Der Papst, Deutschland und der „präventive Angriff“ — „Kirchenkritiker fordern ein Wunder wie die Pharisäer“

(Ber­lin) Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land berei­tet sich auf den Papst­be­such vom 22. bis 25. Sep­tem­ber 2011 vor. Es rüsten auch die Kir­chen­geg­ner. Wie bereits vor einem Jahr in Eng­land und Schott­land, wie vor weni­gen Wochen in Spa­ni­en, bie­ten die Medi­en den Papst­kri­ti­kern brei­ten Raum und len­ken damit wohl recht bewußt vom Mit­tel­punkt zur Mar­gi­na­lie ab.

Kei­ne Neu­ig­keit ist es, daß unter den Grup­pen und Ver­ei­nen, die zu einer Anti-Papst-Demon­stra­ti­on auf­ru­fen, vie­le zum deut­schen Homo-Milieu gehö­ren. In Groß­bri­tan­ni­en Wochen vor dem Papst­be­such medi­al auf­ge­bla­sen, waren die anti­kirch­li­chen Regun­gen aus­ge­spro­chen beschei­den. In Spa­ni­en war es nicht anders, wes­halb durch insze­nier­te Gewalt doch noch von zahl­rei­chen Jour­na­li­sten ein „Schat­ten“ über den Welt­ju­gend­tag gewor­fen wur­de.

Wir wird es in Ber­lin sein? Deutsch­land ist das Land der beflis­se­nen Dog­ma­ti­ker, wo man die Din­ge auch meint, wie man sie sagt. In der Bun­des­haupt­stadt wol­len Les­ben und Schwu­le in ihrer inzwi­schen zur Homo­ma­nie aus­ge­ar­te­ten kar­ne­val­es­ken Selbst­in­sze­nie­rung einen „Umzug“ mit einem „Anti­papst“ durch­füh­ren. Just zur glei­chen Zeit, da Papst Bene­dikt XVI. im Reichs­tag zu den Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten spre­chen wird.

Wäh­rend man im Vati­kan von einer „histo­ri­schen“ Rede des Glau­bens und des Intel­lekts spricht, die der Papst zu „sei­nen“ Deut­schen hal­ten wird, wol­len sich die Unduld­sa­men am Bran­den­bur­ger Tor in völ­li­ger Geist­lo­sig­keit ver­sen­ken.

Der Vor­wurf gegen Papst Bene­dikt XVI. und die Kir­che ist immer der­sel­be: Der Papst ste­he an der Spit­ze einer rück­wärts­ge­wand­ten, gegen die Moder­ne gerich­te­ten Insti­tu­ti­on. Hin­zu gesellt sich aber auch Kri­tik aus dem Inne­ren der Kir­che selbst. Eine Grup­pe deut­scher Katho­li­ken, die von den Prie­stern Nor­bert Rei­cherts und Chri­stoph Schmidt ange­führt wer­den, hat sich die For­de­run­gen öster­rei­chi­scher Prie­ster­re­bel­len zu eigen gemacht, die im Som­mer 2011 mit dem Para­dox eines Auf­rufs zum Unge­hor­sam an die Öffent­lich­keit getre­ten sind.

San­dro Magi­ster, Vati­ka­nist des Wochen­ma­ga­zins Espres­so, das ist der ita­lie­ni­sche Spie­gel, geht in sei­ner Ana­ly­se der deut­schen Ver­hält­nis­se vom kir­chen­in­ter­nen Pro­test aus. Er hält ihn für „ein Gären, das typisch für den deut­schen Sprach­raum“ sei. „Ein Gären, des­sen wich­tig­ster Cha­rak­ter­zug ein anti­rö­mi­scher Affekt ist.“

Der Tages­zei­tung Il Foglio erklär­te Magi­ster: „In Deutsch­land ist der pro­te­stan­ti­sche Druck stark, der von der katho­li­schen Kir­che Refor­men und Ver­än­de­run­gen for­dert. Auf die­se For­de­run­gen reagiert ein Teil der katho­li­schen Welt, indem er sie sich zu eigen macht, weil er sie für not­wen­dig hält, um mit der Moder­ne Schritt hal­ten zu kön­nen. Es ist auch eine Art, mit der ein Teil der katho­li­schen Welt sei­ne Auto­no­mie von Rom, vom Papst, vom Zen­trum der katho­li­schen Kir­che for­dert. Es han­delt sich um For­de­run­gen, deren Inhalt seit lan­gem bekannt sind, die den­noch aber zyklisch immer wie­der auf­tre­ten. Um sie rich­tig beur­tei­len zu kön­nen, bedarf es einer distan­zier­ten Betrach­tungs­wei­se.

