den Syn­oden, ist sehr wich­tig, um gemein­sam zu gehen, um vor­wärts zu kom­men.]

Papst Fran­zis­kus macht sich aus­drück­lich die ihm vor­ge­leg­ten Aus­sa­gen der bei­den Syn­oden zu eigen: „Die Syn­oden­vä­ter haben einen all­ge­mei­nen Kon­sens erreicht, den ich unter­stüt­ze“ (AL, 297). Betref­fend die zivil wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen sagt er: „Ich neh­me die Beden­ken vie­ler Syn­oden­vä­ter auf, die dar­auf hin­wei­sen woll­ten, dass (…). Die Logik der Inte­gra­ti­on ist der Schlüs­sel ihrer pasto­ra­len Beglei­tung… Sie sol­len sich nicht nur als nicht exkom­mu­ni­ziert füh­len, son­dern kön­nen als leben­di­ge Glie­der der Kir­che leben und rei­fen, indem sie die­se wie eine Mut­ter emp­fin­den, die sie immer auf­nimmt…“ (AL, 299).

Was heißt das aber kon­kret? Die­se Fra­ge wird zu Recht von vie­len gestellt. Die ent­schei­den­den Aus­sa­gen ste­hen in Amo­ris lae­ti­tia 300. Sie bie­ten sicher noch Stoff für Dis­kus­si­on. Sie sind aber auch eine wich­ti­ge Klä­rung und Wei­chen­stel­lung für den zwei­ten Weg. Zuerst eine Klar­stel­lung: „Wenn man die zahl­lo­sen Unter­schie­de der kon­kre­ten Situa­tio­nen (…) berück­sich­tigt, kann man ver­ste­hen, dass man von der Syn­ode oder von die­sem Schrei­ben kei­ne neue, auf alle Fäl­le anzu­wen­den­de gene­rel­le gesetz­li­che Rege­lung kano­ni­scher Art erwar­ten durf­te.“ Vie­le haben sich eine sol­che Norm erwar­tet. Sie wer­den ent­täuscht blei­ben.

[Ich bin über­zeugt, daß es die not­wen­di­ge Wahl ist, die der Papst getrof­fen hat.]

Was ist mög­lich? Der Papst sagt es mit aller Klar­heit: „Es ist nur mög­lich, eine neue Ermu­ti­gung aus­zu­drücken zu einer ver­ant­wor­tungs­vol­len per­sön­li­chen und pasto­ra­len Unter­schei­dung der je spe­zi­fi­schen Fäl­le“.

Wie die­se per­sön­li­che und pasto­ra­le Unter­schei­dung aus­se­hen kann und soll, ist The­ma des gan­zen Abschnitts Amo­ris Lae­ti­tia 300–312. Schon auf der Syn­ode 2015 wur­de, im Anschluss an die For­mu­lie­run­gen des Cir­cu­lus Ger­ma­ni­cus ein Iti­ne­ra­ri­um der Unter­schei­dung, der Gewis­sens­prü­fung vor­ge­schla­gen, das Papst Fran­zis­kus sich zu eigen macht. [Kar­di­nal Bal­dis­se­ri hat die­ses Iti­ne­ra­ri­um eben in sechs Punk­ten zusam­men­ge­fasst]. „Es han­delt sich um einen Weg der Beglei­tung und der Unter­schei­dung, der ‚die­se Gläu­bi­gen dar­auf aus[richtet], sich ihrer Situa­ti­on vor Gott bewusst zu wer­den“. Aber Papst Fran­zis­kus erin­nert auch dar­an: „…wird die­se Unter­schei­dung nie­mals von den Erfor­der­nis­sen der Wahr­heit und der Lie­be des Evan­ge­li­ums, die die Kir­che vor­legt, abse­hen kön­nen“ (AL, 300).

Zwei Fehl­hal­tun­gen benennt Papst Fran­zis­kus: Die eine ist der Rigo­ris­mus: „Daher darf ein Hir­te sich nicht damit zufrie­den geben, gegen­über denen, die in ‚irre­gu­lä­ren‘ Situa­tio­nen leben, nur mora­li­sche Geset­ze anzu­wen­den, als sei­en es Fels­blöcke, die man auf das Leben von Men­schen wirft. Das ist der Fall der ver­schlos­se­nen Her­zen, die sich sogar hin­ter der Leh­re der Kir­che zu ver­stecken pfle­gen“ (AL, 305). Ande­rer­seits darf die Kir­che auf kei­ne Wei­se „dar­auf ver­zich­ten, das voll­kom­me­ne Ide­al der Ehe, den Plan Got­tes in sei­ner gan­zen Grö­ße vor­zu­le­gen“ (AL, 307).

