Pater Pio ständig ausgestellt – Eindrücke von San Giovanni Rotondo 1: Warum gigantische neue Kirche den Gläubigen nicht gefällt

Pater Pio San Giovanni Rotondo Hauptportal(San Gio­van­ni Roton­do) Seit dem 1. Juni sind die sterb­li­chen Über­re­ste des stig­ma­ti­sier­ten Paters Pio von Piet­rel­ci­na (1887–1968) stän­dig in San Gio­van­ni Roton­do aus­ge­stellt. Der Vati­kan erteil­te im Früh­jahr die Zustim­mung. In einem Glas­schrein ist der prä­pa­rier­te Leich­nam des 2002 von Papst Johan­nes Paul II. hei­lig­ge­spro­che­nen Kapu­zi­ners in der eigens dafür gebau­ten Unter­kir­che der neu­en Wall­fahrts­kir­che von San Gio­van­ni Roton­do auf dem Gar­ga­no in Süd­ita­li­en zu sehen. Bis­her erfolg­te die Aus­stel­lung nur zeit­lich begrenzt zu beson­de­ren Anläs­sen.

Zahl­rei­che Pil­ger und Ver­eh­rer des Hei­li­gen, dem zu Leb­zei­ten unter ande­rem die Fähig­keit zur See­len­schau und der Bilo­ka­ti­on nach­ge­sagt wur­de, sind ver­är­gert mit den Ver­ant­wort­li­chen des Kapu­zi­ner­or­dens. Ein­mal wegen der Errich­tung einer seit ihrer Fer­tig­stel­lung 2004 auf unge­bro­chen hef­ti­ge Ableh­nung sto­ßen­den neu­en Wall­fahrts­kir­che. Zum ande­ren, weil der Guar­di­an des Klo­sters von San Gio­van­ni Roton­do und der Pro­vin­zi­al­obe­re vor lau­fen­den Kame­ras beteu­er­ten, daß die sterb­li­chen Über­re­ste Pad­re Pios an ihrem alten Platz in der Kryp­ta der mitt­le­ren Kir­che blie­ben. Wegen des Wider­stan­des der from­men Gläu­bi­gen dau­er­te es neun Jah­re klei­ne­rer Schrit­te und vie­ler Demen­tis, bis der Orden es nun end­gül­tig wag­te, den Leich­nam stän­dig in der neu­en Kir­che zu zei­gen.

Mehr als 50 Jahre lebte Pater Pio in dem Kloster auf dem Gargano

Pater Pio: das alte Kloster und die Kirche es in den ersten Jahrzehnten war, als der Heilige auf den Gargano kamPater Pio gelang­te das erste Mal 1916 im Alter von 29 Jah­ren nach San Gio­van­ni Roton­do, einer klei­nen Gemein­de auf der Hoch­ebe­ne der Halb­in­sel Gar­ga­no in Apu­li­en. Andert­halb Kilo­me­ter west­lich des Dor­fes befand sich ein klei­nes, 1540 gegrün­de­tes ärm­li­ches Klo­ster des Ordens, in dem der Hei­li­ge bis zum Ende sei­nes Lebens blei­ben soll­te. Die Klo­ster­kir­che ist der Got­tes­mut­ter Maria geweiht.

Heu­te gibt es drei Kir­chen, die zum Kapu­zi­ner­klo­ster gehö­ren. Direkt angren­zend an die alte Kir­che wur­de wegen der zahl­rei­chen Pil­ger, die zu Pater Pio ström­ten, 1956 mit dem Bau einer neu­en grö­ße­ren Kir­che begon­nen. 1959 geweiht, hat sie mit der alten Kir­che das glei­che Patro­zi­ni­um.

1994 wur­de schließ­lich süd­west­lich des Klo­sters auf Betrei­ben der Kapu­zi­ner­pro­vinz von Fog­gia eine drit­te noch grö­ße­re Kir­che gebaut. 2004 wur­de die Kir­che, die 7000 Gläu­bi­gen Platz bie­tet, geweiht und zwar dem kurz zuvor hei­lig­ge­spro­che­nen Pater Pio. In der Unter­kir­che fand der 2008 trotz der erwähn­ten Pro­te­ste exhu­mier­te Hei­li­ge nun sei­ne letz­te Ruhe­stät­te.

