Ein neues Kapitel des akademischen DanBrownismus: Die „Frau von Jesus“

(Rom/New York) Ein neu­es Kapi­tel des „Dan­Brow­nis­mus“ (Fran­ces­co Cola­femmi­na) wur­de auf­ge­schla­gen. Am Diens­tag stell­te Karen L. King, Hol­lis Pro­fes­sor of Divini­ty von der Har­vard Uni­ver­si­tät, in Rom im Rah­men einer Tagung die Ergeb­nis­se ihrer jüng­sten Stu­di­en zu einem anony­men Papy­rus-Frag­ment vor. Und, man höre und stau­ne, es wür­de davon berich­ten, daß Jesus ver­hei­ra­tet gewe­sen sei. King ist eine bekann­te Gno­sis-Exper­tin. In der Ver­gan­gen­heit hat­te sie bereits aus­führ­lich das gno­sti­sche „Judas­evan­ge­li­um“ (Rea­ding Judas: The Gos­pel of Judas and the Shaping of Chri­stia­ni­ty, Viking, 2007) behan­delt, das man heu­te voll­kom­men zu Recht als Medi­en­en­te bezeich­nen wür­de. Inzwi­schen fand sie etwas gera­de­zu Phä­no­me­na­les, zumin­dest etwas, das media­le Auf­merk­sam­keit und eine begei­ster­te Leser­f­an­schar garan­tiert: das bis­he­ri­ge Jesus-Bild zu stür­zen. Dazu ver­knüpft sie ihre per­sön­li­chen Über­zeu­gun­gen mit der Her­me­neu­tik eines Papy­rus-Frag­men­tes gänz­lich unge­klär­ter Her­kunft.

Will man die Schlag­zei­len von der „Ehe­frau“ des Jesus von Naza­reth ver­ste­hen, muß man daher von den per­sön­li­chen Über­zeu­gun­gen Kings aus­ge­hen, die bereits Autorin eini­ger Wer­ke im Sti­le Dan Browns ist, aller­dings auf aka­de­mi­scher Ebe­ne. Dazu gehört The Gos­pel of Mary of Mag­da­la: Jesus and the First Woman Apost­le (Pole­bridge Press, 2003). So sag­te King etwa zu Ari­el Sabar in einem inof­fi­zi­el­len Mit­schnitt für des­sen Repor­ta­ge für das Smit­h­so­ni­an Maga­zi­ne: „War­um hat nur die Lite­ra­tur über­lebt, die über­lie­fert daß er [Jesus] ledig war? Und war­um sind alle Tex­te, die bewei­sen, daß er eine inti­me Bezie­hung mit Mag­da­le­na hat­te oder daß er ver­hei­ra­tet war ver­schwun­den? […] Der Papy­rus stellt die Annah­me in Fra­ge, nach der Jesus nicht ver­hei­ra­tet war. Die zieht die gesam­te katho­li­sche Behaup­tung in Zwei­fel, daß der prie­ster­li­che Zöli­bat auf dem Zöli­bat von Jesus beruht. Sie sagen immer, ‚das ist die Tra­di­ti­on, das ist die Tra­di­ti­on‘. Jetzt sehen wir, daß die­se alter­na­ti­ve Tra­di­ti­on ver­schwie­gen wur­de. Was er [die­ser Text] beweist, ist, daß es frü­he Chri­sten gab, für die die Din­ge nicht so waren, die hin­ge­gen ver­stan­den, daß die sexu­el­le Ver­ei­ni­gung in der Ehe eine Nach­ah­mung der Krea­ti­vi­tät und des Schöp­fe­ri­schen Got­tes war und spi­ri­tu­ell rich­tig und ange­mes­sen sein konn­te.“

Damit ist der Sinn“ der Ent­deckung offen­ge­legt und eben­so das ideo­lo­gi­sche Motiv, das einen bestimm­ten Teil der aka­de­mi­schen Welt antreibt. In ihrer eigent­li­chen Stu­die über den Papy­rus, die erst im Janu­ar 2013 in einer Fach­zeit­schrift ihres Insti­tuts ver­öf­fent­licht wird, gibt sich King sehr zurück­hal­tend und leug­net sogar, daß es ihre Absicht sei, die Exi­stenz einer ehe­li­chen Ver­bin­dung zwi­schen Jesus und Maria Mag­da­le­na zu behaup­ten. Ganz anders hin­ge­gen ihren Aus­sa­gen für das Smit­h­so­ni­an Maga­zi­ne, wo sie offen­sicht­lich die eigent­li­che Ziel­set­zung offen­bart. Und damit zur Sache selbst.