Natür­lich wird die Fra­ge gestellt: und was sagt der Papst über den Zugang zu den Sakra­men­ten für Per­so­nen, die in „irre­gu­lä­ren“ Situa­tio­nen leben?

[Man hat sich zu sehr auf  die­se Fra­ge kon­zen­triert. Der Papst sag­te es: Sich auf die­se Fra­ge zu fixie­ren, kann zu einer Fal­le wer­den.]

Schon Papst Bene­dikt hat­te gesagt, dass kei­ne „ein­fa­che Rezep­te“ (AL, 298, Anmer­kung 333) exi­stie­ren.

[Er sag­te es in Mai­land, beim Fami­li­en­kon­greß.]

Und Papst Fran­zis­kus erin­nert noch ein­mal an die Not­wen­dig­keit, die Situa­tio­nen gut zu unter­schei­den in der Linie von „Fami­lia­ris con­sor­tio“ (Nr. 84) von Papst Johan­nes Paul II. (AL, 298).

[Der Nr. 84, ein berühm­ter Text. In dem sagt Papst Johan­nes Paul II., aus Lie­be zur Wahr­heit sind die Hir­ten gezwun­gen, die Situa­tio­nen zu unter­schei­den. Und er listet drei sehr unter­schied­li­che Situa­tio­nen auf.]

„Die Unter­schei­dung muss dazu ver­hel­fen, die mög­li­chen Wege der Ant­wort auf Gott und des Wachs­tums inmit­ten der Begren­zun­gen zu fin­den. In dem Glau­ben, dass alles weiß oder schwarz ist, ver­sper­ren wir manch­mal den Weg der Gna­de und des Wachs­tums und neh­men den Mut für Wege der Hei­li­gung, die Gott ver­herr­li­chen (AL, 305). Und Papst Fran­zis­kus erin­nert an ein so wich­ti­ges Wort, das er in Evan­ge­lii Gau­di­um 44 geschrie­ben hat­te: „Ein klei­ner Schritt inmit­ten gro­ßer mensch­li­cher Begren­zun­gen kann Gott wohl­ge­fäl­li­ger sein als das äußer­lich kor­rek­te Leben des­sen, der sei­ne Tage ver­bringt, ohne auf nen­nens­wer­te Schwie­rig­kei­ten zu sto­ßen“ (AL, 304).

[Ich habe es nicht in mei­nen Text auf­ge­nom­men, aber ich wür­de fol­gen­des sagen: Ein Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis von Amo­ris lae­ti­tia ist für mich die Erfah­rung der Armen, weil man im Leben der Armen, der armen Fami­li­en, genau das erlebt, die­se klei­nen Schrit­te auf dem Weg der Tugend, die sehr viel grö­ßer sein kön­nen als der „tugend­haf­te“ Erfolg jener, die in einer beque­men Situa­ti­on leben. Und man spürt hin­ter die­sem Text die gan­ze Lebens­er­fah­rung von Papst Fran­zis­kus, der mit vie­len lei­den­den, armen Fami­li­en gegan­gen ist. Es ist für uns auch ein Ruf zur Umkehr.]

Im Sin­ne die­ser „via cari­ta­tis“ (AL, 306) sagt der Papst dann schlicht und ein­fach in einer Fuß­no­te (351), dass auch die Hil­fe der Sakra­men­te in gewis­sen Fäl­len gege­ben wer­den kann, wenn „irre­gu­lä­re“ Situa­tio­nen vor­lie­gen. Dazu bie­tet er kei­ne Kasu­istik, kei­ne Rezep­te, son­dern erin­nert ein­fach an zwei sei­ner bekann­ten Wor­te: „Die Prie­ster erin­ne­re ich dar­an, dass der Beicht­stuhl kei­ne Fol­ter­kam­mer sein darf, son­dern ein Ort der Barm­her­zig­keit des Herrn“ (EG, 44), und die Eucha­ri­stie ist, obwohl sie die Fül­le des sakra­men­ta­len Lebens dar­stellt, nicht eine Beloh­nung für die Voll­kom­me­nen, son­dern ein groß­zü­gi­ges Heil­mit­tel und eine Nah­rung für die Schwa­chen (EG, 47).

[Zum Zweck, daß hier eine Klar­heit erreicht wird, hilft uns die Kasu­istik nicht. Es hilft uns die Unter­schei­dung, die Beglei­tung.]

