Der SPIEGEL im Jargon der Landserhefte: SS-Massenmörder als „anständiger Ausrottungshäuptling“ — VorSPIEGELeien (3)

 

Rudolf Augstein als Wehrmachtsoldat (1943)
Rudolf Aug­stein als Wehr­macht­sol­dat (1943)

Schon kur­ze Zeit nach Beginn des Russ­land-Krie­ges orga­ni­sier­te die SS-Füh­rung ein Mord­pro­gramm unvor­stell­ba­ren Aus­ma­ßes. Kei­ne zehn Jah­re spä­ter wur­den mit einem SPIE­GEL-Arti­kel die schlimm­sten Ver­bre­chen und Ver­bre­cher von Himm­lers Ver­nich­tungs­krieg hin­ter der rus­si­schen Front beschö­nigt, ver­harm­lost, ver­dreht und sogar ins Posi­ti­ve gewen­det.

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker.

Am Sonn­tag, dem 6. Juli 1941, lie­ßen die Bischö­fe der katho­li­schen Kir­che von allen Kan­zeln der deut­schen Pfar­rei­en einen gemein­sa­men Hir­ten­brief ver­le­sen. Der Kern­satz des Lehr­schrei­bens lau­te­te: „Nie, unter kei­nen Umstän­den, darf der Mensch außer­halb des Krie­ges und der gerech­ten Not­wehr einen Unschul­di­gen töten.“

Die­se Ein­schär­fung zum fünf­ten Gebot Got­tes: „Du sollst nicht töten!“ war in erster Linie gerich­te­te gegen die natio­nal­so­zia­li­sti­schen Mas­sen­tö­tun­gen von behin­der­ten und kran­ken Men­schen in den sechs reichs­deut­schen „Euthanasie“-Anstalten. Nach zahl­rei­chen Ein­ga­ben und Pro­test­schrei­ben von Bischö­fen, dem oben genann­ten gemein­sa­men Hir­ten­brief aller deut­schen Bischö­fe sowie ins­be­son­de­re den drei Pro­test­pre­dig­ten des Bischofs von Galen aus Mün­ster wur­de die Gas­mord­ak­ti­on am 24. August 1941 gestoppt.

Zwei Wochen vor Ver­le­sung des Hir­ten­briefs hat­te Adolf Hit­ler den Angriffs­krieg gegen die Sowjet­uni­on befoh­len. Schon kur­ze Zeit nach den ersten Angriffs­wel­len begann Hein­rich Himm­lers SS in den erober­ten Sowjet-Gebie­ten mit einem Mord­pro­gramm zur Tötung von Zivi­li­sten. Auch das waren Tötun­gen ‚außer­halb der Kriegs- und Kampf­hand­lun­gen und nicht in Not­wehr-Gefahr’, die der bischöf­li­che Hir­ten­brief ver­ur­teil­te.

Ein SS-Massenmörder lässt in drei Monaten 45.000 Zivilisten ermorden

Einer der Haupt­ver­ant­wort­li­chen für die­se Mas­sen­mor­de an sowje­ti­schen Bür­gern war der SS-Füh­rer Artur Nebe (+1945). Er war seit 1939 zu der tech­ni­schen Erpro­bung und Durch­füh­rung der Kran­ken­mor­de im Deut­schen Reich ein­be­zo­gen wor­den und wur­de im Juli 1941 nach Russ­land ver­setzt.

Der Kriegs­ver­bre­cher Nebe ließ bei sei­nem Ein­satz als ver­ant­wort­li­cher Chef der Ein­satz­grup­pe B hin­ter dem Mit­tel­ab­schnitt der Front inner­halb von drei Mona­ten mehr als 45.000 Zivi­li­sten ermor­den – zum Groß­teil Juden, aber auch Zigeu­ner und Rus­sen.

Anfang August 1941 nahm Reichs­füh­rer SS, Hein­rich Himm­ler (+1945), an einer Erschie­ßungs­ak­ti­on von Nebes Bri­ga­de teil, anschlie­ßend besuch­te er eine rus­si­sche Heil­an­stalt. Dabei wies er den SS-Füh­rer Nebe an, die rus­si­schen Kran­ken mög­lichst effek­tiv zu liqui­die­ren. Die Anstalts­in­sas­sen soll­ten aber nicht erschos­sen wer­den, da eine sol­che unmit­tel­ba­re Tötungs­ak­ti­on die SS-Exe­ku­to­ren uner­träg­lich bela­sten wür­de.