Der Papy­rus ist in einem kop­tisch-sahi­di­schen Dia­lekt ver­faßt und stammt, laut der Datie­rung von King, aus dem 4. Jahr­hun­dert nach Chri­stus. Wor­um geht es im Text? Objek­tiv eine nicht klär­ba­re Fra­ge, weil das Frag­ment von vier mal acht Zen­ti­me­tern zu klein und der Zusam­men­hang nicht rekon­stru­ier­bar ist.
King wuß­te dank einer offen­sicht­lich vor­ge­fer­tig­ten Mei­nung, dem zusam­men­hang­lo­sen Text­frag­ment den­noch einen „phä­no­me­na­len“ und „explo­si­ven“ Inhalt zu geben. Ihre Über­set­zung lau­tet:

1) „nein mir. Mei­ne Mut­ter hat mir das Leben geschenkt …“
2) Die Jün­ger sag­ten zu Jesus, “…
3) leug­ne. Maria ist wür­dig zu
4) …“. Jesus sag­te zu ihnen, “mei­ne Frau …
5) … wird fähig sein, mei­ne Jün­ge­rin zu sein …
6) Auf daß die Böse­wich­te sich ver­der­ben …
7) Für mich, ich woh­ne mit ihr für …
8) ein Bild

Zunächst ist fest­zu­hal­ten, daß der Papy­rus von zumin­dest einem der drei von der Har­vard Uni­ver­si­tät beauf­trag­ten Gut­ach­tern für eine Ver­fäl­schung oder über­haupt eine Fäl­schung gehal­ten wird. Vor allem die gebrauch­te Tin­te fällt auf, die – sie­he da – genau im Bereich des Wor­tes „ta hime“ (mei­ne Frau) gebraucht wur­de.

Der Papy­rus stammt zudem, und „viel­leicht nicht zufäl­lig“ wie Cola­femmi­na anmerkt, von einem „anony­men Samm­ler“, der das Frag­ment 1997 von einem ande­ren Samm­ler gekauft habe, der es wie­der­um in den 1960er Jah­ren in der DDR gekauft habe. Eine nicht nach­voll­zieh­ba­re Ket­te, die im Dun­kel des Nichts endet. So begin­nen vie­le Roma­ne und angeb­lich sen­sa­tio­nel­le Fun­de, durch die die Welt­ge­schich­te auf den Kopf gestellt wer­den wür­de.

Die Kern­aus­sa­ge des Text-Frag­ments, zumin­dest laut King, ist „mei­ne Frau“. Im kop­ti­schen Sahi­disch „ta hime“. „Shi­me“ und „hime“ wer­den in die­sem ober­ägyp­ti­schen Dia­lekt für Frau gebraucht, aber auch für Ehe­frau (guné). Der Papy­rus gehört in die unend­li­che Rei­he gno­sti­scher Tex­te, die zwi­schen dem 2. und 4. Jahr­hun­dert nach Chri­stus ver­faßt wur­den und mit dem Chri­sten­tum selbst nichts zu tun haben. In der Gno­sis dient die Ver­bin­dung zwi­schen Jesus und Maria Mag­da­le­na dazu, um die gött­li­che Ver­bin­dung zwi­schen Chri­stus und der Sophia, der Weis­heit zum Aus­druck zu brin­gen, die bei­de direk­ter gött­li­cher Aus­fluß sind, die sich dem Demi­ur­gen wider­set­zen, der die nega­ti­ve mate­ri­el­le Welt erschaf­fen hat.

Da der Papy­rus laut King mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit aus dem­sel­ben Umfeld stammt, in dem die Kodi­zes von Nag Ham­ma­di ent­stan­den, lohnt es sich anzu­mer­ken, daß dem­entspre­chend hime ein Syn­o­mym für hot­re oder koi­no­nos sein müß­te, die dort die Rol­le der Maria Mag­da­le­na als Lebens­ge­fähr­tin Jesu im soge­nann­ten Phil­ip­pus­evan­ge­li­um bezeich­nen. Der bekann­te fin­ni­sche Nag-Ham­ma­di-Exper­te Ant­ti Mar­ja­nen stell­te dazu fest, daß im Pseu­do-Evan­ge­li­um des Phil­ip­pus das Wort hime gar nicht gebraucht wird, um die Bezie­hung zwi­schen Jesus und Mag­da­le­na zu beschrei­ben. Irrt also das Phil­ip­pus­evan­ge­li­um oder han­delt es sich beim anony­men Papy­rus um eine schlech­te Über­set­zung eines für die gno­sti­sche „Theo­lo­gie“ so wich­ti­gen Begriffs wie das grie­chi­sche Wort syzy­gos? Die kop­ti­schen Tex­te sind Über­set­zun­gen aus dem Grie­chi­schen.

