Auf verlorenem Posten — Vor 100 Jahren wurde der katholische Denker Nicolas Gomez Davila geboren

Nicolas Gomez Davila der katholische Reaktionär(Bogo­ta) Vor einem Jahr­hun­dert wur­de am 18. Mai 1913 Nico­las Gomez Davi­la gebo­ren, jener unor­tho­do­xe katho­li­sche Den­ker, der von Kolum­bi­en aus die Welt beob­ach­te­te und deren Ent­wick­lung in scharf­sin­ni­gen Apho­ris­men auf den Punkt brach­te. Davi­la war ein „Genie“, ein „Mei­ster“, „ori­gi­nell“. Aber sol­che Zuschrei­bun­gen machen heu­te infla­tio­när die Run­de, so daß sie an Aus­sa­ge­kraft ver­lo­ren haben. Gomez Davi­la war das alles, ent­schei­dend aber ist sei­ne Spur, die er hin­ter­las­sen hat. Wie jede Spur weist sie den Weg zu einem Ziel. Und auf die­ses Ziel kommt es an. Es hebt Nico­las Gomez Davi­la über die infla­tio­nä­ren „Gro­ßen“ weit hin­aus.

Es war der poly­glot­te, alt­öster­rei­chi­sche Welt­rei­sen­de Erik von Kuehnelt-Led­dihn (1909–1999), der auf sei­ner katho­li­schen Fähr­ten­le­se rund um den Erd­ball in Latein­ame­ri­ka auf den fas­zi­nie­ren­den, ein­zel­gän­ge­ri­schen Davi­la stieß und des­sen Gedan­ken­welt und Wort­mäch­tig­keit in Euro­pa bekannt­mach­te. Es ist daher kein Zufall, daß es dem in Wien ansäs­si­gen Karo­lin­ger-Ver­lag zu dan­ken ist, die Wer­ke dem deutsch­spra­chi­gen Publi­kum seit der zwei­ten Hälf­te der 80er Jah­re zugäng­lich gemacht zu haben. Zu einem Zeit­punkt, als Gomez Davi­la noch weit davon ent­fernt war, in Mit­tel­eu­ro­pa den Sta­tus eines Kult­au­tors zu erlan­gen.

Gomez Davi­la sah sich selbst als Strei­ter „auf ver­lo­re­nem Posten“, einem Posten, der in Wirk­lich­keit immer sieg­reich ist.

Aus die­sem Anlaß ver­öf­fent­li­che Mar­co Respin­ti, der Lei­ter des Rus­sell Kirk Cen­ter for Cul­tu­ral Rene­wal in Mai­land den nach­ste­hen­den Auf­satz:

Gomez Davila, ein lebenslanges Werk

von Mar­co Respin­ti

Für die bio­gra­phi­schen Anga­ben sei auf das 2008 erschie­ne­ne Buch Für eine christ­li­che Kul­tur des drit­ten Jahr­tau­sends von Gio­van­ni Can­to­ni, den Grün­der der tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Katho­li­schen Alli­anz ver­wie­sen. Can­to­ni gelang ein Pio­nier­werk, das über die viel­fa­che, mehr oder weni­ger pro­fun­de Wie­der­ga­be von Davilas Lebens­da­ten hin­aus­geht, weil es ihm bei sei­nem Stu­di­um der Ideen­ge­schich­te der katho­li­schen Gegen­re­vo­lu­ti­on gelun­gen ist, Davilas Ideen­welt auf bis­her noch unge­kann­te Wei­se zu durch­drin­gen.