Geringe Tötungseffizienz mit Krankensaal-Sprengungen

Arthur Nebe, vom SPIEGEL als „anständiger Ausrottungshäuptling“ benannt
SS-Grup­pen­füh­rer Arthur Nebe, vom SPIEGEL als „anstän­di­ger Aus­rot­tungs­häupt­ling“ benannt

Nebe gehör­te zu dem Typ von Himm­lers wil­li­gen Voll­streckern der Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit, den der Natio­nal­so­zia­lis­mus geformt hat­te: ein Kri­mi­na­list mit kri­mi­nel­ler Ener­gie, ein SS-Füh­rer mit tech­ni­scher und orga­ni­sa­to­ri­scher Intel­li­genz, ein Nazi-Scher­ge in erbar­mungs­lo­ser Durch­set­zung der NS-Ras­sen­ideo­lo­gie gegen „Fremd­völ­ki­sche“.

Zu Himm­lers Tötungs­an­wei­sung hat­te Nebe zunächst den Ein­fall, die Kran­ken direkt in den Heil­an­stal­ten in die Luft zu spren­gen. Bei zwei Pro­be­spren­gun­gen ließ der bru­ta­le SS-Füh­rer in einem Bun­ker ein Dut­zend Gei­stes­kran­ke mit Spreng­stoff in die Luft jagen. Die­se Akti­on ver­lief aber bezüg­lich der Tötungs­ef­fi­zi­enz nicht zufrie­den­stel­lend.

Danach – Mit­te August 1941 — ord­ne­te der SS-Füh­rer an, in einer rus­si­schen Heil­an­stalt einen geflie­sten Labor­raum als luft­dich­ten Gas­tö­tungs­raum her­zu­rich­ten. Sol­che Gas­kam­mern hat­te Nebe in Deutsch­land schon ab Janu­ar 1940 für die Mord­ak­ti­on an deut­schen Kran­ken ein­rich­ten las­sen. In den sechs deut­schen „Euthanasie“-Anstalten waren die Kran­ken mit Koh­len­mon­oxyd aus Gas­fla­schen umge­bracht wor­den.

Die­se tech­ni­sche Lösung war in den erober­ten Gebie­ten Russ­lands aus prak­ti­schen und öko­no­mi­schen Grün­den nicht durch­führ­bar. Daher ersann der SS-Füh­rer die Metho­de, die rus­si­schen Kran­ken durch Ein­lei­tung von LKW-Abga­se zu ermor­den. Bei einem Pro­be­durch­gang wur­den in dem gas­dicht abge­schirm­ten Labor­raum einer Kran­ken­an­stalt fünf Gei­stes­kran­ke über ein fle­xi­bles Gas­rohr umge­bracht. Nebe berich­te­te Himm­ler stolz von die­ser von ihm erdach­ten, erfolg­rei­chen und effi­zi­en­ten Abgas­tö­tungs­ak­ti­on an „fremd­völ­ki­schen“ Anstalts­in­sas­sen.

Das alles geschah in den glei­chen Wochen, als in Deutsch­land die deut­schen Bischö­fe mit Denk­schrift, Hir­ten­brief, Ein­ga­ben und Pre­dig­ten gegen die Tötung von kran­ken und behin­der­ten Men­schen pro­te­stier­ten.

Ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer bringt das SPIEGEL-Sturmgeschütz in Stellung – zum ideologischen Flankenschutz für den SS-Vernichtungskrieg

Ein Stell­ver­tre­ter von Arthur Nebe im Ber­li­ner Reichs­kri­mi­nal­po­li­zei­amt was SS-Haupt­sturm­füh­rer Bern­hard Weh­ner (+1995). Weh­ner wur­de 1949 vom SPIE­GEL-Her­aus­ge­ber Rudolf Aug­stein (+2002) ange­heu­ert, in einer 30teiligen Serie die Arbeit der deut­schen Kri­mi­nal­po­li­zei im NS-Staat zu beschö­ni­gen.

