„Papst Franziskus ist katholisch, seine Schreiben aber nicht“

"Dramatische doktrinelle Unsicherheit" in den Schreiben von Papst Franziskus
"Dramatische doktrinelle Unsicherheit" in den Schreiben von Papst Franziskus

(Rom) „Papst Fran­zis­kus ist katho­lisch, sei­ne Enzy­kli­ken aber nicht.“ Zu die­sem Urteil gelang­te Camil­lo Lan­go­ne in der ita­lie­ni­schen Tages­zei­tung Il Giorna­le am ver­gan­ge­nen 7. April, dem Vor­abend zur Ver­öf­fent­li­chung des Apo­sto­li­schen Schrei­bens Amo­ris Lae­ti­tia. Mit „Enzy­kli­ken“ meint er ins­ge­samt die bis­he­ri­gen Schrei­ben von Papst Fran­zis­kus. Amo­ris Lae­ti­tia ver­leiht dem Arti­kel beson­de­re Aktua­li­tät.

Lan­go­ne ist stän­di­ger Kolum­nist der Tages­zei­tung Il Foglio. Bereits mehr­fach sorg­te er mit bewußt pro­vo­kan­ten The­sen für Denk­an­stö­ße wie „Nehmt den Frau­en die Bücher weg, dann wer­den sie wie­der Kin­der gebä­ren“ oder „Evo­lu­ti­ons­theo­rie ist ein Aber­glau­be des 19. Jahr­hun­derts, dem noch immer eini­ge parauni­ver­si­tä­re Krei­se anhän­gen“.

Franziskus ist katholisch. Seine Enzykliken nicht …

von Camil­lo Lan­go­ne

Ist Papst Fran­zis­kus katho­lisch? Das ist eine Fra­ge, die unter Katho­li­ken kur­siert, und zwar nicht nur unter hyper­tra­di­tio­na­li­sti­schen.

Wenn man sie mir stellt, ent­we­der um mich in Schwie­rig­kei­ten zu brin­gen oder aus ehr­li­cher Sor­ge, ent­ge­he ich ihr, indem ich sage, daß Ber­go­glio vom Hei­li­gen Geist dort hin­ge­setzt wur­de (wenn die Kon­kla­ven wirk­lich von den Kar­di­nä­len ent­schie­den wür­den, wäre die Kir­che schon seit Jahr­hun­der­ten unter­ge­gan­gen), und daß ihn daher auch der Hei­li­ge Geist wie­der von dort ent­fer­nen muß. Ich weiß, die­se Ant­wort kann fidei­stisch klin­gen, da ich aber an das Evan­ge­li­um glau­be (und daher an Mat­thä­us 16,18: „Du bist Petrus und auf die­sem Fel­sen wer­de ich mei­ne Kir­che bau­en“), habe ich nicht viel ande­res dazu zu sagen.

Das hin­dert mich aber nicht dar­an, intel­lek­tu­ell an einer Ana­ly­se inter­es­siert zu sein, wie es um den Bau Got­tes bestellt ist. Vor­aus­ge­setzt, daß es sich um eine Ana­ly­se und nicht um blo­ße Pro­pa­gan­da han­delt. Aus die­sem Grund ver­su­che ich so wenig als mög­lich, weder die Plau­di­to­res noch die Apo­ka­lyp­ti­ker zu lesen in der Hoff­nung, daß sie alle Unrecht haben. Es ist belang­los, ob Alber­to Mel­lo­ni oder Anto­nio Soc­ci recht hat (um zwei Mei­ster der jewei­li­gen Rich­tun­gen zu nen­nen), denn in bei­den Fäl­len scheint sich die Kir­che, wie schon seit 2000 Jah­ren, auf­zu­lö­sen und das Wel­ten­en­de nahe zu sein. Da ich nachts aber ger­ne ruhig und ohne Alb­träu­me schla­fen möch­te, bevor­zu­ge ich als Lek­tü­re Autoren, die weder nach Sauer­stoff­zu­fuhr ver­lan­gen noch unbe­dingt Par­tei­gän­ger sind, son­dern imstan­de sind, die päpst­li­chen Doku­men­te sine ira et stu­dio zu lesen. Dazu gehört der Turi­ner Phi­lo­soph Fla­vio Cuni­ber­to, der an der Uni­ver­si­tät Perugia Ästhe­tik lehrt und sich weder als Papist noch als Athe­ist zu erken­nen gibt, weder als links noch als recht, weder als pro­gres­siv noch als tra­di­tio­na­li­stisch: wel­che Erleich­te­rung!

