2012 Entscheidung über Medjugorje – Päpstliche Untersuchungskommission beendet Arbeit

(Vati­kan) Noch vor Ende des Jah­res 2012 wird die Inter­na­tio­na­le Unter­su­chungs­kom­mis­si­on zu den Erschei­nun­gen von Med­jug­or­je ihre Arbeit abschlie­ßen. Kar­di­nal Camil­lo Rui­ni, der Vor­sit­zen­de der von Papst Bene­dikt XVI. ein­ge­setz­ten Unter­su­chungs­kom­mis­si­on schätzt, daß die Kom­mis­si­on in sechs bis sie­ben Mona­ten ihren Abschluß­be­richt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on und damit Papst Bene­dikt XVI. vor­le­gen wird. Am Mon­tag, den 27. Febru­ar wur­de Kar­di­nal Rui­ni vom Papst emp­fan­gen, um den Hei­li­gen Vater über den Stand der Unter­su­chung zu infor­mie­ren, wie der Vati­ka­nist Andrea Tor­ni­el­li berich­te­te.

Die Ent­schei­dung dürf­te laut Infor­ma­tio­nen aus dem Vati­kan nega­tiv aus­fal­len. Dafür spricht schon die Tat­sa­che, daß die Kir­che bereits wäh­rend der fort­dau­ern­den „Erschei­nun­gen“, die laut „Sehern“ nach wie vor statt­fin­den, eine Ent­schei­dung trifft.

Anfang 2010 hat­te Papst Bene­dikt XVI. die Unter­su­chungs­kom­mis­si­on errich­tet und damit beauf­tragt, das Phä­no­men Med­jug­or­je und die Authen­ti­zi­tät der angeb­li­chen Mari­en­er­schei­nun­gen zu unter­su­chen. Damals prä­zi­sier­te der Lei­ter der vati­ka­ni­schen Pres­se­stel­le, Pater Fede­r­i­co Lom­bar­di, daß „nicht die Kom­mis­si­on Ent­schei­dun­gen tref­fen oder end­gül­ti­ge Erklä­run­gen abge­ben wird“. Eine sol­che steht allein dem Papst oder in sei­nem Auf­trag der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on zu.

Am Beginn der „Erschei­nun­gen“ in Med­jug­or­je war eine diö­ze­sa­ne Unter­su­chungs­kom­mis­si­on ein­ge­rich­tet wor­den, die den Auf­trag an die dama­li­ge jugo­sla­wi­sche Bischofs­kon­fe­renz wei­ter­reich­te. Die Bischofs­kon­fe­renz erklär­te 1991 ein „non cons­tat de super­na­tu­ra­li­ta­te“, das heißt, „es steht kei­ne Über­na­tür­lich­keit fest“.

Die Ent­schei­dung war in der Spra­che der Kir­che recht ein­deu­tig, wenn­gleich sie von Anhän­gern der „Erschei­nun­gen“ als „zurück­hal­tend“ aus­ge­legt wur­de, mit der Begrün­dung: die Bischofs­kon­fe­renz sei nicht in der Lage gewe­sen, ein ein­deu­ti­ges „Ja“ oder „Nein“ zur Authen­ti­zi­tät des Phä­no­mens aus­zu­spre­chen. Eben­so wur­de von den Anhän­gern von Med­jug­or­je betont, daß die Bischofs­kon­fe­renz sich nicht dem Stand­punkt des Bischofs von Mostar ange­schlos­sen habe, der hin­ter dem Phä­no­men einen Betrug zu erken­nen meint.

Die katho­li­schen Bischö­fe der Her­ze­go­wi­na und Bos­ni­ens baten die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on an der römi­schen Kurie, die Sache Med­jug­or­je in die Hand zu neh­men. Der von Papst Bene­dikt XVI. errich­te­ten Unter­su­chungs­kom­mis­si­on gehö­ren sechs Kar­di­nä­le an. Neben dem Vor­sit­zen­den Camil­lo Kar­di­nal Rui­ni sind das Ange­lo Kar­di­nal Amato, der Prä­fekt der Kon­gre­ga­ti­on für die Selig- und Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­se, Jozef Kar­di­nal Tom­ko, der eme­ri­tier­te Prä­fekt der Kon­gre­ga­ti­on für die Evan­ge­li­sie­rung der Völ­ker, die bei­den Kroa­ten Vin­ko Kar­di­nal Pul­jic, Erz­bi­schof von Sara­je­vo und Josip Kar­di­nal Boza­nic, Erz­bi­schof von Zagreb sowie Juli­an Kar­di­nal Her­ranz, der eme­ri­tier­te Vor­sit­zen­de des Päpst­li­chen Rats für die Geset­zes­tex­te. Ihnen ste­hen eine Rei­he von füh­ren­den Theo­lo­gen und Mario­lo­gen zur Sei­te.

