Mario Palmaro über Kritik an Papst Franziskus, die Piusbruderschaft, die Lage der Kirche und seine Krankheit

Der Rechtsphilosoph Mario Palmaro(Bolo­gna) Am Aller­hei­li­gen­tag griff Papst Fran­zis­kus zum Tele­fon und rief einen sei­ner här­te­sten Kri­ti­ker, den Rechts­phi­lo­so­phen Mario Palma­ro an. Anlaß war die­se Kri­tik, aber auch eine schwe­re Krank­heit, die Palma­ro nie­der­ringt. Weni­ge Tage vor dem Tele­fon­ge­spräch (sie­he eige­nen Bericht), ver­öf­fent­lich­te die Wochen­zei­tung für pasto­ra­le Fra­gen „Set­ti­ma­na“ des Deho­nia­ner­or­dens ein Inter­view mit Mario Palma­ro. Der Orden und sei­ne Publi­ka­tio­nen stel­len in Ita­li­en eine pro­gres­si­ve Speer­spit­ze dar. Um so mehr Erstau­nen löste es aus, daß aus­ge­rech­net die­se Zei­tung ein Gespräch mit einem Ver­tre­ter der „Gegen­sei­te“ ver­öf­fent­lich­te. Das erklärt auch die Ein­lei­tung, die der Deho­nia­ner­pa­ter Loren­zo Prez­zi, Chef­re­dak­teur der Deho­nia­ner­zeit­schrift „Testi­mo­ni“ dem Inter­view vor­an­stell­te. Die Erst­ver­öf­fent­li­chung erfolg­te in „Set­ti­ma­na“, Nr. 38 vom 27. Okto­ber 2013. Hier nun das voll­stän­di­ge Inter­view in deut­scher Über­set­zung. Die Zwi­schen­ti­tel wur­den von der Zeit­schrift der Deho­nia­ner gege­ben.
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Das Wort den Traditionalisten – Gespräch mit Universitätsprofessor Mario Palmaro

Viel­leicht wer­den unse­re Leser sowohl über den Gesprächs­part­ner als auch über die Inhal­te die­ses Inter­views erstaunt sein. Der Jurist und Bio­ethi­ker Mario Palma­ro gehört dem Bereich der tra­di­tio­na­li­sti­schen Katho­li­ken an. Was die Ant­wor­ten anbe­langt, gin­ge es schnel­ler, wenn wir sagen wür­den, was wir davon tei­len, als zu sagen, was wir nicht tei­len. Es erscheint uns den­noch ange­bracht, einer ande­ren kirch­li­chen Sen­si­bi­li­tät das Wort zu geben, denn der Dia­log ver­langt sei­ne prak­ti­sche Anwen­dung zunächst inner­halb der Kir­che und dann außer­halb, damit die Tei­le der Wahr­heit der ande­ren nicht ver­lo­ren­ge­hen, denn im Augen­blick, in dem die insti­tu­tio­nel­len Gesprä­che stocken, müs­sen sich die Gemein­schaf­ten des Glau­bens aller anneh­men. Palma­ro hat gemein­sam mit Ales­san­dro Gnoc­chi einen Arti­kel ver­faßt mit dem Titel: „Die­ser Papst gefällt uns nicht“. Uns und dem christ­li­chen Volk gefällt er sehr. Den­noch bleibt, und das zählt, der gemein­sa­me Glau­ben und die pie­tas ange­sichts der Prü­fun­gen in einem Leben, über die in der letz­ten Ant­wort gespro­chen wird. (Loren­zo Prez­zi)

Die verpaßte Chance der Lefebvrianer

Pro­fes­sor Palma­ro, Sie (und die kirch­li­che Welt, die Sie in gewis­ser Wei­se ver­tre­ten) unter­stütz­ten rich­ti­ger­wei­se den Ver­such von Bene­dikt XVI., die „schis­ma­ti­sche“ lef­eb­vria­ni­sche Bewe­gung wie­der in die Com­u­nio zurück­zu­füh­ren. Als das Gene­ral­ka­pi­tel im Juli 2012 es aber ablehn­te, auf die Ein­la­dung des Hei­li­gen Stuhls eine posi­ti­ve Ant­wort zu geben, wel­che Hal­tung haben Sie dann ein­ge­nom­men? Wie beur­tei­len Sie jetzt die Hal­tung jener Bewe­gung?