Anhaltende Kritik am Kirchenneubau: areligiöse Megalomanie?

Pater Pio San Giovanni GaragentoreDie Kri­tik am neu­en Kir­chen­bau ist auch zehn Jah­re nach sei­ner Ein­wei­hung hef­tig. Die Kri­tik gilt der archi­tek­to­ni­schen Mega­lo­ma­nie. Sie gilt eben­so der mit Gold aus­ge­leg­ten Decke der Unter­kir­che. Die Gold­plat­ten sind aus dem ein­ge­schmol­ze­nen, von den Pil­gern im Lauf der Jah­re Pater Pio und sei­nen Hilfs­wer­ken gespen­de­ten Gold gewon­nen wor­den. Vie­le Gläu­bi­ge sehen einen Wider­spruch zum stren­gen und kar­gen Lebens­stil des Hei­li­gen und damit man­geln­den Respekt vor des­sen Wil­len. Die Ableh­nung gilt aber vor allem auch dem Bau­stil, mit dem sich der Archi­tekt, Ren­zo Pia­no und sei­ne Auf­trag­ge­ber offen­sicht­lich vor allem selbst ein Denk­mal set­zen woll­ten, das aber weit­ge­hend jede reli­giö­se Sen­si­bi­li­tät ver­mis­sen läßt.

Kommt man von Osten ver­mit­teln die unter­schied­li­chen Dimen­sio­nen und Stil­rich­tun­gen beim Anblick der neu­en Wall­fahrts­kir­che und deren rie­si­gem Vor­platz einen irri­tie­ren­den Kon­trast zum klei­nen, beschei­de­nen Klö­ster­chen mit der alten Kir­che, so als stün­den gänz­lich ver­schie­de­ne Din­ge zusam­men­hang­s­los und unhar­mo­nisch unpas­send neben­ein­an­der.

Die neue Ren­zo Pia­no-Kir­che ver­mit­telt den Ein­druck der Gigan­to­ma­nie ohne kirch­li­chen Bezug, wes­halb sie weder wirk­lich zu beein­drucken geschwei­ge denn in den Bann zu zie­hen ver­mag. Auf dem Vor­platz steht geson­dert ein gigan­ti­sches wei­ßes Beton­kreuz. Am Kir­chen­bau selbst sind kei­ne reli­giö­sen Sym­bo­le zu erken­nen. Der Betrach­ter sucht zu ergrün­den, wor­an ihn der Gebäu­de­kom­plex vor sei­nen Augen erin­nert. Fest steht nur, daß nichts dar­an an eine Kir­che erin­nert, schon gar nicht an eine katho­li­sche. Han­delt es sich um ein Gara­gen­ge­bäu­de, eine Mehr­zweck­hal­le, einen Super­markt im Stil einer flie­gen­den Unter­tas­se? Die Form eines Raum­schiffs wird noch ver­stärkt durch die Ein­gangs­to­re, die sich jeweils in Drei­er­grup­pen wie Gara­gen­schwing­to­re öff­nen. Die Unmög­lich­keit, den Zweck des Gebäu­des an sei­nem Äuße­ren fest­zu­stel­len, setzt sich auch in sei­nem Inne­ren fort. Laut den Auf­zeich­nun­gen von Pater Ger­ar­do Sal­dut­to (Jahr­gang 1943), dem Ver­ant­wort­li­chen des Kapu­zi­ner­or­dens für den Kir­chen­neu­bau, sprach Archi­tekt Ren­zo Pia­no bereits 1991 davon, einen „magi­schen Ort“ zu schaf­fen. Was soll­te an der neu­en Kir­che „magisch“ sein und wofür?