Der junge Nicolas Gomez DavilaCan­to­ni ver­tief­te die kul­tu­rel­le Idee, die der nie­der­län­di­sche Roma­nist und Vor­den­ker des euro­päi­schen Eini­gungs­ge­dan­kens, Hen­drik Burg­mans (1906–1997) als Magna Euro­pa bezeich­ne­te. Eine glück­li­che, aller­dings der­zeit  kaum beach­te­te Begriffs­prä­gung, die ver­gleich­bar der Magna Grae­cia in Süd­ita­li­en und auf Sizi­li­en ein Euro­pa außer­halb Euro­pas annimmt. Magna Euro­pa beschreibt jene Öku­me­ne, die von Euro­pa, dem Kon­ti­nent der Kul­tur, wie ihn Papst Johan­nes Paul II. nann­te, aus­ging und sich auf ande­ren Erd­tei­len fort­pflanz­te. Jenes vom Chri­sten­tum geform­te abend­län­di­sche Euro­pa, das durch star­ke kul­tu­rel­le, sprach­li­che und reli­giö­se Ban­de den alten Kon­ti­nent mit allen Län­dern ver­knüpf­te, wo Euro­pä­er sich nie­der­lie­ßen und eine im Chri­sten­tum ver­wur­zel­te Zivi­li­sa­ti­on auf­rich­te­ten.

In einer Fami­lie der Ober­schicht in Cajicá in Kolum­bi­en gebo­ren, absol­viert Gomez Davi­la nur die Grund- und Mit­tel­schu­le und das pri­vat in Frank­reich, wo er vom 6. bis 23. Lebens­jahr leb­te. Eine höhe­re Schu­le soll­te er nie besu­chen und daher auch nie einen aka­de­mi­schen Abschluß erwer­ben. Sein Leben ver­brach­te er als eine Art Reklu­se in sei­nem eige­nen Haus in San­ta Fe de Bogo­ta, der Haupt­stadt sei­nes Geburts­lan­des. In die­ser Zurück­ge­zo­gen­heit las, stu­dier­te, reflek­tier­te und schrieb er. Dazu erlern­te er Spra­chen. Als er stirbt, stu­dier­te er gera­de Dänisch, um sich direkt mit den Gedan­ken des Phi­lo­so­phen Sören Kier­ke­gaard (1813–1855) aus­ein­an­der­set­zen zu kön­nen. Über­set­zun­gen gegen­über heg­te er Zeit sei­nes Lebens Vor­be­hal­te. Er beherrsch­te vor­treff­lich Alt­grie­chisch, Latein, Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Ita­lie­nisch, Rus­sisch, Por­tu­gie­sisch und natür­lich Spa­nisch. Der kon­ser­va­ti­ve Katho­lik, der sich selbst gern als Reak­tio­när bezeich­ne­te, stirbt am 17. Mai 1994 am Vor­abend sei­nes 81. Geburts­tags, ein Jahr nach sei­ner Frau Maria Emi­lia Nieto de Gomez. Er hin­ter­ließ drei Kin­der.

Gomez Davila schrieb praktisch nur ein einziges Werk

Gomez Davi­la schreibt nur ein ein­zi­ges Werk. Ein Werk, das er stän­dig fort­schreibt und ver­tieft, bis an sein Lebens­en­de. Nicht weil es unvoll­stän­dig und unfer­tig war, son­dern weil es durch sei­ne Ver­knüp­fung mit der Dimen­si­on der See­le, des Gei­stes, der Geo­gra­phie des Bewußt­seins und den Gren­zen des Den­kens auf End­lo­sig­keit ange­legt war. Obwohl Gomez Davi­la aus frei­en Stücken die sta­bi­li­tas loci wähl­te, war er Zeit sei­nes Lebens ein Wan­de­rer. In sei­nem Den­ken bedeu­te­te dies, ein Pil­ger sein. Obwohl Mensch der Moder­ne, war Gomez Davi­la jedoch aus inner­ster Über­zeu­gung ein Mensch des Mit­tel­al­ters, in dem das gan­ze mensch­li­che Sein reli­gi­ös ver­stan­den wur­de von der Geburt bis zum Über­gang in das eigent­li­che Leben.

Sein Leben war eine Pil­ger­schaft von Herz und Geist zu Gott, aus­ge­hend von jener ursprüng­li­chen Dimen­si­on, mit der die Meta­phy­sik aus der Sokra­ti­schen Intui­ti­on her­vor­ging.