Obwohl ich ihr nie ange­hör­te, hat­te ich vor eini­gen Jah­ren das Glück, die von Msgr. Mar­cel Lef­eb­v­re gegrün­de­te Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. (FSSPX) aus der Nähe ken­nen­zu­ler­nen. Gemein­sam mit dem Jour­na­li­sten Ales­san­dro Gnoc­chi faß­te ich den Ent­schluß, sel­ber hin­zu­ge­hen, um mit eige­nen Augen die­se Welt zu sehen und dann in zwei Büchern und eini­gen Arti­keln zu beschrei­ben. Ich muß sagen, daß sich vie­le Vor­ur­tei­le, die ich heg­te, als halt­los erwie­sen. Ich habe vie­le gute Prie­ster ken­nen­ge­lernt, Schwe­stern und Brü­der, die einem ern­sten katho­li­schen Leben zuge­wandt und die mit einer herz­li­chen und offe­nen Mensch­lich­keit aus­ge­stat­tet sind. Eben­so wur­de ich sehr vor­teil­haft von Msgr. Ber­nard Fel­lay über­rascht, den Bischof an der Spit­ze der FSSPX, ein guter Mann von gro­ßem Glau­ben. Wir ent­deck­ten eine Welt von Lai­en und Prie­stern, die jeden Tag für den Papst betet, obwohl sie eine ent­schie­den kri­ti­sche Posi­ti­on ein­neh­men, beson­ders im Bereich der Lit­ur­gie, der Reli­gi­ons­frei­heit und dem Öku­me­nis­mus. Wir sahen vie­le jun­ge Men­schen, vie­le Beru­fun­gen zum Prie­ster­tum und zum Ordens­le­ben, und wir sahen vie­le „nor­ma­le“ katho­li­sche Fami­li­en, die die Bru­der­schaft fre­quen­tie­ren. Prie­ster in Sou­ta­ne, die durch Paris gehen und von Men­schen auf offe­ner Stra­ße ange­spro­chen wer­den, die sie um Wor­te des Tro­stes und der Hoff­nung bit­ten.

Wir ken­nen sehr gut die zeit­ge­nös­si­sche Viel­ge­stal­tig­keit der Kir­che in der Welt, das heißt die Tat­sa­che, daß wenn heu­te jemand sagt, katho­lisch zu sein, es nicht bedeu­tet, daß er der­sel­ben Leh­re folgt. Die Hete­ro­do­xie ist weit­ver­brei­tet und es gibt Schwe­stern, Prie­ster, Bischö­fe, Theo­lo­gen, die offen Tei­le der katho­li­schen Leh­re angrei­fen oder leug­nen. Aus die­sem Grund haben wir uns gefragt: Wie kann es sein, daß in der Kir­che Platz für alle ist, außer für die­se unse­re in allem katho­li­schen Brü­der, die 20 von 21 Kon­zi­len, die in der Geschich­te der Katho­li­zi­tät statt­fan­den, abso­lut treu sind?

Wäh­rend wir das erste Buch schrie­ben, kam die Nach­richt, daß Bene­dikt XVI. die Exkom­mu­ni­ka­ti­on auf­ge­ho­ben hat­te: eine histo­ri­sche Ent­schei­dung. Es blieb noch die Fra­ge der kano­ni­schen Aner­ken­nung der Bru­der­schaft. Papst Bene­dikt leg­te gro­ßen Wert auf die­se Ver­söh­nung, die sich vor­erst nicht kon­kre­ti­siert hat. Ich bin der Ansicht, daß das Pon­ti­fi­kat von Bene­dikt XVI. eine histo­ri­sche Gele­gen­heit für die vol­le Wie­der­ver­söh­nung war und daß es wirk­lich scha­de ist, daß man die­sen Zug vor­bei­fah­ren ließ.

Schon immer war ich der Mei­nung, daß die FSSPX das Men­schen­mög­li­che für ihre kano­ni­sche Aner­ken­nung tun muß, füge aber hin­zu, daß Rom Msgr. Fel­lay und sei­nen Gläu­bi­gen kla­re Garan­tien des Respekts und der Frei­heit bie­ten muß, vor allem was die Zele­bra­ti­on des Vetus ordo betrifft und was die an den Semi­na­ren der Bru­der­schaft unter­rich­te­te Glau­bens­leh­re anbe­langt, die die katho­li­sche Leh­re aller Zei­ten ist.

Defensive Aggressivität

Die vol­le Unter­stüt­zung für Bene­dikt XVI. scheint jetzt nicht auch für Papst Fran­zis­kus zu gel­ten. Akzep­tiert man die Päp­ste, oder „sucht“ man sie sich aus? Was reprä­sen­tiert heu­te das Papst­tum?