„Magischer Ort“ sorgt für Irritationen bei frommen Pilgern

Pater Pio neue Kirche Gefälle Abstieg zum AltarMein­te Pia­no die „Magie“ der Irri­ta­ti­on? Auch wenn man von Westen bei offe­nem Haupt­por­tal zur Kir­che gelangt, ist es näm­lich beim besten Wil­len unmög­lich abzu­schät­zen, ob man sich einem Kul­tur­haus, einem Ein­kaufs­zen­trum oder einer Sport­hal­le nähert. Spä­te­stens an die­ser Stel­le befällt den Betrach­ter ein unan­ge­neh­mes Gefühl. Der Ein­druck ver­stärkt sich durch den direk­ten Ein­tritt in die Kir­che. Es gibt weder einen Nar­tex noch einen Wind­fang. Unver­rich­te­ter Din­ge befin­det man sich im Hal­len­in­ne­ren. Trotz Erman­ge­lung christ­li­cher Sym­bo­le macht kein Hin­weis­schild in irgend­ei­ner Wei­se auf­merk­sam, daß man eine Kir­che betritt, auch nicht die heut­zu­ta­ge offen­sicht­lich uner­läß­li­chen Sym­bo­le mit den Benimm­re­geln für ein Got­tes­haus für Analpha­be­ten.

Erstaunt stellt man nach eini­gen suchen­den Blicken fest, daß es weder beim Ein­gangs­por­tal noch den zahl­rei­chen Schwing­tor­öff­nun­gen Weih­was­ser­becken gibt. Die in Über­maß her­um­ste­hen­den Opfer­stöcke, Abfall­ei­mern ähn­lich, ver­stär­ken um so mehr den Kon­trast zu den feh­len­den Weih­was­ser­becken. Der suchen­de katho­li­sche Blick glei­tend durch den rie­si­gen Raum, län­ger, inten­si­ver und stellt ver­stört fest, daß sich in der Kir­che auch kein Taber­na­kel befin­det.

Der Gläu­bi­ge wird in eine Mehr­zweck­hal­le geführt, nicht in das Haus Got­tes. Er soll sich nicht bekreu­zi­gen, kei­ne Knie­beu­ge machen, sich geist­lich offen­bar auch nicht sam­meln und sei­nen Blick nicht auf sei­nen Schöp­fer­gott und Hei­land rich­ten. Ent­spre­chend ver­lo­ren bewe­gen sich die Besu­cher in der rie­si­gen Hal­le. Vor wem soll­ten sie in der taber­na­kel­lo­sen Hal­le nie­der­knien? Auch bei der Hei­li­gen Mes­se sol­len die Gläu­bi­gen, so der offen­sicht­li­che Wil­le von Archi­tekt und Auf­trag­ge­bern, vor dem Herrn nicht knien. Die Kir­chen­bän­ke haben kei­ne Knie­bank.

Weder Weihwasserbecken noch Kniebänke noch Tabernakel

Pater Pio Kirchenbänke ohne KniebänkeDas Pro­jekt wur­de vom Vati­kan geneh­migt, wie die Kapu­zi­ner ger­ne beto­nen. Geneh­migt hat es Msgr. Cris­pi­no Valen­zia­no, ein lit­ur­gi­scher Con­sul­tor des Vati­kans. Bereits 1994 sprach er sich aus­drück­lich für eine Kir­che ohne Knie­bän­ke und für ein Kreuz ohne Cor­pus aus. Dies alles unter Beru­fung auf angeb­li­che nach­kon­zi­lia­re lit­ur­gi­sche Bestim­mun­gen, die es in Wirk­lich­keit nie gege­ben hat. Laut dem Ori­gi­nal­pro­jekt hing dann tat­säch­lich meh­re­re Jah­re nur ein über­di­men­sio­na­les kor­pus­lo­ses sti­li­sier­tes Kreuz von der Decke. Die Pro­te­ste waren so hef­tig, daß es vor kur­zem abge­hängt und in einer Hal­le des Unter­ge­schos­ses auf­ge­hängt wur­de. Statt des­sen hat­te jemand im Kapu­zi­ner­or­den doch ein Ein­se­hen und stell­te auf der Altar­in­sel seit­lich ein klas­si­sches, gro­ßes Holz­kreuz mit dem gekreu­zig­ten Herrn auf. Die­ses nach­träg­lich ein­ge­füg­te Ele­ment bil­det einen Kon­tra­punkt und erhol­sa­men Blick­fang für das geschun­de­ne gläu­bi­ge Herz.

