Das Geheimnis des Grabtuchs von Turin — Vortrag in Rom

Grabtuch von Turin
Das Grabtuch von Turin - Herausforderung für die Wissenschaft

(Rom) In der Ita­lie­ni­schen Bot­schaft beim Hei­li­gen Stuhl fin­det heu­te abends ein Vor­trag der Natur­wis­sen­schaft­le­rin Ema­nue­la Mari­nel­li über das Grab­tuch von Turin statt.

Mari­nel­li, die auch Geo­lo­gie stu­dier­te und  Ver­trags­as­si­sten­tin am Insti­tut für Mine­ra­lo­gie der Uni­ver­si­tät La Sapi­en­za in Rom war, gehört zum Lehr­kör­per des Römi­schen Zen­trums für die Grab­tuch­for­schung und der katho­li­schen Pri­vat­uni­ver­si­tät LUMSA in Rom. Sie gehört zum inter­na­tio­nal aner­kann­ten Exper­ten­kreis für das Turi­ner Grab­tuch, das zuletzt 2015 für zwei Mona­te aus­ge­stellt wor­den war.

Echtheitsfrage und Gottesbeweis

Dem heu­ti­gen Abend wird auch Kar­di­nal Fran­ces­co Coc­co­pal­me­rio, der Vor­sit­zen­de des Päpst­li­chen Rates für die Geset­zes­tex­te bei­woh­nen. Für Mari­nel­li ist das gro­ße Inter­es­se am Grab­tuch leicht erklär­bar, „weil es das Abbild des dar­in Ein­ge­wickel­ten zeigt. Daß das Grab­tuch mit der Grab­le­gung Chri­sti in Ver­bin­dung gebracht wird, macht es um so fas­zi­nie­ren­der, aller­dings auch umstrit­te­ner.“ Mit der Fra­ge der Echt­heit wäre die Echt­heit der Evan­ge­li­en und damit ein objek­ti­ver Got­tes­be­weis erbracht, dem sich der ver­nunft­be­gab­te Mensch nicht mehr ent­zie­hen könn­te.

Die Dis­kus­si­on sei vor allem nach der C14-Datie­rung von 1988 auf­ge­flammt, die an einem klei­nen Rand­stück durch­ge­führt wor­den war. Inzwi­schen wis­se man jedoch, so Mari­nel­li gegen­über Radio Vati­kan, daß die Stel­le durch Schim­mel und Bak­te­ri­en kon­ta­mi­niert war, „die eine Datie­rung auch bis zu 1000 Jah­re ver­fäl­schen kön­nen“. Bei­spie­le für sol­che Ver­fäl­schun­gen gebe es durch Unter­su­chun­gen von ägyp­ti­schen Mumi­en. Zur Datie­rung sei daher aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht nicht das letz­te Wort gespro­chen. „An der Uni­ver­si­tät Padua wur­den anhand von drei unter­schied­li­chen Metho­den drei neue Datie­run­gen vor­ge­nom­men, die jeweils das Grab­tuch in die Zeit Chri­sti datie­ren.“

Neue C14-Untersuchung und alternative Datierungen

Was blei­be, sei das „Geheim­nis des Abbil­des“. Das staat­li­che For­schungs­zen­trum ENEA (Ita­lie­ni­sche Agen­tur für neue Tech­no­lo­gien, Ener­gie und Nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung) gelang­te zum Schluß, daß das Abbild durch einen kur­zen, sehr star­ken Licht­strahl ent­stan­den sein könn­te. „Eine Lei­che kann aber mit Sicher­heit kei­nen Licht­strahl her­vor­brin­gen“, so Mari­nel­li. „Der Licht­strahl könn­te im Moment der Auf­er­ste­hung ent­stan­den sein, aber wir wis­sen es nicht, und kön­nen es nicht bewei­sen. Tat­sa­che ist, daß das Grab­tuch das Nega­tiv eines schwer miß­han­del­ten, gekreu­zig­ten, toten Man­nes zeigt, das uns zum Posi­tiv führt.“

Vie­le Wis­sen­schaft­ler wür­den auf eine neue C14-Datie­rung mit ande­ren Pro­ben drän­gen, weil die Metho­de in der Zwi­schen­zeit gro­ße Fort­schrit­te gemacht habe. „Zudem sind die inzwi­schen vor­lie­gen­den Alter­na­tiv­da­tie­run­gen zu ver­tie­fen.“

Auch das Blut stel­le eine wis­sen­schaft­li­che Her­aus­for­de­rung dar. „Mit den moder­nen Blut­un­ter­su­chun­gen lie­ße sich sicher mehr sagen, als wir schon wis­sen“, so Mari­nel­li.

Kunstgeschichte bei der Datierung viel weiter als die Physik

Schließ­lich sei noch der gesam­te Zweig der histo­ri­schen For­schung, zu der auch die Kunst­ge­schich­te gehört. „Es geht um Doku­men­te aus den ersten Jahr­hun­der­ten, um Bele­ge für eine Exi­stenz des Grab­tu­ches zu erbrin­gen. Dar­stel­lun­gen des Ant­lit­zes Chri­sti haben wir seit dem 4. Jahr­hun­dert, und wir kön­nen sagen, daß die alten Iko­nen exak­te Kopien des Abbil­des auf dem Grab­tuch sind. Wir kön­nen also sagen, daß wir bei der Datie­rung des Grab­tu­ches durch die Kunst­ge­schich­te deut­lich wei­ter sind als durch die Phy­sik.“

Abge­gli­chen wer­den auch die Anga­ben in den Evan­ge­li­en mit jenen der Archäologie:„Alles stimmt dar­in über­ein und führt uns zu jenem Grab in Jeru­sa­lem, das dann leer vor­ge­fun­den wur­de.“

„Wir haben allen Grund, das Grabtuch für echt zu halten“

Das Inter­es­se von Mari­nel­li am Grab­tuch ent­stand 1977, als auf dem Lei­nen­tuch Pol­len gefun­den wur­den, die nicht aus Euro­pa, son­dern aus dem Nahen Osten stam­men. „Für mich war das ein kla­rer Hin­weis, daß das Grab­tuch von dort stam­men muß­te. Das mach­te mich neu­gie­rig. Ich bin Natur­wis­sen­schaft­le­rin, da wur­de in mei­ner Spra­che mit mir gespro­chen. So begann ich mei­ne Suche und die Samm­lung von Ele­men­ten, um die Fra­ge beant­wor­ten zu kön­nen: Ist das das Grab­tuch Jesu Chri­sti? Heu­te kann ich sagen, daß wir allen Grund haben, das Grab­tuch für echt zu hal­ten. Als die C‑14-Datie­rung das Grab­tuch als mit­tel­al­ter­li­che Fäl­schung hin­stell­te, erhöh­te sich nur mein Ein­satz. Das war eine Her­aus­for­de­rung. Mir war klar, daß ich Zeug­nis für die Wahr­heit geben muß, und die Wahr­heit war nicht die­se Datie­rung.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: UCCR (Screen­shot)