Ob ein Papst den Men­schen „gefällt“, ist in der zwei­tau­send­jäh­ri­gen Logik der Kir­che völ­lig irrele­vant: der Papst ist der Stell­ver­tre­ter Chri­sti auf Erden und muß Unse­rem Herrn gefal­len. Das bedeu­tet, daß die Aus­übung sei­ner Voll­macht nicht abso­lut, son­dern der Leh­re Chri­sti unter­ge­ord­net ist, die sich in der Katho­li­schen Kir­che fin­det, in ihrer Tra­di­ti­on und durch das Gna­den­le­ben dank der Sakra­men­te genährt wird. Das bedeu­tet, daß der Papst selbst vom Katho­li­ken beur­teil- und kri­ti­sier­bar ist unter der Bedin­gung, daß dies aus Lie­be zur Wahr­heit geschieht und daß als Richt­maß die Tra­di­ti­on, das Lehr­amt ver­wen­det wird. Ein Papst, der in Fra­gen des Glau­bens und der Moral einem Vor­gän­ger wider­spre­chen wür­de, müß­te ohne Zwei­fel kri­ti­siert wer­den. Wir müs­sen sowohl gegen­über der welt­li­chen Logik miß­trau­isch sein, nach der ein Papst demo­kra­tisch nach dem Wohl­ge­fal­len der Mehr­heit beur­teilt wird, als auch gegen­über der Ver­su­chung einer Papo­la­trie, nach der „der Papst immer recht hat“. Zudem sind wir seit Jahr­zehn­ten gewohnt, auf zer­stö­re­ri­sche Wei­se Dut­zen­de von Päp­ste der Ver­gan­gen­heit zu kri­ti­sie­ren, indem wir wenig histo­rio­gra­phi­sche Ernst­haf­tig­keit an den Tag legen. Es gibt also kei­nen ersicht­li­chen Grund, wes­halb die regie­ren­den Päp­ste jeder Form der Kri­tik ent­zo­gen sein soll­ten. Wenn Boni­faz VIII. oder Pius V. beur­teilt wird, war­um soll das nicht auch für Paul VI. oder Fran­zis­kus gel­ten?

Auf Inter­net­sei­ten und in Zeit­schrif­ten, die beson­ders der (jün­ge­ren) Tra­di­ti­on ver­bun­den sind, ist häu­fig eine stark aggres­si­ve Dar­le­gung fest­stell­bar. Stimmt das? Wovon hängt das ab? Wie beur­tei­len Sie das?

Die Hal­tung eini­ger der Tra­di­ti­on ver­bun­de­ner Per­so­nen oder Krei­se ist ein ern­stes Pro­blem und kann nicht geleug­net wer­den. Eine ohne Lie­be vor­ge­brach­te Wahr­heit ist eine ver­ra­te­ne Wahr­heit. Chri­stus ist unser Weg, unse­re Wahr­heit und unser Leben und daher müs­sen wir Ihn zum Vor­bild neh­men, der in der Wahr­heit immer unbeug­sam und in der Lie­be unschlag­bar war. Ich den­ke, daß die Welt der Tra­di­ti­on aus drei Grün­den manch­mal spitz und pole­misch ist: Erstens wegen eines gewis­sen Syn­droms der Iso­la­ti­on, das sie miß­trau­isch und nach­tra­gend sein läßt und das auch durch pro­ble­ma­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten zum Aus­druck kommt; Zwei­tens wegen des auf­rich­ti­gen Skan­dals, den bestimm­te Rich­tun­gen der zeit­ge­nös­si­schen Katho­li­zi­tät bei jenen pro­vo­zie­ren, die die Glau­bens­leh­re der Päp­ste und der Kir­che bis zum Zwei­ten Vati­ka­num gut ken­nen; Drit­tens wegen der Lieb­lo­sig­keit, die die offi­zi­el­le Katho­li­zi­tät gegen­über die­sen Brü­dern an den Tag legt, die mit ver­ächt­li­chem Ton als „Tra­di­tio­na­li­sten“ oder „Lef­eb­vria­ner“ beti­telt wer­den, indem man ver­gißt, daß sie der Kir­che auf jeden Fall viel näher sind als jed­we­de ande­re christ­li­che Kon­fes­si­on oder gar irgend­ei­ne ande­re Reli­gi­on. Für die offi­zi­el­len katho­li­schen Medi­en ist die­se Rea­li­tät von Hun­der­ten von Prie­stern und Semi­na­ri­sten kei­ne Zei­le wert, wäh­rend sie aber viel­leicht gan­ze Sei­ten irgend­wel­chen Den­kern wid­men, die nicht ein­mal ent­fernt etwas Katho­li­sches haben.