In der Serie „Das Spiel ist aus – Artur Nebe“ beschreibt der SPIE­GEL-Schrei­ber den SS-„Kollegen Nebe“ als Muster deut­scher Poli­zei­men­sch­lich­keit. Von den 45.000 Ermor­dun­gen an rus­si­schen Zivi­li­sten unter Nebes Ver­ant­wort­lich­keit fin­den sich in der 30teiligen Serie aller­dings nur rela­ti­vie­ren­de Rand­no­ti­zen. Aus­führ­li­cher stellt der SPIE­GEL-Autor die Tötungs­ak­ti­on an eini­gen hun­dert rus­si­schen Anstalts­kran­ken dar. Der ehe­ma­li­ge SS-Haupt­sturm­fü­her Weh­ner schreibt dar­über in einer Wei­se, mit der er um viel Ver­ständ­nis wirbt für das Vor­ge­hen sei­nes Vor­ge­setz­ten, des SS-Grup­pen­füh­rers Nebe. Der orga­ni­sier­te im erober­ten West­russ­land Hit­lers ras­si­sti­sche ‚Akti­on Gna­den­tod’. SS-Kol­le­ge Weh­ner beschö­nig­te die­se Mas­sen­mord­ak­ti­on in der 18. Fol­ge der SPIE­GEL-Serie im Febru­ar 1950:

Der SPIEGEL schreibt im Jargon der Landserhefte:

„Irren­haus in Minsk. Irren­haus in Smo­lensk. Hun­der­te ärm­ster Men­schen, irre, tob­süch­ti­ge, in Lum­pen gehüll­te und her­un­ter­ge­kom­me­ne Men­schen, ohne Nah­rung und ohne Pfle­ge­per­so­nal.“

Weh­ner schwelgt im schein­authen­ti­schen Lands­er­heft­jar­gon in Phan­ta­sie­dar­stel­lun­gen: Die Aus­sa­ge „ohne Nah­rung und Pfle­ge­per­so­nal“ ist eine Lüge; die Ver­elen­dungs­the­se liegt auf der Linie des NS-Pro­pa­gan­da­bilds von „her­un­ter­ge­kom­me­nen“ Rus­sen und soll die spä­te­re Ermor­dung recht­fer­ti­gen.

„Nebe funkt an Heyd­rich. Ant­wort: „Liqui­die­ren!“

Eben­falls eine Lüge: Himm­ler ord­ne­te die Kran­ken­mor­de an – aus­drück­lich nicht durch Erschie­ßun­gen.

„Nebe ist kon­ster­niert. Er geht selbst in das Irren­haus. Unmög­lich! Wie soll­te man die­se Leu­te erschie­ßen? Man müß­te sie fest­hal­ten, bin­den, um den Schüt­zen einen eini­ger­ma­ßen siche­ren Schuß zu ermög­li­chen. Wer soll­te das aus­hal­ten?“

Der SPIEGEL stilisiert den Massenmörder zu einem rücksichtsvollen Vorgesetzten

SS-Mann Weh­ner baut den „Kol­le­gen“ Nebe als nach­denk­lich-rück­sichts­vol­len Men­schen auf, der ent­ge­gen den grau­sa­men Anwei­sun­gen Heyd­richs eine huma­ne Pro­blem­lö­sung ent­wickeln wür­de:

„In Nebe ent­steht ein Plan. Er läßt einen Teil der Kran­ken in eine klei­ne Holz­ba­racke, eine Gara­ge, brin­gen und einen star­ken Pkw vor­fah­ren. Der auf hohen Tou­ren lau­fen­de Wagen strömt sei­ne Aus­puff­ga­se in den Raum.“

Die Holz­ga­ra­ge ist eine Phan­ta­sie-Erfin­dung Weh­ners. Wie soll­ten eigent­lich die Aus­puff­ga­se in die Gara­ge „ein­strö­men“?

„Aber die Gara­ge ist nicht dicht. Erschau­ernd vor einem Guck­loch erschrickt Nebe vor sei­ner eige­nen Grau­sam­keit. Aber er muß irgend etwas unter­neh­men. Wie­der ven­ti­liert er das Erschie­ßen. Unmög­lich!“

Der SPIEGEL-Autor scheint ein Drehbuch für einen Film zu schreiben:

SS-Führer Arthur Nebe links neben Reichsführer SS Heinrich Himmler, rechts Reinhard Heydrich
SS-Füh­rer Arthur Nebe links neben Reichs­füh­rer SS Hein­rich Himm­ler, rechts Rein­hard Heyd­rich

„Dann läßt er die Gara­ge voll­stän­dig abdich­ten und wie­der­holt den Ver­such mit einem noch stär­ke­ren Wagen. Erfolg­reich.“

Wie soll eine Holz­bracken-Gara­ge „voll­stän­dig abge­dich­tet“ wer­den kön­nen? Die histo­ri­sche Wahr­heit ist, daß Nebe ein Labor eines stein­ge­mau­er­ten Kran­ken­hau­ses abdich­ten und dort die ersten Pro­be­ver­ga­sun­gen an rus­si­schen Anstalts­pa­ti­en­ten vor­neh­men ließ.

