Kardinal Schönborn: Die Kirche ändert ihre Position zur Homosexualität nicht – Es ist Zeit, uns als Minderheit anzuerkennen – Pfarrer-Initiative sind “68er Priester“

(Rom) Für Wiens Erz­bi­schof Chri­stoph Kar­di­nal Schön­born war der jüng­ste Auf­ent­halt in Rom eine inten­si­ve Zeit. In die Ewi­ge Stadt rei­ste er wegen der Voll­ver­samm­lung der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, der er ange­hört, und die gestern ihre Mei­nung zur Ver­söh­nung mit der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. äußer­te. Ihre Ant­wort war posi­tiv, wenn auch nicht ohne einen Sei­ten­hieb, mit dem man gewis­ser­ma­ßen auf der Ziel­ge­ra­den noch etwas Unru­he in die Pius­bru­der­schaft zu tra­gen ver­such­te, durch eine eben­so uner­war­te­te wie unüb­li­che Pres­se­mit­tei­lung nach erfolg­ter Sit­zung.

Der Erz­bi­schof von Wien war aber auch in Rom, um Gesprä­che über die Lage der Kir­che in Öster­reich zu füh­ren. Die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on hat­te ihn auf­ge­for­dert, zu sei­ner Ent­schei­dung Stel­lung zu neh­men, einen beken­nen­den Homo­se­xu­el­len als Pfarr­ge­mein­de­rat zu akzep­tie­ren.

Der Vati­ka­nist Andrea Tor­ni­el­li führ­te aus die­sem Anlaß ein Inter­view mit dem Erz­bi­schof von Wien über die­se Ent­schei­dung, über die Posi­ti­on der Kir­che zur Homo­se­xua­li­tät, über die öster­rei­chi­sche „Pfar­rer-Initia­ti­ve“ und den Auf­ruf zum Unge­hor­sam.

Kön­nen Sie erklä­ren, war­um Sie ent­schie­den haben, die Wahl Stangls in den Pfarr­ge­mein­de­rat zu bestä­ti­gen?

Das war eine „Nicht-Ent­schei­dung“, ich habe ledig­lich ent­schie­den, nicht in die erfolg­te Wahl ein­zu­grei­fen. Es ist die Pfar­rei, die ihre Kan­di­da­ten für den Pfarr­ge­mein­de­rat gut aus­wäh­len muß, in Über­ein­stim­mung mit den vor­ge­se­he­nen Vor­aus­set­zun­gen. Im Fall, über den wir spre­chen, ist dies lei­der nicht gesche­hen.

Sie haben Stangl getrof­fen. Was hat Sie beein­druckt?

Ich beab­sich­ti­ge nicht in Details zu gehen, weil die Men­schen ein Recht auf ihre Pri­vat­sphä­re haben.

Der Fall hat Hoff­nun­gen bei jenen aus­ge­löst, die sich eine Posi­ti­ons­än­de­rung der Kir­che zu den Homo­se­xu­el­len wün­schen …

Gegen­über unge­ord­ne­ten Fäl­len von Per­so­nen, die zusam­men­le­ben, Geschie­de­nen, die sich wie­der­ver­hei­ra­ten oder Paa­ren von Men­schen des glei­chen Geschlechts müs­sen wir Hir­ten die Leh­ren der Schrift und der Kir­che bekräf­ti­gen, nicht aus Fide­is­mus , son­dern weil wir über­zeugt sind, daß sie den Weg zum Glück dar­stel­len. Und wir müs­sen ver­su­chen, allen zu hel­fen, ein Leben in Über­ein­stim­mung mit die­sen Leh­ren zu füh­ren.

War­um haben Sie dann ent­schie­den, nicht ein­zu­grei­fen?

Weil wir erken­nen müs­sen, daß nicht nur jene, die in einer objek­tiv mora­lisch unge­ord­ne­ten Situa­ti­on leben, son­dern wir alle Ver­ge­bung und Barm­her­zig­keit brau­chen. Wir sind unter­wegs zu einem Ziel, das wir mit dem Her­zen und dem Ver­stand erken­nen, wir sind uns aber auch bewußt, daß es Schrit­te der Umkehr und der Geduld braucht. Wir dür­fen bestimm­te Situa­tio­nen nicht recht­fer­ti­gen, aber eine Ände­rung ver­lan­gen. Als Hir­te habe ich die beson­de­re Situa­ti­on, über die wir spre­chen, beur­teilt, in der ein Pro­zeß im Gan­ge ist.