Gegen den Modernismus

Als Sie die vati­ka­ni­sche Anwei­sung für die Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta kom­men­tier­ten, for­der­ten sie ein Recht auf Gewis­sens­ver­wei­ge­rung der Ordens­män­ner gegen die lit­ur­gi­schen Anord­nun­gen. Wie hat der reli­giö­se Gehor­sam gegen­über der geist­li­chen Fami­lie zu sein? Wie läßt sich eine Gewis­sens­ver­wei­ge­rung in die Tra­di­ti­on des Syl­labus ein­rei­hen?

Die Ange­le­gen­heit der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta ist mei­nes Erach­tens sehr trau­rig. Es han­delt sich um eine von Rom ent­schie­de­ne Maß­nah­me zur kom­mis­sa­ri­schen Ver­wal­tung, die mit unüb­li­cher Eile und eben­so uner­klär­li­cher Stren­ge getrof­fen wur­de. Da ich die­se Ordens­fa­mi­lie gut ken­ne, hal­te ich die­se Ent­schei­dung für völ­lig unbe­rech­tigt und habe zusam­men mit ande­ren Gelehr­ten beim Vati­kan eine Art von Denk­schrift­re­kurs ein­ge­reicht. Ich erin­ne­re nur in aller Knapp­heit dar­an, daß die­se Maß­nah­me den Grün­der „absetzt“ und die Zele­bra­ti­on der Hei­li­gen Mes­se im Alten Ritus für alle Prie­ster der Kon­gre­ga­ti­on unter­bin­det und dies in offe­nem Wider­spruch zu dem, was im Motu pro­prio Summorum Pon­ti­fi­cum von Bene­dikt XVI. fest­ge­legt ist. Sie sagen rich­tig: der Wider­stand gegen eine Anwei­sung der recht­mä­ßi­gen Auto­ri­tät stellt den Chri­sten immer vor Pro­ble­me, um so mehr wenn er Ange­hö­ri­ger einer Ordens­fa­mi­lie ist. Den­noch gibt es in die­sem Fall offen­sicht­lich inak­zep­ta­ble Aspek­te und ich bin der Mei­nung, daß die Prie­ster unter den Fran­zis­ka­nern der Imma­ku­la­ta wei­ter­hin die Hei­li­ge Mes­se in der außer­or­dent­li­chen Form, im Vetus ordo zele­brie­ren und damit jene Biri­tua­li­tät sicher­stel­len soll­ten, die, soweit ich weiß, von den Brü­dern prak­ti­ziert wur­de. Ich füge noch hin­zu, daß es alles ande­re denn schön ist, fest­stel­len zu müs­sen, wie in einer von tau­send Pro­ble­men und tau­send Rebel­lio­nen erschüt­ter­ten Kir­che, einer Kir­che, in der sich glor­rei­che Kon­gre­ga­tio­nen aus Man­gel an Beru­fun­gen in Auf­lö­sung befin­den, man dar­an geht, die Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta zu schla­gen, die auf der gan­zen Welt zahl­rei­che Beru­fun­gen haben.

Wel­ches sind Ihrer Ansicht nach die offen­sicht­lich­sten Gren­zen der katho­li­schen „Konzils“-Sensibilität (oder „libe­ra­len“ Sen­si­bi­li­tät, wenn Sie das vor­zie­hen)? Wel­ches sind ihre sicht­bar­sten Schwä­chen?