Sein ein­zi­ges und per­ma­nen­tes Werk erscheint erst­mals 1954 mit den Notas und 1959 mit den Text­os I im Druck. Das ist ver­hält­nis­mä­ßig spät, Gomez Davi­la ist 51, wenn man bedenkt, daß er bereits seit Jahr­zehn­ten stu­dier­te, reflek­tier­te und sich Noti­zen mach­te. Aber Gomez Davilas Den­ken ist wie ein kon­zen­trier­tes Destil­lat. Es bedarf der lang­sa­men Gärung, der lan­gen Lage­rung und der span­nungs­ge­la­de­nen Rei­fung. 1977 folgt die umfang­rei­che Aus­ga­be mit dem Titel Esco­li­os a un texto impli­ci­to. Sei­ne Tex­te sind Anlaß für immer neu­es Stau­nen. Vor den Augen des Lesers ent­fal­ten sich hoch­kon­zen­triert prä­gnan­te Wort­spie­le, die eine unent­rinn­ba­re Fas­zi­na­ti­on auf die mensch­li­che Intel­li­genz aus­üben, der sich kein Betrach­ter ent­zie­hen kann. Das liegt dar­in, daß Gomez Davi­la das all­ge­mei­ne Dra­ma des mensch­li­chen Daseins auf eine Wei­se zu benen­nen weiß, sodaß der Leser die Rea­li­tät in kon­zi­ser Wei­se wie­der­erkennt, wie er es so knapp for­mu­liert meist noch nie gehört hat. Dem moder­nen Reklu­sen gelingt es anschei­nend chao­ti­sche, für die mei­sten intui­tiv wahr­nehm­ba­re, aber intel­lek­tu­ell nicht wirk­lich durch­dring­ba­re Aspek­te in eine kla­re Ord­nung zu brin­gen. Eine Ord­nung, die eine unge­ahn­te Schön­heit wie­der­ge­winnt, eine Restau­ra­ti­on der Schön­heit, die sich dem Men­schen in sei­nem Erden­da­sein meist bis zur Unkennt­lich­keit ent­zieht, weil sie von den Ablen­kun­gen des Lebens ver­deckt wird. In den Wor­ten Gomez Davilas wird sie sicht­bar und neu auf­ge­rich­tet. Es ist die in sei­nen Wor­ten vor dem gei­sti­gen Auge wie­der­rich­te­te ewi­ge Ord­nung des Schöp­fer­got­tes. Eine vir­tu­el­le Rekon­struk­ti­on, die aber durch die Gött­lich­keit des Dar­ge­stell­ten jenes fas­zi­nie­ren­de Fas­zi­no­sum ent­facht, das den Betrach­ter gefan­gen­nimmt. Er tut es immer neu, so erschei­nen 1986 die Nue­vos esco­li­os a un texto implà­cito und 1992 der drit­te und letz­te Teil mit den Suce­si­v­os esco­li­os a un texto implà­cito. Trotz for­ma­ler Unter­schie­de sind auch die bei­den Ver­öf­fent­li­chun­gen El reac­cio­na­rio autén­ti­co von 1995 und De iure von 1988 fester Bestand­teil ein und des­sel­ben Wer­kes.

Gott diskutiert man nicht

Der kolum­bia­ni­sche Den­ker wähl­te den Apho­ris­mus als lite­ra­ri­sche Gat­tung oder viel­leicht auch als Waff­fe sei­nes Den­kens. Jeder zu Papier gebrach­te Gedan­ken scheint ein treff­si­che­rer Hieb mit dem Schwert des Gei­stes. Er stellt die geball­te Ladung einer Moment­auf­nah­me einer ganz bestimm­ten Dimen­si­on der Rea­li­tät dar. Meist eine mensch­li­che Unord­nung, durch deren Sicht­bar­ma­chen Gomez Davi­la impli­zit die Ord­nung sicht­bar macht und durch die ihm eige­ne Fähig­keit unsicht­bar inne­re Sai­ten zum Schwin­gen zu brin­gen, als erstre­bens­wert ver­mit­telt. Die Moder­ne reizt er mit spit­zen Pro­vo­ka­tio­nen und bringt das Welt­bild einer jeden Ideo­lo­gie ins Wan­ken. Denn Ideo­lo­gien, ob Kom­mu­nis­mus, Kapi­ta­lis­mus oder Natio­nal­so­zia­lis­mus sind für ihn nur stüm­per­haf­ter Abklatsch mensch­li­cher Über­heb­lich­keit und des Wahns der Selbst­erlö­sung. Nur Gott allein kann die bis ins letz­te schlüs­si­ge Welt­sicht bie­ten.
Das gei­sti­ge Genie Gomez Davilas hat die Fähig­keit, die Welt mit jenem stau­nen­den Blick zu betrach­ten, als wäre er der erste Mensch auf Erden, der sei­ne erste stür­mi­sche Nacht erlebt und davon berich­tet. Es ist der­sel­be Blick eines jeden neu­ge­bo­re­nen Kin­des und jedes Men­schen, der sei­ne Frei­heit ernst nimmt und sich nach dem Sinn sei­nes Daseins fragt.

