Warum in Polen Abtreibungslobby und Lebensrecht unterlagen – Lebensschützer starten nächste Initiative

(War­schau) Tau­send Zlo­ty Buß­geld muß jeder der 15 pol­ni­schen Abge­ord­ne­ten zah­len, der es wag­te, für einen kon­se­quen­ten Lebens­schutz zu stim­men. Sie hat­ten im pol­ni­schen Par­la­ment ein völ­li­ges Ver­bot der Tötung unge­bo­re­ner Kin­der unter­stützt. Das Buß­geld wur­de von der Par­tei­füh­rung der libe­ral­kon­ser­va­ti­ven Plat­for­ma Oby­wa­tel­ska (Bür­ger­platt­form, PO) ver­hängt. Die PO ist die grö­ße­re der bei­den Koali­ti­ons­par­tei­en, die seit 2007 die pol­ni­sche Regie­rung bil­den. Mit bis­her nicht gekann­ter Här­te setz­te die PO bei der Abstim­mung zur Abtrei­bungs­ge­setz­ge­bung die Par­tei­li­nie samt Frak­ti­ons­zwang durch. Die PO stellt mit Donald Tusk den Mini­ster­prä­si­den­ten und mit Bro­nis­law Kom­oriw­ski den Staats­prä­si­den­ten.

Ver­gan­ge­ne Woche stimm­te der Sejm, die erste Kam­mer des pol­ni­schen Par­la­ments über ver­schie­de­ne Gesetz­ent­wür­fe zur Abtrei­bung ab. Vie­le Polen hoff­ten, daß das Par­la­ment dem bar­ba­ri­schen Mord an unge­bo­re­nen Kin­dern ein Ende berei­tet. Die Lebens­recht­ler der ande­ren euro­päi­schen Staa­ten blick­ten eben­so hoff­nungs­voll auf Polen, von dem man sich eine Initi­al­zün­dung erhoff­te für ein „lebens­wer­tes“ Euro­pa, das als kon­kre­te Alter­na­ti­ve der „Kul­tur des Todes“ ent­ge­gen­ge­setzt wer­den könn­te.

In Polen nur 500 Abtrei­bun­gen (2010) — deut­sche Pres­se ver­brei­tet unge­prüf­te Hor­ror-Pro­pa­gan­da der Abtrei­bungs­lob­by

Das gel­ten­de pol­ni­sche Recht erlaubt die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der nur unter bestim­men Bedin­gun­gen, näm­lich bei kri­mi­no­lo­gi­scher Indi­ka­ti­on (Ver­ge­wal­ti­gung), bei embryo­pa­thi­scher (schwe­re Miß­bil­dung des Kin­des) und bei Vital­in­di­ka­ti­on (bei Lebens­ge­fahr der Mut­ter, die aller­dings immer galt) in den ersten 24 Schwan­ger­schafts­wo­chen. Im Ver­gleich zu den mei­sten euro­päi­schen Staa­ten ist das pol­ni­sche Abtrei­bungs­ge­setz sehr restrik­tiv. Es sieht kei­ne sozia­le Indi­ka­ti­on vor, mit Beru­fung auf die in den mei­sten Staa­ten mehr als 95 Pro­zent aller Kin­destö­tun­gen durch­ge­führt wer­den. Der Euphe­mis­mus „sozi­al“ wäre in die­sem Fall mit „gene­rell erlaubt“ zu über­set­zen. Ein Zah­len­ver­gleich der getö­te­ten unge­bo­re­nen Kin­der ver­an­schau­licht den Unter­schied: In Polen wur­den 2010 rund 500 Kin­der getö­tet, in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land laut offi­zi­el­ler Sta­ti­stik 125.000 (laut seriö­sen Schät­zun­gen ein­schließ­lich der Dun­kel­zif­fer etwa das Dop­pelt).