Wie bekannt, lehn­ten sowohl Msgr. Pavao Zanic, Diö­ze­san­bi­schof von Mostar in den ersten Jah­ren des Phä­no­mens, des­sen Authen­ti­zi­tät ent­schie­den ab, als auch des­sen Nach­fol­ger und amtie­ren­der Diö­ze­san­bi­schof, Msgr. Rat­ko Peric. Jüngst wur­de durch in Archi­ven gefun­de­ne Doku­men­te bekannt, daß der kom­mu­ni­sti­sche Geheim­dienst Jugo­sla­wi­ens in Zusam­men­ar­beit mit der Sta­si der DDR in den 80er Jah­ren das Phä­no­men Med­jug­or­je gegen die Kir­che aus­zu­nüt­zen ver­such­te.

Die päpst­li­che Unter­su­chungs­kom­mis­si­on lud alle „Seher“ von Med­jug­or­je unter Ein­hal­tung von größ­tem Still­schwei­gen nach Rom, um sie ein­zeln zu befra­gen. Die Anhö­run­gen fan­den am Sitz der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on statt, wo auch das Archiv der Unter­su­chungs­kom­mis­si­on gela­gert ist. Seit Juni 2011 wur­den der Rei­he nach Ivan­ka, Vicka, Ende 2011 Mir­ja­na und Mar­ja und in den ver­gan­ge­nen Tagen schließ­lich Ivan und Jakov jeweils getrennt gehört.

Bereits Kar­di­nal Pul­jic hat­te in einer jüng­sten Erklä­rung ange­kün­digt, daß die Kom­mis­si­on ihre Arbeit 2012 abschlie­ßen wer­de. Dies bestä­tig­te nun mit einer unge­fäh­ren Zeit­an­ga­be für Sep­tem­ber 2012 Kom­mis­si­ons­vor­sit­zen­der Kar­di­nal Rui­ni. Die „Seher“ sol­len auf die Kom­mis­si­on zwar einen guten Ein­druck gemacht haben, doch wird all­ge­mein in Rom mit einer Bestä­ti­gung der nega­ti­ven Ent­schei­dung von 1991 gerech­net.

Ein Mit­glied der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ist der Mei­nung, daß die Kir­che „kei­ne Über­na­tür­lich­keit“ von Med­jug­or­je aner­ken­nen wer­de. Das „non cons­tat de super­na­tu­ra­li­ta­te“ sei in der Spra­che der Kir­che ein­deu­tig. Kon­kret wer­de das in bestimm­ten Krei­sen wenig ändern. Man gehe jedoch davon aus, daß die Anzie­hung des her­ze­go­wi­ni­schen Ortes nach­las­sen wer­de. Um die Volks­fröm­mig­keit pasto­ral gebüh­rend zu beglei­ten, wer­de Rom wahr­schein­lich dem zustän­di­gen Diö­ze­san­bi­schof nahe­le­gen, zu gege­be­nem Zeit­punkt, in Med­jug­or­je eine Gebets­stät­te zu errich­ten.

Die „Erschei­nun­gen“ von Med­jug­or­je began­nen am 24. Juni 1981. Die sechs „Seher“, damals Jugend­li­che und Kin­der, beteu­ern, daß ihnen seit­her die Got­tes­mut­ter Maria erschei­ne. Der lan­ge Zeit­raum und die Häu­fig­keit der Erschei­nun­gen stel­len ein neu­es Phä­no­men dar, das sich seit­her auch an ande­ren von der Kir­che (noch) nicht aner­kann­ten Erschei­nungs­or­ten wie­der­hol­te. Die Got­tes­mut­ter bezeich­net sich, so die „Seher“, als „Köni­gin des Frie­dens“. Med­jug­or­je liegt im schwer zugäng­li­chen her­ze­go­wi­ni­schen Gebir­ge, in dem der katho­li­sche Glau­be unter der kroa­ti­schen Bevöl­ke­rung die 400 Jah­re tür­ki­scher Herr­schaft über­leb­te. Die Pfar­rei von Med­jug­or­je wird von Fran­zis­ka­nern betreut. Sie gehör­ten unter dem Sul­tan dem ein­zi­gen katho­li­schen Orden an, der zur Seel­sor­ge der Katho­li­ken zuge­las­sen war.

