Konrad Adenauer — Der Katholik und sein Europa

272_0Daß Kon­rad Ade­nau­er, der erste deut­sche Bun­des­kanz­ler nach dem Zwei­ten Welt­krieg, ein über­zeug­ter Katho­lik war, ist gewöhn­lich noch ver­gleichs­wei­se bekannt. Wie genau sich sei­ne Über­zeu­gung im öffent­li­chen und pri­va­ten Leben jedoch äußer­te, wur­de bis­lang noch nicht in jener kom­pak­ter Form dar­ge­stellt, wie es die Ehe­leu­te Wolf­gang und Doro­thea Koch getan haben. In „Kon­rad Ade­nau­er. Der Katho­lik und sein Euro­pa“ möch­ten die Autoren nach­voll­zie­hen, wie sich der erste west­deut­sche Regie­rungs­chef nach dem Krieg über das soge­nann­te christ­li­che Abend­land äußer­te, wie sich sei­ne euro­pa­po­li­ti­schen Ideen ent­fal­te­ten, wie sei­ne Freund­schaf­ten mit Künst­lern und Poli­ti­kern aus­sa­hen, „und uns nicht zuletzt sei­ne Iden­ti­tät als katho­li­scher Christ ver­ge­gen­wär­ti­gen“. Den Abschluß des Buches bil­det ein Blick auf Ade­nau­ers „wei­ter­wir­ken­des Erbe“.

Bereits als Köl­ner Ober­bür­ger­mei­ster zwi­schen den bei­den Welt­krie­gen sei Ade­nau­er vom Gedan­ken der euro­päi­schen Eini­gung geprägt gewe­sen, heißt es. Für ihn sei die­ses Bestre­ben jedoch aus einem tie­fe­ren Gedan­ken erwach­sen, den er selbst „christ­li­ches Abend­land“, „christ­lich-huma­ni­sti­sche Welt­an­schau­ung“ oder auch „Wür­de der mensch­li­chen Per­son“ umschrieb. Die Men­schen­wür­de sei ein christ­li­ches Kon­zept: „Die Leh­re vom Wert und der Wür­de der mensch­li­chen Per­son ist zuerst vom Chri­sten­tum auf­ge­stellt wor­den und rund 2.000 Jah­re hin­durch von ihm bewahrt und gegen alle Angrif­fe sieg­reich ver­tei­digt wor­den.“

Von gro­ßem Inter­es­se sind die Ein­flüs­se auf Ade­nau­ers den­ken, wel­che die Ehe­leu­te Koch sorg­fäl­tig zusam­men­ge­tra­gen wur­den. Eben­so erhel­lend sind die Kon­tak­te – heu­te wür­de man von „con­nec­tions“ spre­chen –, die Ade­nau­er in ganz Euro­pa hat­te. Man liest Namen wie Alo­is Dempf, Diet­rich von Hil­de­brand, Abt Ilde­fons von Maria Laach, Robert Schu­man und Alci­de De Gas­pe­ri. Jener Alci­de De Gas­pe­ri war es, der Ade­nau­er zu sei­nem ersten Staats­be­such im Jahr 1951 beweg­te. Höhe­punkt war die Begeg­nung mit Papst Pius XII., wel­che von der FAZ damals als „die läng­ste Audi­enz in der Amts­zeit“ des Pap­stes cha­rak­te­ri­siert wur­de. Ade­nau­er revan­chier­te sich bei De Gas­pe­ri mit einer Ein­la­dung nach Deutsch­land, die 1952 rea­li­siert wird. Wolf­gang und Doro­thea Koch kom­men­tie­ren: „In sinn­fäl­li­ger Wei­se ver­an­schau­licht die­ser Besuch die gemein­sa­men Wur­zeln und euro­pa­po­li­ti­schen Zie­le Ade­nau­ers und De Gas­pe­ris einer brei­ten Öffent­lich­keit.“