Sie wer­den zuge­ben, daß es sich um einen Prä­ze­denz­fall han­delt …

Die Posi­ti­on der Kir­che zu die­sen The­men hat sich nicht geän­dert und es han­delt sich nicht um einen Prä­ze­denz­fall. Es ist nur ein beson­de­rer Fall, wie es auch ande­re gibt.

Soll­te die Kir­che gegen­über den Homo­se­xu­el­len eine barm­her­zi­ge­re Hal­tung zei­gen?

Die Kir­che hat­te immer Barm­her­zig­keit gegen­über den Sün­dern gezeigt, und wir sind alle Sün­der. Auch wenn wir uns auf bestimm­te Sün­den und Situa­tio­nen von mora­li­scher Unord­nung kon­zen­trie­ren, müs­sen wir alle, als Chri­sten beich­ten. Es gibt aber kei­ne Barm­her­zig­keit ohne Wahr­heit. Es bedarf eines Weges der Umkehr: das gilt für die wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­nen aber auch für jene, die in einer homo­se­xu­el­len Bezie­hung leben. Man muß ihnen hel­fen, zu erken­nen, daß das nicht der Plan Got­tes ist und wenn sie sich für unfä­hig hal­ten, der Leh­re der Kir­che zu fol­gen, daß sie es in Demut zuge­ben, indem sie um Got­tes Hil­fe bit­ten, beich­ten und sich bemü­hen, nicht mehr zu sün­di­gen. Wir kön­nen nicht sei­nen Plan ändern, wir müs­sen uns aber ins Gedächt­nis rufen, daß Gott unend­lich barm­her­zig mit unse­ren Sün­den ist.

Die Homo-Ver­ei­ni­gun­gen wer­fen der Kir­che eine dis­kri­mi­nie­ren­de Hal­tung vor. Was ant­wor­ten Sie?

Die Kir­che muß dem fol­gen, was in der Schrift offen­bart ist. Sie ver­ur­teilt die Sün­de, aber nicht den Sün­der. Dann gibt es da noch die Lob­by, die „poli­ti­sche Kor­rekt­heit“, exhi­bi­tio­ni­sti­sches Ver­hal­ten, mit dem übri­gens nicht alle, die homo­se­xu­el­le Nei­gun­gen haben, ein­ver­stan­den sind. Ein bestimm­ter Lärm, eine bestimm­te Homo-Pro­pa­gan­da, die Absicht, in den Schu­len eine bestimm­te Form der Sexu­al­erzie­hung zu ver­brei­ten, die auch die Homo­se­xua­li­tät för­dern will … Ich fra­ge mich: Wenn das die Nor­ma­li­tät ist, war­um hat sie dann soviel Lärm nötig? Wenn das das Glück ist, das Gott für den Men­schen woll­te, war­um braucht es dann soviel Pro­pa­gan­da?

Man­che sagen, daß die Kir­che heu­te zuviel über die Sexu­al­mo­ral spricht. Was mei­nen Sie?

Wich­tig ist eine Bezie­hung der Freund­schaft mit Jesus, die per­sön­li­che Begeg­nung mit ihm. Bene­dikt XVI. hält sich nicht lan­ge bei Fra­gen, die mit der Sexua­li­tät ver­bun­den sind auf, son­dern beharrt auf der Freund­schaft mit Jesus, das heißt beim Glau­ben. Mich beein­druck­te, daß der Papst bei sei­ner ersten Begeg­nung mit den Jugend­li­chen in Köln 2005 nie Sexu­al­the­men erwähn­te. Und ich erin­ne­re mich, daß Johan­nes Paul II. 2001 sag­te, daß alle Moral­leh­ren ohne die Erfah­rung des Glau­bens, der Bezie­hung mit Jesus äußer­li­che und unver­ständ­li­che Geset­ze blei­ben.

In der öster­rei­chi­schen Kir­che herrscht viel Wider­spruch, Hun­der­te von Prie­stern haben einen Auf­ruf zum Unge­hor­sam unter­zeich­net. Was wird gesche­hen?

