Was macht 2013 die „Befreiungsphilosophie (-theologie“) in der Civiltà  Cattolica?

"Befreiungsphilosophie" (Befreiungstheologie) in der Civiltà  Cattolica(Rom) Wir schrei­ben das Jahr 1998. Papst Johan­nes Paul II. erließ die Enzy­kli­ka Fides et ratio (Glau­ben und Ver­nunft). Dar­in zitier­te er die Ver­ur­tei­lun­gen, die das kirch­li­che Lehr­amt mit Pas­cen­di, mit Divi­ni Redemp­to­ris und mit Huma­ni gene­ris in der ersten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts gegen den Moder­nis­mus, den Kom­mu­nis­mus und die Evo­lu­ti­ons­theo­rie aus­ge­spro­chen hat. Johan­nes Paul II. erin­ner­te: „Schließ­lich muß­te auch die Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re in Erfül­lung ihrer beson­de­ren Auf­ga­be im Dienst des uni­ver­sa­len Lehr­am­tes des Pap­stes ein­grei­fen, um nach­drück­lich auf die Gefahr hin­zu­wei­sen, die eine unkri­ti­sche Über­nah­me der aus dem Mar­xis­mus stam­men­den Auf­fas­sun­gen und Metho­den durch eini­ge Befrei­ungs­theo­lo­gen mit sich bringt“ (Fides et ratio 54). Die Enzy­kli­ka nahm Bezug auf die Instruk­ti­on Liber­ta­tis nun­ti­us, „über eini­ge Aspek­te der ‚Theo­lo­gie der Befrei­ung‘“ aus dem Jahr 1984.

So als wäre dies alles nicht bekannt oder gar nicht exi­stent, bie­tet die Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà  Cat­to­li­ca ihren Lesern als Haupt­ar­ti­kel einen Bei­trag des Befrei­ungs­theo­lo­gen Juan Car­los Scan­no­ne aus dem Jesuitenorden. 

Das Vor­ge­hen erstaunt und kennt nichts Ver­gleich­ba­res, galt doch die Civil­tá Cat­to­li­ca ein­mal als der rein­ste Aus­druck der römi­schen Theologie.

Pater Scannones Klischees dieser irrigen philosophisch-theologisch-politischen Richtung

Scan­no­ne wie­der­holt in sei­nem Bei­trag Die Phi­lo­so­phie der Befrei­ung (La Civil­tà  Cat­to­li­ca, Heft 3920 vom 19. Okto­ber 2013, S. 105–120) alle typi­schen Kli­schees die­ser irri­gen phi­lo­so­phisch-theo­lo­gisch-poli­ti­schen Rich­tung. Er erhebt dabei den Anspruch, die Rich­tig­keit, die Wesens­merk­ma­le, die Geschich­te und schließ­lich auch die „aktu­el­le Gül­tig­keit“ der Befrei­ungs­phi­lo­so­phie dar­zu­le­gen. Für den Jesui­ten ist die argen­ti­ni­sche Befrei­ungs­phi­lo­so­phie, oder „Argen­ti­ni­sche Schu­le“ der Befrei­ungs­theo­lo­gie, eine „Phi­lo­so­phie der Pra­xis“, die vor dem Hin­ter­grund der „der­zei­ti­gen Über­win­dung der Meta­phy­sik der Sub­stanz und des Sub­jekts“ (S. 113) anzu­sie­deln ist. Ihr Kenn­zei­chen sei die „ethisch-histo­ri­sche und theo­re­ti­sche Opti­on für die Opfer der Unge­rech­tig­keit und der Gewalt“.