Das grund­le­gen­de Pro­blem ist mei­nes Erach­tens das Ver­hält­nis zur Welt, das durch eine Hal­tung der Unter­wür­fig­keit und der Abhän­gig­keit geprägt ist, fast so als müß­te sich die Kir­che den Lau­nen der Men­schen anpas­sen, wäh­rend wir hin­ge­gen wis­sen, daß es der Mensch ist, der sich dem Wil­len Chri­sti, des Königs der Geschich­te und des Uni­ver­sums anzu­pas­sen hat. Als der Hei­li­ge Pius X. den Moder­nis­mus hart ange­grif­fen hat, woll­te er die­se töd­li­che Ver­su­chung für die Katho­li­zi­tät zurück­schla­gen: die Leh­re ändern, um den Geist der Welt zufrie­den­zu­stel­len. Da sich die Mensch­heit in den Fän­gen eines Auf­lö­sungs­pro­zes­ses befin­det, der durch die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on los­ge­tre­ten wur­de und sich mit der Moder­ne und der Post­mo­der­ne fort­ge­setzt hat, ist die Kir­che heu­te mehr denn je gefor­dert, dem Geist der Welt zu wider­ste­hen. Vie­le in den ver­gan­ge­nen 50 Jah­ren in der Kir­che getrof­fe­ne Ent­schei­dun­gen sind hin­ge­gen Sym­pto­me der Nach­gie­big­keit: die Lit­ur­gie­re­form hat eine Mes­se für die heu­ti­ge Sen­si­bi­li­tät kon­stru­iert durch die Zer­stö­rung eines seit Jahr­hun­der­ten in Gel­tung ste­hen­den Ritus, indem eine ganz auf das Wort, auf die Ver­samm­lung und die Teil­nah­me aus­ge­rich­te­te Mes­se geschaf­fen und die Zen­tra­li­tät des Opfers zurück­ge­drängt wur­de; das Behar­ren auf ein all­ge­mei­nes Prie­ster­tum, das das geweih­te Prie­ster­tum ent­leer­te und Genera­tio­nen von Prie­stern depri­mier­te und zu einer nie gekann­ten Beru­fungs­kri­se führ­te; die kirch­li­che Archi­tek­tur brach­te anti­lit­ur­gi­sche Mon­ster her­vor; die De-fac­to-Abschaf­fung der Letz­ten Din­ge, wo doch die Fra­ge nach der Ret­tung der See­len (und der Gefahr einer ewi­gen Ver­damm­nis) das ein­zi­ge über­na­tür­li­che Argu­ment ist, das die Kir­che von einer phil­antro­pi­schen Ver­ei­ni­gung unter­schei­det; und so wei­ter.

Heilig werden

Die Gläu­bi­gen sind sich einig im Wesent­li­chen, unter­schei­den sich aber zu den dis­ku­tier­ten Fra­gen. Alle sind aber geru­fen zur Ach­tung und zur Beglei­tung jener, die vom Leid und den Lasten des Lebens gezeich­net sind. Wie ändert sich die eige­ne geist­li­che Sen­si­bi­li­tät, wenn das Lei­den – wie es Ihnen geschieht – mit Gewalt unse­re Tage quert?

Das Erste, was an einer Krank­heit erschüt­tert, ist, daß sie ohne Vor­ankün­di­gung über uns her­ein­bricht und zu einem Zeit­punkt, den wir nicht bestim­men. Wir sind den Ereig­nis­sen aus­ge­lie­fert und kön­nen nichts ande­res tun, als sie zu akzep­tie­ren. Die schwe­re Krank­heit zwingt uns bewußt zu wer­den, daß wir wirk­lich sterb­lich sind. Auch wenn der Tod die sicher­ste Sache der Welt ist, neigt der moder­ne Mensch dazu, zu leben, als müß­te er nie ster­ben. Durch die Krank­heit ver­steht man zum ersten Mal, daß die Lebens­zeit hier unten ein Wind­hauch ist. Man spürt mit Ver­druß, daß man nicht jenes Mei­ster­werk der Hei­lig­keit zustan­de brach­te, das Gott sich wünscht. Man ver­spürt eine tie­fe Sehn­sucht zurück, nach dem Guten, das man tun hät­te kön­nen, oder dem Bösen, das man ver­mei­den hät­te kön­nen. Man schaut auf das Kreuz und ver­steht, daß das das Herz des Glau­bens ist: ohne Opfer exi­stiert die Katho­li­zi­tät nicht. Dann dankst du Gott dafür, daß er dich katho­lisch gemacht hat, zu einem „ganz klei­nen“ Katho­li­ken, einen Sün­der, der aber in der Kir­che eine für­sorg­li­che Mut­ter hat.

Die Krank­heit ist daher eine Zeit der Gna­de, aber häu­fig blei­ben die Laster und die Schä­big­kei­ten, die uns ein Leben lang beglei­tet haben oder ver­schlim­mern sich sogar. Es ist so, als hät­te die Ago­nie bereits ein­ge­setzt und man das Schick­sal der See­le bekämpft, denn der eige­nen Erret­tung kann sich kei­ner sicher sein.