„Nebe ist voll­ends am Ende. Er trö­stet sich mit dem Gedan­ken, ordent­li­che Män­ner sei­ner Ein­satz­grup­pe vor der Durch­füh­rung der grau­en­vol­len Exe­ku­ti­on bewahrt zu haben.“

Die­ser Satz ist das ange­ziel­te Ergeb­nis von Weh­ners fak­ten­frei­er Dar­stel­lung, die er aber dra­ma­tur­gisch geschickt ver­mit­telt – nach Art der frü­hen „SPIE­GEL­sto­ry“:
Ein deut­scher SS-Füh­rer zer­reißt sich, um „ordent­li­che“ deut­sche SS-Män­ner vor grau­en­vol­len Arbei­ten zu bewah­ren.

„Aber Nebe ist ein pflicht­ge­treu­er Mann, der die Aner­ken­nung sei­ner Obe­ren gern erringt. Er ver­faßt einen Bericht an Heyd­rich.“

Mas­sen­mör­de­ri­sche Aktio­nen gibt Weh­ner als ‚Pflicht­treue’ aus, für die er gleich­wohl spei­chel­lecke­risch um Aner­ken­nung bei sei­nem SS-Vor­ge­setz­ten buhlt. Der Bericht war aller­dings an Himm­ler zu schrei­ben, nicht an Heyd­rich.

„Er rühmt sei­nen Ein­fall, mit dem er den Men­schen durch die Mate­rie ersetzt und mora­lisch unge­fähr­det gelas­sen habe.“

Der SPIEGEL-Autor lügt durch Verschweigen und Verdrehen:

„Auch die Gas­kam­mer hat Arthur Nebe in Russ­land zum ersten Mal aus­pro­biert“, behaup­tet Weh­ner. In Wirk­lich­keit hat­te Neben den „Ein­fall“, Kran­ke mit dem Ver­bren­nungs­gas Koh­len­oxyd zu töten, schon im Okto­ber 1939.

Weh­ner lügt auch, indem er den äußerst grau­sa­men Ein­fall Nebes ver­schweigt, von dem er mit Sicher­heit Kennt­nis hat­te, dass der SS-Füh­rer zunächst die Kran­ken mit Spreng­stoff direkt in ihren Kran­ken­sä­len ermor­den las­sen woll­te und die­ses Vor­ha­ben mit einer Kran­ken­bun­ker­spren­gung aus­pro­bier­te.

Der SPIE­GEL-Schrei­ber stellt den äußerst bru­tal den­ken­den und grau­sam han­deln­den SS-Füh­rer Nebe als einen mit­füh­len­den Chef dar, des­sen ein­zi­ge Sor­ge es gewe­sen sei, sei­ne Unter­ge­be­nen vor „grau­en­vol­len“ Exe­ku­tio­nen bewah­ren zu wol­len. Die Wahr­heit ist, daß die­se zivi­li­sa­to­ri­sche Bestie bei der Durch­set­zung des natio­nal­so­zia­li­sti­schen Kran­ken­mord­pro­gramms unvor­stell­bar grau­en­vol­le Mit­tel anzu­wen­den bereit war – wie z. B. Kran­ken­saal­spren­gun­gen.

All das vertuscht der SPIEGEL in seinem Artikel

Auch mit der kryp­ti­schen Umschrei­bung, die SS-Leu­te „mora­lisch unge­fähr­det las­sen“ zu las­sen, ver­schlei­ert der SS-SPIE­GEL-Mann die wirk­li­chen Ver­hält­nis­se:

Bei den SS-Erschie­ßungs­kom­man­dos gab es schon bald nach den ersten Erschie­ßungs-Ein­sät­zen im Juli 1941 erheb­li­che Schwie­rig­keit mit Befehls­ver­wei­ge­run­gen, Trun­ken­heits­ex­zes­sen, psy­chi­schen Erkran­kun­gen und Selbst­mor­den. Himm­ler fühl­te sich allein schon durch das Besich­ti­gen einer Erschie­ßung „see­lisch bela­stet“. Daher gab er sei­ne Anwei­sung, tech­ni­sche Alter­na­tiv-Tötun­gen aus­zu­pro­bie­ren.