Ist das nicht eine Über­for­de­rung der Hir­ten, der Seel­sor­ger, der Gemein­den, wenn die „Unter­schei­dung der Situa­tio­nen“ nicht genau­er gere­gelt ist? Papst Fran­zis­kus weiß um die­se Sor­ge: „ Ich ver­ste­he die­je­ni­gen, die eine uner­bitt­li­che Pasto­ral vor­zie­hen, die kei­nen Anlass zu irgend­ei­ner Ver­wir­rung gibt“ (AL, 308). Dem hält er ent­ge­gen: „Wir stel­len der Barm­her­zig­keit so vie­le Bedin­gun­gen, dass wir sie gleich­sam aus­höh­len und sie um ihren kon­kre­ten Sinn und ihre rea­le Bedeu­tung brin­gen, und das ist die übel­ste Wei­se, das Evan­ge­li­um zu ver­flüs­si­gen“ (AL, 311).

Papst Fran­zis­kus ver­traut auf die „Freu­de der Lie­be“. Die Lie­be weiß den Weg zu fin­den.

[Ich habe den hei­li­gen Augu­sti­nus nicht zitiert, aber man könn­te sei­nen berühm­ten Satz zitie­ren: „Dili­ge et fac quod vis.“ Wirk­lich! Lie­be und tu, was du willst.]

Sie ist der Kom­pass, der uns den Weg zeigt. Sie ist das Ziel und der Weg zugleich, weil Gott die Lie­be ist, und weil die Lie­be aus Gott ist. Nichts ist so anspruchs­voll wie die Lie­be. Sie ist nicht bil­lig zu haben. Des­halb braucht nie­mand zu fürch­ten, dass Papst Fran­zis­kus mit Amo­ris lae­ti­tia auf einen all­zu ein­fa­chen Weg ein­lädt. Leicht ist er nicht. Aber vol­ler Freu­de!

[Dank an Papst Fran­zis­kus für die­se wun­der­schö­ne Doku­ment!]

Journalistenfragen und Antworten von Kardinal Schönborn

Nach der Prä­sen­ta­ti­on durf­ten die Jour­na­li­sten Fra­gen an Kar­di­nal Schön­born stel­len:

Jean-Marie Gué­nois, Le Figa­ro: War­um ist das Schlüs­sel­the­ma von Amo­ris lae­ti­tia in einer klei­nen Fuß­no­te am Ende der Sei­te behan­delt und nicht im Text?

Kar­di­nal Schön­born: Das weiß ich nicht. Ich habe den Text nicht geschrie­ben, es ist der Papst, der ihn gemacht hat. Wir kön­nen den Hei­li­gen Vater fra­gen, war­um er es dort­hin gesetzt hat. Jeder kann sei­ne Inter­pre­ta­ti­on geben. Zum Bei­spiel, wie ich schon sag­te, habe ich den Papst ein­mal sagen hören: „Es ist eine Fal­le, alles auf die­sen Punkt zu fokus­sie­ren, weil man das Gan­ze der Fra­ge ver­gißt. Des­halb wür­de ich emp­feh­len, daß es nach Amo­ris lae­ti­tia vie­le wei­te­re Fra­gen zu dis­ku­tie­ren gibt und einer der Punk­te, ist eine Erneue­rung unse­rer Sakra­men­ten­pra­xis im All­ge­mei­nen, ins­ge­samt. 50 Jah­re nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil wäre es gut, auch dar­an zu den­ken, was das sakra­men­ta­le Leben bedeu­tet, nicht nur für eine bestimm­ten Fall, den der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen, son­dern für uns alle.

Fran­cis Roc­ca, The Wall Street Jour­nal: Sie haben Fami­lia­ris con­sor­tio von 1984 zitiert, aber in die­sem Doku­ment schreibt der Papst in der Nr. 84, daß die Kir­che ihre auf der Schrift gegrün­de­te Pra­xis bekräf­tigt, die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen nicht zur eucha­ri­sti­schen Kom­mu­ni­on zuzu­las­sen, außer wenn sie sich ver­pflich­ten, in völ­li­ger Ent­halt­sam­keit zu leben. Dann aber, schwarz auf weiß, fragt einer sich: Hat sich etwas gegen­über vor 35 Jah­ren geän­dert? Gibt es eine von Johan­nes Paul II. nicht vor­ge­se­he­ne Mög­lich­keit im päpst­li­chen Lehr­amt? Und wenn dem so ist, gibt es in der Kon­ti­nui­tät des päpst­li­chen Lehr­am­tes ein Motiv, wes­halb ein künf­ti­ger Papst es nicht mehr für oppor­tun und not­wen­dig hal­ten könn­te, die­se Pra­xis zu bekräf­ti­gen?

