Die Metamorphose des Amer Ghajar vom Wirtschaftsstudenten zum Dschihadisten

Die Metamorphose des Amer Ghajar vom Wirtschaftsstudenten zum Dschihadisten(Alep­po) Vor einem Jahr stu­dier­te er noch an der ange­se­hen Uni­ver­si­tät von Alep­po. Nun starb er als Al-Qai­da-Kämp­fer im Dschi­had. Die Isla­mi­sten zieht es nach Syri­en und sie zie­hen Syrer in ihre Rei­hen. Im Kampf gegen Assad kon­zen­triert sich im Moment ihre mili­tä­ri­sche Kampf­kraft.

Die Meta­mor­pho­se von „nor­ma­len“ Sun­ni­ten zu Dschi­ha­di­sten hält an. Immer mehr jun­ge Män­ner jeder Bil­dungs­stu­fe und regio­na­ler Her­kunft wer­den zu Isla­mi­sten. Amer Gha­jar ist ein Bei­spiel dafür. Er brach sein Stu­di­um ab, um gegen das „untreue schii­ti­sche Regime“ in Damas­kus zu kämp­fen. Am 21. Juli wur­de er bei Kämp­fen um Alep­po getö­tet. So wie er es woll­te.

Vor elf Mona­ten ver­öf­fent­lich­te Amer Gha­jar auf sei­nem Face­book-Zugang ein Foto­al­bum. Es zeig­te einen schein­bar nor­ma­len jun­gen Mann, geklei­det nach west­li­cher Art, wie man eben in die­sem Alter geklei­det ist: kein Bart, modi­scher Haar­schnitt, Son­nen­bril­le. Die Fotos zeig­ten ihn in Gast­stät­ten, vor Mode­ge­schäf­ten der geho­be­nen Klas­se oder in der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek. Der­sel­ben ren­no­mier­ten Uni­ver­si­tät Syri­ens, an deren Wirt­schafts­fa­kul­tät Amer Gha­jar stu­dier­te. Doch dann mach­te er sich die isla­mi­sti­sche Ideo­lo­gie zu eigen, brach das Stu­di­um ab und ver­schwand im Unter­grund. Als er wie­der auf­tauch­te, war er ein schwer bewaff­ne­ter, fana­ti­sier­ter Al-Qai­da-Kämp­fer, der sich im Dschi­had befand.

Die letz­ten Bil­der von Amer Gha­jar sind weni­ge Wochen alt. Sein neu­es Bild auf Face­book, das er am 18. April ins Netz stell­te, zeigt ihn in einer para­mi­li­tä­ri­schen Uni­form, Pisto­le, mos­le­mi­scher Bart, unge­pfleg­tes Haar unter einem schwar­zen Tur­ban. Sei­ne letz­ten Ein­trä­ge auf Face­book spra­chen alle über die Ein­füh­rung und Anwen­dung der Scha­ria in der Stadt Alep­po. Die Waf­fen­ge­fähr­ten, die er nennt, tra­gen alle Kampf­na­men ein­deu­ti­gen isla­mi­schen Zuschnitts.

Die neu­en Dschi­ha­di­sten kom­men nicht nur wie Amer Gha­jar aus Syri­en. Sie kom­men zu Hun­der­ten aus Tune­si­en, Ägyp­ten, Liby­en, den ara­bi­schen Golf­staa­ten, aber auch aus Euro­pa und Zen­tral­asi­en. Tau­sen­de von jun­gen Män­nern, die ihr bis­he­ri­ges, nor­ma­les Leben auf­ge­ben, um dem Isla­mis­mus zu fol­gen. Tau­sen­de jun­ger Män­ner, die bereit sind zum Dschi­had. Wohin sie ihr Krieg führt, scheint kei­ne Rol­le zu spie­len. Sie gehen dort­hin, wo das Dschi­had-Netz­werk sie hin­schickt. Der­zeit ist das für die mei­sten Syri­en. Amer Gha­jar war einer von ihnen. Er griff zu den Waf­fen, um gegen die „Ungläu­bi­gen“ zu kämp­fen. Damit sind in Syri­en die Schii­ten und die Ale­wi­ten gemeint. Assad und sei­ne Fami­lie sind Ale­wi­ten.

Es ist nichts Unge­wöhn­li­ches, daß jun­ge Män­ner in einem Bür­ger­krieg die Waf­fe in die Hand neh­men, um Par­tei zu ergrei­fen. Weit schwie­ri­ger ist es, den Zulauf für die Al-Qai­da-Ideo­lo­gie zu erklä­ren. Al-Qai­da ist weder eine syri­sche Grün­dung, noch ist die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on im klas­si­schen Sinn eine Par­tei im Bür­ger­krieg. Sie ist eine mobi­le, inter­na­tio­na­le Kampf­grup­pe, die in der gesam­ten Umma agiert und jede Gren­ze über­win­det, gleich­gül­tig ob staat­li­cher, regio­na­ler, sprach­li­cher oder kul­tu­rel­ler Art.

Im Fall Amer Gha­jar läßt sich nicht mehr fest­stel­len, ob er sei­ne isla­mi­sti­sche Indok­tri­na­ti­on an der Uni­ver­si­tät erleb­te und sich dann den Rebel­len anschloß, oder ob er sich den Rebel­len anschloß und dann erst fana­ti­siert wur­de. Letz­te­re Vari­an­te ist nicht aus­ge­schlos­sen, da die isla­mi­sti­sche Ideo­lo­gie unter den in Syri­en kämp­fen­den Rebel­len immer grö­ße­re Aus­brei­tung fin­det.

Syri­en prä­sen­tiert sich als absur­des Kampf­thea­ter. Der Bür­ger­krieg brach, so zumin­dest der erste Ein­druck, als Teil des „ara­bi­schen Früh­lings“ aus, als Demo­kra­ti­sie­rungs­wunsch gegen das auto­ri­tä­re Regime des Fami­li­en­clans Assad. Ver­stärkt wur­de er durch die Tat­sa­che, daß zwei Drit­tel der Syrer Sun­ni­ten sind, die eigent­li­che Macht im Land jedoch in den Hän­den der knapp 20 Pro­zent Ale­wi­ten lag. Doch schnell tauch­te hin­ter den Rebel­len das Gespenst des Isla­mis­mus, von Al-Qai­da und des Dschi­had auf. Das hin­dert den­noch nicht den Westen, im Namen der Demo­kra­ti­sie­rung, über die Rebel­len auch Al-Qai­da zu finan­zie­ren, aus­zu­bil­den und zu bewaff­nen, obwohl der­sel­be Westen erklär­ter­ma­ßen den isla­mi­sti­schen Ter­ro­ris­mus bekämpft. Die Fol­ge ist ein Über­le­gen­heits­ge­fühl unter den Isla­mi­sten, da ihnen der Westen, allen vor­an die USA und Frank­reich den Dschi­had finan­ziert.

Der Zuzug aus­län­di­scher Kämp­fer nach Syri­en, auch aus Euro­pa, besorgt die euro­päi­schen Regie­rungs­kanz­lei­en. Eine ideo­lo­gi­sche Aus­wan­de­rungs­be­we­gung in den Nahen Osten, die, so die Sor­ge, zur mili­tä­risch-ter­ro­ri­sti­schen Rück­wan­de­rungs­be­we­gung in den Westen wer­den kann.

Text: Asianews/Giuseppe Nar­di
Bild: Asia­news