Der mobile Gaskammerwagen – Endlösung für 97.000 russische Zivilisten

Nach­dem Nebes SS-Ein­hei­ten in den gro­ßen Kran­ken­an­stal­ten in Minsk und Smo­lensk eini­ge hun­dert Kran­ke in der sta­tio­nä­ren Gas­kam­mer mit PKW-Abga­sen getö­tet hat­ten, stell­te sich her­aus, dass mit die­ser Metho­de nicht das fla­che Land von Kran­ken, Juden und auf­säs­si­gen Rus­sen „gesäu­bert“ wer­den konn­te. Also gab die SS-Füh­rung die Kon­struk­ti­on eines Abgas­tö­tungs­wa­gens an eine deut­sche Fir­ma in Auf­trag. Dabei soll­ten die Motor­ver­bren­nungs­ga­se wäh­rend einer Fahrt direkt in einen gas­dicht geschlos­se­nen Auf­bau ein­ge­lei­tet wer­den. Die­se mobi­len Gas­kam­mern soll­ten „ins­be­son­de­re zur Liqui­die­rung von Frau­en und Kin­der genutzt wer­den“.

Mit den seit Dezem­ber 1941 ein­ge­setz­ten drei Gas­wa­gen lie­ßen die SS-Füh­rer – Nebe hat­te sich inzwi­schen ver­setz­ten las­sen — inner­halb von sechs Mona­ten 97.000 rus­si­sche Zivi­li­sten umbrin­gen.

Der SPIEGEL vertuschte die schlimmsten NS-Verbrechen und protegierte die Täter

Die SPIE­GEL-Serie „Das Spiel ist aus – Arthur Nebe. Glanz und Elend der deut­schen Kri­mi­nal­po­li­zei“ aus den Jah­ren 1949/50 hat­te drei Ziel­set­zun­gen bzw. Ergeb­nis­se:
„¢ Die schlimm­sten Ver­bre­chen von Hit­lers Ver­nich­tungs­krieg hin­ter der Front sol­len ver­schwie­gen, ver­tuscht, ver­harm­lost, ver­dreht und sogar ins Posi­ti­ve gewen­det wer­den.
„¢ Die NS-Täter, Himm­lers wil­li­ge Voll­strecker im Mas­sen­mord an „min­der­wer­ti­gen“ Juden, Sla­wen und Kran­ken, wer­den als pflicht­treue, ein­fühl­sa­me und sor­gen­de Vor­bil­der von Mensch­lich­keit glo­ri­fi­ziert.
„¢ Ins­be­son­de­re die SS-Täter aus den Rei­hen der Kri­mi­nal­po­li­zei wer­den in der SPIE­GEL-Serie als recht­schaf­fen und unbe­la­stet hin­ge­stellt, so dass sie unbe­denk­lich für den Neu­auf­bau der Kri­mi­nal­po­li­zei in der jun­gen Bun­des­re­pu­blik ver­wen­det wer­den könn­ten.

Mit der Reinwaschung der Nazi-Verbrecher wurde der SPIEGEL zum Steigbügelhalter für deren Wiedereinstieg in die BRD-Elite

Ein umgebauter Gas-Tötungswagen, in dessen luftdichtem Aufbau jeweils 60 Kranke oder Zivilisten bei einer Fahrt umgebracht wurden
Ein umge­bau­ter Gas-Tötungs­wa­gen, in des­sen luft­dich­tem Auf­bau jeweils 60 Kran­ke oder Zivi­li­sten bei einer Fahrt umge­bracht wur­den

In einem wei­te­ren SPIE­GEL-Arti­kel vom 14. März 1951 prä­sen­tier­te Weh­ner eine Liste von zehn „erfah­re­nen und maß­geb­li­chen Kri­mi­na­li­sten“ der NS-Zeit, die sechs Jah­re nach dem Krieg immer noch von ange­mes­se­nen Anstel­lungs­ver­hält­nis­sen aus­ge­schlos­sen sei­en. Von die­sen Nazi-Kri­mi­na­li­sten gehör­te die Mehr­heit zum SS-Füh­rungs­ka­der und war als Kriegs­ver­bre­cher inter­niert gewe­sen. Beson­ders dreist pro­te­gier­te Weh­ner sei­nen SS-Kum­pan Dr. Wal­ter Zir­pin, einen ehe­ma­li­gen Ober­re­gie­rungs- und Kri­mi­nal­rat im Ran­ge eines Haupt­sturm­füh­rers.