Ich möch­te vor allem klä­ren, daß die „Pfar­rer-Initia­ti­ve“ von 2006 , die von 350 Prie­stern unter­schrie­ben wur­de, eine Sache ist, und der Auf­ruf zum Unge­hor­sam, die mit gro­ßem Medi­en­auf­se­hen vor einem Jahr gestar­tet wur­de, eine ande­re Sache ist: Letz­te­re, von Msgr. Hel­mut Schül­ler vor­an­ge­trie­ben, wur­de gemacht, ohne die Unter­zeich­ner vor­her zu infor­mie­ren, die davon über­haupt nichts wuß­ten. Ich habe sofort klar­ge­stellt, daß man nicht mit den Wor­ten spie­len kann und daß der Auf­ruf zum Unge­hor­sam inak­zep­ta­bel ist. Als Bischö­fe waren wir sehr gedul­dig – für man­che auch zu sehr – und jetzt berei­ten wir einen Hir­ten­brief vor, der wäh­rend des Jahrs des Glau­bens bekannt­ge­ge­ben wird, in dem wir auf alle Punk­te ant­wor­ten wer­den, die von denen, die Wider­spruch üben, auf­ge­wor­fen wur­den.

Der Papst hat sie am Grün­don­ners­tag erwähnt …

Bene­dikt XVI. hat uns in jener Pre­digt ein Dia­log­mo­dell gege­ben, indem er ver­such­te auf deren Beweg­grün­de ein­zu­ge­hen, ihren Ein­wän­den zu ant­wor­ten und letzt­lich indem er sie auf­for­der­te, Chri­stus im Gehor­sam nach­zu­fol­gen, ein Weg der Erlö­sung und der Frei­heit.

Und wenn die Unter­stüt­zer der „Pfar­rer-Initia­ti­ve“ nicht nach­ge­ben soll­ten?

Wir sagen ihnen: Jetzt ist der Augen­blick der Klä­rung. Danach wer­den wir unse­re Ent­schei­dun­gen tref­fen, die even­tu­ell auch Schrit­te mit Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men mit ein­schlie­ßen. Ich hof­fe, daß sol­che nicht not­wen­dig sein wer­den.

Im Fal­le von Sank­tio­nen, wird der Ein­griff von Ihnen oder vom Hei­li­gen Stuhl kom­men?

Von uns Bischö­fen, nicht von Rom. Es ist eine Pflicht, die uns Hir­ten zukommt.

Wie beur­tei­len Sie das Umsich­grei­fen des Wider­spruchs, der die Abschaf­fung des Zöli­bats, das Frau­en­prie­ster­tum, die Erset­zung der Prie­ster in der Lit­ur­gie durch Lai­en for­dert?

Die Bewe­gung ist ver­brei­tet, es exi­stiert sogar so etwas wie ein „Michelin“-Führer des Wider­spruchs, mit den Namen der Ver­ei­ni­gun­gen in den ein­zel­nen Län­dern. Es han­delt sich zum Groß­teil um Prie­ster der 68er-Genera­ti­on: Das sage ich ohne jede Abwer­tung als ana­gra­phi­sche Tat­sa­che. Vie­le von ihnen lei­den, es gilt sie zu respek­tie­ren und häu­fig wer­fen sie wirk­li­che Pro­ble­me auf. Wir sind uns einig in der Dia­gno­se: es gibt eine Kri­se. Wir tei­len aber nicht die The­ra­pie. Mir scheint, sie haben eine Situa­ti­on der Kir­che im Kopf, wie sie in den 50er und 60er Jah­ren war, als sie viel stär­ker, leben­di­ger und ver­wur­zel­ter war.

Wel­che ist Ihrer Mei­nung nach die rich­ti­ge The­ra­pie?

Eine Wie­der­ent­deckung des Glau­bens, der akzep­tiert, das Licht der Welt zu sein. Das wirk­li­che Kon­trast­pro­gramm zur „Pfar­rer-Initia­ti­ve“ sind die vie­len leben­di­gen Rea­li­tä­ten der öster­rei­chi­schen Kir­che, über die nie­mand spricht. Die wach­sen­de Zahl von jun­gen Fami­li­en, die ihren Glau­ben in der Welt leben im Bewußt­sein eine krea­ti­ve Min­der­heit zu sein. Die Jugend­li­chen, die von der Spi­ri­tua­li­tät und der Lit­ur­gie der Klö­ster fas­zi­niert sind. Wir waren dar­an gewöhnt, Mehr­heit zu sein und zu allem und allen etwas zu sagen. Jetzt ist der Moment, anzu­er­ken­nen, daß wir eine Min­der­heit sind und unse­ren Glau­ben jeder an sei­nem Platz zu bezeu­gen.

Text: Inter­view von Andrea Tornielli/Vatican Insi­der
Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Radio Vati­kan