„Madonna Armut“, analyisiert Evangelii gaudium und Laudato si

"Madonna Armut" von Flavio Cuniberti
„Madon­na Armut“

Liest man sein Buch „Madon­na Armut. Papst Fran­zis­kus und die Neu­grün­dung des Chri­sten­tums“ (Madon­na Pover­tà . Papa Fran­ces­co e la rif­on­da­zio­ne del cri­stia­ne­si­mo, Neri Poz­za, 96 Sei­ten), ver­steht man nicht ein­mal, ob der Autor katho­lisch ist, und den­noch ver­stärkt das den Ein­druck der Objek­ti­vi­tät. Sei­ne Bio­gra­phie liest sich ganz phi­lo­so­phisch und nicht theo­lo­gisch. Sie ist voll von Pla­ton, Schle­gel, Nietz­sche und nicht von jenen Theo­lo­gen, die heu­te in den Semi­na­ren in Mode sind, und die so jeman­den wie Vito Man­cu­so her­vor­ge­bracht haben.

In schö­ner Pro­sa, die mehr lite­ra­risch als uni­ver­si­tär klingt, behan­delt Cuni­ber­to nicht das Schrei­ben Amo­ris Lae­ti­tia, das er noch nicht kann­te, son­dern Evan­ge­lii gau­di­um und die dar­auf fol­gen­de Enzy­kli­ka Lau­da­to si, also die Doku­men­te über die Armut und die Umwelt.

Ein Dipty­chon, das die katho­li­sche Kir­che an ihren Wur­zeln ver­än­dert“, wie ich mit eini­ger Besorg­nis bereits in den ersten Zei­len lese.

„Dramatische doktrinelle Unsicherheit“

Sei­ne Ana­ly­se beruht im Wesent­li­chen auf der Logik, und es ist gera­de die Logik, die bei­de Tex­te zu Fall bringt. Man neh­me die Armuts­fra­ge:  „Ist das eine sozio­lo­gi­sche oder eine theo­lo­gisch-spi­ri­tu­el­le Kate­go­rie? Ein Übel, das zu bekämp­fen oder ein Schatz, der zu bewah­ren ist?“  Wenn Ber­go­gli­os Pau­per­is­mus nicht so wirr wäre, könn­te man ihn der Hete­ro­do­xie bezich­ti­gen. Da sich die posi­ti­ven und nega­ti­ven, die mysti­schen und öko­no­mi­schen Bedeu­tun­gen im Apo­sto­li­schen Schrei­ben stän­dig ver­mi­schen, kann Cuni­ber­to von einer „dra­ma­ti­schen dok­tri­nel­len Unsi­cher­heit“ spre­chen.

Ist das Urteil zu hart? Um ehr­lich zu sein, hat­te ich noch Schlim­me­res erwar­tet. Dar­um: Lie­ber das Dra­ma der Ver­wir­rung als die Tra­gö­die der Häre­sie.