Es scheint mir offen­sicht­lich, daß jene, die Ver­än­de­run­gen ver­lan­gen beim Zöli­bat, beim Prie­ster­tum, bei der Sexu­al­mo­ral usw. in Wirk­lich­keit von Kir­che nichts ande­res for­dern als ein Zei­chen, ein Wun­der — ein biß­chen so wie die Pha­ri­sä­er von Jesus ein Zei­chen des Him­mels for­der­ten, um ihn auf die Pro­be zu stel­len. Jesus ant­wor­te­te ihnen nicht, indem er ihnen gab, was sie ver­lang­ten. Er ant­wor­tet viel­mehr, in dem er zum Eigent­li­chen, zum Essen­ti­el­len zurück­kehr­te und alle ein­lud, auf Ihn zu schau­en. Indem er sie dar­an erin­ner­te, daß er die Ant­wort war, die sie such­ten. Der Papst macht genau das glei­che. Er reagiert nicht auf die­se For­de­run­gen, indem er irgend­wel­che thau­ma­tur­gi­schen Gesten anbie­tet, die dann kei­ne sol­chen wären. Er lädt statt des­sen ein­fach alle ein auf Gott zu schau­en, auf das Myste­ri­um, auf das was im Leben der Glau­ben­den wirk­lich essen­ti­ell ist.

Im Übri­gen ist bekannt, daß die wah­re Reform, die wah­re Erneue­rung der Kir­che für Ratz­in­ger nicht von einer Ände­rung der Struk­tu­ren und der Nor­men aus­geht, son­dern viel­mehr von der Bekeh­rung der Her­zen, von einer Ein­la­dung an alle Gläu­bi­gen, auf daß sie auf Gott schau­en.“

Der pha­ri­säi­sche Ruf nach einem Zei­chen und Wun­der tritt auf viel­fäl­ti­ge Wei­se und in den ver­schie­den­sten Klei­dern auf. Er ent­puppt sich schnell als sol­cher, wenn man die Fra­ge nach dem Essen­ti­el­len des Glau­bens stel­le. An die­sem Maß­stab las­sen sich Absich­ten und Moti­ve erken­nen und durch­schau­en.

Die „prä­ven­ti­ven Pro­te­ste“, wie sie der Vati­ka­nist Pao­lo Roda­ri nennt, schei­nen zu einem Leit­mo­tiv der Begleit­erschei­nun­gen päpst­li­cher Rei­sen gewor­den zu sein. Feind­lich gesinn­te Grup­pen, die von effi­zi­en­ten Medi­en­kam­pa­gnen auf­ge­bla­sen wer­den, dro­hen mit Feu­er und Flam­me, kaum daß der Papst sei­nen Fuß auf den Boden ihres Lan­des setzt.

„Ja“, meint San­dro Magi­ster dazu, „dann schmel­zen die­se Pro­te­ste jedoch wie der Schnee in der Son­ne. Es ist wie mit einem ange­kün­dig­ten Hur­ri­kan, der sich in Wirk­lich­keit als Sturm im Was­ser­glas ent­puppt. So ist es mit den Pro­te­sten gegen den Papst. Bevor Ratz­in­ger kommt, sind es Hur­ri­kans. Kaum daß der Papst lan­det und sei­ne Rei­se beginnt, nach sei­nen Gesten, sei­nen Reden, bleibt fast nichts mehr übrig. In Groß­bri­tan­ni­en und Schott­land muß­ten dann sogar vie­le Poli­ti­ker, die prä­ven­tiv Bene­dikt XVI. ange­grif­fen hat­ten, öffent­lich ein­ge­ste­hen, daß sie sich geirrt hat­ten. Nicht anders war es nun in Spa­ni­en. Dort hat­ten eini­ge Par­tei­kol­le­gen Mini­ster­prä­si­dent Zapa­tero vor­her sogar vor­ge­wor­fen, nach Canos­sa zu gehen, als wäre eine Begeg­nung mit dem Papst eine ‚papi­sti­sche Unter­wer­fung‘. Im sel­ben Spa­ni­en boten die Medi­en den Pro­test­be­we­gun­gen der Indi­gna­dos viel Platz. Doch die Anwe­sen­heit, das Han­deln und die Anspra­chen des Pap­stes haben jede Pole­mik ver­senkt.“

Text: Palaz­zo Apostolico/Giuseppe Nar­di
Bild: Palaz­zo Apo­sto­li­co