Papst Urban VII. — Das kürzeste Pontifikat der Kirchengeschichte

von Loren­zo Bene­det­ti

Gio­van­ni Bat­ti­sta Cas­ta­gna wur­de 1521 in Rom gebo­ren. Er ent­stamm­te einer Genue­ser Adels­fa­mi­lie, die ihn auf eine huma­ni­sti­sche und kirch­li­che Aus­bil­dung vor­be­rei­te­te.

Nach­dem er sei­ne Stu­di­en in utro­que iure absol­viert hat­te, trat er in sei­ner Geburts­stadt als Anwalt der Apo­sto­li­schen Signa­tur, des Ober­sten Gerichts­ho­fes des Hei­li­gen Stuhls, in den Dienst der Kurie. Eben­so war er Data­ri­us der Apo­sto­li­schen Gesandt­schaft in Frank­reich. Dabei han­del­te es sich um ein heu­te abge­schaff­tes Amt, das sich um die Ein­he­bung von Abga­ben und die Ver­wal­tung der Mit­tel küm­mer­te, die für barm­her­zi­ge Wer­ke bestimmt waren.

1553 wur­de er von Papst Juli­us III. zum Erz­bi­schof von Rossa­no in Kala­bri­en ernannt, da er sich „durch Auf­rich­tig­keit im Leben und in den Sit­ten“ aus­ge­zeich­net und „sowohl in geist­li­chen als auch welt­li­chen Ange­le­gen­hei­ten Weit­sicht“ gezeigt habe.

Erzbischof von Rossano — Türkennot

Kathedrale von Rossano
Kathe­dra­le von Rossa­no

Wäh­rend Cas­ta­gna Erz­bi­schof von Rossa­no war, wur­de 1557 die Nach­bar­diö­ze­se Caria­ti und Ceren­zia von den Tür­ken über­fal­len und geplün­dert. Hun­der­te Chri­sten der Stadt waren als Skla­ven ver­schleppt wor­den. Bereits 1544 waren die Tür­ken brand­schat­zend in die Stadt ein­ge­fal­len und hat­ten die Kathe­dra­le nie­der­ge­brannt. Damals war auch Bischof Gio­van­ni Canu­ti als Skla­ve nach Algier ver­schleppt wor­den, wo er 1545 umkam.

Caria­ti liegt direkt am Meer, Rossa­no etwas geschütz­ter und befe­stig­ter im Hin­ter­land. Die Kathe­dra­le von Rossa­no ent­stand um 600 n. Chr. Der Bischofs­sitz Cas­ta­g­nas blieb von der Tür­ken­not ver­schont. Er selbst bemüh­te sich tat­kräf­tig, das Leid von Caria­ti zu lin­dern, obwohl er sich kaum in sei­ner Diö­ze­se auf­hielt, da die Resi­denz­pflicht des Bischofs in sei­ner Diö­ze­se erst durch das Kon­zil von Tri­ent ein­ge­führt wur­de.

Schnelle und brillante Karriere

Für Cas­ta­gna begann zugleich eine schnel­le und bril­lan­te Kar­rie­re. Er wur­de unter ande­rem zum Gou­ver­neur von Perugia und Umbri­en ernannt, jenem Teil des alten lan­go­bar­di­schen Her­zog­tums Spo­le­to, der im 13. Jahr­hun­dert direkt an den Kir­chen­staat gefal­len war. Kurz dar­auf wur­de er Apo­sto­li­scher Nun­ti­us in Spa­ni­en, wo er das erst­ge­bo­re­ne Kind von König Phil­ipp II. von Öster­reich, aus des­sen Ehe mit Eli­sa­beth von Valo­is, die Infan­tin Isa­bel­la Cla­ra tauf­te. 1573 folg­te sei­ne Beru­fung zum Nun­ti­us in Vene­dig.

1583 erhob ihn Papst Gre­gor XIII., der die Gre­go­ria­ni­sche Kalen­der­re­form durch­führ­te, in den Kar­di­nals­stand.

Papst-Wahl — Erneuerung durch das Konzil von Trient umsetzen

Papst Urban VII. (1590)
Papst Urban VII. (1590)

Trotz eini­ger Wider­stän­de wur­de Kar­di­nal Giam­bat­ti­sta Cas­ta­gna am 15. Sep­tem­ber 1590, dank der Unter­stüt­zung durch die spa­ni­sche Frak­ti­on, zum Papst gewählt. Wie bereits sei­ne Vor­gän­ger, ent­stamm­te Urban VII. nicht einer der mäch­ti­gen römi­schen Adels­fa­mi­li­en. Er war ein tugend­haf­ter Mann, der mit einem umfas­sen­den theo­lo­gi­schen und kir­chen­recht­li­chen Wis­sen aus­ge­stat­tet und mit dem diplo­ma­ti­schen und kuria­len Leben bestens ver­traut war.