Über die Bedeu­tung von impli­ci­to in den Titeln sei­ner Scho­li­en wur­de schon viel gerät­selt. Gemeint ist damit offen­bar „der gesam­te kul­tu­rel­le Kor­pus des Abend­lan­des von Homer bis zu Gomez Davilas Zeit­ge­nos­sen“ (Can­to­ni). Es drückt das stän­di­ge und fort­ge­setz­te, wört­lich zu neh­men­de Sich-mes­sen an der kul­tu­rel­len Lei­stung, in der der Mensch — befä­higt Gott zu erken­nen — Han­deln­der ist, indem er sich mit dem Sinn sei­nes Daseins und der Din­ge aus­ein­an­der­setzt. Man kann sagen, daß Gomez Davi­la sein gan­zes Leben lang in einem Dia­log stand mit jenen Den­kern, die in höch­stem Maße das Mensch­li­che zum Aus­druck gebracht hat­ten und damit „das, was zählt“, und „das, was Sinn hat“. Sein Den­ken und Schaf­fen war die Suche nach die­sem höch­sten Aus­druck und der Dia­log mit jenen, die ihn her­vor­ge­bracht haben. Aber auch Gewehr bei Fuß die Ver­tei­di­gung des­sen, „was Sinn stif­tet“ und des­sen „was nicht dis­ku­ta­bel“ ist. Geprägt von einem tie­fen katho­li­schen Glau­ben, der sein Den­ken durch und durch model­liert, ist und bleibt er Beob­ach­ter. Er übt kei­ne Zen­sur, deckt aber scho­nungs­los auf und stellt jeden Ver­stoß gegen die Ord­nung bloß.

Der „Reaktionär“ Gomez Davila verweigert sich der „Demokratie als Religion“

Gott ist kein Dis­kus­si­ons­ge­gen­stand und schon gar nicht von Mehr­hei­ten oder Volks­ab­stim­mun­gen. Gomez Davi­la ist kein Demo­krat. Demo­kra­tie ist eine gött­li­che Kate­go­rie. Er ver­wei­gert sich der „Demo­kra­tie als Reli­gi­on“, woher auch sei­ne bevor­zug­te Selbst­be­zeich­nung als „wirk­li­cher Reak­tio­när“ rührt. Wie Tho­mas Stearns Eli­ot (1888–1965) in des­sen The Idea of a Chri­sti­an Socie­ty (1939) ver­tritt der Kolum­bia­ner die Über­zeu­gung, daß Gott eifer­süch­tig ist und sei­nen Thron nicht mit dem Mam­mon, Robes­pierre, Marx, Hit­ler oder Sta­lin tei­len will, auch nicht mit einem Par­la­ment. Gott ist viel­mehr der Unaus­sprech­li­che. Der Kir­chen­va­ter Augu­sti­nus (354–430) ist der Ansicht, daß man Gott bes­ser betrach­tet, indem man ver­sucht, aus­zu­drücken, was er nicht ist als damit, defi­nie­ren zu wol­len, was er ist. Anders aus­ge­drückt: das Gleich­ge­wicht zwi­schen den Din­gen, die er gemacht hat und der Ver­nunft, die er uns geschenkt hat, indem jeder sich auf eine Wan­der­schaft durch sein per­sön­li­ches Mit­tel­al­ter begibt, das Teil des gro­ßen Mit­tel­al­ters ist, näm­lich der Zeit, deren Anfang und deren Ende Gott fest­ge­setzt hat und inner­halb derer er wie­der­um für jeden Men­schen des­sen Zeit fest­ge­setzt hat.