Kar­di­nal Schön­born: Kurz gesagt: In Fami­lia­ris con­sor­tio Nr. 84 spricht der hei­li­ge Papst Johan­nes Paul II. von drei ver­schie­de­nen Situa­tio­nen, die drit­te davon ist der Fall, in dem die Wie­der­ver­hei­ra­te­ten die mora­li­sche Über­zeu­gung haben, daß ihre erste Ehe ungül­tig ist. Er hat kei­ne Schluß­fol­ge­run­gen aus die­sem Umstand gezo­gen, aber ich den­ke, daß es Situa­tio­nen gibt, die wir alle in der pasto­ra­len Pra­xis ken­nen, wo es nicht mög­lich ist, eine kano­ni­sche Lösung zu fin­den, wo aber in der mora­li­schen Gewiß­heit, daß die erste Ehe nicht sakra­men­tal war, auch wenn sich der Fall kir­chen­recht­lich nicht klä­ren läßt, mit dem Hir­ten und den Ehe­leu­ten, die in ihrem Gewis­sen über­zeugt sind, von dem Papst Johan­nes Paul spricht, und die nicht sakra­men­tal ver­hei­ra­tet sind, es schon seit lan­ger Zeit Pra­xis war, sie zu den Sakra­men­ten zuzu­las­sen, die weder Papst Johan­nes Paul noch Papst Bene­dikt aus­drück­lich in Fra­ge gestellt haben. Und die Tat­sa­che, daß er vom Zusam­men­le­ben wie Bru­der und Schwe­ster spricht, ist bereits ein außer­ge­wöhn­li­cher Fall, weil sie auf ande­re Wei­se ehe­lich zusam­men­le­ben, die Ehe redu­ziert sich nicht auf die sexu­el­le Ver­ei­ni­gung, es ist das gan­ze Leben, das geteilt wird, und daher leben sie völ­lig in einer zwei­ten Ver­bin­dung, außer der sexu­el­len Bezie­hung haben sie ein Ehe­le­ben. Und Papst Johan­nes Paul sag­te bereits, daß sie in die­sem Fall, wenn es nicht Ärger­nis gibt, zu den Sakra­men­ten zuge­las­sen sind. Die­se Grau­räu­me bestan­den daher schon immer und Papst Fran­zis­kus geht nicht auf die Kasu­istik ein, son­dern weist grund­sätz­lich eine Rich­tung, über die auch wir wei­ter nach­den­ken müs­sen.

Zenit, Spa­ni­sche Aus­ga­be: Wenn ein Bischof nicht zwi­schen Wahr­heit und Lie­be unter­schei­den kann, an wen muß man sich wen­den, gibt es jemand, der ihm hel­fen soll?

Kar­di­nal Schön­born: Die Unter­schei­dung bringt wegen ihrer Natur eine gewis­se Unsi­cher­heit mit sich, weil der hl. Tho­mas sagt, und der Papst zitiert ihn im Text, daß die Grund­sät­ze offen­sicht­lich sind, klar sind, sehr klar sind, klar ver­kün­det, doch je mehr man in die Hand­lung, in die kon­kre­ten Situa­tio­nen vor­dringt, desto heik­ler wird es, zu unter­schei­den, und des­halb ist die Übung der Igna­tia­ni­schen Exer­zi­ti­en gera­de die Unter­schei­dung der Gei­ster. Der hl. Tho­mas sagt, daß das auch mit einer gewis­se Angst und Sor­ge ver­bun­den ist, für den, der unter­schei­den muß. Auch des­halb wird das immer so sein: Ein Prie­ster wird viel­leicht ein biß­chen auf­ge­schlos­se­ner ist, ein ande­rer wird viel­leicht etwas ängst­li­cher sein, stren­ger in der Unter­schei­dung, aber das wird immer so sein, auch im Fami­li­en­le­ben. Die Unter­schei­dung ist ein deli­ka­tes, aber not­wen­di­ges Werk.

Washing­ton Post: Kann das Prin­zip der Unter­schei­dung, von dem Sie spra­chen, wegen dem man einem Prie­ster mit auf­ge­schlos­se­ner Sicht­wei­se  oder einem ängst­li­che­ren  antref­fen könn­te, Ihrer Mei­nung nach als neu­er Aus­gangs­punkt gese­hen wer­den, ein neu­es Gesetz, von dem man aus­geht, oder bleibt es eine offe­ne Fra­ge?