Im Gegen­satz zum klas­si­schen Kir­chen­bau, in dem das Pres­by­te­ri­um erhöht ist, man den­ke an das Stu­fen­ge­bet, und der Altar noch ein­mal erhöht ist, weil man zu Gott hin­auf­steigt, führt der Hal­len­bau von San Gio­van­ni Roton­do in deut­li­chem Gefäl­le nach unten. Aus dem geist­li­chen Auf­stieg wird ein Abstieg. Man tritt oben ein und geht zum Altar hin­un­ter, der sich gewis­ser­ma­ßen in der Ver­sen­kung befin­det. Die Stu­fen, die dann von dort unten zur Altar­in­sel hin­auf­füh­ren, ver­mö­gen gera­de eini­ger­ma­ßen den Höhen­un­ter­schied zu den vor­der­sten Kir­chen­bän­ken aus­zu­glei­chen. An den Wän­den fehlt jede christ­li­che Iko­no­gra­phie, wie sie Kir­chen­bau­ten seit früh­christ­li­cher Zeit prä­gen. Es fin­den sich kei­ne Kreuz­weg­sta­tio­nen, kei­ne Chri­stus­sta­tue, kei­ne Mari­en­fi­gur und kei­ne Hei­li­gen­dar­stel­lun­gen.

Apokalypse ohne siegreichen Christus

Pater Pio stilisiertes Kreuz am ursprünglichen Platz in der KircheIn einer 2004 geweih­ten Kir­che, man müß­te es gar nicht erwäh­nen, fin­det sich natür­lich kein Hoch­al­tar, son­dern nur ein Volks­al­tar. Auch die­ser prä­sen­tiert sich kahl, kein Kreuz, kei­ne Ker­zen. Zur Rech­ten des Altars, vom Betrach­ter aus gese­hen, wird die Ost­wand der Kir­che von einer rie­si­gen Glas­front abge­schlos­sen. Neben dem Ambo der ein­zi­ge iko­no­gra­phisch gestal­te­te Teil der Kir­che. Das Fen­ster zeigt die Offen­ba­rung des Johan­nes. Es fällt ein­mal mehr die beson­de­re Vor­lie­be moder­ner Künst­ler für die Apo­ka­lyp­se auf. Wahr­schein­lich wegen der künst­le­ri­schen Frei­heit, die sie im Gegen­satz zu den histo­ri­schen bibli­schen Erzäh­lun­gen bie­tet, ein­schließ­lich der Mög­lich­keit „visio­när“ wenig christ­li­che Dra­chen­tie­re dar­stel­len zu kön­nen. Die sakra­le Kunst stellt die apo­ka­lyp­ti­sche Erzäh­lung jedoch immer mit einer sie über­ra­gen­den Dar­stel­lung des sieg­rei­chen Chri­stus dar. Der auf­er­stan­de­ne Rich­ter, der bereits Sie­ger ist. In San Gio­van­ni Roton­do fehlt jede Dar­stel­lung Chri­sti auf dem Glas­fen­ster. Die apo­ka­lyp­ti­schen Schreck­nis­se ste­hen für sich allei­ne ohne einen Sie­ger, ohne die wirk­lich ent­schei­den­de christ­li­che Bot­schaft und Gewiß­heit.

Der leuch­tend wei­ße, polier­te Mar­mor des Ambos, der durch das Gefäl­le des Kir­chen­in­ne­ren trotz sei­ner erstaun­li­chen Dimen­sio­nen gedrückt wirkt, ist von Giu­lia­no Van­gi gestal­tet, nicht durch die Dar­stel­lung der vier Evan­ge­li­sten, son­dern durch die Begeg­nung von Maria Mag­da­le­na mit dem Auf­er­stan­de­nen. Die gestal­te­ri­sche Bevor­zu­gung gegen­über der übri­gen Lee­re ver­mit­telt im Gesamt­ein­druck eine Über­be­to­nung des Wor­tes im Got­tes­dienst, wie sie für Pro­te­stan­ten gilt, wäh­rend der Altar, und der dahin­ter­lie­gen­de Bereich unauf­fäl­lig neben­säch­lich wir­ken.

Esoterische Strategien und freimaurerische Symbole?