Der Autor, Gott möge ihn schüt­zen, erin­nert dar­an, was wir luxus­ver­wöhn­te Katho­li­ken immer sel­te­ner wie­der­ho­len: „In den Evan­ge­li­en gibt es kei­ne beson­de­re Beto­nung der Armut als mate­ri­el­lem Zustand. Jesus gibt Ärger­nis, weil er mit Zöll­nern und Sün­dern (rei­che Leu­te) ver­kehrt. Auch sei­ne eng­sten Freun­de und Jün­ger sind nicht arm (von Laza­rus über Maria von Mag­da­la bis Niko­de­mus).“ Cuni­ber­to zeigt auf, wie Evan­ge­lii gau­di­um das Evan­ge­li­um und den hei­li­gen Pau­lus ver­biegt, um das Evan­ge­li­um und den hei­li­gen Pau­lus das sagen zu las­sen, was man von ihnen hören möch­te: Selig die Armen im sozi­al­po­li­ti­schen Wort­sinn, ver­flucht die von den Rei­chen ver­schul­de­te Ungleich­heit. Frü­her ein­mal hät­te man das Katho­kom­mu­nis­mus genannt.

Laudato si „fegt uralte Lehre der Erbsünde weg“

Kann man ana­log das Den­ken, das Lau­da­to si wider­spie­gelt, als Katho­öko­lo­gis­mus bezeich­nen? Laut Cuni­ber­to nicht. Das „katho­lisch“ im Wort­kon­strukt wäre in die­sem Fall zuviel. Es han­delt sich ein­fach um Öko­lo­gis­mus, um poli­tisch moti­vier­ten Umwelt­schutz, und fer­tig. Die Enzy­kli­ka ent­fernt sich noch wei­ter vom Evan­ge­li­um als Evan­ge­lii gau­di­um und „fegt die uralte Leh­re der Erb­sün­de weg, indem sie der Natur eine para­die­si­sche Phy­sio­gno­mie zuschreibt“.

Und ich woll­te ruhig schla­fen.

In die­sem Schrei­ben weht nicht der Geist der zwei­deu­ti­gen Befrei­ungs­theo­lo­gie, son­dern sogar der Geist Rous­se­aus:

„Die Natur nimmt deut­lich roman­ti­sche Züge an: sie wird zur Sphä­re der Ur-Unschuld, zu einem intrin­sisch guten Ort, den das Ein­grei­fen des Men­schen ver­fälscht und ver­dirbt.“

Wur­de die­ses Doku­ment im Vati­kan oder am Haupt­sitz von Green­peace geschrie­ben?

Die Handschrift des „abenteuerlichen Cypertheologen“ Antonio Spadaro SJ

Laut Cuni­ber­to ist vor allem die Hand des Mit­bru­ders Anto­nio Spa­daro (Jesu­it wie Ber­go­glio) zu spü­ren, sei­nes Zei­chens Chef­re­dak­teur der Zeit­schrift Civil­tà  Cat­to­li­ca und aben­teu­er­li­cher Cyber­theo­lo­ge.

Ob Papst Fran­zis­kus die Enzy­kli­ka Lau­da­to si unter­schrie­ben hat, ohne sie über­haupt gele­sen zu haben?

Teilt er, der in sei­nen Pre­dig­ten in San­ta Mar­ta so oft vom Teu­fel gespro­chen hat, wirk­lich die Umwand­lung des Bösen von einer meta­phy­si­schen Grö­ße zu einem anthro­po­lo­gi­schen Pro­blem, das durch Sozi­al­re­for­men und eine bes­se­re Müll­tren­nung beheb­bar sein soll?

„Die von der Enzy­kli­ka vor­ge­schla­ge­ne öko-theo­lo­gi­sche Umkehr bezeich­net ein Chri­sten­tum ohne Kreuz und ohne Mensch­wer­dung Got­tes, in dem Jesus nicht mehr das Fun­da­ment ist. Was bleibt, ist eine Art neo-auf­klä­re­ri­scher Deis­mus.“

Ich erlau­be mir nicht, mich voll­stän­dig dem von Cuni­ber­to Geäu­ßer­ten anzu­schlie­ßen. Nach der Lek­tü­re von „Madon­na Armut“  glau­be ich zwar wei­ter­hin, daß Papst Fran­zis­kus katho­lisch ist, aber ich bin mir nicht mehr so sicher, daß es auch sei­ne Enzy­kli­ken sind.

Einleitung/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL (Screen­shot)