Die erfundene „politisch korrekte“ Geschichte der australischen Ureinwohner – Die Leistung der Missionare

(Syd­ney) In sei­ner Enzy­kli­ka Cari­tas in veri­ta­te beklag­te Bene­dikt XVI., es sei ein “häu­fig unkri­tisch ange­nom­me­ner kul­tu­rel­ler Eklek­ti­zis­mus zu beob­ach­ten“, in dem die Kul­tu­ren im Namen des Rela­ti­vis­mus “als im wesent­li­chen gleich­wer­tig und unter­ein­an­der aus­tausch­bar betrach­tet“ wer­den. In Wirk­lich­keit, so der Papst, kön­nen und müs­sen die Kul­tu­ren im Licht des “uni­ver­sa­len Sit­ten­ge­set­zes“ geprüft wer­den, das die Ver­nunft auch unab­hän­gig von der reli­giö­sen Unter­wei­sung erken­nen kann und das für jede Kul­tur gilt. „Eine der aggres­siv­sten For­men des moder­nen kul­tu­rel­len Rela­ti­vis­mus, die vor allem von eini­gen anthro­po­lo­gi­schen Strö­mun­gen ver­tre­ten wird und von denen sich auch eini­ge christ­li­che Mis­sio­na­re anstecken haben las­sen, ist der anthro­po­lo­gi­sche Rela­ti­vis­mus, dem­zu­fol­ge es kei­ne uni­ver­sal gül­ti­gen Wahr­hei­ten und Wer­te gibt“, so der Sozio­lo­ge und OSZE-Son­der­be­auf­trag­te gegen Chri­sten­ver­fol­gung, Mas­si­mo Intro­vi­g­ne. Jede angeb­lich all­ge­mein­gül­ti­ge Wahr­heit sei dem­nach ledig­lich das Pro­dukt einer bestimm­ten Kul­tur und hät­te damit nur inner­halb der­sel­ben Gül­tig­keit. Wer also im Westen ent­stan­de­ne Wahr­hei­ten und Wer­te den Men­schen ande­rer Erd­tei­le brin­ge, vor allem den “pri­mi­ti­ven“, wür­de sich des “kul­tu­rel­len Geno­zids“ und des “Eth­no­zids“ schul­dig machen. Gefan­gen in den alten Theo­rien der mar­xi­sti­schen Anthro­po­lo­gie behaup­ten eini­ge, daß die angeb­lich „Pri­mi­ti­ven“, von denen man behaup­tet, sie wür­den kein Pri­vat­ei­gen­tum ken­nen und die Sexua­li­tät frei von Hem­mun­gen und Schuld­kom­ple­xen aus­le­ben, viel fort­schritt­li­cher und glück­li­cher sei­en als die angeb­lich „Zivi­li­sier­ten“ des Westens. Der bra­si­lia­ni­sche katho­li­sche Den­ker Pli­nio Cor­ràªa de Oli­vei­ra (1908–1995) schrieb als auf­merk­sa­mer Beob­ach­ter der Ama­zo­nas­völ­ker, wie die­ser „indi­ge­ne Tri­ba­lis­mus“ sogar katho­li­sche Mis­sio­na­re ange­steckt habe.

Australien das „gelobte Land“ kulturrelativistischer Anthropologen

Austra­li­en ist seit Jahr­zehn­ten eine Art „gelob­tes Land“ für Anthro­po­lo­gen, beson­ders auch jene Strö­mun­gen, die einem Kul­tur­re­la­ti­vis­mus anhän­gen. Erst 1984 sei dort in der Gib­son­wü­ste ein Stamm von Abori­gi­nes zum ersten Mal mit Wei­ßen in Berüh­rung gekom­men. In Austra­li­en ent­flamm­te auch ein hit­zi­ger und vor allem mora­lisch auf­ge­la­de­ner Streit über den kul­tu­rel­len, aber auch phy­si­schen Geno­zid, den die wei­ßen Sied­ler an den Abori­gi­nes began­gen hät­ten. Vor allem nach 1968 häuf­ten sich in einem Kli­ma des kul­tu­rel­len Rela­ti­vis­mus die öffent­li­chen Ankla­gen von Wei­ßen an Wei­ßen und eben­so häuf­ten sich die öffent­li­chen Ent­schul­di­gun­gen austra­li­scher Poli­ti­ker für das jahr­hun­der­te­lang den Stäm­men der Abori­gi­nes ange­ta­ne Unrecht.