Stilisiertes korpusloses Kreuz Pater Pio abgehängtDie in den offi­zi­el­len Beschrei­bun­gen und den Aus­füh­run­gen des Archi­tek­ten beton­te „Rezep­ti­on des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils“ durch die Innen­ge­stal­tung der Kir­che, wirft die Fra­ge auf, in wel­chem Doku­ment das Kon­zil eine sol­che Pro­te­stan­ti­sie­rung beschlos­sen haben soll. Der katho­li­sche Kunst­kri­ti­ker Fran­ces­co Cola­femmi­na ver­öf­fent­lich­te 2010 nach einem für ihn trau­ma­ti­schen Besuch („als ein­fa­cher Gläu­bi­ger“) in San Gio­van­ni Roton­do ein Buch über die neue Kir­che mit dem Titel: Il miste­ro del­la Chie­sa di San Pio (Das Geheim­nis der Kir­che des hei­li­gen Pater Pio. Eso­te­ri­sche Zufäl­le und Stra­te­gien im Schat­ten des gro­ßen Hei­li­gen von Piet­rel­ci­na, Set­te­co­lo­ri). Dar­in kommt er zum ver­nich­ten­den Urteil, daß die neue Kir­che von San Gio­van­ni Roton­do durch frei­mau­re­ri­sche Sym­bo­lik die christ­li­che Bot­schaft ver­dun­keln soll. Durch die Wei­he ist der Neu­bau unab­hän­gig von sei­ner Sym­bo­lik eine katho­li­sche Kir­che. Nicht­christ­li­che Sym­bo­le kön­nen kei­ne Wir­kung ent­fal­ten. Der Vor­wurf ist den­noch schwer­wie­gend an die Ent­schei­dungs­trä­ger des Baus.

Die Pil­ger wir­ken ver­irrt in dem Hal­len­bau. Es zieht sie sicht­lich schnell wie­der hin­aus aus der Kir­che, sobald die Suche nach dem Grab des gro­ßen Hei­li­gen ergeb­nis­los abge­bro­chen wer­den muß­te. Tat­säch­lich muß man die Kir­che ver­las­sen, um zum Grab zu gelan­gen.

Fragende Gesichter verunsicherter Gläubiger

Ein geson­der­ter Ein­gang neben den Gara­gen­to­ren führt von Nor­den in ein weit­läu­fi­ges Unter­ge­schoß. Auf dem Weg dort­hin stol­pert man, aller­dings nur bei aus­rei­chen­der Auf­merk­sam­keit seit­lich in eine Kapel­le, in der das Aller­hei­lig­ste auf­be­wahrt wird. Man möch­te aus­ru­fen: Da ist also der Herr, den man in der Kir­che ver­mißt hat­te. All­ge­mein sieht man aber wie schon in der Ober­kir­che auch hier viel­sa­gend fra­gen­de Gesich­ter bei den Ein­tre­ten­den. Auf­ga­be offen­sicht­lich auch hier nicht erfüllt, wäre den Ver­ant­wort­li­chen ins Zeug­nis zu schrei­ben.

Wohl­wol­lend nimmt man zunächst durch das seit­li­che Ein­tre­ten zur Kennt­nis, daß es zumin­dest in die­ser klei­nen Kapel­le Knie­bän­ke gibt. Die Wän­de waren bis Anfang 2013 kahl, wie in der zuvor besuch­ten Hal­len­kir­che. Um den irri­tier­ten Gläu­bi­gen etwas ent­ge­gen­zu­kom­men, wur­den sie nun­mehr mit bibli­schen Moti­ven aus­ge­malt, wenn auch in einem kind­lich-nai­ven Stil. Madon­nen­ma­len­de Stra­ßen­künst­ler, wie man sie in Ita­li­en in jedem grö­ße­ren Zen­trum sehen kann, hät­ten die Kapel­le schö­ner aus­ge­stal­tet, wie Cola­femmi­na vor kur­zem anmerk­te. Man neigt zur Bei­pflich­tung.

