Wenn die UNO sich nur der islamischen Namen des Jerusalemer Tempelbergs erinnert

Der Felsendom auf dem Tempelberg
Der Felsendom auf dem Tempelberg

(Jeru­sa­lem) Inzwi­schen ist fast ein Monat ver­gan­gen, seit die UNESCO am 16. April eine umstrit­te­ne Reso­lu­ti­on gegen die israe­li­schen „Aggres­sio­nen“ ver­ab­schie­de­te. Der Sturm der Ent­rü­stung hat sich seit­her nicht mehr gelegt. Kri­tik zog sich die UN-Orga­ni­sa­ti­on vor allem zu, weil sie den Tem­pel­berg allein mit den isla­mi­schen Namen al-haram asch-scha­rif, „das edle Hei­lig­tum“ bezeich­ne­te. Die Juden nen­nen ihn Har haBait, wört­lich „Berg des Hau­ses Got­tes“. Die jüdi­sche Bezeich­nung Tem­pel­berg fand Ein­gang in die Spra­che der Chri­sten.

Laut der neu­en palä­sti­nen­sisch-mos­le­mi­schen Dok­trin, wird ein exklu­si­ver isla­mi­scher Anspruch nicht nur auf die al-Aqsa-Moschee und den Fel­sen­dom erho­ben, son­dern auf den gesam­ten Tem­pel­berg ein­schließ­lich der Kla­ge­mau­er.

Frankreich dafür, Italien neutral, Deutschland dagegen

33 Staa­ten stimm­ten für die Reso­lu­ti­on, die von der Palä­sti­nen­ser­be­hör­de ein­ge­bracht wor­den war. Dafür stimm­ten alle isla­mi­sche Staa­ten, dar­un­ter auch die soge­nann­ten „gemä­ßig­ten“ Regie­run­gen von Marok­ko, Tune­si­en, Ägyp­ten, die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te und Kuwait. 17 Staa­ten ent­hiel­ten sich der Stim­me, dar­un­ter Ita­li­en, wäh­rend die USA, die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en, die Nie­der­lan­de, Est­land und Lett­land die Reso­lu­ti­on ablehn­ten.

Auch Frank­reich stimm­te für die Reso­lu­ti­on und zog sich hef­ti­ge Kri­tik vom Groß­rab­bi­ner von Frank­reich und von Innen­mi­ni­ster Ber­nard Caze­neuve (PS) zu, der selbst Jude ist.

Bei der Abstim­mung wur­de der Ein­fluß der Orga­ni­sa­ti­on für Isla­mi­sche Zusam­men­ar­beit (OIC) sicht­bar, ein Block, dem heu­te welt­weit 60 Staa­ten ange­hö­ren, und der eine inten­si­ve Pro­pa­gan­da­tä­tig­keit im Westen ent­fal­tet, um die „gol­de­ne“ isla­mi­sche Epo­che zu bewer­ben. Ange­sichts der Mas­sen­ein­wan­de­rung von Mos­lems in zahl­rei­che euro­päi­sche Staa­ten, schei­nen eini­ge Regie­run­gen eine neu­tra­le bis islam­freund­li­che Hal­tung ein­zu­neh­men.

Heiligster Ort des Judentums

Der Tem­pel­berg ist der „hei­lig­ste Ort des Juden­tums“, weil dort der jüdi­sche Tem­pel stand, der von den Römern zer­stört wur­de. Was die Römer zer­stör­ten, war aller­dings nicht der Tem­pel Salo­mons, der bereits im 6. Jahr­hun­dert vor Chri­stus von den Baby­lo­ni­ern zer­stört wur­de.

Nach der Rück­kehr aus der Baby­lo­ni­schen Gefan­gen­schaft wur­de 515 der zwei­te Tem­pel voll­endet. Die­ser zwei­te Tem­pel dien­te im 2. Jahr­hun­dert vor Chri­stus unter hel­le­ni­sti­scher Herr­schaft zeit­wei­se als Zeu­stem­pel.

21 vor Chri­stus ließ Hero­des der Gro­ße den Jeru­sa­le­mer Tem­pel grö­ßer und präch­ti­ger neu errich­ten. Die­ser drit­te Tem­pel wur­de 70 nach Chri­stus von den Römern zer­stört.

Der Tem­pel­berg, gilt den Juden, obwohl vom Tem­pel nichts mehr übrig­ge­blie­ben ist, als so hei­lig, daß ihnen der Zutritt ver­bo­ten ist.