Kein „tasmanischer Genozid“, aber 125 getötete Aborigines

Seit 2002 ist jedoch alles anders. Der Histo­ri­ker Keith Wind­schut­tle, frü­her Mar­xist, heu­te Neo­kon­ser­va­ti­ver, ver­öf­fent­lich­te den ersten von drei Bän­de sei­nes Monu­men­tal­wer­kes über „Die Fäl­schung der Geschich­te der Abori­gi­nes“ (The Fab­ri­ca­ti­on of Abori­gi­nal Histo­ry, Band 1, Macleay, Syd­ney 2002). Der erste Band befaßt sich mit Tas­ma­ni­en, jener im Süden der austra­li­schen Küste vor­ge­la­ger­ten Insel, auf der, laut Anthro­po­lo­gen und laut inzwi­schen weit­ver­brei­te­ter, kol­lek­ti­ver Mei­nung der schlimm­ste Geno­zid statt­ge­fun­den hät­te mit Tau­sen­den von ermor­de­ten Abori­gi­nes. Man­che behaup­te­ten, die Insel sei durch die Wei­ßen leer gemor­det wor­den, um neu­en Sied­lungs­raum zu schaf­fen. Wind­schut­tle redu­ziert die Zahl nach minu­tiö­sem Quel­len­stu­di­um auf 125 Abori­gi­nes, die getö­tet wur­den.

Die Fälschung der Geschichte der Aborigines

Ins­ge­samt bringt er den Nach­weis, daß der Rück­gang der Abori­gi­nes in Austra­li­en von geschätz­ten 350.000 im Jahr 1800 auf tat­säch­li­che 100.000 im Jahr 1950 in erster Linie auf Infek­ti­ons­krank­hei­ten und blu­tig­ste Stam­mes­krie­ge zurück­geht. Trotz har­ter Krie­ge zwi­schen den Stäm­men, ist orga­ni­sier­ter, bewaff­ne­ter Wider­stand gegen die Wei­ßen bekannt.
Vor allem durch den Ein­satz christ­li­cher Mis­sio­na­re, katho­li­scher und pro­te­stan­ti­scher, die unter den Abori­gi­nes die all­ge­mei­ne Hygie­ne und die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ver­bes­ser­ten, ist die Gesamt­zahl der Ein­ge­bo­re­nen wie­der auf heu­te mehr als 150.000 ange­wach­sen und vie­le von ihnen, zum größ­ten Teil Chri­sten, inte­grie­ren sich in die austra­li­sche Gesell­schaft.

Die Ver­öf­fent­li­chung Wind­schut­tles hat­te hef­ti­ge Pole­mi­ken zur Fol­ge. 2002 gelang­te gera­de der Spiel­film „Long Walk Home“ (Ori­gi­nal­ti­tel: Rab­bit-Pro­of Fence) in die Kinos. Da die Fak­ten­samm­lung des Histo­ri­kers so radi­kal mit jenem Geschichts­bild auf­räum­te, das sich im kol­lek­ti­ve Gedächt­nis vie­ler Austra­li­er fest­ge­setzt hat­te und auch mit mora­li­sie­ren­der Wucht Ein­gang in die poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung gefun­den hat­te, war die (wenn auch irra­tio­na­le) Empö­rung gegen die Fak­ten groß.