Tabernakel in sargähnlicher schwarzer Steinstele

Schwarze Steinstele Tabernakel außerhalb der KircheEin Kreuz fin­det sich in der Kapel­le nicht. Erschrocken sieht man, daß der Taber­na­kel in eine schwar­ze Ste­le, geschaf­fen von Flo­ria­no Bodi­ni, ein­ge­las­sen ist, die, wie mei­ne Beglei­tung anmerkt, einem auf­ge­stell­ten Sarg ähnelt. Der Kunst­kri­ti­ker Cola­femmi­na spricht auch in die­sem Fall von einem frei­mau­re­ri­schen Sym­bol, einer Anspie­lung an den alche­mi­sti­schen „Stein der Wei­sen“. Ein „Totem“, der „mehr an eine ori­en­ta­li­sche Stein­gott­heit“ oder die isla­mi­sche „Kaa­ba“ in Mek­ka erin­ne­re, so Cola­femmi­na. Und wie­der­um war es der bereits erwähn­te „Lit­ur­gie­ex­per­te“ Msgr. Valen­za­no, der die schwar­ze Ste­le dort haben woll­te. Wie in der Ober­kir­che vom Bau­mei­ster und den Bau­herrn kein Knien vor dem durch die Wand­lung wahr­haft zuge­ge­nen Herrn vor­ge­se­hen ist, ist in der Sakra­ments­ka­pel­le kei­ne Eucha­ri­sti­schen Anbe­tung vor­ge­se­hen. Die sar­g­ähn­li­che schwar­ze Stein­s­te­le bie­tet kei­ne Mög­lich­keit dazu.

Man kehrt zurück auf den Gang und folgt die­sem ent­lang zahl­rei­cher Mosa­ik­bil­der, die inhalt­lich nicht zu bean­stan­den­de Sze­nen aus dem Leben des Hei­li­gen zei­gen. Der nai­ve Stil des slo­we­ni­schen Jesui­ten Mar­ko Ivan Rup­nik mag zwar nicht zu über­zeu­gen, scheint aber fast das klein­ste Pro­blem die­ses Kir­chen­baus. Schließ­lich tritt man in die Unter­kir­che ein, im Halb­rund von Par­la­men­ten gehal­ten wie die viel grö­ße­re Ober­kir­che. In der offi­zi­el­len Beschrei­bung wird von einem muschel­för­mi­gen Grund­riß gespro­chen, denn die Muschel sei ein christ­li­ches Pil­ger­sym­bol. Ja, aber nicht ein Nau­ti­lus mit sei­ner auf­ge­roll­ten Scha­le, wirft Cola­femmi­na ein, und sucht in der frei­mau­re­ri­schen Sym­bo­lik nach einer Erklä­rung für den unge­wöhn­li­chen Grund­riß.

Goldene Unterkirche mit dem Grab Pater Pios

Unterkirche Pater Pio Golddecke und Mosaike von RupnikEini­ge Kir­chen­bän­ke haben auch Knie­bän­ke, aller­dings nur die vor­de­re Hälf­te. In den hin­te­ren Rei­hen soll gestan­den wer­den. Aber man ist zumin­dest am Ziel: Hin­ter dem Altar ist in einer Öff­nung in der Wand in einem Glas­schrein der Leich­nam des Hei­li­gen Pater Pios aus­ge­stellt. Dafür, daß der gigan­ti­sche Kir­chen­kom­plex nur gebaut wur­de, um Platz für sei­nen Sarg zu schaf­fen, damit ihn die Pil­ger besu­chen kön­nen, ist eben die­ser Moment der sicht­ba­ren und geist­li­chen Begeg­nung denk­bar schlecht gestal­tet. Der Blick der Gläu­bi­gen, die mit ihren Anlie­gen an die­sen Ort kom­men und sich zum Gebet hin­knien, geht zunächst über einen Volks­al­tar hin­weg und sieht dann die ande­ren Pil­ger vor dem Sarg vor­bei­strö­men. Der Strom derer, die unmit­tel­bar zum Sarg wol­len, hät­te auf der Rück­sei­te vor­bei­ge­führt wer­den sol­len.

Die Kapel­le ist eben­falls mit Rup­nik-Mosai­ken bestückt, die Sze­nen aus dem Leben Jesu dar­stel­len. Die Gold­decke der Kapel­le wirkt eben­so unwirk­lich, wie der gesam­te Kom­plex. Die Kapu­zi­ner zogen 2009, als Rup­niks Arbei­ten voll­endet waren, wegen der Mosai­ke sogar den mehr als gewag­ten Ver­gleich mit der Hagia Sophia, der einst präch­tig­sten Kir­che Kon­stan­ti­no­pels.  Der Raum der Unter­kir­che ist für Kir­chen­bau­ten unty­pisch nie­der und wirkt daher drückend. Es bedarf der Anstren­gung, in die­sem Umfeld geist­lich durch­zu­drin­gen und zum Gebet zu kom­men, was ja der eigent­lich Grund der Pil­ger­fahrt zum Hei­li­gen sein soll­te.

