Der neue Patriarch von Venedig: Die Häresie des Pelagius geht in der Kirche um — Rückkehr zum hl. Augustinus

(Vene­dig) Der neue Patri­arch von Vene­dig, Msgr. Fran­ces­co Moraglia, sieht in der Kir­che von heu­te die zurück­ge­kehr­te Häre­sie des Pela­gius am Werk. „Über die Kir­che nur in Begrif­fen von Pla­nun­gen zu spre­chen, führt letzt­lich unwei­ger­lich dazu, zu mei­nen, daß die Men­schen am Anfang des Glau­bens­ak­tes ste­hen. Das aber bedeu­tet, das Den­ken des Pela­gius in pasto­ra­le Begrif­fe zu über­tra­gen.“ Dies sag­te Msgr. Moraglia in einem Inter­view, das Gian­ni Valen­te für die Mai-Aus­ga­be der Monats­zeit­schrift 30Giorni führ­te.

Es gehe dar­um, genau dar­auf zu ach­ten, mit wel­cher Spra­che man spre­che, so der Patri­arch von Vene­dig. „Im mensch­li­chen und kirch­li­chen Umfeld kommt der Spra­che eine zen­tra­le Bedeu­tung zu; wenn man von der Kir­che aus­schließ­lich oder vor­wie­gend nur im Sin­ne von Pro­gram­mie­rung“ und Aktio­nis­mus spre­che, und „die Evan­ge­li­sie­rung“ nur auf die Fra­ge nach der geeig­ne­ten Spra­che redu­zie­re, füh­re das „letzt­lich unwei­ger­lich dazu, zu mei­nen, daß die Men­schen am Anfang des Glau­bens­ak­tes ste­hen“.

Glaube ist in erster Linie Gnade

Im Sin­ne des hei­li­gen Augu­sti­nus und gegen Pela­gius sei der Glau­be in erster Linie „Gna­de“, so Msgr. Moraglia. Dies gel­te es gera­de in der heu­ti­gen Zeit in Erin­ne­rung zu rufen, in der vom „Glau­ben in zu mensch­li­chen Begrif­fen“ gespro­chen wer­de. Der Glau­be als rei­ne Gna­de sei in dem Sinn zu ver­ste­hen, „daß der Glau­be uns immer auf mensch­li­che Wei­se ange­bo­ten wird, das heißt durch Ach­tung unse­rer Frei­heit und nie ohne die­se und ohne unse­re Ver­ant­wor­tung.“

Der Patri­arch beklagt in sei­nem Inter­view, daß die Beru­fung auf den Hei­li­gen Geist, die Gna­de Got­tes, auf Jesus, „in der Spra­che man­cher, obwohl sie sich als Chri­sten bezeich­nen völ­lig fehlt“. „Die Sache ist noch schwer­wie­gen­der, wenn wir dar­an den­ken, daß die Spra­che die höch­ste Aus­drucks­form der Kul­tur eines Men­schen ist; in bestimm­ten Kate­che­sen zum Bei­spiel ist man dazu über­ge­gan­gen statt vom Bekennt­nis zu Jesus dem Hei­land, von Jesus als Mei­ster zu spre­chen und dann als Freund und schließ­lich nur mehr als spi­ri­tu­el­le Kraft.“

Wenn der Glau­be, der im Leben eines Men­schen und der Kir­che in erster Linie Gna­de und Erfül­lung sei, von die­ser sei­ner Dimen­si­on ent­leert wer­de, und „alles dar­auf hin­aus­läuft pasto­ra­le Pla­nung und mensch­li­che Kon­struk­ti­on“ zu sein, „und der Hei­li­ge Geist an den Zaum orga­ni­sa­to­ri­scher Ent­schei­dun­gen gelegt wird, dann wird auch die Erlö­sung nur mehr ein Akt rei­ner theo­lo­gi­scher Pla­nung und pasto­ra­ler Orga­ni­sa­ti­on“.

Es bestehe daher auch die „rea­le Gefahr“, daß der Glau­be vor allem als Ant­wort auf kul­tu­rel­le Strö­mun­gen und Ten­den­zen der Moder­ne ver­stan­den wer­de, in der wir leben. „Der Glau­be muß vor allem sich selbst treu sein, sprich Jesus Chri­stus beim Namen nen­nen, dies deut­lich sagen und zwar allen sagen, es auf ver­ständ­li­che Wei­se tun und zwar ange­fan­gen beim Wort Got­tes, das die Kir­che bewahrt, wie es in Dei Ver­bum heißt“.