Die erfundenen „gestohlenen Generationen“

Vor dem zwei­ten Band, der gera­de in Aus­ar­bei­tung ist, ver­öf­fent­lich­te Wind­schut­tle 2010 den drit­ten Band. Er ist den „gestoh­le­nen Genera­tio­nen“ (Sto­len genera­ti­ons) gewid­met, die auch in Roma­nen und Kino­fil­men ein welt­wei­tes Publi­kum fan­den und das Bild Austra­li­ens gera­de außer­halb des fünf­ten Kon­ti­nents mit­präg­ten. Aller­dings ver­fäl­schend und irre­füh­rend, wie Wind­schut­tle nach­weist. Unter „gestoh­le­ne Genera­tio­nen“ wer­den die Abori­gi­nes bezeich­net, die ab 1881 mehr als ein Jahr­hun­dert lang ihren Eltern ent­zo­gen und Erzie­hungs­an­stal­ten oder Adop­tiv­fa­mi­li­en anver­traut wor­den sei­en in der Hoff­nung, daß sie sich in die wei­ße Gesell­schaft inte­grie­ren und vor allem, daß sie Nicht-Abori­gi­nes hei­ra­ten wür­den. Mit ande­ren Wor­ten: Durch ein ambi­tio­nier­tes, lang­fri­stig ange­leg­tes euge­ni­sches Pro­gramm soll­ten die Stäm­me völ­lig aus­ge­löscht wer­den. Gewis­se Anthro­po­lo­gen stell­ten sogar Ver­glei­che mit der natio­na­li­sti­schen Euge­nik­po­li­tik an.

Kom­pli­zen die­ses „Geno­zids durch Adop­ti­on“ sei­en bis in die 70er Jah­re des 20. Jahr­hun­derts, so die­sel­ben Anthro­po­lo­gen, pro­te­stan­ti­sche und katho­li­sche Mis­sio­na­re gewe­sen. Vor allem die katho­li­schen Pal­lot­ti­ner gerie­ten ins Visier der Kri­tik. Sie hät­ten ihre Ein­rich­tun­gen für das unheim­li­che Pro­gramm zur Eli­mi­nie­rung der Abori­gi­nes durch Adop­tio­nen und Ehe­schlie­ßun­gen zur Ver­fü­gung gestellt.

Meh­re­re austra­li­sche Regie­run­gen ent­schul­dig­ten sich bereits bei den Abori­gi­nes für die „gestoh­le­nen Genera­tio­nen“ und boten den noch leben­den Opfern und deren Nach­kom­men finan­zi­el­len Scha­den­er­satz an. Die austra­li­schen Gerich­te zeig­ten sich aller­dings sehr skep­tisch dar­über, ob es einen tat­säch­li­chen Rechts­an­spruch auf Scha­dens­er­satz gibt. Es gibt bis heu­te nur einen ein­zi­gen gewon­ne­nen Fall, den von Bruce Tre­vor­row (1956–2008) aus Süd­au­stra­li­en, der auch vom Beru­fungs­ge­richt bestä­tigt wur­de. Und dabei han­delt es sich um einen Ein­zel­fall, in dem ein Min­der­jäh­ri­ger einer Pfle­ge­fa­mi­lie unter Ver­let­zung gel­ten­den Rechts anver­traut wur­de.