Ein Groß­teil der deut­schen Pres­se hin­der­te das nicht, die völ­lig unge­prüf­te Zahl von angeb­lich 190.000 „ille­ga­len“ Abtrei­bun­gen in Polen zu ver­brei­ten, die von der Föde­ra­ti­on für Frau­en und Fami­li­en­pla­nung aus durch­sich­ti­gen Grün­den in Umlauf gesetzt wird. Die hin­ter der Stra­te­gie ste­hen­de Absicht deck­te der ehe­ma­li­ge Abtrei­bungs­arzt Ber­nard Nathan­son auf, nach­dem er zum akti­ven Lebens­recht­ler wur­de. Die Föde­ra­ti­on für Frau­en und Fami­li­en­pla­nung ist der pol­ni­sche Able­ger der Abtrei­bungs­lob­by Inter­na­tio­nal Plan­ned Paren­t­hood Fede­ra­ti­on IPPF

Völ­li­ges Abtrei­bungs­ver­bot schei­tert ganz knapp an Par­tei­dis­zi­plin der Bür­ger­platt­form

Die pol­ni­schen Hoff­nun­gen auf einen umfas­sen­den Lebens­schutz sind jedoch an den Klip­pen der „rea­len“ Poli­tik zer­schellt. Mehr als eine hal­be Mil­li­on Polen hat­ten eine Geset­zes­in­itia­ti­ve ins Rol­len gebracht, mit der ein kon­se­quen­ter Lebens­schutz durch Abtrei­bungs­ver­bot erreicht wer­den soll­te. Am 31. August stimm­te der Sejm über die Volks­in­itia­ti­ve ab. Mit 191 gegen 186 Stim­men bei fünf Ent­hal­tun­gen wur­de die nöti­ge Mehr­heit für den umfas­sen­den Schutz der unge­bo­re­nen Kin­der jedoch knapp ver­fehlt. 78 Abge­ord­ne­te fehl­ten am Abstim­mungs­tag im Par­la­ment. Der Groß­teil gehört der Bür­ger­platt­form an. Sie woll­ten offen­sicht­lich nicht gegen das Abtrei­bungs­ver­bot stim­men, aber auch nicht gegen die Par­tei­dis­zi­plin ver­sto­ßen. Im Gegen­satz zu ihnen nah­men 15 PO-Dis­si­den­ten an der Sejm-Sit­zung Teil und stimm­ten für das Abtrei­bungs­ver­bot. Das gegen sie ver­häng­te Buß­geld nah­men sie dafür „ger­ne“ in Kauf, wie der Abge­ord­ne­te Jaxek Tomc­zak erklär­te. „Die Fra­ge sei damit inner­par­tei­lich noch kei­nes­wegs geklärt“, füg­te er hin­zu. Die Andro­hung von Par­tei­stra­fen hät­te ihn jedoch, nach eige­ner Anga­be, „nie“ davon abge­hal­ten, „für das Leben Posi­ti­on“ zu ergrei­fen.

Anna Bor­kow­ska-Knio­lek, Spre­che­rin des pol­ni­schen Mar­sches für das Leben bemerk­te sofort die unge­wöhn­li­che Vor­ge­hens­wei­se der PO, die von vie­len pol­ni­schen Lebens­recht­lern als “fal­sche Kon­ser­va­ti­ve“ bezeich­net wer­den, eine ver­bind­li­che Par­tei­li­nie fest­zu­le­gen. Bis­her hat­te die Par­tei gera­de bei ethisch sen­si­blen The­men ihren Abge­ord­ne­ten Ent­schei­dungs­frei­heit gelas­sen.

Links­de­mo­kra­ten ver­tre­ten Posi­ti­on der Abtrei­bungs­lob­by

So war es auch im Juli 2011 gewe­sen, als mit 254 gegen 151 Abge­ord­ne­ten ein Gesetz­ent­wurf der größ­ten Oppo­si­ti­ons­par­tei Sojusz Lewi­cy Demo­kra­ty­cz­nej, der Links­de­mo­kra­ti­schen Alli­anz (SDL) im Par­la­ment ver­senkt wur­de, die im Namen fik­ti­ver „Rech­te“ und angeb­li­cher „Frei­hei­ten“ den Zivi­li­sa­ti­ons­bruch Abtrei­bung in Polen libe­ra­li­sie­ren und lega­li­sie­ren woll­te. Damals fand sich eine star­ke Par­la­ments­mehr­heit gegen den Vor­stoß der Sozi­al­de­mo­kra­ten, in der es jedoch ver­schie­de­ne post­kom­mu­ni­sti­sche Strö­mun­gen gibt.