Der ita­lie­ni­sche Medi­ävist Mar­co Tang­he­ro­ni (1946–2004) ent­wickel­te aus den „Glos­sen“ Gomez Davilas sogar eine Metho­de, mit der er das 2008 post­hum erschie­ne­ne Buch Del­la Sto­ria: in mar­gi­ne ad afo­ris­mi di Nicolás Gómez Dávi­la (Über die Geschich­te: am Ran­de der Apho­ris­men von Nico­las Gomez Davi­la) ver­faß­te. Vom gro­ßen katho­li­schen Den­ker aus dem fer­nen Kolum­bi­en, in dem Gomez Davi­la das Magna Euro­pa am Werk sah und Euro­pa atme­te, nicht anders als hät­te er all die Jah­re sei­nes gei­sti­gen Schaf­fens in Euro­pa ver­bracht, bleibt ein gro­ßes gei­sti­ges Erbe. Sein Erbe ist eine Metho­de. Jene Metho­de, die Zeit zu begrei­fen als jene stän­di­ge, fort­dau­ern­de, drän­gen­de, ja sogar quä­len­de Fra­ge des Psal­mi­sten: ‚Wäch­ter, an wel­chem Punkt ist die Nacht?‘ Mit dem unver­gleich­ba­ren Vor­teil, sie direkt an den ein­zi­gen Trö­ster rich­ten zu kön­nen, der dar­auf zu ant­wor­ten weiß, indem er den strah­len­den Son­nen­auf­gang aus­lö­sen kann.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

11 Kommentare

  1. Schön zu wis­sen, dass es auch scharf­sin­nig den­ken­de, poly­glot­te Latein­ame­ri­ka­ner gibt. Mit sei­nem Ver­mö­gen, „anschei­nend chao­ti­sche, für die mei­sten intui­tiv wahr­nehm­ba­re, aber intel­lek­tu­ell nicht wirk­lich durch­dring­ba­re Aspek­te in eine kla­re Ord­nung zu brin­gen“, steht er gei­stig Sei­ner Hei­lig­keit, unse­rem Papst eme­ri­tus, sehr nahe. Die­se beson­de­re intel­lek­tu­el­le Kraft ist es, die die bei­den genia­len Gelehr­ten zu solch sin­gu­lä­ren Erschei­nun­gen, sol­chen Kory­phä­en macht.

    • Das war natür­lich zu erwar­ten, daß Sie selbst so ein absei­ti­ges The­ma zu einem kräf­ti­gen Sei­ten­tritt gegen einen ande­ren Latein­ame­ri­ka­ner nut­zen, der I.E. weder scharf­sin­nig den­ken“ kann noch „poly­glott“ ist.
      Las­sen Sie den Papst doch ein­fach mal in Ruhe oder rmei­net­we­gen einen guten Mann sein. Sie dür­fen sei­nen Vor­gän­ger ja loben und ver­eh­ren ohne Ende.

  2. Ohne Zwei­fel ist unser ehe­ma­li­ger Papst Bene­dikt XVI. nicht nur ein tief­gläu­bi­ger, son­dern auch ein her­aus­ra­gen­der Intel­lek­tu­el­ler.
    Doch man kann die Posi­tio­nen Davi­la — Ratz­in­ger nicht auf einen Nen­ner brin­gen, mei­ne ich. Ratz­in­ger steht für den Ver­such, die katho­li­sche Kir­che und die ‚Moder­ne‘ zu ver­söh­nen. Ich sage das an die­ser Stel­le wert­neu­tral, ohne Bewer­tung.
    Davi­la ent­zieht sich vehe­ment die­sem Ver­such, er besteht dar­auf, ein „Reak­tio­när“ zu sein. Ein Mensch, der von der Ord­nung des Mit­tel­al­ters her­kommt, ein vor­mo­der­ner Kri­ti­ker der Moder­ne. Unglaub­lich ori­gi­nell und anre­gend…