Nicht „mindestens 50.000“ Aborigineskinder, sondern 8250 Mischlingskinder

Wind­schut­tle behaup­tet in sei­nem drit­ten Band, ver­ein­fa­chend gesagt, daß es kei­ne „gestoh­le­nen Genera­tio­nen“ gibt. Wäh­rend Regie­rungs­be­rich­te von „min­de­stens 50.000“ min­der­jäh­ri­gen Abori­gi­nes spre­chen, die ihren Eltern ent­zo­gen und kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen oder wei­ßen Fami­li­en anver­traut wor­den sei­en, redu­ziert Wind­schut­tle nach akri­bi­scher Aus­wer­tung der Archi­ve auf tat­säch­li­che 8250 Fäl­le. Der weit­aus größ­te Teil die­ser Kin­der (von denen die mei­sten wie­der­um älter als zehn Jah­re waren) wur­de ihren Fami­li­en nicht “ent­zo­gen“. Vie­le waren Voll­wai­sen, wäh­rend ande­re den reli­giö­sen Erzie­hungs­an­stal­ten von ihren (Aborigines-)Müttern, die selbst oft noch min­der­jäh­rig waren, anver­traut. Wie­der­um ande­re wur­den von Wit­wen über­ge­ben, die selbst nicht in der Lage waren, die Kin­der groß­zu­zie­hen. Die Sozi­al­ar­bei­ter, wie Wind­schut­tle zugibt, ent­zo­gen damals „ver­hält­nis­mä­ßig schnell“ den Eltern das Erzie­hungs­recht, wenn sich die­se wenig um ihre Kin­der küm­mer­ten und über­tru­gen es an eine Erzie­hungs­ein­rich­tung. Aller­dings traf dies genau­so wei­ße Fami­li­en, wes­halb der Histo­ri­ker kei­ne ras­sisch moti­vier­ten Unter­schie­de oder gar Dis­kri­mi­nie­run­gen fest­stel­len konn­te.

Zwei­fels­oh­ne gab es Regie­rungs­be­auf­trag­te für die Abori­gi­nes, wie der Eng­län­der Auber Octa­vi­us Nevil­le (1875–1954), der im Bun­des­staat West­au­stra­li­en Chief Pro­tec­tor of Abori­gi­nes war. Nevil­le kommt in den mei­sten Büchern über die angeb­lich „gestoh­le­nen Genera­tio­nen“ als eine Art „Ober­schur­ke“ vor. Er war vom Sozi­al­dar­wi­nis­mus und der Ras­sen­ideo­lo­gie sei­ner Zeit infi­ziert und for­der­te die staat­lich ver­ord­ne­te Ver­hei­ra­tung von Abori­gi­nes mit Nicht-Abori­gi­nes zur Assi­mi­lie­rung der Urein­woh­ner Austra­li­ens. Laut Wind­schut­tle hät­ten die Ver­tre­ter euge­ni­scher Maß­nah­men jedoch viel gere­det, wenig getan und noch weni­ger erreicht. Dafür sprä­che auch die Tat­sa­che, daß es heu­te wesent­lich mehr Abori­gi­nes gibt, als vor fünf­zig oder hun­dert Jah­ren.

„Schockprogramm“ des Historikers Keith Windschuttle tilgt „schlechtes Gewissen“ Australiens

Doch damit ist Wind­schut­tles „Schock­pro­gramm“ noch längst nicht zu Ende. Sei­ne Archiv­re­cher­chen erga­ben, daß die Pro­gram­me „der gestoh­le­nen Genera­tio­nen“ die Abori­gi­nes über­haupt nicht betra­fen. Unter den 8250 Fäl­len befin­den sich nur weni­ge Dut­zend Abori­gi­nes-Kin­der. Die austra­li­schen Regie­rungs­pro­gram­me rich­te­ten sich nicht an die Abori­gi­nes, deren Exi­stenz und Kul­tur man sogar laut offi­zi­el­len Erklä­run­gen schüt­zen woll­te, son­dern an die Misch­lin­ge, die Kin­der von Abori­gi­nes­frau­en und wei­ßen Sied­lern oder chi­ne­si­schen Matro­sen, die an den austra­li­schen Küsten anleg­ten.
Die­se Misch­lin­ge wur­den von den Abori­gi­nes ver­ach­tet und hat­ten auch mit Inte­gra­ti­ons­pro­ble­men in der wei­ßen Gesell­schaft zu kämp­fen. Sie gal­ten daher als „gefähr­de­te“ Jugend. Des­halb wur­den sie in höhe­rem Maß in kirch­li­che Erzie­hungs­ein­rich­tun­gen der Mis­sio­na­re geschickt, meist mit aus­drück­li­cher Zustim­mung der Eltern, vor allem der Mut­ter. Beim Groß­teil der 8250 Mis­si­ons­ein­rich­tun­gen, Pfle­ge- oder Adop­tiv­fa­mi­li­en über­ge­be­nen Kin­dern han­del­te es sich übri­gens um Mäd­chen. Gera­de wegen der Ver­ach­tung der Misch­lin­ge waren “Halbblut“-Mädchen beson­ders häu­fig Opfer sexu­el­len Miß­brauchs und der Pro­sti­tu­ti­on.

