Mexiko 1931: Der Aufstand der Cristeros, ein wortbrüchiger Staat, der Vatikan und der „gerechte Krieg“

Die Kir­chen­ver­fol­gung in Mexi­ko durch das frei­mau­re­risch domi­nier­te, mexi­ka­ni­sche Revo­lu­ti­ons­re­gime stell­te die Katho­li­ken des Lan­des vor die Fra­ge, wie sie dar­auf reagie­ren soll­ten. 1926 kam es zum bewaff­ne­ten Auf­stand der katho­li­schen Cri­ste­ros. Der fast drei Jah­re dau­ern­de, völ­lig unglei­che Bür­ger­krieg hin­ter­ließ eine schreck­li­che Blut­spur im Land. Ungleich war der Kampf nicht nur wegen der man­geln­den Bewaff­nung der Cri­ste­ros, die als ein­fa­che Bau­ern und Bür­ger gegen ein aus­ge­bil­de­tes Heer kämpf­ten. Ungleich war der Kampf auch, weil es ein Kampf gegen die legi­ti­me Staats­macht war. Die sich dar­aus erge­ben­den recht­li­chen und mora­li­schen Impli­ka­tio­nen beschäf­tig­ten den Hei­li­gen Stuhl. Wann ist es für Chri­sten legi­tim, gegen die recht­mä­ßi­ge Staats­ge­walt Wider­stand zu lei­sten? Wel­che Mit­tel dür­fen dabei zum Ein­satz kom­men? Ist in einer Aus­nah­me­si­tua­ti­on auch der bewaff­ne­te Kampf ein legi­ti­mes Mit­tel, weil die Rech­te Got­tes höher ste­hen als das Recht eines Staa­tes, der die Rech­te Got­tes leug­net?
Die Cri­ste­ros konn­ten durch die Guer­ril­la­tak­tik dem Staat emp­find­li­che Schlä­ge ver­set­zen, aber das Blatt nicht zu ihren Gun­sten wen­den. Sie kämpf­ten mutig und hel­den­haft gegen eine, das staat­li­che Gewalt­mo­no­pol rekla­mie­ren­de Über­macht. Wie ent­schied der Hei­li­ge Stuhl in die­ser Fra­ge? Wel­che Aus­wir­kun­gen haben prin­zi­pi­el­le, theo­re­ti­sche Erwä­gun­gen für die betrof­fe­nen Men­schen? Die­sen Fra­gen und den tra­gi­schen, damit ver­bun­de­nen Ereig­nis­sen ging der Histo­ri­ker Pao­lo Val­vo nach, des­sen Auf­satz wir in deut­scher Über­set­zung ver­öf­fent­li­chen.

von Pao­lo Val­vo ((Histo­ri­sches Insti­tut der Uni­ver­si­tät der Repu­blik San Mari­no. Pao­lo Val­vo ver­faß­te sei­ne Dis­ser­ta­ti­on zum The­ma: La San­ta Sede e il con­flit­to tra Sta­to e Chie­sa in Mes­si­co (1926–1929) (Der Hei­li­ge Stuhl und der Kon­flikt in Mexi­ko zwi­schen Staat und Kir­che 1926–1929). 2010 ver­öf­fent­lich­te er das Buch: Dio sal­vi l’Au­stria! (Gott schüt­ze Öster­reich! 1938: der Vati­kan und der Anschluß), Ver­lag Mur­sia in ita­lie­ni­scher Spra­che))

Ist es einem Chri­sten erlaubt, gegen eine Regie­rung, die die Kir­che ver­folgt, zu den Waf­fen zu grei­fen? Zwei Jah­re nach dem Ende des Cri­ste­ro-Krie­ges in Mexi­ko spra­chen dar­über im Staats­se­kre­ta­ri­at des Vati­kans die Kar­di­nä­le Pacel­li, Gaspar­ri und Bog­gia­ni.

Grund der Zusam­men­kunft der Kar­di­nä­le, die weni­ge Tage nach dem 400. Jah­res­tag der Mari­en­er­schei­nung von Gua­da­lu­pe statt­fand, war die Lage der Kir­che in Mexi­ko, die nach Jahr­zehn­ten der Ver­fol­gung durch die anti­kle­ri­ka­le Revo­lu­ti­ons­re­gie­rung und zwei Jah­re nach dem Ende des Bür­ger­kriegs noch immer kei­nen Frie­den gefun­den hat­te. Die Ver­ein­ba­run­gen (Arreg­los) vom 21. Juni 1929 zwi­schen der Regie­rung und dem Epi­sko­pat, die nach lan­gen und mühe­vol­len Ver­mitt­lun­gen zustan­de­ge­kom­men waren, hat­ten zwar den Krieg der Cri­ste­ros been­det, der das Land seit 1926 mit Blut getränkt hat­te, aber nicht ver­hin­dert, daß 1931 in zahl­rei­chen Staa­ten der mexi­ka­ni­schen Föde­ra­ti­on die Kir­chen­ver­fol­gung wie­der auf­ge­nom­men wur­de.