Wir ste­hen vor einer offen­sicht­li­chen Mysti­fi­zie­rung die­ser gno­sti­schen Dar­stel­lung. Dar­aus abzu­lei­ten oder gar zu behaup­ten, die katho­li­sche Kir­che – King schränkt ihre Ankla­ge aus­drück­lich auf die­se ein – habe die Geschich­te der Über­lie­fe­rungs­tra­di­ti­on der Evan­ge­li­en mani­pu­liert, um dadurch eine sexi­sti­sche Ideo­lo­gie und den Prie­ster­z­ö­li­bat auf­zwin­gen zu kön­nen, ist eben­so unhi­sto­risch wie halt­los. Es wer­den heu­ti­ge Annah­men rück­pro­ji­ziert auf eine Zeit, in der ganz ande­re Maß­stä­be gal­ten. Die Tra­di­ti­ons­ge­schich­te zeigt, daß in der Anti­ke gera­de die Auto­ri­tät der Quel­len und ihr Alter die Aner­ken­nung oder Ableh­nung eines Tex­tes bestimm­ten. Die bibli­schen Evan­ge­li­en ent­stan­den vor den gno­sti­schen, nicht umge­kehrt und auch nicht zeit­gleich. Die gno­sti­schen Tex­te sind nach­träg­li­che Umin­ter­pre­ta­tio­nen, letzt­lich Mani­pu­la­tio­nen der histo­ri­schen Ereig­nis­se. Gno­sti­sche und christ­li­che Tex­te sind nicht nur aus die­sem Grun­de in kei­ner Wei­se zu ver­glei­chen. Heu­te könn­te theo­re­tisch im Inter­net eine erfun­de­ne Dar­stel­lung in glei­cher Auf­ma­chung neben einer authen­ti­schen Quel­le ver­öf­fent­licht wer­den, was in der Anti­ke nicht mög­lich war. Und den­noch sind Bedeu­tung und Akzep­tanz eines erfun­de­nen und eines authen­ti­schen Tex­tes auch heu­te nicht gleich­zu­set­zen.

Wie wir wis­sen, stammt die Gno­sis nicht vom Chri­sten­tum ab, son­dern hat ledig­lich eini­ge Aspek­te des Chri­sten­tums in ihre Gedan­ken­welt über­nom­men und ent­spre­chend nach ihrem Bedarf und Gebrauch defor­miert. King blen­det die­se Eigen­stän­dig­keit der Gno­sis hin­ge­gen aus, die selbst dann, wenn sie sich am wei­te­sten dem Chri­sten­tum annä­hert, besten­falls eine sek­tie­re­ri­sche Strö­mung war. In ihrem Buch What is Gno­sti­cism? (Har­vard Uni­ver­si­ty Press) geht sie ent­spre­chend nicht der Geschich­te der Gno­sis, der gno­sti­schen Leh­re und deren Ent­wick­lung nach, son­dern deckt die­se grund­sätz­li­chen Fra­gen mit aus­ge­klü­gel­ten metho­do­lo­gi­schen Über­le­gun­gen zu, um den Ein­druck zu ver­mit­teln, daß Gno­sis und Chri­sten­tum und deren Leh­ren nicht völ­lig getrenn­te Din­ge sind, son­dern eins und sich nur eine Strö­mung des Chri­sten­tums angeb­lich auf Kosten der ande­ren durch­ge­setzt habe. Unter­schwel­lig schwingt dabei mit, daß die unter­le­ge­ne (gno­sti­sche) Strö­mung das „wah­re“ Chri­sten­tum ver­trat. Die sich durch­set­zen­de christ­li­che Strö­mung habe im 2. und 3. Jahr­hun­dert alles, was ihr nicht paß­te, unter­drückt und als „gno­stisch“ dis­kre­di­tiert.

Das erklärt auch das für King vor­her­seh­ba­re Auf­se­hen, das die „Entdeckung2 auf der gan­zen Welt aus­lö­ste. Indem man ein belie­bi­ges Papy­rus-Frag­ment, das aus irgend­ei­ner noch so obsku­ren, mög­li­cher­wei­se nach­träg­lich sogar gefälsch­ten anti­ken Quel­le her­vor­ge­gan­gen ist, aus dem Kon­text reißt, bedient man nur, wie im Fal­le Kings, die eige­ne anti­ka­tho­li­sche Ideo­lo­gie und die ande­rer. Es war die New York Times, die als erste die „sen­sa­tio­nel­le“ Nach­richt ver­brei­te­te. Mit dem Chri­sten­tum und mit dem histo­ri­schen Jesus von Naza­reth hat das Gan­ze nichts zu tun. So war es auch eine bewuß­te Ent­schei­dung, ihre The­sen nicht in Har­vard, son­dern in Rom vor­zu­stel­len. Mit der Fra­ge, ob eine sol­che Vor­gangs­wei­se der Wis­sen­schaft­lich­keit zugu­te kommt, wird sich die Uni­ver­si­tät von Har­vard zu befas­sen haben.

King zieht damit letzt­lich die­sel­ben Regi­ster wie Dan Brown mit dem Ziel, die katho­li­sche Kir­che als eine Art all­mäch­ti­ge, bös­ar­ti­ge Sek­te dar­zu­stel­len, deren ein­zi­ges Ziel es sei, die Wahr­heit über Jesus von Naza­reth ver­bor­gen zu hal­ten. Kings Sei­ten­hie­be für das Smit­h­so­ni­an Maga­zi­ne offen­ba­ren letzt­lich vor allem eines, daß die katho­li­sche Kir­che und der Zöli­bat wie schon oft in der Geschich­te der Welt ein Ärger­nis sind. King ist zudem Bei­spiel dafür, wie man auch vom aka­de­mi­schen Niveau auf die Stu­fe eines Dan Brown fal­len kann.

Text: Fides et Forma/Giuseppe Nar­di
Bild: Fides et For­ma