Ein lan­ge schwe­len­der, älte­rer Kon­flikt zwi­schen den seit Jahr­hun­der­ten im Land täti­gen Fran­zis­ka­nern und der ver­hält­nis­mä­ßig jun­gen kirch­li­chen Diö­ze­san­hier­ar­chie über­schat­tet seit 1981 das Phä­no­men Med­jug­or­je und kom­pli­zier­te die Wahr­heits­fin­dung. Zahl­rei­che Per­so­nen bezeu­gen, daß sie durch Med­jug­or­je den Glau­ben wie­der­ge­fun­den und ihr Leben grund­le­gend geän­dert haben.

In weni­gen Mona­ten wird Rom ent­schei­den, ob in Med­jug­or­je die Gna­de Got­tes durch die Kir­che wirkt oder ob im her­ze­go­wi­ni­schen Berg­dorf ein spe­zi­el­les über­na­tür­li­ches Phä­no­men durch die Erschei­nung Mari­ens wie an den kirch­lich aner­kann­ten Mari­en­wall­fahrts­or­ten Lour­des und Fati­ma gege­ben ist.

Der Kir­che ste­hen gemäß kirch­li­cher Pra­xis zwei Ent­schei­dungs­mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung: „cons­tat de super­na­tu­ra­li­tate“, mit der die Über­na­tür­lich­keit für die Kir­che fest­steht und sie daher eine Erschei­nung aner­kennt (posi­ti­ve Ent­schei­dung); „non cons­tat de super­na­tu­ra­li­ta­te“, mit der die Kir­che fest­stellt, daß kei­ne Über­na­tür­lich­keit fest­steht (nega­ti­ve Ent­schei­dung).

Bis in die 70er Jah­re des vori­gen Jahr­hun­derts lau­te­te die nega­ti­ve Ent­schei­dung „cons­tat de non super­na­tu­ra­li­ta­te“. Die­se For­mu­lie­rung wur­de in den rechts­kräf­ti­gen Nor­mae de modo pro­ce­den­di in diiu­di­can­dis praesump­tis appa­ri­tio­ni­bus ac revea­tio­ni­bus der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on von 1978 durch die neue nega­ti­ve For­mu­lie­rung ersetzt, wie 2008 von Ange­lo Kar­di­nal Amato, damals Kuri­en­erz­bi­schof, heu­te selbst Mit­glied der Unter­su­chungs­kom­mis­si­on, in einem Inter­view mit der katho­li­schen Tages­zei­tung Avve­ni­re erläu­tert wur­de.

Ein „non cons­tat de super­na­tu­ra­li­ta­te“ ent­spricht dem­nach einem nega­ti­ven Urteil über ein angeb­li­ches Erschei­nungs­phä­no­men, da die alles ent­schei­den­de Authen­ti­zi­tät zwei­fel­haft bleibt. Dies wird von Anhän­gern von Med­jug­or­je zwar seit der Ent­schei­dung der jugo­sla­wi­schen Bischofs­kon­fe­renz von 1991 bestrit­ten, was unmit­tel­bar aller­dings nichts an deren Wirk­sam­keit ändert. Kon­kret bedeu­tet dies jedoch auch, daß die Ent­schei­dung seit­her von Med­jug­or­je-Anhän­gern ein­fach igno­riert wird. Die Volks­fröm­mig­keit sucht sich zuwei­len ihre eige­nen Wege. Es dürf­ten daher auch nach einer Ent­schei­dung Roms, soll­te vom Papst oder in sei­nem Auf­trag von der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ein „non cons­tat de super­na­tu­ra­li­tate“ aus­ge­spro­chen wer­den, noch lan­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen über die „authen­ti­sche“ Aus­le­gung die­ser For­mu­lie­rung vor­pro­gram­miert sein.

In Rom wird daher an einem klä­ren­den und erklä­ren­den Begleit­text der Ent­schei­dung gear­bei­tet, der vor allem pasto­ra­len Aspek­ten gewid­met sein soll. Seit Kar­di­nal Rui­ni bekannt­gab, daß die Unter­su­chungs­kom­mis­si­on ihre Arbeit in weni­gen Mona­ten abschlie­ßen und eine Ent­schei­dung Roms bevor­ste­hen wer­de, haben Bestre­bun­gen ein­ge­setzt, die Bekannt­ga­be der Ent­schei­dung zu ver­zö­gern. Im Mit­tel­punkt die­ser Bestre­bun­gen soll der Erz­bi­schof von Wien, Chri­stoph Kar­di­nal Schön­born ste­hen, wie der Vati­ka­nist Pao­lo Roda­ri berich­te­te.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can Insi­der