Im Bun­des­staat Ver­acruz ver­ord­ne­te Gou­ver­neur Adal­ber­to Teje­da, daß auf je 100.000 Ein­woh­ner nur einen Prie­ster geben durf­te. Alle ande­ren hat­ten das Land zu ver­las­sen. Er stütz­te sich dabei auf den Arti­kel 130 der Ver­fas­sung von 1917, die unter den zahl­rei­chen kir­chen­feind­li­chen Bestim­mun­gen die ein­zel­nen Gou­ver­neu­re damit beauf­trag­te, die Zahl der Prie­ster fest­zu­le­gen, die ihr Amt und die Seel­sor­ge aus­üben durf­ten. Nur wer in einem dafür ein­ge­rich­te­ten Berufs­ver­zeich­nis der offi­zi­ell vom Staat auto­ri­sier­ten Prie­ster ein­ge­tra­gen war, durf­te sein Amt aus­üben.

Die im Juni 1926 von Staats­prä­si­dent Plut­ar­co Eli­as Cal­les ver­ord­ne­te Ver­schär­fung des Ver­fas­sungs­ar­ti­kels löste eini­ge Mona­te spä­ter den bewaff­ne­ten Auf­stand Tau­sen­der Katho­li­ken aus, die von den Anhän­gern des kir­chen­feind­li­chen Regimes wegen ihres Schlacht­rufs: „Viva Cri­sto Rey“ (Es lebe Chri­stus König) abschät­zig als Cri­ste­ros bezeich­net wur­den.

An der römi­schen Kurie gab es zwei Rich­tun­gen: Ein­mal jene von Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Gaspar­ri, der die Stand­fe­stig­keit in den Grund­sät­zen mit einem prag­ma­ti­schen Ver­hal­ten in den ver­schie­de­nen Situa­tio­nen zu ver­knüp­fen such­te. Zum ande­ren die Rich­tung von Kar­di­nal Tom­ma­so Pio Bog­gia­ni, die eine unnach­gie­bi­ge Hal­tung gegen­über den staat­li­chen Behör­den ver­trat. Kar­di­nal Bog­gia­ni war von 1912 bis 1914 Apo­sto­li­scher Dele­gat in Mexi­ko gewe­sen und kann­te das mit­tel­ame­ri­ka­ni­sche Land sehr gut. Sei­ne Posi­ti­on mach­te sich Papst Pius XI. zu eigen und hieß im Juli 1926 die Ent­schei­dung der mexi­ka­ni­schen Bischö­fe gut, zum Zei­chen des Pro­tests im gan­zen Land alle öffent­li­chen Kult­hand­lun­gen ein­zu­stel­len. Die­ser Zustand dau­er­te wäh­rend des gan­zen Cri­ste­ro-Auf­stan­des an und ver­an­laß­te den Hei­li­gen Stuhl spä­ter das Ver­mitt­lungs­an­ge­bot des ame­ri­ka­ni­schen Bot­schaf­ters in Mexi­ko, Dwight Whit­ney Mor­row (Part­ner der Grup­pe J.P. Mor­gan & Co.), anzu­neh­men. Der spä­te­re Sena­tor der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka (1930/1931) war über­zeugt, daß nur eine reli­giö­se Befrie­dung Mexi­ko jene poli­ti­sche Sta­bi­li­tät garan­tier­te, die not­wen­dig war, um des­sen finan­zi­el­le Ver­pflich­tun­gen gegen­über den USA sicher­zu­stel­len.

Die Arreg­los hin­ter­lie­ßen eine tie­fe Wun­de in der mexi­ka­ni­schen Kir­che, da am Ver­hand­lungs­tisch, für die Kir­che der Erz­bi­schof von More­lia, Leo­poldo Ruiz y Flo­res, und der sich etwas in Sze­ne set­zen­de Bischof von Tabas­co, Pascu­al Dà­az y Bar­re­to, saßen, nicht die Cri­ste­ros, die auf kei­ne Wei­se ver­tre­ten waren.