Zir­pin hat­te tief­brau­nen NS-Dreck am Stecken. 1937 for­der­te er in einer Publi­ka­ti­on, die Poli­zei müs­se stär­ker als bis­her allein das Volks­ge­mein­schafts­wohl als Kri­te­ri­um des Ein­grei­fens anse­hen – und nicht die Rech­te des Ein­zel­nen schüt­zen. Als kri­mi­nal­po­li­zei­li­cher Lei­ter des Ghet­tos Litz­mann­stadt beschrieb er, wie sich die „jüdi­sche Men­ta­li­tät“ unter Ghet­to­be­din­gun­gen zu „Kri­mi­nel­len, Schie­bern, Wuche­rern und Betrü­gern“ ent­wickelt hät­te. Zir­pin betei­lig­te sich an der Aus­rau­bung der ver­mö­gen­den Juden im Men­schen­pferch Litz­mann­stadt. Auch an der Drang­sa­lie­rung der Juden im War­schau­er Ghet­to war Zir­pin maß­geb­lich betei­ligt.

Dank der Schüt­zen­hil­fe von SPIE­GEL-Autor Weh­ner wur­de Zir­pin schon Mit­te 1951 vom Nie­der­säch­si­schen Innen­mi­ni­ste­ri­um in sei­nen alten NS-Rang als Ober­re­gie­rungs- und Kri­mi­nal­rat ein­ge­setzt, spä­ter wech­sel­te er auf den Posten des Lei­ters der Kri­mi­nal­po­li­zei Han­no­ver. Die­se Posi­tio­nen ermög­lich­ten es Zir­pin, als füh­ren­des Mit­glied eines Netz­wer­kes ehe­ma­li­ge Nazi-Kri­mi­na­li­sten nicht nur die Per­so­nal­po­li­tik und die kri­mi­nal­po­li­ti­schen Dis­kur­se der west­deut­schen Kri­po zu beein­flus­sen, son­dern auch die kri­mi­na­li­stisch-kri­mi­nel­len Tätig­kei­ten in der NS-Zeit zu inter­pre­tie­ren: So behaup­te­te der ehe­ma­li­ge SS-Juden­ver­fol­ger von Litz­mann­stadt und War­schau 1955 zynisch und wahr­heits­wid­rig, dass die deut­sche Kri­po von 1933 bis 1945 auch in SS-Rän­gen „stets Rechts­be­wusst­sein und Ach­tung vor der Men­schen­wür­de“ zum Maß­stab ihres Han­delns gemacht hät­te.

Der ehe­ma­li­ge SS-Haupt­sturm­füh­rer Wal­ter Zir­pin bedank­te sich für die Schüt­zen­hil­fe des SPIEGELS, indem er sich spä­ter Aug­stein als SPIE­GEL-Autor andien­te, der in sei­ner Serie zum Reichs­tags­brand die Nazis voll­stän­dig vom Brand­ge­ruch der Mit­tä­ter­schaft rein­wusch (dazu Bei­trag (5).

Auch für den ehe­ma­li­gen SS-Haupt­sturm­füh­rer Weh­ner hat­te sich das Schön­re­den der NS-Kri­po durch die SPIE­GEL-Serie gelohnt: Er avan­cier­te 1954 zum Lei­ter der Kri­mi­nal­po­li­zei Düs­sel­dorf und blieb bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung 1970 in die­ser Funk­ti­on. Zudem wur­de er Schrift­lei­ter des Fach­blat­tes Kri­mi­na­li­stik.

Der SPIEGEL nennt den SS-Massenmörder Nebe einen „anständigen Ausrottungshäuptling“

Der Köl­ner Medi­en­for­scher Lutz Hach­mei­ster will in der Weh­ner-Serie die „unver­kenn­ba­re Hand­schrift von Aug­stein“ erkannt haben, den er als Pro­fi im Redi­gie­ren cha­rak­te­ri­siert. Der SPIEGEL der frü­hen Jah­re sei „im Stil irgend­wo zwi­schen Time und Lands­er­hef­ten situ­iert“ gewe­sen und durch­gän­gig „in einem schnodd­ri­gen Casi­no-Ton“ geschrie­ben –etwa wenn der SS-Grup­pen­füh­rer und Kriegs­ver­bre­cher Arthur Nebe als „anstän­di­ger, ehr­gei­zi­ger, ängst­li­cher Aus­rot­tungs­häupt­ling“ bezeich­net wird.