  3. Ich hat­te, bevor ich hier ange­fan­gen hat­te, zu posten, in den Grund­sät­zen die­ser Sei­te gele­sen, dass sie G. Davi­la fol­gen. Dar­auf­hin forsch­te ich ein biss­chen über ihn und fand das, was ich las, fas­zi­nie­rend.
    Ganz gewiss kann man die gei­sti­ge Kraft Bene­dikts xvi. mit der Davilas ver­glei­chen. Aber ich den­ke, Davi­la hat sich von vorn­her­ein nicht auf das Pro­jekt der Moder­ne ein­ge­las­sen. In die­sem Punkt ist er weit ent­fernt von Bxvi. Der näm­lich hat zunächst sei­ne gro­ße intel­lek­tu­el­le Kraft einem — aus Sicht der Pro­gres­si­sten mei­net­we­gen „kon­ser­va­ti­ven“ — Moder­nis­mus zur Ver­fü­gung gestellt, und dies bei sicher­lich tie­fem Glau­ben.
    Die Tra­gik Bxvi. ist, dass er im Lau­fe sei­nes Lebens erken­nen muss­te, ja: durf­te, dass die Syn­the­se in den Front­ka­te­go­rien unse­rer Zeit, nicht gelin­gen kann! Es war, als wol­le er einen Teig kne­ten aus Mate­ri­al, das immer wie­der aus­ein­an­der­fällt.
    Sein Rück­zug auf die Fra­ge nach Glau­be und Ver­nunft war ein Aus­weg — denn die Ver­nunft ist nicht gebun­den an die wahn­haf­ten Irr­tü­mer der Neu­zeit. Ich lie­be und schät­ze ihn sehr, die­sen Eme­ri­tus. Aber ich sehe auch die­se Tra­gik, die in sei­ner Per­son ein fast fina­ler Erkennt­nis­pro­zess eines moder­nen Men­schen über die enor­me Ver­ir­rung der Moder­ne ist.
    Wie es scheint, hat Davi­la das von vorn­her­ein intui­tiv erfasst und gar nicht erst ver­sucht, dem wider­sprüch­li­chen Erbe Euro­pas gerecht­wer­den zu wol­len. Er hat eine Reduk­ti­on vor­ge­nom­men. Die syn­the­ti­sche Kraft des euro­pä­isch-christ­li­chen Anfangs ist nicht zu ver­wech­seln mit der Syn­the­se-Hybris der Moder­ne. Viel­leicht wür­de Davi­la sagen (wie ich es anneh­men könn­te), nur die radi­ka­le Zen­trie­rung auf den Herrn schafft halt­ba­re Syn­the­sen, aber die­se „Halt­bar­keit“ gestal­tet Gott per­ma­nent um, ohne dass wir die Ziel­ge­stal­ten ken­nen könn­ten.
    Fol­ge­rung: Wir kön­nen die Glau­bens­kri­se nicht intel­lek­tu­ell und nicht krea­tiv lösen. Tota­le per­sön­li­che Erge­bung bei maxi­ma­lem Ein­set­zen­las­sen der geschenk­ten Talen­te genügt!