Ande­rer­seits hat mich die Krank­heit eine beein­drucken­de Zahl von Per­so­nen ken­nen­ler­nen las­sen, die mir Gutes wol­len und für mich beten, Fami­li­en, die abends mit den Kin­dern den Rosen­kranz für mei­ne Gene­sung beten, und mir feh­len die Wor­te, um die Schön­heit die­ser Erfah­rung zu beschrei­ben. Es ist eine Vor­schau der Lie­be Got­tes in der Ewig­keit. Der größ­te Schmerz, den ich emp­fin­de, ist die Vor­stel­lung, die­se Welt ver­las­sen zu müs­sen, die mir so gut gefällt, die so tra­gisch aber zugleich auch so wun­der­schön ist; so vie­le Freun­de los­las­sen zu müs­sen, mei­ne Ver­wand­ten, vor allem aber mei­ne Frau und mei­ne Kin­der, die noch im Kin­des­al­ter sind, zurück­las­sen zu müs­sen. Manch­mal stel­le ich mir mein Haus vor, mein lee­res Arbeits­zim­mer und das Leben das dar­in wei­ter­ge­hen wird, auch wenn ich nicht mehr sein wer­de. Es ist eine schmerz­haf­te, aber aus­ge­spro­chen rea­li­sti­sche Vor­stel­lung. Sie läßt mich ver­ste­hen, daß ich ein unnüt­zer Knecht war und bin, und daß alle die Bücher, die ich geschrie­ben habe, all die Vor­trä­ge, die ich gehal­ten und die Arti­kel, die ich ver­faßt habe, letzt­lich nur Stroh sind.

Aber ich hof­fe auf einen barm­her­zi­gen Herrn und dar­auf, daß ande­re Tei­le mei­ner Arbeit, mei­ner Bestre­bun­gen und mei­ner Kämp­fe auf­grei­fen und wei­ter­tra­gen, um das ewi­ge Duell fort­zu­set­zen.

Einleitung/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Con­ci­lio e Post­con­ci­lio

7 Kommentare

  1. Nein, kei­nes­wegs Stroh, ver­ehr­ter Herr Palma­ro! Sie haben vie­len den Weg der Wahr­heit auf­ge­zeigt und Gott hat ihren wahr­haf­ti­gen Dienst ange­nom­men und wür­digt Sie, sich nun mehr mit sei­nem Sohn im Lei­den zu ver­ei­nen, auf dass die­se Wahr­heit tau­sen­fäl­ti­ge Frucht brin­ge! Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, ewi­ges Leben! Und das Licht der Wahr­heit, dem Sie die­nen, nährt sich vom Opfer des Lei­dens und wird noch erstrah­len, wenn die vie­len Irr­lich­ter, die es zu ver­dun­keln schei­nen, längst erlo­schen sind.

  2. Ein wun­der­ba­res Inter­view, lie­ber Mario Palma­ro, ganz gro­ßen Dank.
    Wer­de ver­su­chen, wei­te­re Tex­te von Ihnen zu bekom­men, hof­fe, es gibt sie auch auf Deutsch.

  3. Eine sol­che Lie­be, sol­chen tie­fen Glau­ben, sol­che Mensch­lich­keit möch­te ich ein­mal von einem unse­rer Bischö­fe erfah­ren.
    Aber ich wür­de dies alles auch sehr ger­ne in mir selbst fin­den!

    Mario Palma­ro wün­sche ich für die Zeit, die ihm hier auf Erden noch bleibt, noch vie­le gute Erfah­run­gen mit Men­schen sei­nes Umfelds, viel Lie­be von sei­ner Fami­lie und tie­fe Erkennt­nis und Got­te­s­er­fah­rung.

  4. Was für ein star­kes, zu Her­zen gehen­des Zeug­nis eines glau­bens­star­ken Men­schen. Möge es vie­le gute Früch­te tra­gen.
    Dem Herrn unse­rem Schöp­fer sei Lob und Dank. Wenn es Ihm gefällt darf Mario Palma­ro wie­der gesun­den und wei­ter unter uns wir­ken oder aber ein wert­vol­ler Für­spre­cher für die strei­ten­de Kir­che sein.

  5. Dan­ke wie­der­um der Redak­ti­on für die Über­set­zung und Publi­ka­ti­on die­ses groß­ar­ti­gen und prä­gnan­ten, aus­sa­ge­kräf­ti­gen Inter­views!

    Prof. Palma­ro ist ein vor­bild­li­cher Gläu­bi­ger! Möge der All­mäch­ti­ge ihn und sei­ne Fami­lie trö­sten und stär­ken.

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