Dar­in, wie der Sozio­lo­ge Mas­si­mo Intro­vi­g­ne schreibt, steckt ein explo­si­ves Ele­ment des drit­ten Wind­schut­tle-Ban­des. Die Anthro­po­lo­gen haben teil­wei­se Recht, wenn sie sagen, daß die ursprüng­li­che Sexu­al­mo­ral der Abori­gi­nes anders als jene der Chri­sten ist. Bei den Abori­gi­nes wur­den die Ehen bereits zum Zeit­punkt der Geburt eines Kin­des von den Eltern bestimmt. Kaum kamen die Mäd­chen in die Puber­tät wur­de die Hei­rat gefei­ert und voll­zo­gen, häu­fig bereits wenn sie erst acht oder neun Jah­re alt waren. Frau­en genos­sen bei den Abori­gi­nes kei­nes­wegs die­sel­ben Rech­te und das­sel­be Anse­hen der Män­ner. Sie waren häu­fig Opfer von Infan­ti­zid, weil die Stäm­me in Zei­ten von Hun­gers­not und Krie­gen es vor­zo­gen, die männ­li­chen Nach­kom­men durch­zu­brin­gen, und von sexu­el­lem Miß­brauch. Die Berüh­rung mit den Nicht-Abori­gi­nes (Wei­ßen und Asia­ten), wobei Letz­te­re gro­ße Schuld auf sich luden, führ­te zu einer star­ken Zunah­me der Pro­sti­tu­ti­on, die es aller­dings schon vor­her gab, und einer eben­sol­chen Zunah­me der Ver­brei­tung von Geschlechts­krank­hei­ten. Die­se Tra­gik wird pla­stisch durch offi­zi­el­le Doku­men­te belegt, die über die chi­ne­si­schen Per­len­fi­scher berich­ten, die im 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert an den austra­li­schen Küsten anleg­ten. Die Abori­gi­nes erwar­te­ten sie, indem sie gro­ße Bett­la­ger an den Strän­den errich­te­ten, auf denen den See­leu­ten jun­ge und jüng­ste Pro­sti­tu­ier­te zuge­führt wur­den, die häu­fig bei sol­chen Begeg­nun­gen an Erschöp­fung und Miß­hand­lun­gen star­ben. Die jun­gen Misch­lings­mäd­chen waren, wegen den genann­ten Grün­den, am häu­fig­sten Kan­di­da­tin­nen für die Pro­sti­tu­ti­on. Wo Wei­ße und malai­ische See­leu­te hin­ka­men, trat zuwei­len auch die homo­se­xu­el­le Pro­sti­tu­ti­on auf, zu der ent­spre­chend in erster Linie Misch­lings­jun­gen gezwun­gen wur­den.