Es muß nicht viel gesagt wer­den, um die Absur­di­tät von Pater Scan­no­nes Absicht zu bewei­sen. Es geht offen­sicht­lich um den Ver­such, wahr­schein­lich unter fälsch­li­cher Aus­nut­zung der „Öff­nun­gen“ von Papst Fran­zis­kus, wie­der eine mate­ria­li­sti­sche Sicht­wei­se in Umlauf zu brin­gen. Jener Sicht­wei­se, die von sich behaup­te­te, Theo­lo­gie „von unten“ zu machen. Eine Theo­lo­gie, die nicht vom Wil­len Got­tes aus­geht, son­dern von den angeb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten des Vol­kes und der Armen.

Soziologie und Psychologie statt Patristik und Scholastik

Die Phi­lo­so­phie, die für einen Katho­li­ken die ancil­la theo­lo­giae zu sein hät­te und einer tie­fen Sehn­sucht nach Weis­heit ent­spre­chen soll­te, wird in eine rein sozi­al-popu­li­sti­sche Bedeu­tung umge­bo­gen. Laut Scan­no­ne „ist die Befrei­ungs­phi­lo­so­phie (FL) 1971 in Argen­ti­ni­en ent­stan­den“. Aus­gangs­punkt war, daß sich eine „Grup­pe von Phi­lo­so­phen der struk­tu­rel­len Unge­rech­tig­keit bewußt wur­de, die den Groß­teil der Bevöl­ke­rung Latein­ame­ri­kas unter­drückt“ (S. 105). Zudem „ist die Pra­xis der Befrei­ung der erste Schritt (Gusta­vo Gut­ier­rez), Aus­gangs­punkt und her­me­neu­ti­scher Ort einer radi­kal-mensch­li­chen Über­le­gung, wie der phi­lo­so­phi­schen, die als intrin­si­sche ana­ly­ti­sche Ver­mitt­lung die Bei­trä­ge der Human­wis­sen­schaf­ten, der Gesell­schaft und der Kul­tur nutzt“ (S. 107f)

Kon­kret geht es dar­um, Phi­lo­so­phie zu betrei­ben, indem die Patri­stik, die Scho­la­stik und die Anwei­sun­gen des Lehr­am­tes abge­lehnt wer­den, die in Wirk­lich­keit im phi­lo­so­phi­schen und meta­phy­si­schen Bereich von größ­ter Bedeu­tung sind. Statt­des­sen wer­den sie ersetzt durch die irr­tums­an­fäl­li­gen und immer bloß unge­fäh­ren „Human­wis­sen­schaf­ten“ wie die Psy­cho­lo­gie oder sogar die Psy­cho­ana­ly­se, die mar­xi­stisch ein­ge­färb­te Sozio­lo­gie und die Wirt­schafts­po­li­tik, die den Wor­ten nach gegen den Frei­han­del ein­tritt, in Wirk­lich­keit aber vor allem anti­na­tio­nal, für die Eine-Welt und für die Glo­ba­li­sie­rung ist.

Für Philosophie (und Theologie) der Befreiung ist Gott nur fakultativ

Sogar einer der Grün­der der Befrei­ungs­theo­lo­gie, Clo­do­vis Boff hat inzwi­schen erkannt, daß die­se auf einem grund­sätz­li­chen Irr­tum beruh­te. Vor eini­gen Jah­ren schrieb er in einem Auf­satz für die Rivi­sta Eccle­si­a­sti­ca Bra­si­lei­ra, in dem er sei­ne Ein­sicht dar­leg­te: „Wäh­rend man von Chri­stus immer zum (Wohl des) Armen gelangt, ist es nicht gesagt, daß man aus­ge­hend vom Armen zu Chri­stus gelangt“. Des­halb han­delt es sich bei der Befrei­ungs­theo­lo­gie (und eben­so der Befrei­ungs­phi­lo­so­phie) um ein Gedan­ken­ge­bäu­de, in dem Gott nur fakul­ta­tiv ist.