Gleich nach sei­ner Wahl traf er pro­gram­ma­ti­sche Aus­sa­gen und gab bekannt, das Werk der Erneue­rung der katho­li­schen Kir­che, das sei­ne Vor­gän­ger begon­nen hat­ten, fort­set­zen und die Nor­men des Kon­zils von Tri­ent ent­schlos­sen umset­zen zu wol­len. Er hat­te selbst als Udi­tor des päpst­li­chen diplo­ma­ti­schen Dien­stes an der Schluß­pha­se des Kon­zils teil­ge­nom­men. Doch bereits am 27. Sep­tem­ber starb er, von der Mala­ria dahin­ge­rafft, nach nur zwölf Tagen des Pon­ti­fi­kats, das als kür­ze­stes in die Kir­chen­ge­schich­te ein­ge­hen soll­te.

„Von mehr als menschlicher Sanftmut“

Der Ruhm Urbans VII. ist jedoch nicht mit die­sem uner­war­te­ten Pri­mat ver­bun­den, son­dern mit sei­nem wohl­tä­ti­gen Geist, der ihn aus­zeich­ne­te. Mit ener­gi­scher und ent­schlos­se­ner Hal­tung trat er in allen sei­nen Auf­ga­ben und Ämtern gegen Macht­miß­brauch auf. In sei­ner kur­zen Amts­zeit ernann­te er vier Kar­di­nä­le mit dem Auf­trag, die Finan­zen der Römi­schen Kurie zu über­prü­fen und zu ord­nen.

So für­sorg­lich er mit den Armen war, so groß­her­zig war er auch mit sei­nen Geg­ner, die ihn wäh­rend des Kon­kla­ves ver­leum­det hat­ten, um sei­ne Wahl zu ver­hin­dern. Er ver­zieh Kar­di­nal Bonel­li, sei­nem Haupt­anklä­ger und wider­setz­te sich ent­schie­den den nepo­ti­sti­schen Begier­den sei­ner Ver­wandt­schaft. Nie­mand dür­fe dem Volk das Brot weg­neh­men, war sei­ne Leit­schnur.

Selbst der Ser­vi­ten­pa­ter Ful­gen­zio Mican­zio, ein Schü­ler des gro­ßen Geg­ners der welt­li­chen Macht des Papst­tums, des Ser­vi­ten Pao­lo Sar­pi, und selbst deren Geg­ner, der auch Ver­tei­di­ger Gali­leo Gali­leis war, erkann­te die mora­li­sche Grö­ße Urbans VII. an. Er beschrieb den Papst als einen Mann „von mehr als mensch­li­cher Sanft­mut“. Ein Mann, von dem auch Mican­zio der Mei­nung war, daß er ein län­ge­res Pon­ti­fi­kat ver­dient hät­te.

Testament und Grab in Santa Maria sopra Minerva

Grab Urbans VII. in Santa Maria sopra Minerva
Grab Urbans VII. in San­ta Maria sopra Miner­va

Auch nach einem Tod kamen die Römer in den Genuß sei­ner Mild­tä­tig­keit: Mit der Testa­ments­er­öff­nung stell­te sich her­aus, daß Urban VII. 30.000 Scu­di sei­nes Pri­vat­ver­mö­gens der Bru­der­schaft der SS. Annun­zia­ta ver­macht hat­te, damit jun­gen mit­tel­lo­sen Mäd­chen eine Mit­gift sicher­ge­stellt wur­de, und auch sie hei­ra­ten konn­ten.

Die Bru­der­schaft war 1460 unter Papst Pius II., dem bekann­ten Histo­ri­ker, Uni­ver­sal­ge­lehr­ten und Huma­ni­sten Enea Sil­vio Pic­co­lomi­ni, an der römi­schen Kir­che San­ta Maria sopra Miner­va gegrün­det wor­den.  Sie gehört zu den Haupt­kir­chen des Domi­ni­ka­ner­or­dens in Rom, des­sen Gene­ral­ku­rie lan­ge Zeit im dazu­ge­hö­ri­gen Klo­ster ihren Sitz hat­te. Unter dem Haupt­al­tar der Kir­che ist die hei­li­ge Katha­ri­na von Sie­na begra­ben. Auch meh­re­re Päp­ste wähl­ten sie im 16. Jahr­hun­dert als Gra­bes­kir­che, dar­un­ter Urban VII.

Bild: Numis­ma­ti­ca Italiana/Wikicommons/Alvaro de Alvaris/Flickr (Screen­shot)