Bereits in der zwei­ten August­hälf­te begann sich eine Nie­der­la­ge des Lebens­schut­zes abzu­zeich­nen. Die zustän­di­ge Gesetz­ge­bungs­kom­mis­si­on sprach sich mit 45 gegen 22 Stim­men für sei­ne Ableh­nung aus. Die Kom­mis­si­ons­ab­stim­mung hat­te kei­ne bin­den­de Wir­kung, doch das poli­ti­sche Signal war stark und brach­te zum Aus­druck, wel­cher Wind begon­nen hat­te, im Sejm zu bla­sen. Um eine Abstim­mungs­nie­der­la­ge im Par­la­ment noch zu ver­hin­dern, wäre ein ent­spre­chen­der Ein­satz der Regie­rungs­par­tei­en not­wen­dig gewe­sen, der fehl­te. Die PO stellt sich selbst als Alter­na­ti­ve zur poli­ti­schen Lin­ken dar, zeigt aber in ethi­schen Fra­gen ein unein­heit­li­ches Gesicht und ergreift manch­mal sogar radi­kal­li­be­ra­le Posi­tio­nen.

Die Pol­skie Stron­nict­wo Ludo­we, die Pol­ni­sche Bau­ern­par­tei, der Juni­or­part­ner in der Regie­rung, ließ ihren Abge­ord­ne­ten Abstim­mungs­frei­heit. Das hat­te zur Fol­ge, daß 22 von 31 Abge­ord­ne­te der Bau­ern­par­tei gegen das Abtrei­bungs­ver­bot stimm­ten.

Anders hin­ge­gen die 160 Abge­ord­ne­ten von Pra­wo i Spa­wi­ed­li­wosc (PiS), der 2001 von den Brü­dern Lech e Jaroslaw Kac­zyn­ski gegrün­de­te natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Par­tei Recht und Gerech­tig­keit, die geschlos­sen für ein kon­se­quen­tes Lebens­recht stimm­ten.

Für Lebens­recht­ler ist Volks­in­itia­ti­ve zum Lebens­schutz den­noch „nicht geschei­tert

Den­noch gibt es einen Teil des pol­ni­schen Lebens­schut­zes, der die geschei­ter­te Volks­in­itia­ti­ve als Erfolg sieht, so zum Bei­spiel Tomasz Ter­li­kow­ski, der Direk­tor der kon­ser­va­ti­ven katho­li­schen Zeit­schrift Fron­da. Er betont das wich­ti­ge Signal, das von der enor­men Mobi­li­sie­rung der Bevöl­ke­rung aus­geht, die eine so offe­ne Her­aus­for­de­rung der „Kul­tur des Todes“ im Par­la­ment mög­lich mach­te.

Am sel­ben Tag, an dem der Sejm den unein­ge­schränk­ten Schutz des unge­bo­re­nen Lebens ablehn­te, ver­warf er auch einen Gesetz­ent­wurf der lin­ken Oppo­si­ti­on SLD, mit dem sie erneut die Abtrei­bung auf Wunsch bis zur 12. Schwan­ger­schafts­wo­che, vom Staat finan­zier­te Kon­dom-Kam­pa­gnen und die Ein­füh­rung einer obli­ga­to­ri­schen Schul­se­xu­al­erzie­hung durch­set­zen woll­te. Auch die „Herb­stoffensi­ve“, den die poli­ti­sche Lin­ke laut­stark ange­kün­digt hat­te mit dem Hin­weis, „Euro­pa“ zei­gen zu wol­len, „was Polen wirk­lich will“, erlitt kläg­li­chen Schiff­bruch. Der Linie der inter­na­tio­na­len Abtrei­bungs­lob­by erhielt ledig­lich 31 Stim­men gegen eine erdrücken­de Mehr­heit von 369 Gegen­stim­men bei zwei Ent­hal­tun­gen.