Der Arti­kel von Pater Scan­no­ne in der Civi­li­tà  Cat­to­li­ca ist ein ein­zi­ges lan­ges Deli­ri­um im latein­ame­ri­ka­ni­schen Stil der 70er Jah­re, von der Anwen­dung einer „ana­dia­lek­ti­schen Metho­de“ (S. 119) bis zur „unent­weg­ten Öff­nung zu den stän­di­gen Neu­hei­ten und Ver­än­de­run­gen der Situa­tio­nen und den geschicht­li­chen Ant­wor­ten der Völ­ker“ (S. 119).

Wahrheit und Freiheit bilden eine Einheit oder sie gehen beide elend zugrunde

Das kirch­li­che Lehr­amt hat die­sen phi­lo­so­phi­schen Abwe­gen prä­ven­tiv geant­wor­tet: „Wahr­heit und Frei­heit ver­bin­den sich ent­we­der mit­ein­an­der oder sie gehen gemein­sam elend zugrun­de“ (Fides et ratio 90), und: „Die Wahr­heit, die Chri­stus ist, erscheint nötig als uni­ver­sa­le Auto­ri­tät, die sowohl die Theo­lo­gie als auch die Phi­lo­so­phie lei­tet, anregt und wach­sen läßt (vgl. Eph 4, 15)“ (Fides et ratio 91). In der Phi­lo­so­phie (und der Theo­lo­gie) der Befrei­ung steckt genau die­se Ableh­nung der Wahr­heit, die Chri­stus ist.

So über­rascht es nicht, daß es sich um den ersten und bis­her ein­zi­gen Auf­satz des Jesui­ten Juan Car­los Scan­no­ne in der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift han­delt. Viel­mehr über­rascht, daß ihm Gele­gen­heit gebo­ten wur­de, sei­ne abstru­sen The­sen auf­wär­men zu kön­nen. Und dies 42 Jah­re nach der Ent­ste­hung der Befrei­ungs­phi­lo­so­phie in den Spal­ten der bedeu­tend­sten Jesui­ten­zeit­schrift. Bekannt­lich wird jede Aus­ga­be der Civil­tà  Cat­to­li­ca vor Druck­le­gung dem Vati­kan vor­ge­legt und von die­sem genehmigt.

Scannone erklärte der Welt Bergoglios „Option für die Armen“

Der Jesu­it Scan­no­ne erhielt nach der Wahl von Papst Fran­zis­kus media­le Sicht­bar­keit, weil er ein Leh­rer des neu­en Pap­stes war. Scan­no­ne selbst ist ein Schü­ler Karl Rah­ners. Scan­no­ne war es auch, der im ver­gan­ge­nen März der Welt­öf­fent­lich­keit Ber­go­gli­os „Opti­on für die Armen“ erklär­te und auf die Volks­theo­lo­gie von Lucio Gera und Rafa­el Tel­lo zurück­führ­te. Wie sticht­hal­tig das ist, muß hin­ter­fragt wer­den, ange­sichts der zahl­rei­chen Ver­su­che ein­schließ­lich jener Leo­nar­do Boffs und Hans Küngs, Papst Fran­zis­kus für sich zu vereinnahmen.
Für die Volks­theo­lo­gie sind die „Armen“ pri­mär nicht eine hilfs­be­dürf­ti­ge sozio­lo­gi­sche Rea­li­tät, son­dern ein theo­lo­gi­sches Sub­jekt, von dem man ler­nen soll: „Die­se päd­ago­gi­sche Hal­tung hat eine reli­giö­se Wur­zel: das Ver­hält­nis des [armen] Vol­kes zu Gott wäre ursprüng­li­cher, weil die mate­ri­el­le Ver­un­rei­ni­gung [in die­sem Ver­hält­nis] fehlt“, so Scan­no­ne am 21. März in der argen­ti­ni­schen Tages­zei­tung La Naci­on. Sogar der Osser­va­to­re Roma­no such­te Pater Scan­no­ne noch im März auf, um von ihm etwas über den neu­en Papst zu erfahren.