Pater Pio goldene Unterkirche GrabNir­gends, weder in der Ober­kir­che, der Sakra­ments­ka­pel­le noch in der Unter­kir­che wer­den die Gläu­bi­gen auf­ge­for­dert, in Stil­le zu ver­har­ren, wie es an allen Wall­fahrts­or­ten und zahl­rei­chen Kir­chen der Fall ist. Die Atmo­sphä­re, samt berie­seln­der Musik aus den Laut­spre­chern erin­nert mehr an neu­ge­stal­te­te Muse­en, um viel­leicht den Prachtsar­ko­phag des ägyp­ti­schen Pha­ra­os Tutan­cha­mun zu besich­ti­gen.

Gegensätze: Arme Zelle des Heiligen und neuer Kirchenhallenkomplex

Zur alten, ursprüng­li­chen Kir­che zurück­ge­langt, kann man Tei­le des alten Klö­ster­chens besu­chen. Steht man schließ­lich vor der unver­än­dert geblie­be­nen Zel­le Nr.1, in der Pater Pio die letz­ten 20 Jah­re sei­nes Lebens ver­brach­te, wirkt der neue Kir­chen­kom­plex noch befrem­den­der. Ver­söhnt mit dem Ort wird das from­me Herz letzt­lich doch noch durch die klei­ne, alte Kir­che mit dem wun­der­schö­nen Gna­den­bild der Got­tes­mut­ter mit Kind auf dem Hoch­al­tar und den zahl­rei­chen Schwarz­weiß­auf­nah­men, die Pater Pio bei der Zele­bra­ti­on des Hei­li­gen Meß­op­fers zei­gen, das er bis zu sei­nem Tod nur in der über­lie­fer­ten Form des Römi­schen Ritus zele­brier­te.

Pater Pio San Giovanni Rotondo Glasschrein mit sterblichen ÜberrestenWenn nicht schon längst zuvor, wird einem spä­te­stens in die­sem Augen­blick klar, wie miß­glückt der Bau der gigan­ti­schen neu­en Wall­fahrts­kir­che ist. Wie sehr sich kirch­li­che Ver­ant­wort­li­che des Kapu­zi­ner­or­dens, ein­schließ­lich eines vati­ka­ni­schen Lit­ur­gie­ex­per­ten auf ganz eige­ne Art der Nach­welt ins Gedächt­nis schrei­ben woll­ten, eben­so wie der von ihnen beauf­trag­te Star­ar­chi­tekt. Bau­mei­ster und Bau­her­ren haben in erschrecken­der Mega­lo­ma­nie auf Kosten des Hei­li­gen Pater Pio und from­mer Men­schen, die sich das Geld für den Bau zusam­men­spar­ten, eine ufo­lo­gi­sche Häß­lich­keit geschaf­fen, die geist­lich mehr vom Glau­ben weg­führt, als zum Glau­ben hin­führt. Man muß nicht Cola­femmi­nas Mei­nung tei­len, der hin­ter der sti­li­sti­schen Aus­ge­stal­tung des Archi­tek­ten eine frei­mau­re­ri­sche Bot­schaft zu erken­nen meint. Sei­ner Mei­nung, daß der neue Kir­chen­kom­plex ein „ein­zi­ger Betrug an den Gläu­bi­gen ist“ muß man lei­der bei­pflich­ten.