Was die per­sön­li­che Reli­gio­si­tät des ersten Bun­des­kanz­lers angeht, so haben die Autoren aus zahl­rei­chen Quel­len ein auf­schluß­rei­ches Bild zusam­men­ge­stellt: „Wie sehr der Meß­be­such für Ade­nau­er betrach­ten­den Cha­rak­ter besaß, erschließt Pauls Hin­weis auf ein klei­nes Gebet­buch Ade­nau­ers mit Gebe­ten und Gesän­gen der Ost­kir­che, ‚sprach­lich groß­ar­ti­ge Tex­te, mit denen er sei­ne Mes­se per­sön­lich ange­rei­chert hat.‘“ Kon­rad Ade­nau­er selbst schreibt: „[…] ohne die rich­ti­ge, leben­di­ge see­li­sche Hal­tung wird alles ande­re nicht rich­tig; nichts ist aber so sehr geeig­net, auf die see­li­sche Hal­tung ein­zu­wir­ken als die rich­tig ver­stan­de­ne Pfle­ge des lit­ur­gi­schen Gedan­kens […].“ Vor sei­ner Rei­se nach Mos­kau im Jah­re 1955 ver­brach­te Ade­nau­er eine gan­ze Nacht am Grab des hei­li­gen Niklaus von Flüe.

Wer sich für die Wur­zeln des nach dem Zwei­ten Welt­krieg neu auf­ge­bau­ten Deutsch­land und für die Grund­la­gen der heu­ti­gen Euro­päi­schen Uni­on inter­es­siert, ist mit Kon­rad Ade­nau­er. Der Katho­lik und sein Euro­pa gut bera­ten. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ist man sich gemein­hin bewußt, daß die Ver­fas­sung am besten inter­pre­tiert wird, wenn man sich die Väter der Ver­fas­sung anschaut. Es ist an der Zeit, in Euro­pa eine ähn­li­che Per­spek­ti­ve ein­zu­neh­men.

Kon­rad Ade­nau­er — Der Katho­lik und sein Euro­pa, MM-Ver­lag, 296 Sei­ten, gebun­den

Text: Mar­tin Bür­ger

3 Kommentare

  1. Der Begriff „christ­lich-huma­ni­sti­sche Welt­an­schau­ung“ paßt so gar nicht in das Voka­bu­lar Ade­nau­ers. Da war wohl ein Ghost­wri­ter am Wer­ke, falls der Aus­druck tat­säch­lich gefal­len sein soll­te. Huma­ni­stisch war doch ein Begriff, der in der Zone Ver­wen­dung fand. Huma­ni­stisch stand zumin­dest damals gegen christ­lich. Bei­spiel: Huma­ni­sti­sche Uni­on.
    Mit der gegen­wär­ti­gen Ent­wick­lung wür­de Ade­nau­er wohl auch kaum zufrie­den sein.

    • Ich kann Ihnen dazu die Zeit­schrift “ Kirch­li­che Umschau “ (4.50€) Nr.10 Okto­ber 2013 vom Sankt Vin­zenz­haus, 53809 Rup­pich­teroth — www. kirchliche-umschau.de — emp­feh­len. Dort fin­den Sie einen sehr guten Arti­kel über das Buch und Ade­nau­ers Katho­li­zis­mus. Wenn ich dort z.B. lese, daß auf sei­nen Wunsch hin eine Kapel­le, die ein inter­na­tio­na­les Ver­söh­nungs­zei­chen wer­den soll, dem Erz­engel Micha­el geweiht und zugleich mit dem Schutz­pa­tron Deutsch­lands auch die Patro­nin Frank­reichs die hl.Jeanne dÀrc ver­ehrt wird, dann kann ich nur sagen „Ja, einem sol­chen Euro­pa kann ich nur zustim­men“.

      Und zur gegen­wär­ti­gen Ent­wick­lung. Er hat Ansät­ze dazu schon damals abge­lehnt, denn er äußer­te:“ Wis­sen Sie, ich kann­te Pius XII. und schätz­te ihn sehr. Er war ein bedeu­ten­der Mann. Johan­nes aber war doch eine Kata­stro­phe.“

      Was müß­te er erst heu­te äußern?

      • Dem kann ich nur zustim­men. Vie­len Dank für den Hin­weis. Ade­nau­er war ein Glücks­fall für Deutsch­land (und sein wirt­schafts­mi­ni­ster auch).

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