    • Sie spre­chen mir — teil­wei­se — aus dem Her­zen. Ich bin aller­dings davon über­zeugt, dass Bene­dikt XVI. sein Ziel nie auf­ge­ben konn­te. Und so wur­de er für die libe­ra­len Katho­li­ken, ob Theo­lo­gen oder Gre­mi­en­ka­tho­li­ken, zum Feind­bild Nr. 1. Wüten­de, unge­rech­te, bos­haf­te Angrif­fe von die­ser Sei­te hör­ten nie auf. So wenig, wie der Hass der Medi­en. Weil er die Tra­di­ti­on der Kir­che weder auf­ge­ben konn­te, noch woll­te. Weil er genau­so wenig sein Ziel auf­ge­ben konn­te, die Kir­che mit der Moder­ne zu ver­söh­nen, bleibt er aber wider­sprüch­lich.
      Früh litt er unter den nach­kon­zi­lia­ren Fehl­ent­wick­lun­gen, er benann­te sie und zog sich den Zorn der Libe­ra­len zu, denen alles nicht weit genug ging. Aber er wei­ger­te sich und wei­gert sich bis heu­te, die Ursa­che der Kri­se in den Kon­zils­tex­ten selbst zu sehen. Eher muss die in sich unlo­gi­sche „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ her­hal­ten, als dass die in sich wider­sprüch­li­chen Kon­zils­tex­te auf den Prüf­stand kom­men. Davon abge­se­hen, dass die Zeit dafür noch nicht reif ist, hal­te ich dies für sei­ne per­sön­li­che Tra­gik. Aber nicht nur. Denn an sei­ner per­sön­li­chen Tra­gik hat die Kir­che schwer zu tra­gen. Die „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ spie­gelt eine ‚Har­mo­nie‘ zwi­schen Kir­che und Neu­zeit vor, zwi­schen vor­kon­zi­lia­rer Kir­che und Kon­zils­kir­che vor, die es nicht gibt. Und stif­tet dadurch Ver­wir­rung.
      Davi­la war nie bereit, sich in sei­nem Den­ken auf unlo­gi­sche Schein­kom­pro­mis­se ein­zu­las­sen.
      Erz­bi­schof Lef­eb­v­re übri­gens auch nicht, sei nur hin­zu­ge­fügt.

      • Ich den­ke, am Ende ging es Bene­dikt vor allem dar­um, nicht die Tra­di­ti­on mit der Moder­ne, son­dern die Moder­ne mit der Tra­di­ti­on zu ver­söh­nen, dafür hat er als wah­rer Pon­ti­fex die Brücke „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ gebaut. Denn was konn­te er in sei­ner Situa­ti­on auch ande­res tun? Das Kon­zil anathe­ma­ti­sie­ren, wie von den radi­ka­len Tra­di­tio­na­li­sten gefor­dert, also den Bruch mit der Moder­ne voll­zie­hen? Welch ein Auf­schrei hät­te es gege­ben! Wie­viel Cha­os, wie­viel neue Brü­che wäre darurch ent­stan­den. In der suk­zes­si­ven Über­win­dung des Kon­zils sah er wohl den ein­zig gang­ba­ren Weg. Dazu muss­te der Tra­di­ti­on zunächst ein Frei­raum für ihre Ent­fal­tung in der Kir­che gege­ben wer­den. Nur so konn­te ein gei­stig-geist­li­cher Wett­kampf mit den Pro­ges­si­sten ent­ste­hen, der am Ende jedem evi­dent gemacht haben wür­de, wo in Wahr­heit das frucht­ba­re Land zu fin­den ist und wo sich Ödniss und Dür­re breit machen, wo neu­es Leben, wo die Schön­heit blü­hen und wo der Ver­fall herrscht, wor­in also die wah­re Zukunft der Kir­che und der Mensch­heit besteht: nicht im Bruch, nicht in der Rela­ti­vie­rung, son­dern in der Fort­füh­rung des christ­li­ches Erbes, das die Wahr­heit der gött­li­che Ord­nung ent­hält . Bei die­sem zuge­ge­be­ner­ma­ßen heik­len Ver­such, dem Cha­os der Moder­ne wie­der Rich­tung und Ziel zu geben, wur­de er schmäh­lich im Stich gelas­sen. Auch er also ein Strei­ter auf ver­lo­re­nem Posten, auch dar­in Davi­la ähn­lich, wenn­gleich bei­der Den­ken und bei­der Lebens­ent­wür­fe natür­lich nicht auf einen Nen­ner zu brin­gen sind.

        • Das mag sein, dass Bene­dikt kei­nen ande­ren kon­struk­ti­ven Weg sehen konn­te. Man könn­te es ja auch so sehen: man nimmt das Kon­zil offi­zi­ell noch mit, lässt es aber auf dem Weg nach vorn ein­fach fal­len, es ver­liert sich von selbst, es ist nicht viel wert, es war viel Lärm um nichts. Wozu es nun groß bekämp­fen oder anathe­ma­ti­sie­ren? Es lohnt nicht, wir­belt bloß Staub auf, die Kon­zilso­pas ster­ben eh bald aus, die jün­ge­ren Genera­tio­nen haben damit fast nichts mehr „am Hut“. Es ver­dorrt und fällt irgend­wann ab wie ein toter Ast…
          Die Stra­te­gie ist nicht abwe­gig…