Niederschmetterndes Resümee

Das Resü­mee ist nie­der­schmet­ternd: Die Mehr­zweck­hal­le könn­te pro­blem­los und jeder­zeit jeder pro­te­stan­ti­schen Deno­mi­na­ti­on zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Es fin­det sich in ihr nichts spe­zi­fisch Katho­li­sches, stün­de nicht irgend­wo an einer Stel­le eine Sta­tue von Pater Pio.Die Kir­che Pia­nos zieht die Gläu­bi­gen nicht zum Herrn, son­dern ver­treibt sie. Was die abschlie­ßen­de Fra­ge nach dem eigent­li­chen Ziel die­ses ver­pfusch­ten Bau­werks auf­wirft. Pater Pio ist ein Anzie­hungs­punkt des ein­fa­chen, gläu­bi­gen Vol­kes, eben­so wie Fati­ma oder Lour­des. Jenes got­tes­fürch­ti­gen Vol­kes, das den Glau­ben bewahrt gegen ver­kopf­te pro­gres­si­sti­sche Kon­struk­tio­nen von Glau­ben und Theo­lo­gie. Aus­ge­rech­net gegen die­ses Volk, gegen einen der meist­be­such­ten Wall­fahrts­or­te wur­de ein sol­cher abschrecken­der Anschlag ver­übt. Kann es nur Zufall sein oder steckt am Ende doch eine abwe­gi­ge Absicht dahin­ter?

[nggal­le­ry id=36]

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bil­der: Giu­sep­pe Nardi/Fides et Forma/Kapuzinerkloster San Gio­van­ni Roton­do

8 Kommentare

  1. Die­se Kir­che die ich selbst schon besich­tigt habe erin­nert sehr stark an ein groß aus­ge­bau­tes Kas­perl­thea­ter, die sakra­len Dar­stel­lun­gen sind durch­wegs in einer sehr unwür­di­gen , kit­schi­gen Art aus­ge­führt, was zu alle­dem gut dazu passt, ist die Sta­tue von Johan­nes Paul II. an dem Platz von dem aus man zur neu­en Kir­che hin­un­ter­geht. Als ob man Gott her­aus­for­dern woll­te.

  2. Von außen wirkt das Gan­ze wie eine Mes­se­hal­le der CeBit. Die Ober­kir­che hat im Innern den Charm einer Sport­hal­le, die Unter­kir­che erin­nert an die kit­schi­gen Foy­ers ara­bi­scher und rus­si­scher Olig­ar­chen­ho­tels. Alles nur ent­setz­lich pein­lich!

  3. Mir scheint, es ist eine fal­sche Fähr­te, hier Pro­te­stan­tis­mus zu ver­mu­ten.
    Cola­femmi­na sieht das wohl rich­tig mit der eso­te­ri­schen, sagen wir ruhig okkul­ten Stra­te­gie des Archi­tek­ten und ande­rer Betei­lig­ter.
    Dass hin­ter dem Lügen­ge­bäu­de des Okkul­tis­mus der Vater der Lüge steht, dürf­te bekannt sein.1
    Die­ses Kir­chen­ge­bäu­de ist eine Macht­de­mon­stra­ti­on Satans, der sei­ne Protegés bis in den Vati­kan hin­ein hat.
    Nicht nur in Umbri­en, auch in Apu­li­en gibt es Erd­be­ben…

  4. @Seinsheim Für ein Olig­ar­chen­ho­tel ist das alles viel zu stüm­per­haft aus­ge­führt, nicht ein­mal die­ses Niveau erreicht es.…

  5. Die­se neue Kir­che ist das Sie­ges­zei­chen der nach­kon­zi­lia­ren (Vati­ka­num II) Theo­lo­gie, ja, sie zeigt nach­hal­tig, wie weit inzwi­schen die Pro­te­stan­ti­sie­rung der katho­li­schen Kir­che geht.

  6. Mir bricht das Herz, wenn ich sehe, wie der arme Pater Pio selbst im Tode noch miss­braucht und von die­ser Scheuß­lich­keit ent­ehrt wird. Das ist die plum­pe Rache der Kon­zils­fe­ti­schi­sten an dem gro­ßen Hei­li­gen, der aus der wah­ren Lit­ur­gie leb­te und sie bis zum Schluss ver­tei­dig­te.

  7. Was braucht man als glau­bens­treu­er Katho­lik in einer Kir­che ?
    Einen wür­di­gen Altar mit Taber­na­kel, Knie­bän­ke, Kreuz­weg und Beicht­stuhl.
    Alles ande­re ist schön, aber nur Deko­ra­ti­on.
    Also mit wenig Auf­wand wäre auch die­se Kir­che brauch­bar.

Kommentare sind deaktiviert.