Der Fisch stinkt vom Kopf her: Augstein als persönlich Verantwortlicher für diese politische Skandal-Serie

Die­se Ein­schät­zung vom star­ken redak­tio­nel­lem Ein­griff des dama­li­gen Chef­re­dak­teurs Aug­stein in die Serie erscheint mit fol­gen­den Über­le­gun­gen plau­si­bel:
Der jour­na­li­stisch unge­schul­te Autor Dr. Bern­hard Weh­ner hat­te als Lei­ter der Dienst­stel­le zur Bekämp­fung von Kapi­tal­ver­bre­chen in der Zen­tra­le des Reichs­kri­mi­nal­po­li­zei­am­tes durch sei­ne Arbeit sowie auf­grund von Ver­bin­dun­gen und Erzäh­lun­gen zwar einen guten Über­blick über das Feld der Kri­mi­na­li­stik, aber als lang­jäh­ri­ger Stu­ben­be­am­ter war er mit dem Lands­er­ton und Casi­no-Slang der Sol­da­ten in Feld und Etap­pe nicht beson­ders ver­traut, die der Serie den lin­gu­isti­schen Stall­ge­ruch der ‚Front­schwei­ne’ gaben.

Aug­stein dage­gen war knapp drei Jah­re Wehr­macht­sol­dat an der Ost­front. Er wur­de dort ein­ge­setzt als Kano­nier, Fun­ker, Kan­ti­nen­wirt, Lust­wart für Unter­hal­tung und Zer­streu­ung der Sol­da­ten und zuletzt als Leut­nant für Artil­le­rie­be­ob­ach­tung. Er kann­te also aus eige­ner Erfah­rung den Land­ser-Jar­gon der ein­fa­chen Sol­da­ten sowie den „schnodd­ri­gen Casi­no-Ton“ der Wehr­machts­of­fi­zie­re.

Somit ist es nicht ver­wun­der­lich, dass der SPIE­GEL-Chef­re­dak­teur und Her­aus­ge­ber Rudolf Aug­stein sich nie von die­sem schänd­li­chen Seri­en-Mach­werk distan­zier­te, da er selbst dar­in redak­tio­nell ver­strickt war.

Statt investigativer Aufklärung betreibt der SPIEGEL zur eigenen Geschichte eine Verklärungs- und Vertuschungsstrategie

Auch nach Aug­steins Tod 2002 übte sich die Chef­re­dak­ti­on in ver­tu­schen­den Beschö­ni­gungs­for­mu­lie­run­gen über die schmut­zig-brau­ne Ver­gan­gen­heit des Blat­tes. In einem Rück­blick auf die „erste SPIE­GEL-Deka­de 1947–1956“ berich­te­te die Chef­re­dak­ti­on im Janu­ar 2007, dass Aug­stein den „eben noch ras­sisch Ver­folg­ten Ralph Gior­da­no“ ange­wor­ben und „sogar“ zwei Kom­mu­ni­sten kurz­zei­tig ein­ge­stellt hät­te. Die­se selek­ti­ve Rück­schau war aller­dings eine durch­sich­ti­ge Rück­pro­ji­zie­rung des links­li­be­ra­len Images von spä­te­rer Zeit auf die Grün­dungs­jah­re. Die Wahr­heit über die Anwer­bung von allein einem Dut­zend ehe­ma­li­ger SS-Füh­rer als for­mel­le und infor­mel­le Redak­ti­ons­mit­ar­bei­ter in der ersten SPIE­GEL-Deka­de ver­schwieg die Chef­re­dak­ti­on geflis­sent­lich, obwohl es ihr bekannt war. Das ist die spe­zi­fi­sche Form der Zerr­SPIE­GEL-Lüge: Statt der zwölf hoch­ran­gi­gen Ver­tre­ter aus dem NS-Täter- und Ver­fol­ger­sy­stem in der Redak­ti­on zu nen­nen, wer­den drei Ver­tre­ter aus den Grup­pen der Ver­folg­ten als frü­he Redak­teu­re vor­ge­scho­ben.

Aug­stein selbst hat­te sein Blatt als „Sturm­ge­schütz“ bezeich­net – ein kryp­ti­scher Hin­weis auf die redak­tio­nel­le SS-Rie­ge, aus der zwei SS-Kano­nie­re zu Res­sort­lei­tern auf­stie­gen und damit die Rich­tung des Blat­tes maß­geb­lich mit­ge­stal­ten konn­ten.

