Der Schatten der Freimaurer über dem Elysee-Palast

(Paris) Die Initia­len schei­nen harm­los: CIU, Cer­cle inter­uni­ver­si­ta­ire (Inter­uni­ver­si­tä­re Zir­kel). Doch hin­ter die­ser beschau­lich klin­gen­den Ver­ei­ni­gung fran­zö­si­scher Aka­de­mi­ker soll sich in Wirk­lich­keit eine frei­mau­re­ri­sche Super­lo­ge ver­ber­gen. Die Initia­len sind die­sel­ben, doch der eigent­li­che Name lau­te: Con­f­ra­ter­ni­té initia­tique uni­ver­selle (Uni­ver­sa­le Initi­a­sti­sche Bru­der­schaft). Wenn eini­ge Mit­glie­der Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren sind, die sich für die Geschich­te der Frei­mau­re­rei und phi­lo­so­phi­sche Fra­gen inter­es­sie­ren, so bewe­gen sich ande­re in sehr enger Ver­bin­dung mit der fran­zö­si­schen Poli­tik. Das ent­hüll­te eine Repor­ta­ge von Le Point. Das Wochen­ma­ga­zin ver­öf­fent­lich­te bereits mehr­fach Arti­kel über frei­mau­re­ri­sche Netz­wer­ke in Frank­reich. In die­sem Fall unter­such­te Le Point die Mit­glie­der im Wahl­kampf­troß der wich­tig­sten Präsidentschaftskandidaten.

Kan­di­da­ten der Grü­nen und der extre­men Lin­ken sind Freimaurer

Zwei fran­zö­si­sche Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten der zwei­ten Rei­he sind erklär­ter­ma­ßen selbst Frei­mau­rer: Jean-Luc Mélen­chon, Kan­di­dat der extre­men Lin­ken ist Mit­glied des Grand Ori­ent de Fran­ce; Corin­ne Lepage von den Grü­nen, Frau des ehe­ma­li­gen Umwelt­mi­ni­sters, Frei­mau­rers und CIU-Nahe­ste­hen­den Chri­sti­an Hug­lo, gehört der Frau­en-Groß­lo­ge an.

Abge­se­hen von der festen Ver­net­zung der radi­ka­len und extre­men Lin­ken in das Frei­mau­rer­netz­werk, ist weit inter­es­san­ter, daß Le Point 13 Frei­mau­rer in der Wahl­kampf­en­tou­ra­ge des amtie­ren­den Staats­prä­si­den­ten Nico­las Sar­ko­zy zählt, ein­schließ­lich Wirt­schafts­mi­ni­ster Fran­çois Baro­in, Arbeits­mi­ni­ster Xavier Bert­rand, Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Gérard Longuet, Innen­mi­ni­ster Clau­de Guéant, Justiz­mi­ni­ster Michel Mer­cier, Sport­mi­ni­ster David Douil­let, den Mini­ster für die Bezie­hun­gen zum Par­la­ment Patrick Ollier, den Mini­ster für die inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit Hen­ri de Rain­court und Bil­dungs­mi­ni­ster Luc Chatel.

Die frei­mau­re­ri­schen Freun­de Sarkozys

Die bei­den letzt­ge­nann­ten Mini­ste­ri­en waren in der Geschich­te der fran­zö­si­schen Repu­bli­ken fast aus­nahms­los Frei­mau­rern anver­traut. Ent­spre­chen­de Bedeu­tung hat die Mit­glied­schaft in einer Loge im Beam­ten­stab die­ser Mini­ste­ri­en und ins­ge­samt im staat­li­chen fran­zö­si­schen Schul­we­sen. Mini­ster­prä­si­dent Fran­cois Fil­lon, selbst kein Frei­mau­rer, scheint im Kabi­nett Sar­ko­zys jedoch eine Aus­nah­me dar­zu­stel­len. Die Regie­rung des fran­zö­si­schen Staats­prä­si­den­ten könn­te tref­fend auch als gro­ße Loge bezeich­net wer­den. Vie­le der Mini­ster ste­hen der geheim­nis­vol­len CIU nahe. Was nicht bedeu­tet, daß die­se in Ein­klang mit der Mehr­heits­rich­tung der fran­zö­si­schen Frei­mau­re­rei, dem Groß-Ori­ent steht. Sar­ko­zy selbst ist eng mit Alain Bau­er ver­bun­den. Der bekann­te Kri­mi­no­lo­ge, Sohn von Georg Bau­er und Moni­ka Ejzen­berg, die die Juden­ver­fol­gung im Osten über­leb­ten, war Groß­mei­ster des Grand Ori­ent von Frank­reich. Seit sei­ner Jugend Mit­glied der Sozia­li­sti­schen Par­tei wur­de Bau­er von Sar­ko­zy mit füh­ren­den Auf­ga­ben betraut. Le Point weißt auch dar­auf hin, daß es erstaun­lich sei, zumin­dest für jeman­den, der immer wie­der betont, kein Frei­mau­rer zu sein, daß Sar­ko­zy zum Teil sei­ne Unter­schrift mit drei Punk­ten ziert, wie dies die „Brü­der“ zu. Die Kor­re­spon­denz als Innen­mi­ni­ster an die Poli­zei­prä­si­den­ten oder die Poli­zei­ge­werk­schaft war dadurch „gekenn­zeich­net“. Es ist in Frank­reich all­ge­mein bekannt, daß auf der Füh­rungs­ebe­ne der Poli­zei alle Frei­mau­rer sind.