Polens Lebens­schüt­zer wol­len am Erfolg der Volks­in­itia­ti­ve aus­ge­hend, ihre Sen­si­bi­li­sie­rungs- und Auf­klä­rungs­ar­beit fort­set­zen. Am 9. Okto­ber fin­den in Polen Par­la­ments­wah­len statt. Die Abstim­mun­gen im Par­la­ment sind auch vor die­sem Hin­ter­grund zu lesen und wer­den in den Wahl­ur­nen ihr Gewicht haben. Die Libe­ral­de­mo­kra­ten posi­tio­nier­ten sich mit ihrem Abstim­mungs­ver­hal­ten zwi­schen dem Abtrei­bungs­ver­bot und der Abtrei­bungs­li­be­ra­li­sie­rung. „Bezeich­nend“ sei, wie es in Lebens­schutz­krei­sen heißt, daß sowohl die Bür­ger­platt­form PO als auch die Pol­ni­sche Bau­ern­par­tei Mit­glied der Euro­päi­schen Volks­par­tei sind, in der die christ­lich demo­kra­ti­schen Par­tei­en der EU zusam­men­ge­schlos­sen sind.

Die Fund­ac­ji Pro (Pro-Stif­tung), die die pol­ni­schen Lebens­rechts­grup­pen bei der Unter­schrif­ten­samm­lung für den Lebens­rechts-Gesetz­ent­wurf koor­di­nier­te, kün­dig­te bereits an, den Kampf gegen die „Bar­ba­rei des Kin­des­mor­des“ fort­zu­set­zen.

Lebens­recht wird zum The­ma bei Par­la­ments­wah­len im Okto­ber 2011

Alek­san­dra Mich­al­c­zyk erklär­te: “Für jeden Abge­ord­ne­ten, der die Tötung der Kin­der unter­stützt, wer­den wir im Wahl­kampf ein Ban­ner ins Inter­net stel­len, das ihn neben einem abge­trie­be­nen Kind zeigt mit dem Text: ‘ Die­ser Abge­ord­ne­te stimmt dem zu.’ Wir wol­len sicher­stel­len, daß das näch­ste Par­la­ment wirk­lich die öffent­li­che Mei­nung zum The­ma Abtrei­bung wider­spie­gelt, die zu 80 Pro­zent gegen die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der ist.“

Von die­sen Mil­lio­nen von Polen sit­zen eini­ge bereits im Par­la­ment. So zum Bei­spiel Jaxek Tomc­zak, einer der PO-Abge­ord­ne­ten, die nun von der eige­nen Par­tei mit einem Buß­geld belegt wur­den. „Ich habe für den Lebens­rechts­ent­wurf gestimmt“, so der Abge­ord­ne­te. „Es han­del­te sich um eine Initia­ti­ve der Zivil­ge­sell­schaft, die von 600.000 Bür­gern mit ihrer Unter­schrift unter­stützt wur­de. Als Kon­ser­va­ti­ver kann ich nicht gegen mein Gewis­sen stim­men. Schon gar nicht bei einem The­ma, das das Lebens­recht der Wehr­lo­se­sten und Unschul­dig­sten unter allen Men­schen betrifft“, so Tomc­zak. Für den PO-Ver­tre­ter sei­en die Wor­te Papst Johan­nes Pauls II. ent­schei­dend, die die­ser am 8. Juni 1979 in Nowy Targ sag­te: „Ich hof­fe und bete immer dafür, daß die pol­ni­sche Fami­lie das Leben her­vor­bringt und dem hei­li­gen Recht auf Leben treu bleibt.“

Das Rin­gen Polens für den Schutz des Lebens und gegen die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der ist mit den Abstim­mun­gen im Sejm noch nicht abge­schlos­sen.

Text: BQ/Giuseppe Nar­di
Bild: Bus­so­la Quo­ti­dia­na