Dann mach doch die Bluse zu

271_0Schon der Titel des kürz­lich erschie­ne­nen Buches von Bir­git Kel­le ist pro­vo­kant – „Dann mach doch die Blu­se zu“. Es han­delt sich um den „Auf­schrei“ einer jun­gen vier­fa­chen Mut­ter „gegen den Gleich­heits­wahn“, der sich seit mitt­ler­wei­le gerau­mer Zeit in der „öffent­li­chen Mei­nung“ ver­fe­stigt hat. Kel­le nimmt kei­ne Rück­sicht dar­auf, ob sich irgend­je­mand ange­sichts ihrer Zei­len ange­grif­fen füh­len könn­te: „Die­ses Buch ist nicht in gen­der­sen­si­bler Spra­che geschrie­ben. Ich ver­traue in der Sache auf Ihren gesun­den Men­schen­ver­stand.“ Wenn die Autorin sich doch hin und wie­der gen­der­sen­si­bel aus­drückt, dann immer mit iro­ni­schem Unter­ton: „Dann lass die Spinner_Innen doch wei­ter mit ihrem gro­ßen ‚I‘ spie­len und um sich selbst her­um­for­schen.“

Über­haupt ist Kel­le in ihrem Schreib­stil herr­lich süf­fi­sant und sar­ka­stisch: „Ach so, also doch wie­der Sip­pen­haft. Des­we­gen kann Frau sich auch nicht allein weh­ren, nein, man muss gleich das gan­ze System ändern. Wie darf ich mir das denn vor­stel­len? Wer­den schon Jungs irgend­wann im Leben bei­sei­te­ge­nom­men von ihren Vätern, um sie auf das Unter­drücker-System ein­zu­schwö­ren? ‚Jun­ge, ich erklär dir jetzt mal, wie wir es mit den Frau­en schon seit Jahr­tau­sen­den machen!‘?“

Spe­zi­ell seit Anfang des Jah­res 2013 hat sich Bir­git Kel­le in den Medi­en als eine Power­frau expo­niert, die sich nicht von Berufs­fe­mi­ni­sten dik­tie­ren las­sen will, was sie als Frau zu tun und zu las­sen hat. Folgt man aus­schließ­lich der Bericht­erstat­tung der Main­stream-Medi­en, so könn­te man anneh­men, dass Kel­le mit ihrer Mei­nung ziem­lich ein­sam dasteht. Wie sie jedoch in „Dann mach doch die Blu­se zu“ bezeugt, sind vie­le voll­kom­men nor­ma­le Menn­schen – Frau­en, aber auch Män­ner – auf ihrer Sei­te: „Ich weiß nicht, wie vie­le Hun­dert Schrei­ben inzwi­schen mit der Post oder als E‑Mail bei mir ein­ge­gan­gen sind, die alle unter ande­rem die­sen einen Satz ent­hal­ten: ‚Sie spre­chen mir aus der See­le!‘“

Bir­git Kel­le hebt auch die Wider­sprü­che in der femi­ni­sti­schen bzw. „Gen­der Equality“-Bewegung her­vor. Auf der einen Sei­te ver­sucht man, dass bio­lo­gi­sche Geschlecht als irrele­vant zu negie­ren. Sein eigent­li­ches Geschlecht wählt man ein­fach nach Lust und Lau­ne. Gleich­zei­tig wer­den immer noch Frau­en­be­auf­trag­te, Frau­en­quo­ten und ande­re Inter­ven­tio­nen in die Frei­heit der Per­son poli­tisch pro­pa­giert – allen flie­ßen­den Gen­der-Über­gän­gen zum Trotz.

Äußerst lesens­wert ist das neun­te Kapi­tel mit dem Auf­ruf „Ech­te Män­ner braucht das Land“, sind doch spä­te­stens seit dem Ende der 1960er-Jah­re die Män­ner immer mehr ver­weich­licht und ver­weib­licht. In die­sem Zusam­men­hang bringt Kel­le ein Bei­spiel, das ihr in den USA den Vor­wurf von zumin­dest ras­si­sti­schen Ten­den­zen ein­brin­gen wür­de, in Deutsch­land jedoch ver­gleichs­wei­se unge­fähr­lich ist: „Barack Oba­ma mach­te vor, wie man als ‚neu­er Mann‘ die Poli­tik erobert. Wäh­rend sei­ne par­tei­in­ter­ne Her­aus­for­de­rin Hil­la­ry Clin­ton sich einst stän­dig selbst dar­in über­traf, mög­lichst hart, über­legt, ratio­nal und eben männ­lich rüber­zu­kom­men, glänz­te Oba­ma mit weib­li­cher Weich­heit. […] Letzt­end­lich sind damals mit Hil­la­ry Clin­ton und Barack Oba­ma zwei Frau­en gegen­ein­an­der ange­tre­ten. Die eine war tat­säch­lich eine, der ande­re hat die weib­li­che Rol­le ein­fach adap­tiert.“

Kel­le will nicht unbe­dingt poli­ti­sche Ein­grif­fe in die Fami­lie, son­dern die freie Ent­schei­dung der Frau für das, was sie wirk­lich will. Für eine sol­che freie Ent­schei­dung müs­sen finan­zi­el­le Anrei­ze, so die Autorin, natür­lich ver­gleich­bar sein. Lei­der scheint sich Kel­le nicht zu der Posi­ti­on durch­rin­gen zu kön­nen, finan­zi­el­le Anrei­ze ganz zu strei­chen – was zu mas­si­ven Steu­er­sen­kun­gen und umfang­rei­chem Büro­kra­tie­ab­bau füh­ren wür­de. Ihr Plä­doy­er für Frei­heit aber bleibt: „Was von alle­dem ich jedoch lie­ber mach – mit Ver­laub, das ent­schei­de ich selbst.“

Kel­le, Bir­git
Dann mach doch die Blu­se zu. Ein Auf­schrei gegen den Gleich­heits­wahn

Text: Mar­tin Bür­ger
Bild: Ver­lag