Kar­di­nal Schön­born: Der Papst hat es deut­lich gesagt: Es ist kei­ne neue kano­ni­sche Anwei­sung, und ich kann dar­an erin­nern, daß genau in die­sem Saal, 1981, vor lan­ger Zeit, ein deut­scher Kar­di­nal, der wegen der dok­tri­nel­len Klar­heit berühmt war, Kar­di­nal Höff­ner, auf eine sol­che Fra­ge geant­wor­tet hat­te: Klärt es mit eurem Beicht­va­ter. Jeder von uns hat eine Ver­ant­wor­tung. Man darf nicht mit den Sakra­men­ten spie­len, das stimmt, man darf nicht mit dem Gewis­sen spie­len. Der Papst spricht viel vom Gewis­sen: Wie geht es dir oder wie geht es euch im Paar in Schwie­rig­kei­ten? Wie steht ihr in eurem Gewis­sen vor Gott? Dar­auf kann weder die kano­ni­sche Regel im Detail ant­wor­ten noch der Hir­te. Ihr müßt wis­sen: Ihr könn­te nicht mit Gott spie­len. Daher listet der hei­li­ge Papst Johan­nes Paul in der Nr. 84 von Fami­lia­ris con­sor­tio den Fall eines wie­der­ver­hei­ra­te­ten Paa­res auf, des­sen Ehe „defi­ni­tiv zer­bro­chen“ ist, so der Papst, er ver­wen­det die­ses Wort: Wenn sie im Gewis­sen über­zeugt sind, daß ihre Ehe nicht gül­tig war, ist es eine ande­re Situa­ti­on als im ande­ren Fall, den der hei­li­ge Papst Johan­nes Paul zitiert, von jeman­dem, der die gül­ti­ge Ehe wirk­lich aus Leicht­fer­tig­keit gebro­chen hat: Das ist eine ande­re mora­li­sche Situa­ti­on vor Gott und vor der Gemein­schaft und vor der Kir­che, vor ihrem Gewis­sen. Daher führt der Papst mit die­sem Doku­ment kei­ne Neue­rung ein, das ist wich­tig zu sagen, er führt kei­ne Neue­rung ein, er steht in der gro­ßen pasto­ra­len, vor­sich­ti­gen Tra­di­ti­on der Kir­che. Es ist die pasto­ra­le Vor­sicht, die jeder Prie­ster, jeder Bischof zu üben hat.

Gian­fran­co Svi­der­co­schi: Ich habe das vier­te Kapi­tel gele­sen und war schockiert, weil sich in den Fuß­no­ten nicht ein Hin­weis auf die Syn­ode fin­det. Über die Sexua­li­tät, den Eros, die Lei­den­schaft, beschränkt es sich, Johan­nes Paul II. zu zitie­ren, die Kate­che­sen über den Kör­per und Bene­dikt XVI. Noch schockie­ren­der ist, daß das dem ent­spricht, was bei der Syn­ode gesche­hen ist. Wir haben einen Papst, der die Sexua­li­tät als einen gro­ßen Wert betrach­tet und eine Syn­ode, die nicht ein­mal dar­über spricht. Daher kommt mir ein Zwei­fel, wie die Kle­ri­ker wis­sen sol­len, über die Pro­ble­me der Fami­li­en zu spre­chen.

Kar­di­nal Schön­born: Es hat auch mich betrof­fen gemacht, daß sich nichts von die­sem wun­der­schö­nen 4. Kapi­tel in den bei­den Syn­oden­be­rich­ten fin­det. Ich den­ke aber, daß das etwas aus­sagt. Die Syn­oden­vä­ter waren fast alle ledig, mit einer Aus­nah­me, dem Gene­ral­obe­ren der Petits Fre­res de Jesus, nein, nein, nicht ein­mal er, er war kein Prie­ster, aber ledig. Die Ver­hei­ra­te­ten waren Exper­ten, aber nicht Syn­oden­vä­ter. Das ist das Pro­blem, Sie haben recht. Gott sei Dank hat Papst Fran­zis­kus Abhil­fe geschaf­fen und das wun­der­schön.

Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung (die Fra­ge wur­de auf deutsch gestellt und von Vati­kan­spre­cher Pater Lom­bar­di zusam­men­ge­faßt über­setzt. Hier die Zusam­men­fas­sung Lom­bar­dis): War­um fin­det sich der Hin­weis auf die Kom­mu­ni­on für die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen nur in der Fuß­no­te 351?

Kar­di­nal Schön­born: Ein Umstand, der mich erstaunt ist, daß alle die­se Fuß­no­te lesen. Eine Fuß­no­te zu set­zen, erstaunt und weckt also das Inter­es­se. Ich blei­be fest in die­sem Punkt: Papst Fran­zis­kus will eine Gesamt­sicht dar­le­gen und sich nicht auf einen spe­zi­el­len Punkt fixie­ren, der wich­tig, aber spe­zi­ell ist. Und ohne die Gesamt­kri­te­ri­en zur Unter­schei­dung, auch die Unter­schei­dung zu „in bestimm­ten Fäl­len „auch die Hil­fe der Sakra­men­te“, wür­den ohne Zusam­men­hang mit dem Gan­zen vom Him­mel fal­len.