Die SPIEGEL-Story als politisch obszöner Journalismus: Enthüllungsgeschichten aus der Schlüsselloch-Perspektive

Auf­schluss­reich ist auch der Blick auf das soge­nann­ten SPIE­GEL-Sta­tut für die typi­sche SPIE­GEL-Sto­ry, nach der auch die Weh­ner-Nebe-Serie redak­tio­nell bear­bei­te­te wur­de:
„Nichts inter­es­siert den Men­schen so sehr wie der Mensch. Dar­um soll­ten alle SPIE­GEL-Geschich­ten einen hohen mensch­li­chen Bezug haben. Ein SPIE­GEL-Arti­kel ist mit einem aktu­el­len Auf­hän­ger, einem höchst dra­ma­tisch-emo­tio­na­len Ein­stieg, zu begin­nen. Danach wird in mög­lichst per­so­na­li­sier­ter Form die inne­re Pro­ble­ma­tik ange­ris­sen. Es folgt eine dra­ma­tur­gisch der­art auf­be­rei­te­te Schil­de­rung, dass dabei Hin­ter­grün­de klar wer­den. Falls es dem Autor nicht an Mut gebricht, darf er nun eine per­sön­li­che Pro­gno­se der wei­te­ren Ent­wick­lung wagen, bevor er — ganz wich­tig! — den Leser mit einem Schluss­gag ent­lässt.“
„Dem Leser wird die Posi­ti­on am Schlüs­sel­loch ange­bo­ten“- so Hans Magnus Enzens­ber­ger 1957 zu die­sem poli­tisch obszö­nen SPIE­GEL-Jour­na­lis­mus.

Auflagensteigerung durch opportunistische Bedienung von Rechtfertigungsbedürfnisse der Kriegsgeneration

Selbst­löb­li­ches Resü­mee der SPIE­GEL-Redak­ti­on im Jah­re 2007: „Es war wohl der per­so­na­li­sier­te Approach des Maga­zins, der — damals brand­neu — den Lesern gefiel und die Auf­la­ge auf 90.000 Stück stei­ger­te.“ Ent­schei­dend ist aller­dings, zu wel­chem Ziel und Zweck die­ser aufs Poli­tisch-Gesell­schaft­li­che über­tra­ge­ne Gar­ten­lau­bens­til ange­setzt wur­de – im frü­hen SPIEGEL zur ver­ständ­nis­vol­len Recht­fer­ti­gung der NS- und SS-Füh­rer der mitt­le­ren bis obe­ren Ebe­ne.

So neu wie behaup­tet war die­se jour­na­li­sti­sche Schrei­be aller­dings auch nicht: Gegen­über dem sach­li­chen Nach­rich­ten­stil der Tages­zei­tung in den 20er und 30 Jah­ren hat­ten schon die NS-Pres­se­or­ga­ne den emo­tio­na­li­sier­ten und per­so­na­li­sier­ten Repor­ta­gen­an­satz ent­deckt und ent­wickelt. Aug­stein wird die­se Metho­de in sei­nem ein­jäh­ri­gen Volon­ta­ri­at bei der Goe­b­bels­pres­se in Han­no­ver sicher­lich ken­nen­ge­lernt haben. Der ‚stern’-Gründer Hen­ri Nan­nen hat­te den per­so­na­li­sier­ten Ansatz eben­falls in der Nazi­zeit gelernt als Kriegs- und NS-Pro­pa­gan­da­schrei­ber in einer SS-Ein­heit sowie Autor von Lands­er­heft­ro­ma­nen für die Jugend.

Was die SPIE­GEL-Redak­ti­on eben­falls ver­schweigt: Die Auf­la­gen­stei­ge­rung mit der Weh­ner-Nebe-Serie wur­de vor allem durch die oppor­tu­ni­sti­sche Bedie­nung von Rein­wa­schungs- und Recht­fer­ti­gungs­be­dürf­nis­se der Kriegs­ge­nera­ti­on erreicht, die in der redak­tio­nel­len Ent­na­zi­fi­zie­rung und Glo­ri­fi­zie­rung des Kriegs­ver­bre­chers Arthur Nebe zum tra­gi­schen Hel­den ihr eige­nes Schick­sal als geschei­ter­te NS-Zeit­ge­nos­sen wie­der fin­den und sich dar­an trö­sten konn­te.

Text: Hubert Hecker
Bil­der: vom Autor zusam­men­ge­stellt