Die pro­te­stan­ti­schen und katho­li­schen Mis­sio­na­re lehr­ten sicher Moral­vor­stel­lun­gen, die sich von den bis­her von den Abori­gi­nes geleb­ten unter­schie­den, indem sie die Pro­sti­tu­ti­on und die Ehen zwi­schen erwach­se­nen (oft sehr alten) Män­nern und Mäd­chen, die jün­ger als zwölf waren, mit Här­te unter­drück­ten. Han­del­ten sie schlecht, wenn sie die tra­di­tio­nel­le Abori­gi­nes­kul­tur zer­stör­ten, oder han­del­ten sie gut, indem sie dem uni­ver­sal gel­ten­den Natur­recht und der dar­aus abge­lei­te­ten Men­schen­wür­de den Vor­rang ein­räum­ten? Gibt es ein mora­li­sches Natur­recht, das für alle Kul­tu­ren gilt, fragt Intro­vi­g­ne. Wind­schut­tle berich­tet von den Pro­ble­men eines katho­li­schen Bischofs, der – beein­flußt von Mis­sio­na­ren, die Anthro­po­lo­gie stu­diert hat­ten – trotz Beden­ken ent­schied, die kirch­li­che Ehe­schlie­ßung zwi­schen einem neun­jäh­ri­gen Abori­gi­nes­mäd­chen und einem alten Mann ihres Stam­mes durch­zu­füh­ren, der locker ihr Groß­va­ter hät­te sein kön­nen. Des­halb kri­ti­siert, ver­tei­dig­te sich der Bischof damit, daß er das klei­ne Mäd­chen befragt habe und sie sich sei­ner Mei­nung nach der Situa­ti­on völ­lig bewußt gewe­sen sei und zuge­stimmt habe. Doch die Kri­tik stieg erst recht an, als das Mäd­chen nur ein Jahr nach der Ehe­schlie­ßung und häu­fi­gem Sexu­al­ver­kehr starb, wie es häu­fig in sol­chen Fäl­len geschah. Der Bischof hieß Msgr. Mat­thew Gib­ney (1837–1925), der Fall geht auf das Jahr 1900 zurück. Er ist ein Beleg dafür, daß der „indi­ge­ne Tri­ba­lis­mus“ nicht erst nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil ent­stan­den ist.

Universales Sittengesetz oder Kulturrelativismus?

Der 2007 von der Regie­rung des Bun­des­staa­tes Nord­au­stra­li­en ver­öf­fent­lich­te Litt­le Child­ren Are Sac­red-Bericht (Klein­kin­der sind hei­lig) zeigt, daß die­se Pro­ble­me noch immer nicht gelöst sind. Der Bericht hul­digt der von den Anthro­po­lo­gen vor­ge­ge­be­nen poli­ti­schen Kor­rekt­heit und dem Respekt vor der Eigen­art der Abori­gi­nes­kul­tur. Gleich­zei­tig erwähnt er meh­re­re Fäl­le von Ehe­schlie­ßun­gen zwi­schen erwach­se­nen Män­nern und Mäd­chen, die noch kei­ne zwölf Jah­re alt waren. Der Bericht for­dert, daß die­se unter­bun­den wer­den müß­ten. Als Begrün­dung dafür nennt er jedoch, weil die­se Pra­xis nicht dem tra­di­tio­nel­len Stam­mes­recht ent­spre­che, des­sen kom­pli­zier­te Vor­schrif­ten heu­te nur schwer ein­halt­bar sei­en. Aus dem Bericht und wegen eines gewis­sen, von der Poli­ti­cal Cor­rect­ness oktroy­ier­ten Mea cul­pa-Syn­droms in Austra­li­ens Gesell­schaft lie­ße sich nicht mit Sicher­heit sagen, ob – könn­ten die genann­ten Vor­schrif­ten ein­ge­hal­ten wer­den – heu­te Austra­li­en auch Ehen zwi­schen Kin­dern von neun Jah­ren und 60jährigen und älte­ren Abori­gi­nes tole­rie­ren wür­de.

Die eigent­lich Fra­ge, so Intro­vi­g­ne, sei jene nach der Exi­stenz eines all­ge­mein gül­ti­gen Natur­rechts. Wenn ein sol­ches nicht exi­stiert, bleibt Raum für den anthro­po­lo­gi­schen Rela­ti­vis­mus und des­sen For­de­rung, die Abori­gi­nes leben zu las­sen „wie sie wol­len“ und „wie sie es immer taten“. Müß­te also auch die Ehe­schlie­ßung akzep­tiert wer­den, die Mäd­chen im Alter von neun Jah­ren auf­ge­zwun­gen wird und die Ermor­dung klei­ner Kin­der, weil dies seit Jahr­hun­der­ten eben so war?