Eli­sa­bet­ta Povo­le­do, New York Times: Wer gehör­te der Kom­mis­si­on an, die das Doku­ment geschrie­ben hat?

Kar­di­nal Schön­born: Ich weiß es nicht. Ich nicht, und ich habe nicht gefragt. Und ich kann nicht lügen, wenn ich sage, daß ich es nicht weiß.

Feli­pe Domà­nguez, San Pao­lo del Bra­si­le: Es scheint, daß das Doku­ment die For­mung der Paa­re und die Beglei­tung in der Ehe betont. Gleich­zei­tig spre­chen sie aber von einer über­trie­be­nen Idea­li­sie­rung des Fami­li­en­le­bens. Was kön­nen wir den Paa­ren in prak­ti­scher Hin­sicht auf die­sem Weg der Beglei­tung brin­gen, was nicht nur Begeg­nun­gen, Kate­che­sen, die übli­chen Din­ge sind?

Kar­di­nal Schön­born: Ganz kurz: In die­sem Moment, wo es auch vie­le Angrif­fe gegen die Fami­lie gibt, ist es bereits eine sehr star­ke Bot­schaft für die Gesell­schaft von heu­te, wenn der Papst mit lau­ter Stim­me und Schön­heit und Nach­druck sein Ver­trau­en in die Ehe und die Fami­lie aus­spricht.

Dia­ne Mon­ta­gna, Ale­teia: Nur um es zu klä­ren: Ich den­ke, daß alle im Zusam­men­hang mit dem Para­graph 84 von Fami­lia­ris con­sor­tio wis­sen wol­len: Hat sich etwas in Bezug auf die­sen Para­gra­phen im Gan­zen geän­dert? Ist alles noch so, wie es in Fami­lia­ris con­sor­tio Nr. 84 geschrie­ben steht?

Kar­di­nal Schön­born: Ich sehe nicht, daß es eine Ände­rung gäbe, aber mit Sicher­heit eine Ent­wick­lung, eine orga­ni­sche Ent­wick­lung, zu dem wie Papst Johan­nes Paul die Leh­re dar­leg­te. Ich mache ein Bei­spiel: Nie in der Geschich­te der Leh­re der Kir­che wur­de das Paar, Mann und Frau, als sol­ches als Abbild Got­tes gese­hen. Papst Johan­nes Paul mach­te dar­aus den Mit­tel­punkt sei­ner Ehe­leh­re. Ich for­de­re aber alle Exper­ten der Theo­lo­gie her­aus, zu sagen, wo in der Tra­di­ti­on das je gemacht wur­de. Es ist also nor­mal, ja, es gibt eine Ent­wick­lung. John Hen­ry New­man hat uns erklärt, wie die­se orga­ni­sche Ent­wick­lung der Leh­re funk­tio­niert. Gewiß, in die­sem Sinn ent­wickelt Papst Fran­zis­kus die Din­ge wei­ter. Der Satz, den Sie gesagt haben, fin­det sich impli­zit in Fami­lia­ris con­sor­tio, impli­zit, ich bin bereit, es zu bewei­sen. Für mich ist die Ent­wick­lung die, daß Papst Fran­zis­kus es ein­deu­tig, aus­drück­lich sagt. Das ist der klas­si­sche Fall einer orga­ni­schen Ent­wick­lung der Leh­re. Es gibt Inno­va­ti­on und Kon­ti­nui­tät.  Lesen Sie des­halb die berühm­te Rede von Papst Bene­dikt über die Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät. In die­sem Doku­ment fin­den sich für mich wirk­li­che Neu­hei­ten, aber kei­ne Brü­che, so wie das kein Bruch ist, was Johan­nes Paul mit dem auf Mann und Frau ange­wand­ten Abbild Got­tes getan hat. Es ist kein Bruch, son­dern eine Ent­wick­lung.

Andrea Gagli­ar­duc­ci, CNA, ACI Stam­pa: Was die Num­mer 301 betrifft bezüg­lich der irre­gu­lä­ren Paa­re, die nicht im Stand der Tod­sün­de sind, und zur Rede über die Inno­va­ti­on der Leh­re, von der Sie spra­chen: Auf wel­che Wei­se läßt sich das mit Veri­ta­tis sple­ndor von Johan­nes Paul II. ver­ein­ba­ren, wo von einem „in sich Bösen“ die Rede ist?

Kar­di­nal Schön­born: Veri­ta­tis sple­ndor spricht sicher mit Klar­heit von den Nor­men des intrin­se­ce malum, aber Papst Fran­zis­kus hat hier im Doku­ment eine Rei­he von Andeu­tun­gen zur Fra­ge der Anre­chen­bar­keit, sehr wich­tig, und er zitiert den Kate­chis­mus der katho­li­schen Kir­che: die Anre­chen­bar­keit, die eine der Bedin­gun­gen ist, um zu wis­sen, ob es sich um eine Tod­sün­de han­delt oder nicht. Man muß daher die­se Stel­len über die Anre­chen­bar­keit lesen, die klas­sisch sind: der Groß­teil die­ser Zita­te kom­men aus dem Kate­chis­mus und vom hl. Tho­mas.