Die von den Bischö­fen am 21. Juni 1929 beschlos­se­ne Wie­der­auf­nah­me der öffent­li­chen Kult­hand­lun­gen ent­zog dem bewaff­ne­ten Kampf der Katho­li­ken die ent­schei­den­de Legi­ti­ma­ti­on und führ­te inner­halb eines Monats zur Selbst­auf­lö­sung der Cri­ste­ro-Mili­zen. Zu den unzäh­li­gen Bewei­sen ihres Hel­den­mu­tes, die sie in fast drei Jah­ren des Gue­ril­la­kamp­fes erbracht hat­ten, füg­ten sie nun einen wei­te­ren hin­zu, indem sie die Waf­fen gegen ihren eige­nen Wil­len nie­der­leg­ten. Der Gehor­sam gegen­über den Bischö­fen und dem Hei­li­gen Stuhl war für die Cri­ste­ros wich­ti­ger.

Die­se Ent­schei­dung soll­te ein enor­mes Opfer von ihnen for­dern. Hun­der­te Cri­ste­ros, vor allem ihre Anfüh­rer, wur­den im Anschluß an die Arreg­los ermor­det. Die Regie­rung, die sich im Juni 1929 ver­pflich­tet hat­te, allen Ange­hö­ri­gen der katho­li­schen Mili­zen, die die Waf­fen nie­der­leg­ten, frei­en Abzug zu gewäh­ren, schau­te dem Mor­den offi­zi­ell taten­los zu. In Wirk­lich­keit hat­te sie auf die­se Gele­gen­heit der Abrech­nung gewar­tet.

Es kann nicht ver­wun­dern, daß sich gro­ße Tei­le der Kir­che Mexi­kos von ihrer kirch­li­chen Hier­ar­chie ver­ra­ten fühl­ten, die sich einem wort­brü­chi­gen Staat erge­ben hat­te, den Papst Pius XI. im Febru­ar 1932 als „völ­lig von der Frei­mau­re­rei kon­trol­liert“ bezeich­ne­te. Mit dem Modus viven­di von 1929 hat­te der Hei­li­ge Stuhl näm­lich nicht, wie gehofft, die Auf­he­bung der anti­kirch­li­chen Geset­ze erreicht, die — soll­ten sie wort­ge­treu umge­setzt wer­den — die tota­le Aus­lö­schung der Kir­che im mit­tel­ame­ri­ka­ni­schen Land bedeu­tet hät­ten. Daß genau die­ses Ziel erreicht wer­den soll­te, schien die Wie­der­auf­nah­me der Kir­chen­ver­fol­gung im Som­mer 1931 zu bewei­sen. Die Bischö­fe Ruiz y Flo­res und Dà­az, die im Gefol­ge der Arreg­los zum Apo­sto­li­schen Dele­ga­ten bezie­hungs­wei­se zum Erz­bi­schof von Mexi­ko-Stadt auf­ge­stie­gen waren, wur­den von katho­li­schen Krei­sen, die den Cri­ste­ros nahe­stan­den, beschul­digt, den Hei­li­gen Stuhl hin­ters Licht geführt zu haben.

Der Riß in der mexi­ka­ni­schen Kir­che spie­gel­te sich in der Bespre­chung der Kar­di­nä­le vom 20. Dezem­ber 1931 wider. Die Ansich­ten der Kar­di­nä­le Bog­gia­ni und Gaspar­ri prall­ten auf­ein­an­der. Kar­di­nal Bog­gia­ni lob­te die Stand­fe­stig­keit des Bischofs von Ver­acruz, Rafa­el Gui­zar y Valen­cia (2006 von Papst Bene­dikt XVI. hei­lig­ge­spro­chen), und pran­ger­te die „Schwä­che jener an, die die Ruder der Kir­che“ Mexi­kos in Hän­den hiel­ten. Kar­di­nal Bog­gia­ni beton­te, daß man den Gläu­bi­gen nicht leicht­fer­tig das „Natur­recht auf Ver­tei­di­gung ihres Glau­bens“ neh­men kön­ne. Es sei­en vie­le, die sich frag­ten, ob die Wie­der­auf­nah­me des bewaff­ne­ten Kamp­fes nicht der ein­zig gang­ba­re Weg sei, denn der „Modus viven­di von 1929 wur­de zu einem Modus mori­en­di“, der „der Regie­rung die Gele­gen­heit gibt, ihr Ent­christ­li­chungs­pro­gramm fort­zu­set­zen“.