Drittwichtigste Moschee des Islam

Die Chri­sten errich­te­ten, wo der Hero­dia­ni­sche Tem­pel stand, eine byzan­ti­ni­sche Mari­en­kir­che. Bei Restau­rie­rungs­ar­bei­ten an der al-Aqsa-Moschee fan­den Archäo­lo­gen deren Spu­ren. Die Moschee ent­stand Anfang des 8. Jahr­hun­derts und gilt nach Mek­ka und Medi­na als dritt­wich­tig­ste Moschee des Islam.

Wäh­rend der Kreuz­fah­rer­zeit wur­de sie im 12. Jahr­hun­dert irr­tüm­lich für die Über­re­ste von „Salo­mons Tem­pel“ gehal­ten und zum Palast des christ­li­chen Königs von Jeru­sa­lem umge­wid­met. Ein Teil davon wur­de zum Haupt­quar­tier der Tem­pel­rit­ter, die daher ihren Namen bezo­gen. Der Fel­sen­dom wur­de zu einer christ­li­chen Kir­che, die von Augu­sti­ner-Chor­her­ren betreut wur­de.

Nach dem Fall Jeru­sa­lems wur­den wie­der Moscheen dar­aus, und sind es bis heu­te geblie­ben. Im Gegen­satz zum Chri­sten­tum gilt der Tem­pel­berg sowohl Juden als auch Mos­lems als hei­li­ge Kult­stät­ten ihrer Reli­gi­on.

Israel — Jordanien

Der Tem­pel­berg liegt im 1967 von Isra­el besetz­ten Ost-Jeru­sa­lem. Die fak­ti­sche Kon­trol­le übt daher der Juden­staat aus. Aller­dings wur­de die Ver­wal­tung einer jor­da­ni­schen Moschee-Stif­tung über­tra­gen. Im Frie­dens­ver­trag von 1994 wur­de dem König von Jor­da­ni­en eine beson­de­re Stel­lung als Schirm­herr der isla­mi­schen hei­li­gen Stät­ten ein­ge­räumt. Kon­kret bedeu­tet das, daß sich Isra­el und Jor­da­ni­en über Fra­gen zum Tem­pel­berg eini­gen müs­sen, etwa Zugangs­be­stim­mun­gen für die Mos­lems und Besu­cher, dar­un­ter vor allem Chri­sten.

Juden wer­den von den bei­den Ober­rab­bi­nern Isra­els davon gewarnt, mit ihren Füßen den hei­li­gen Boden zu ver­un­eh­ren.

Die Palä­sti­nen­ser­be­hör­de hat nur soweit Ein­fluß, als der König von Jor­da­ni­en deren Anlie­gen auf­greift.

Versuch die jüdische und christliche Geschichte zu tilgen

Die ein­sei­ti­ge Ver­wen­dung der isla­misch-ara­bi­schen Orts­an­ga­ben wur­de als „poli­tisch-diplo­ma­ti­scher Schach­zug“ kri­ti­siert, der nicht nur unnö­tig pro­vo­zie­re, son­dern der Ver­such sei, histo­ri­sche Tat­sa­chen zu leug­nen. Auf­grund des beson­de­ren Sta­tus von Jeru­sa­lem und sei­ner Bedeu­tung für die drei mono­the­isti­schen Reli­gio­nen, soll­ten die Namen aller drei Reli­gio­nen, des Juden­tums, des Chri­sten­tums und des Islams in inter­na­tio­na­len Doku­men­ten ver­wen­det wer­den.

Der Tem­pel­berg ist für Chri­sten kei­ne Kult­stät­te, da der alte Tem­pel durch Chri­stus über­wun­den wur­de. Der Ort spiel­te jedoch im Leben Jesu eine zen­tra­le Rol­le und gehört daher zu den hei­li­gen Stät­ten, an denen Jesus wirk­te. Den Chri­sten genügt es, Zugang zum Tem­pel­berg zu haben. Wei­ter­ge­hen­de Ansprü­che erhe­ben sie nicht. Umge­kehrt beschul­di­gen sich Mos­lems und Juden gegen­sei­tig schänd­li­che Sakri­le­ge. Für die Mos­lems und die Palä­sti­nen­ser geht es dar­um, sich nicht aus Jeru­sa­lem ver­drän­gen zu las­sen. Sie befürch­ten immer wie­der kol­por­tie­re jüdi­sche Plä­ne zur Wie­der­rich­tung des Tem­pels.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Tem­pi