Familiaris consortio
Nr. 84 (1984)

Wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne

84. Die täg­li­che Erfah­rung zeigt lei­der, daß der­je­ni­ge, der sich schei­den läßt, meist an eine neue Ver­bin­dung denkt, natür­lich ohne katho­li­sche Trau­ung. Da es sich auch hier um eine weit­ver­brei­te­te Fehl­ent­wick­lung han­delt, die mehr und mehr auch katho­li­sche Berei­che erfaßt, muß die­ses Pro­blem unver­züg­lich auf­ge­grif­fen wer­den. Die Väter der Syn­ode haben es aus­drück­lich behan­delt. Die Kir­che, die dazu gesandt ist, um alle Men­schen und ins­be­son­de­re die Getauf­ten zum Heil zu füh­ren, kann die­je­ni­gen nicht sich selbst über­las­sen, die eine neue Ver­bin­dung gesucht haben, obwohl sie durch das sakra­men­ta­le Ehe­band schon mit einem Part­ner ver­bun­den sind. Dar­um wird sie unab­läs­sig bemüht sein, sol­chen Men­schen ihre Heils­mit­tel anzu­bie­ten.

Die Hir­ten mögen beher­zi­gen, daß sie um der Lie­be wil­len zur Wahr­heit ver­pflich­tet sind, die ver­schie­de­nen Situa­tio­nen gut zu unter­schei­den. Es ist ein Unter­schied, ob jemand trotz auf­rich­ti­gen Bemü­hens, die frü­he­re Ehe zu ret­ten, völ­lig zu Unrecht ver­las­sen wur­de oder ob jemand eine kirch­lich gül­ti­ge Ehe durch eige­ne schwe­re Schuld zer­stört hat. Wie­der ande­re sind eine neue Ver­bin­dung ein­ge­gan­gen im Hin­blick auf die Erzie­hung der Kin­der und haben manch­mal die sub­jek­ti­ve Gewis­sens­über­zeu­gung, daß die frü­he­re, unheil­bar zer­stör­te Ehe nie­mals gül­tig war.

Zusam­men mit der Syn­ode möch­te ich die Hir­ten und die gan­ze Gemein­schaft der Gläu­bi­gen herz­lich ermah­nen, den Geschie­de­nen in für­sor­gen­der Lie­be bei­zu­ste­hen, damit sie sich nicht als von der Kir­che getrennt betrach­ten, da sie als Getauf­te an ihrem Leben teil­neh­men kön­nen, ja dazu ver­pflich­tet sind. Sie sol­len ermahnt wer­den, das Wort Got­tes zu hören, am hei­li­gen Meß­op­fer teil­zu­neh­men, regel­mä­ßig zu beten, die Gemein­de in ihren Wer­ken der Näch­sten­lie­be und Initia­ti­ven zur För­de­rung der Gerech­tig­keit zu unter­stüt­zen, die Kin­der im christ­li­chen Glau­ben zu erzie­hen und den Geist und die Wer­ke der Buße zu pfle­gen, um so von Tag zu Tag die Gna­de Got­tes auf sich her­ab­zu­ru­fen. Die Kir­che soll für sie beten, ihnen Mut machen, sich ihnen als barm­her­zi­ge Mut­ter erwei­sen und sie so im Glau­ben und in der Hoff­nung stär­ken.

Die Kir­che bekräf­tigt jedoch ihre auf die Hei­li­ge Schrift gestütz­te Pra­xis, wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne nicht zum eucha­ri­sti­schen Mahl zuzu­las­sen. Sie kön­nen nicht zuge­las­sen wer­den; denn ihr Lebens­stand und ihre Lebens­ver­hält­nis­se ste­hen in objek­ti­vem Wider­spruch zu jenem Bund der Lie­be zwi­schen Chri­stus und der Kir­che, den die Eucha­ri­stie sicht­bar und gegen­wär­tig macht. Dar­über hin­aus gibt es noch einen beson­de­ren Grund pasto­ra­ler Natur: Lie­ße man sol­che Men­schen zur Eucha­ri­stie zu, bewirk­te dies bei den Gläu­bi­gen hin­sicht­lich der Leh­re der Kir­che über die Unauf­lös­lich­keit der Ehe Irr­tum und Ver­wir­rung.