Aus­druck einer Fehl­ent­wick­lung sei es gewe­sen, sich von gewis­sen „Fra­gen“ gefan­gen­neh­men zu las­sen, die man ursprüng­lich wider­le­gen woll­te, die aber dazu führ­ten, daß auf „inak­zep­ta­ble Wei­se die Wahr­heit des Glau­bens, den man eigent­lich ver­kün­den woll­te, ver­zerrt wur­de“.

Glaube muß in seiner sakramentalen Realität erfaßt und gelebt werden

„Der Glau­be ist die Ant­wort auf eine Per­son, auf die Per­son Jesus Chri­stus, des­halb sind die Reden, Kon­fe­ren­zen, Tagun­gen allein noch zu wenig ange­sichts der mensch­lich-gött­li­chen Rea­li­tät des Glau­bens. Sie wür­den aus­rei­chen, wenn der Glau­be nur auf der mensch­li­chen Ebe­ne ange­sie­delt wäre, wenn er eine rei­ne ethi­sche Ent­schei­dung wäre oder eine phi­lo­so­phi­sche Theo­rie. Der Glau­be ver­langt hin­ge­gen, daß er in sei­ner sakra­men­ta­len Rea­li­tät erfaßt und gelebt wird, oder anders aus­ge­drückt in sei­ner mensch­li­chen und gött­li­chen Rea­li­tät.“

„Ich bin des­halb über­zeugt, um ein Bei­spiel zu machen, daß eine inten­si­ve­re Teil­nah­me und eine ver­tief­te Erzie­hung in der lit­ur­gi­schen Zele­bra­ti­on durch das Volk Got­tes – Hir­ten und Gläu­bi­ge –, mit Blick auf ein erneu­er­tes Leben der Lie­be zu Gott und dem Näch­sten, ein rich­ti­ger Aus­gangs­punkt für das Jahr des Glau­bens wäre.“
Es gehe dar­um, die gesam­te kirch­li­che Gemein­schaft in das Ost­er­eig­nis – Tod und Auf­er­ste­hung Chri­sti – ein­zu­be­zie­hen, „auf die­se Wei­se wer­den wir direkt zum Zen­trum des Heils­ge­sche­hens geführt, das nur im Glau­ben erfaßt wer­den kann, das Herz der Eucha­ri­stie ist das Myste­ri­um fidei.“

Gefahr, die Kirche als unser Produkt anzusehen

Für das rech­te Ver­ständ­nis des Glau­bens und das rich­ti­ge Ver­hält­nis sei es wich­tig, von „unse­rer“ Kir­che zu spre­chen. Die­se Aus­drucks­form müs­se jedoch auf das Eng­ste mit einer ande­ren zusam­men­hän­gen, in der man sich bewußt wer­de, daß es „Sei­ne“ Kir­che ist, so der Patri­arch. Das ver­hin­de­re die „Gefahr“, die „Braut Chri­sti als unse­re Krea­tur anzu­se­hen, als unser Pro­dukt, eine mensch­li­che Ver­wirk­li­chung, die wir letzt­lich, weil eben „unse­re“, jeder­zeit nach Belie­ben dekon­stru­ie­ren und neu bau­en kön­nen“. „Die Kir­che ist aber in Wirk­lich­keit vor allem Sei­ne Kir­che, das heißt von Chri­stus, der gemäß der schö­nen Sym­bo­lo­gie der Kir­chen­vä­ter der ersten Jahr­hun­der­te, die im Mit­tel­al­ter wie­der­auf­ge­grif­fen wur­de, die Son­ne ist, wäh­rend die Kir­che als Myste­ri­um lunas bezeich­net wird, die voll­kom­men und allein von der Son­ne erleuch­tet wird.“

Die Rea­li­tät der Kir­che in der Geschich­te sei kein Selbst­zweck im jewei­li­gen Jetzt und heu­te. Eine sol­che Sicht­wei­se beinhal­te die Gefahr einer „spi­ri­tua­li­sti­schen“ Sicht­wei­se, bei der man „aus dem Auge ver­liert, daß das christ­li­che Ereig­nis etwas Rea­les und Histo­ri­sches ist, das das Fleisch und das Blut betrifft.“ Die Kir­che aber „ist der Leib Chri­sti, in jedem Augen­blick“ und nicht selbst­be­zo­gen. „Den­ken wir an die bei­den Jün­ger von Emma­us, die den Auf­er­stan­de­nen nicht erken­nen und wei­ter über ihre Pro­ble­me spre­chen, über ihre Trau­rig­keit und nicht imstan­de sind, die Augen zu öff­nen und Ihn zu sehen.“