„Wenn es ein all­ge­mein gül­ti­ges Natur­recht gibt und eine Men­schen­wür­de, die jedem Men­schen inne­wohnt, egal ob Wei­ßer oder Abori­gi­nes, ob Christ oder Anhän­ger einer Natur­re­li­gi­on, unab­hän­gig von Reli­gi­on und Tra­di­tio­nen, dann stellt es einen Akt der Befrei­ung und ein Ver­dienst dar und kei­ne Schuld, wenn die Mis­sio­na­re den Abori­gi­nes­mäd­chen ein Leben frei von kom­bi­nier­ten Zwangs­ehen, von Pro­sti­tu­ti­on und von schu­li­scher und hygie­ni­scher Unter­ent­wick­lung brach­ten“, so der Sozio­lo­ge Mas­si­mo Intro­vi­g­ne.

Missionare erbrachten große Leistung auch unter Einsatz ihres Lebens

„Außer dem Evan­ge­li­um“, schreibt Wind­schut­tle, „erzo­gen die Mis­sio­na­re zur not­wen­di­gen Dis­zi­plin, um Lesen, Schrei­ben und Rech­nen zu ler­nen. Sie befrei­ten die Abori­gi­nes­frau­en, indem sie ihnen erklär­ten, daß ihre Kör­per ihnen gehör­ten und nicht ihren Män­nern und Vätern und daß es ihr Recht sei, ihren Ehe­mann selbst aus­zu­wäh­len. Sie erklär­ten den Müt­tern und deren Töch­tern, daß es falsch ist, sowohl aus phy­si­schen als auch mora­li­schen Grün­den, Mäd­chen von acht oder neun Jah­ren zum Geschlechts­ver­kehr mit erwach­se­nen Män­nern zu zwin­gen. Sie ermu­tig­ten die Urein­woh­ner hygie­ni­sche Min­dest­stan­dards zu beach­ten um Epi­de­mien vor­zu­beu­gen. Die Mis­sio­na­re unter­rich­te­ten sie, die alte Noma­den­wirt­schaft mit dem Leben in einem Dorf und mit moder­ner Land­wirt­schaft ein­zu­tau­schen. Sie boten den Wai­sen- und Stra­ßen­kin­dern eine siche­re Zuflucht, vor allem den Misch­lin­gen, die nie­mand woll­te, weder die Abori­gi­nes noch die Wei­ßen.“ Eini­ge Mis­sio­na­re waren kul­tu­rell unsen­si­bel. Zumin­dest einer, ein Pro­te­stant, wur­de wegen homo­se­xu­el­len Miß­brauchs ange­klagt. Doch die aller­mei­sten Mis­sio­na­re leg­ten ein vor­bild­haf­tes Ver­hal­ten an den Tag. Sie ver­letz­ten die Rech­te der Abori­gi­nes nicht, son­dern ver­tei­dig­ten sie, oft sogar auf Kosten ihrer Gesund­heit, indem sie selbst Opfer der unter den Urein­woh­ner wüten­den Epi­de­mien wur­den, manch­mal sogar auf Kosten ihres Lebens. „Die­ses Hel­den­tum der Mis­sio­na­re als eine Art kul­tu­rel­len Geno­zid abzu­stem­peln, zeigt ledig­lich zu wel­chen para­do­xen Schlüs­sen der Kult des Rela­ti­vis­mus heu­te gelangt“, so der Sozio­lo­ge Mas­si­mo Intro­vi­g­ne.

(Bus­so­la Quotidiana/Giuseppe Nar­di, Bild: BQ)