Die Wie­der­ver­söh­nung im Sakra­ment der Buße, das den Weg zum Sakra­ment der Eucha­ri­stie öff­net, kann nur denen gewährt wer­den, wel­che die Ver­let­zung des Zei­chens des Bun­des mit Chri­stus und der Treue zu ihm bereut und die auf­rich­ti­ge Bereit­schaft zu einem Leben haben, das nicht mehr im Wider­spruch zur Unauf­lös­lich­keit der Ehe steht. Das heißt kon­kret, daß, wenn die bei­den Part­ner aus ernst­haf­ten Grün­den — zum Bei­spiel wegen der Erzie­hung der Kin­der — der Ver­pflich­tung zur Tren­nung nicht nach­kom­men kön­nen, „sie sich ver­pflich­ten, völ­lig ent­halt­sam zu leben, das heißt, sich der Akte zu ent­hal­ten, wel­che Ehe­leu­ten vor­be­hal­ten sind“ (Johan­nes Paul II., Homi­lie zum Abschluß der VI. Bischofs­syn­ode (25.10.1980), 7: AAS 72 (1980) 1082).

Die erfor­der­li­che Ach­tung vor dem Sakra­ment der Ehe, vor den Ehe­leu­ten selbst und deren Ange­hö­ri­gen wie auch gegen­über der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen ver­bie­tet es jedem Geist­li­chen, aus wel­chem Grund oder Vor­wand auch immer, sei er auch pasto­ra­ler Natur, für Geschie­de­ne, die sich wie­der­ver­hei­ra­ten, irgend­wel­che lit­ur­gi­schen Hand­lun­gen vor­zu­neh­men. Sie wür­den ja den Ein­druck einer neu­en sakra­men­tal gül­ti­gen Ehe­schlie­ßung erwecken und daher zu Irr­tü­mern hin­sicht­lich der Unauf­lös­lich­keit der gül­tig geschlos­se­nen Ehe füh­ren.

Durch die­se Hal­tung bekennt die Kir­che ihre eige­ne Treue zu Chri­stus und sei­ner Wahr­heit; zugleich wen­det sie sich mit müt­ter­li­chem Her­zen die­sen ihren Söh­nen und Töch­tern zu, vor allem denen, die ohne ihre Schuld von ihrem recht­mä­ßi­gen Gat­ten ver­las­sen wur­den.

Die Kir­che ver­traut fest dar­auf; daß auch die­je­ni­gen, die sich vom Gebot des Herrn ent­fernt haben und noch in einer sol­chen Situa­ti­on leben, von Gott die Gna­de der Umkehr und des Heils erhal­ten kön­nen, wenn sie aus­dau­ernd geblie­ben sind in Gebet, Buße und Lie­be.

Post Scriptum

Kar­di­nal Schön­born beton­te in sei­nen Aus­füh­run­gen mehr­fach, daß der hei­li­ge Tho­mas von Aquin in Amo­ris lae­ti­tia zitiert sei. Dabei wird der Ein­druck ver­mit­telt, als las­se sich die von Papst Fran­zis­kus dar­in dar­ge­leg­te Posi­ti­on auch in den umstrit­te­nen Stel­len auf den hei­li­gen Tho­mas zurück­füh­ren. Dage­gen nah­men nam­haf­te Theo­lo­gen und Kom­men­ta­to­ren Stel­lung und wer­fen Amo­ris lae­ti­tia vor, den hl. Tho­mas selek­tiv zu zitie­ren und vor allem den Kon­text zu ver­zer­ren. Mit ande­ren Wor­ten, der Name des gro­ßen Hei­li­gen der Scho­la­stik wer­de bis zu einem bestimm­ten Punkt miß­braucht, um eine ganz ande­re Posi­ti­on zu recht­fer­ti­gen.

Glei­ches gilt für die Beru­fung auf das nach­syn­oda­le Schrei­ben Fami­lia­ris con­sor­tio von Papst Johan­nes Paul II., beson­ders den Para­gra­phen 84, der bereits wäh­rend der Syn­ode von Kas­pe­ria­nern selek­tiv zitiert wur­de. Auch in die­sem Fall ent­steht durch die auf­fäl­li­ge Beto­nung von Fami­lia­ris con­sor­tio sowie der bei­den Vor­gän­ger­päp­ste Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. der Ein­druck, daß eine unzu­tref­fen­de Kon­ti­nui­tät behaup­tet wer­den soll. Dabei geht es um den unzu­tref­fen­den Ein­druck, die genann­ten Päp­ste hät­ten bereits irgend­wie vor­weg­ge­nom­men, was Papst Fran­zis­kus nun umset­ze, bzw. den Ein­druck, Papst Fran­zis­kus führ­te kei­ne Neue­rung ein.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL (Screen­shot)