          • Genau so. So war der Plan. Wie sähe es wohl heu­te in der Kir­che aus, hät­te es über­haupt einen Papst­rück­tritt gege­ben, wenn man die­sen Plan ver­stan­den und von Anfang an kraft­voll mit­ver­folgt hät­te, anstatt sich hin­ter dokri­nel­len Fra­gen zu ver­stecken? Kann denn ein Papst ein Kon­zil, und sei­en des­sen Tex­te noch so unprä­zi­se und adog­ma­tisch, ein­fach als Irr­tum in den Müll­ei­mer der Kir­chen­ge­schich­te wer­fen, ohne an den Grund­fe­sten der Kir­che selbst zu rüt­teln? Nun­ja, im Grun­de sind die­se Über­le­gun­gen müßig, denn die Chan­ce zur Über­win­dung des Kon­zils und damit zu einer gesamt­kich­li­chen Reform aus dem Geist der Tra­di­ti­on sind nach mensch­li­chem Ermes­sen (vor­erst) ohne­hin pas­sé. Und unter dem gegen­wär­ti­gen Pon­ti­fi­kat wird man schon dafür sor­gen, dass eine solch gefähr­li­che Anknüp­fung an die Tra­di­ti­on zukünf­tig gänz­lich ver­un­mög­licht wird, dass viel­mehr der Her­ren eige­ner Geist end­lich vor­an­schrei­tet, auf dass das Kon­zil bis in die letz­te Kon­se­quenz voll­endet, anstatt über­wun­den wer­de.

  4. Es ist den Postern hier zu dan­ken, daß sie in erfri­schen­der Offen­heit sich hier als ent­schie­de­ne Fein­de der „Moder­ne“ (oder was sie so für die „Moder­ne“ hal­ten) erklä­ren und der Moder­ne nichts als Ver­fall, Cha­os und Anti­ka­tho­li­sches abge­win­nen kön­nen. Damit sagen sie immer­hin in wün­schens­wer­ter Klar­heit, daß sie — wie Davi­la — die Demo­kra­tie ver­ach­ten, die eine der Haupter­run­gen­schaf­ten der Moder­ne ist. Wie ande­re Wir­kun­gen der Moder­ne auch, die anson­sten 95% der Mensch­heit als Errun­gen­schaft ansieht.

    Das ist immer­hin ehr­lich.

    • Ent­schie­de­nes Nein zu Ihren grob-unzu­läs­si­gen Schlüs­sen!
      Demo­kra­tie ist übri­gens kei­ne moder­ne Erfin­dung, Dun­kel­mann. Und schon gar nicht die „Haupter­run­ge­schaft“ der Moder­ne. Was in den letz­ten 200 Jah­ren alles als „demo­kra­tisch“ bezeich­net wur­de, ist äußerst hete­ro­gen und hat Mil­lio­nen Ermor­de­te auf dem Kon­to. Das Kon­to wird heu­te durch die demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Abtrei­bungs­er­mor­de­ten täg­lich sprung- und schmerz­haft erwei­tert.
      Es wäre zu fra­gen, was die „Errun­ge­schaf­ten der Moder­ne“ genau sind. Es gibt einen aus­ge­wach­se­nen Mythos der Moder­ne, dem ein geschichts­phi­lo­so­phi­sches Ent­wick­lungs- und Fort­schritts­mo­dell zugrun­de liegt, das so ver­lo­gen wie unedarft ist und ohne­hin von kei­nem Katho­li­ken geteilt wer­den kann, wenn er genau über sei­nen Glau­ben infor­miert ist.

    • Wo jemand von Ver­söh­nung spricht, wit­tern Sie Feind­schaft gegen­über der Moder­ne und Ver­ach­tung der Demo­kra­tie. Sie tun mir ehr­lich leid. Dun­kel asso­zi­iert man gern mit Schwarz. Und in der Tat erin­nert mich Ihre Argu­men­ta­ti­ons­struk­tur mehr und mehr an das hier: http://www.youtube.com/watch?v=2htGoERa-f4

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