Grand Ori­ent de Fran­ce lieb­äu­gelt mit Hollande

Soll­te der sozia­li­sti­sche Kan­di­dat Fran­cois Hol­lan­de gewin­nen, dem offen­bar die Sym­pa­thien des Grand Ori­ent gehö­ren, wür­de sich aus frei­mau­ri­scher Sicht nichts ändern. In der Mann­schaft, die Hol­lan­des Wahl­kampf orga­ni­siert, zähl­te Le Point zehn Frei­mau­rer ein­schließ­lich des Senats­prä­si­den­ten Jean-Pierre Bel, der ehe­ma­li­gen Mini­ster Michel Sapin und Jean-Yves Le Dri­an, des Bür­ger­mei­sters von Lyon Gérard Col­lomb und des Pres­se­spre­chers von Hol­lan­de, Manu­el Valls.

Ange­sichts die­ser Aus­brei­tung der „Brü­der“ könn­te jemand, der der fran­zö­si­schen Frei­mau­re­rei nicht traut, ver­sucht sein, den Zen­trums­kan­di­da­ten Fran­cois Bay­rou oder die Rechts­kan­di­da­tin Mari­ne Le Pen zu wäh­len. Wie Le Point ver­si­chert, hät­ten die Logen auch dies­be­züg­lich bereits Vor­keh­run­gen getrof­fen oder sei­en flei­ßig dabei. An der Sei­te von Bay­rou steht der ehe­ma­li­ge Sena­tor und Rech­nungs­hof­mit­glied Alain Lam­bert. Er gehört der­sel­ben Loge an, aus der die geheim­nis­vol­le CIU ent­stan­den ist. Aus dem­sel­ben Umfeld stammt Domi­ni­que Pail­lé, der ehe­ma­li­ge Pres­se­spre­cher der Sar­ko­zy-Par­tei UMP. Er gehört zwar nicht selbst der Entou­ra­ge von Bay­rou an, mach­te die­sen aber zum Wahl­sie­ger in sei­nem Roman „Panik im Ely­see-Palast“ und gilt als beson­ders ein­fluß­reich in den Krei­sen, die die Kan­di­da­tur Bay­rous unterstützen.

Öff­nen sich Frei­mau­rer Mari­ne Le Pen?

Mari­ne Le Pen scheint die ein­zi­ge Kan­di­da­tin um das höch­ste Staats­amt, die nicht von „Brü­der“ umzin­gelt ist. Im Troß von Mari­ne Le Pen mach­te Le Point nur einen Frei­mau­rer aus. Es ist Gil­bert Col­lard. Der häu­fig in den wich­tig­sten fran­zö­si­schen Medi­en auf­tau­chen­de Rechts­an­walt wur­de in der Gran­de Loge de Fran­ce initi­iert, wech­sel­te dann zur Gran­de Loge Natio­na­le Fran­çai­se (GLNF), die aus frei­mau­re­ri­scher Sicht als „tra­di­tio­nel­le­re“ Obedienz gilt und den Boden dar­stellt, auf dem die CIU ent­stand. Es scheint viel Was­ser Loire und Rho­ne hin­un­ter­ge­flos­sen zu sein, seit der Groß­ori­ent in den 80er Jah­ren den „Brü­dern“ mit Aus­schluß droh­te, wenn sie Mit­glied der Front Natio­nal wer­den, die damals von Mari­ne Le Pens Vater ange­führt wur­de. Auch jenen wur­de damit gedroht, die es wag­ten, die Unter­stüt­zung der FN zu suchen oder anzu­neh­men, wie etwa der ehe­ma­li­ge Mini­ster Jean-Pierre Sois­son, der für den zwei­ten Wahl­gang die Stim­men des FN such­te, um sein Amt als Prä­si­dent des Natio­nal­rats von Bur­gund zu ver­tei­di­gen. Viel­leicht wird auch nichts dar­aus. Der Groß-Ori­ent dis­ku­tier­te jeden­falls ernst­haft die Mög­lich­keit, Mari­ne Le Pen zu einer Ver­samm­lung hin­ter ver­schlos­se­nen Türen ein­zu­la­den, „um ihr die Mög­lich­keit zu geben, den ‚Brü­dern‘ ihr Pro­gramm vor­zu­stel­len“, wie dies vor Prä­si­den­ten­wah­len den Kan­di­da­ten gewährt wird. Allein der Gedan­ke wäre bis vor weni­gen Jah­ren undenk­bar gewe­sen. Jean-Marie Le Pen wur­de die­ses „Pri­vi­leg“ nie zuteil. Die Frei­mau­re­rei öff­net sich Mari­ne Le Pen. Öff­net sich Le Pen auch der Frei­mau­re­rei? In Le Pens Umfeld gibt es eine star­ke Gegen­wehr dage­gen: „Das wür­de mit einer erdrücken­den Umar­mung enden“, heißt es aus dem Umfeld der FN-Kandidatin.

Frei­mau­rer wol­len Ein­fluß auch nach dem Wahl­jahr 2012 bewahren

Die viel­fäl­ti­ge Frei­mau­r­er­land­schaft Frank­reichs weist zahl­rei­che Unter­schie­de in den Posi­tio­nen auf. Doch es gibt bestimm­te Fäden, die sie ver­bin­den und am Ende gelingt es der fran­zö­si­schen Frei­mau­re­rei in der Poli­tik mehr Gewicht zu haben als in ande­ren Län­dern. Die rund 150.000 Frei­mau­rer Frank­reichs schei­nen auch rund um die Prä­si­dent­schafts­wah­len 2012 fest ent­schlos­sen, ihren Ein­fluß, der ein fran­zö­si­sches Spe­zi­fi­kum ist, zu bewahren.

Text: BQ/Giuseppe Nardi
Bild: Bus­so­la Quotidiana