Die Ant­wort von Kar­di­nal Gaspar­ri war kate­go­risch. Auf der Suche nach einem Aus­weg aus die­ser Situa­ti­on „soll­te man an eine bewaff­ne­te Revo­lu­ti­on nicht ein­mal den­ken, nicht bloß weil die bewaff­ne­te Revo­lu­ti­on kei­ner­lei Aus­sicht auf Erfolg hät­te und daher für die Kir­che ein wah­res Desa­ster wäre, son­dern auch und noch weit mehr, weil eine von Katho­li­ken als sol­che gemach­te bewaff­ne­te Revo­lu­ti­on, ange­führt vom Kle­rus und den Bischö­fen, ein Skan­dal in der Kir­chen­ge­schich­te wäre. Es ist nicht die Mis­si­on der Bischö­fe und des Kle­rus Waf­fen und Muni­ti­on zu besor­gen um einen Bür­ger­krieg zu füh­ren und sei es auch wegen eines reli­giö­sen Ziels, son­dern das Volk im christ­li­chen Geist zu erzie­hen; so hat es die Kir­che immer getan auch wäh­rend der gro­ßen Ver­fol­gun­gen in den ersten Jahr­hun­der­ten“.

Der neue Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Eugneio Pacel­li been­de­te die Dis­kus­si­on, indem er sich zur Gän­ze die ihm von Papst Pius XI. weni­ge Stun­den zuvor emp­foh­le­ne Posi­ti­on zu eigen mach­te:

„Der Hei­li­ge Stuhl kann nur all jene, die die Rech­te Got­tes und der Reli­gi­on ver­tei­di­gen seg­nen und ermu­ti­gen; unter den der­zei­ti­gen Umstän­den kann sie jedoch den bewaff­ne­ten Kampf weder erlau­ben noch ermu­ti­gen. Unter den der­zei­ti­gen Umstän­den: denn, wenn wir die Geschich­te betrach­ten, dann haben die Päp­ste mehr­fach die äuße­ren und inne­ren Kreuz­zü­ge, wie die Krie­ge gegen die Tür­ken und die Häre­ti­ker nicht nur erlaubt, son­dern auch geför­dert. Es ist wahr, daß man auch die Zivi­li­sa­ti­on ver­tei­dig­te, aber Pius V., der die Schlacht von Lepan­to gewann, ist jener, der für den Krieg gegen die Tür­ken das getan hat, was Pius IV. für das Kon­zil von Tri­ent getan hat­te. Aber unter den der­zei­ti­gen Umstän­den kann der Hei­li­ge Stuhl weder erlau­ben noch ermu­ti­gen, wir wol­len nicht sagen miß­bil­li­gen. Im übri­gen: Zusam­men­schluß, jeden nur mög­li­chen Zusam­men­schluß in der Ver­schie­den­heit der Bedin­gun­gen. Und die Katho­li­sche Akti­on aus­bau­en und nüt­zen, die sich statt mit Schwert und Mus­ke­te zu bewaff­nen, mit den Waf­fen des Apo­sto­lats bewaff­nen soll.“

Die Katho­li­sche Akti­on als wich­tig­stes Instru­ment für die Prä­senz der mexi­ka­ni­schen Katho­li­ken in der Gesell­schaft war der Haupt­punkt in den Instruk­tio­nen, die vom Apo­sto­li­schen Dele­ga­ten Ruiz y Flo­res seit Anfang 1932 aus­ge­ge­ben wur­den und in denen die Posi­ti­on von Kar­di­nal Gaspar­ri zum Aus­druck kam. Zu den Pole­mi­ken rund um die Arreg­los lie­ßen die Anwei­sun­gen des Hei­li­gen Stuhls kei­nen Platz für Miß­ver­ständ­nis­se: „Jede Dis­kus­si­on muß ver­mie­den wer­den, nicht nur weil es sinn­los ist, inzwi­schen ver­gan­ge­ne Din­ge auf­zu­grei­fen, son­dern auch weil sie die Ideen über die wah­ren Moti­ve und die Mit­tel, mit denen gegen die unge­rech­ten Geset­ze zu kämp­fen ist, ver­wir­ren wür­de.“ Damit ver­lang­te man von den mexi­ka­ni­schen Katho­li­ken ein wei­te­res Opfer. Viel­leicht das schwer­ste von allen.

Text: Erst­ver­öf­fent­li­chung durch Vati­can Insi­der, Über­set­zung ins Deut­sche von Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­me­dia