Kardinal Bergoglios vernichtendes Urteil über die Befreiungstheologie — Warum dann der Artikel in der Civiltà  Cattolica?

Papst Fran­zis­kus sprach als Erz­bi­schof von Bue­nos Aires 2005 ein ver­nich­ten­des Urteil über die Befrei­ungs­theo­lo­gie. Im Vor­wort zum Buch von Guz­man Car­ri­qui­ry Lecour über die Zukunft Latein­ame­ri­kas schrieb er damals: „Nach dem Zusam­men­bruch des ‚real exi­stie­ren­den Sozia­lis­mus‘ sind die­se Rich­tun­gen in der Ver­wir­rung ver­sun­ken. Unfä­hig sowohl zu einer radi­ka­len Neu­for­mu­lie­rung als auch zu neu­er Krea­ti­vi­tät haben sie wegen Träg­heit über­lebt, auch wenn es noch heu­te nicht an jenen fehlt, die sie auf ana­chro­ni­sti­sche Wei­se noch immer vor­an­trei­ben möchten.“

Es bleibt die Fra­ge, war­um also dem heu­te 82 Jah­re alten Scan­no­ne die Tür zur Civi­li­tà  Cat­to­li­ca geöff­net wur­de, um einen „Ana­chro­nis­mus“ und eine „Ver­wir­rung“ (Jor­ge Mario Ber­go­glio) aus­zu­brei­ten? Wie es scheint, hat auch das mit dem „Kli­ma­wan­del“ unter Papst Fran­zis­kus zu tun, wenn auch die Details nicht näher bekannt sind.

Text: Cor­ris­pon­den­za Romana/Giuseppe Nardi
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana

1 Kommentar

  1. Papst Fran­zis­kus sprach, wenn über­haupt nur ein Urteil über die Befrei­ungs­theo­lo­gie mar­xi­sti­schen Ursprungs, nicht aber über die Befrei­ungs­theo­lo­gie sei­nes Freun­des Scan­no­ne SJ, der eine „Theo­lo­gie des Vol­kes“ aus­ge­dacht hat, die wie oben ganz rich­tig beschrie­ben, ohne „die Patri­stik, die Scho­la­stik und die Anwei­sun­gen des Lehr­am­tes, die abge­lehnt wer­den,“ auskommt.
    Ich habe Publi­ka­tio­nen von ihm gele­sen, was kein katho­li­sches Ver­gnü­gen war.
    Er ist in Deutsch­land wegen deutsch-latein­ame­ri­ka­ni­scher „Gemein­schafts-Pro­jek­te“ zur katho­li­schen Sozi­al­leh­re in Latein­ame­ri­ka kein Unbekannter.
    http://www.nzz.ch/aktuell/international/uebersicht/bergoglio-theologie-eckholt‑1.18059756

    sie­he auch das Buch: „Latein­ame­ri­ka und die katho­li­sche Sozi­al­leh­re“: ein latein­ame­ri­ka­nisch-deut­sches Dia­log­pro­gramm, Volu­me 3
    Autoren: Peter Hüner­mann, Juan Car­los Scan­no­ne, Mar­git Eckholt

    Mei­ner Ein­schät­zung nach hat das alles dazu gedient, die katho­li­sche Sozi­al­leh­re, die man in Latein­ame­ri­ka angeb­lich so nicht brau­chen kann, weil zu euro­pä­isch (das behaup­te nicht ich, son­dern die Befrei­ungs­theo­lo­gen in ihren Publi­ka­tio­nen) unbe­merkt von den Euro­pä­ern stark in Rich­tung Sozia­lis­mus zu schie­ben und dann wie­der nach Euro­pa zu importieren.

    Vati­ca­n­in­si­der berich­tet immer wie­der über J.C. Scan­no­ne SJ, zuletzt hier:
    http://vaticaninsider.lastampa.it/en/world-news/detail/articolo/argentina-francesco-francis-francisco-29697/

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