„Und das immer mög­li­che Dra­ma der Selbst­be­zo­gen­heit der Kir­che bedeu­tet: Ver­ir­rung ihrer sakra­men­ta­len Iden­ti­tät. Die Kir­che, ist wie das Zwei­te Vati­ka­ni­schen Kon­zil in Lumen gen­ti­um erin­nert, Sakra­ment Chri­sti, das Ermat­ten die­ser Rea­li­tät ist daher kei­ne Klei­nig­keit.“
Des­halb warnt der Patri­arch davor, zu mei­nen, um den Glau­ben in der Welt zu bekräf­ti­gen, sol­le man auf außer­ge­wöhn­li­che Initia­ti­ven oder sogar spek­ta­ku­lä­re Ereig­nis­se set­zen. „Die­sen Weg ein­zu­schla­gen, hie­ße, sich im Gegen­satz zu dem zu set­zen, was Jesus im Evan­ge­li­um getan und gesagt hat.“ Es gehe um die täg­li­chen Gesten und die Rea­li­tät des mensch­li­chen Lebens. Die Kir­che wür­de sich als Event-Spek­ta­kel „selbst liqui­die­ren“. Man kann nicht außer­ge­wöhn­li­che Din­ge leben, son­dern gewöhn­li­che, „die all­täg­li­chen Din­ge“. „Das Evan­ge­li­um ist nicht für weni­ge Aus­er­wähl­te und besteht nicht aus Din­gen, die una tan­tum erlebt wer­den. Im Gegen­teil, es geht um das Heil alle Tage und für jeden Men­schen.“

Hermeneutik der Erneuerung in der Kontinuität

Das Jahr des Glau­bens fällt mit dem 50. Jah­res­tag der Eröff­nung des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zusam­men. „Mei­ne Prie­ster­wei­he fand 1977 statt, daher kann ich sagen, daß ich theo­lo­gisch und als Prie­ster nach dem kirch­li­chen Ereig­nis des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils gebo­ren wur­de. Wenn wir die Kon­zils­tex­te nach­le­sen und sie danach inter­pre­tie­ren, was tat­säch­lich dort geschrie­ben steht, und nicht gegen das, was geschrie­ben steht, wenn wir uns nicht zu Behaup­tun­gen der Art hin­rei­ßen las­sen: „aus Treue zum Kon­zil muß man über das Kon­zil hin­aus­ge­hen“ (ein Satz, in dem jeder fin­den kann, was ihm gera­de von Mal zu Mal beliebt), dann kön­nen wir nicht anders, als das Kon­zil als gro­ße Gna­de für die Kir­che unse­rer Zeit anzu­se­hen. Auch hier hat uns Bene­dikt XVI. ein­mal mehr die rich­ti­ge Les­art auf­ge­zeigt, indem er von der Her­me­neu­tik der Erneue­rung in der Kon­ti­nui­tät sprach und sich von jeder Her­me­neu­tik des Bruchs distan­zier­te.

Ange­spro­chen auf das Cre­do des Vol­kes Got­tes von Papst Paul VI. 1968 sag­te der Patri­arch, sich zu erin­nern, damals in den Medi­en danach und in Fol­ge auch in der Gesell­schaft ein wach­sen­des Kli­ma des Miß­trau­ens und der Ableh­nung gegen­über dem kirch­li­chen Lehr­amt wahr­ge­nom­men zu haben. „Es war ein­deu­tig, daß man die Kir­che zu spal­ten ver­such­te, indem man dem Lehr­amt der Kir­che – vor allem des Pap­stes – die Gläu­bi­gen als das wah­re Volk Got­tes ent­ge­gen­setz­te.“ Ein Gegen­satz, den es laut Lumen gen­ti­um, wo man sich auf den hei­li­gen Augu­sti­nus berief, natür­lich nicht gab und nicht geben konn­te. „Es waren Jah­re, in denen man durch eine ange­mes­se­ne Kate­che­se stär­ker den Glau­ben der Ein­fa­chen unter­stüt­zen und beglei­ten hät­te müs­se gegen die Über­macht der Spe­zia­li­sten.“

Der Patri­arch emp­fiehlt für das Jahr des Glau­bens, „sich den Glau­ben mit sei­nen eige­nen Beson­der­hei­ten zu eigen zu machen, indem man alle mög­li­chen Redu­zie­run­gen und Ver­zer­run­gen über­win­det.“ Es bestehe die „Gefahr“ aus dem Glau­ben eine „intel­lek­tu­el­le oder sen­ti­men­ta­le Rea­li­tät zu machen, indem man ihn nicht mehr als Heil­s­er­eig­nis wahr­nimmt, das zur Voll­endung der Mensch­lich­keit führt. Der Mensch allein kann es nicht schaf­fen, es ist der Glau­be, der es ihm erlaubt sei­ne Mensch­lich­keit zu voll­enden, der unver­kürz­te Glau­be“.

Inter­view: 30Giorni/Gianni Valen­te
Text/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Catho­pe­dia