Usbekistan: Wo der Glaube ein Verbrechen ist

(Tasch­kent) Die west­li­chen Regie­run­gen unter­hal­ten gute Bezie­hun­gen zu Usbe­ki­stan wegen des­sen stra­te­gi­scher Lage vor der Haus­tür zu Afgha­ni­stan und den Gas­lie­fe­run­gen. Weit weni­ger inter­es­siert sind sie an der Lage der Men­schen­rech­te und der Reli­gi­ons­frei­heit im zen­tral­asia­ti­schen Staat. Dabei machen ver­schie­de­ne Orga­ni­sa­tio­nen seit lan­gem auf zahl­rei­che Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen auf­merk­sam. Human Rights Watch wur­de des­halb des Lan­des ver­wie­sen.

Die Regie­rung Usbe­ki­stans, die erst 2005 Kund­ge­bun­gen der Oppo­si­ti­on vom Heer gewalt­sam nie­der­schla­gen ließ, gilt als eines der repres­siv­sten Regime Asi­ens. Die Zahl der Toten jenes Mas­sa­kers wur­de nie fest­ge­stellt. Nur 187 Tote konn­ten iden­ti­fi­ziert wer­den, wie das US-Außen­mi­ni­ste­ri­um 2009 in einem Bericht ver­merk­te.

Als die Sowjet­uni­on zusam­men­brach, erlang­te Usbe­ki­stan 1991 die Sou­ve­rä­ni­tät. Seit­her regiert Staats­prä­si­dent Islom Kari­mov, ein Ver­tre­ter des alten kom­mu­ni­sti­schen Regimes, das Land mit eiser­ner Hand. Die Mos­lems machen mit 88 Pro­zent den weit­aus größ­ten Teil der Bevöl­ke­rung aus, gefolgt von den Rus­sisch-Ortho­do­xen mit neun Pro­zent. Die Zahl der ein­hei­mi­schen Chri­sten wird vom päpst­li­chen Jahr­buch 2010 mit 4000 ange­ge­ben. Die Zahl der rus­si­schen Chri­sten ist unklar, da die rus­si­sche Gemein­schaft durch star­ke Abwan­de­rung schrumpft.

Das Regime macht vor allem Chri­sten das Leben schwer. Selbst wenn sie sich zum Gebet in Pri­vat­woh­nun­gen tref­fen, bege­hen sie eine Straf­tat. So sieht es der Arti­kel 8 des „Reli­gi­ons­ge­set­zes“ vor. Jeg­li­che reli­giö­se Akti­vi­tät muß bei den Behör­den gemel­det und von die­sen geneh­migt wer­den. Um über­haupt einen Antrag stel­len zu kön­nen, muß eine Grup­pe unter ande­rem den Nach­weis erbrin­gen, daß sie min­de­stens 100 Mit­glie­der zählt. Die War­te­zeit für die Beant­wor­tung einer Anfra­ge kann Jah­re dau­ern.

Die Lage in den usbe­ki­schen Gefäng­nis­sen und Arbeits­la­gern ist für alle Gefan­ge­nen hart. Für Chri­sten ist sie dop­pelt hart. Ihnen ist jeg­li­che Form von sicht­ba­rem Gebet ver­bo­ten. Sie dür­fen kei­ne reli­giö­sen Schrif­ten besit­zen und kei­ne Besu­che von Seel­sor­gern erhal­ten. Wer wegen Ver­sto­ßes gegen das Reli­gi­ons­ge­setz ver­ur­teilt wur­de, muß öffent­lich sei­nem Glau­ben abschwö­ren.

Im Okto­ber 2010 ver­ur­teil­te ein Gericht der usbe­ki­schen Haupt­stadt einen pro­te­stan­ti­schen Chri­sten, weil man einen Film über Jesus bei ihm gefun­den hat­te. Er wur­de zu einer Geld­stra­fe in der Höhe von sie­ben Jah­res­ge­häl­tern (Min­dest­lohn) ver­ur­teilt. Die Pra­xis, Chri­sten zu Geld­stra­fen zu ver­ur­tei­len, ist weit ver­brei­tet. Im Mai 2009 wur­den drei Chri­sten in Samar­kand zu sol­chen in der Höhe zwi­schen 10 und 50 Monats­ge­häl­tern ver­ur­teilt. Wei­te­re neun Chri­sten wur­den in Ahanga­ran zur Zah­lung von 80 Monats­ge­häl­tern ver­ur­teilt. Ihre Straf­tat besteht in der Regel dar­in, daß man sie beim nicht geneh­mig­ten Gebet erwisch­te oder bei ihnen reli­giö­se Schrif­ten fand.

Am 10. März 2010 stürm­te die Poli­zei eine Pri­vat­woh­nung, wo sich zehn Frau­en zu einer Geburts­tags­fei­er ver­sam­melt hat­ten. Alle gehör­ten einer regi­strier­ten christ­li­chen Gemein­de an. Den­noch wur­de jede Chri­stin zur Zah­lung von 1565 Euro ver­ur­teilt, weil es sich laut Poli­zei in Wirk­lich­keit um ein gehei­mes Gebets­tref­fen gehan­delt habe. Die Höhe der Geld­stra­fen ist für usbe­ki­sche Ver­hält­nis­se extra­or­bi­tant hoch.

Seit 2009 wer­den immer häu­fi­ger neben den Geld­stra­fen auch kur­ze Gefäng­nis­stra­fen zwi­schen zehn und 15 Tagen ver­hängt. Damit will das Regime jene bestra­fen, die sich ille­ga­ler reli­giö­ser Akti­vi­tä­ten schul­dig gemacht hät­ten. Im März 2010 wur­de ein Christ in Tasch­kent zu 10 Tagen Gefäng­nis ver­ur­teilt, nach­dem ihn die Poli­zei bei einer Raz­zia „ertappt“ hat­te, wie er eine regu­lär ange­mel­de­te Gebets­grup­pe lei­te­te. Im April 2010 wur­den in Ter­mez 15 Tage Haft wegen eines nicht regi­strier­ten Gebets­tref­fens ver­hängt.

2010 star­te­te die Regie­rung eine Kam­pa­gne zur „Ein­däm­mung“ des Ein­flus­ses „aus­län­di­scher und extre­mi­sti­scher Reli­gio­nen“. Im Okto­ber 2010 orga­ni­sier­te das usbe­ki­sche Justiz­mi­ni­ste­ri­um in Jiz­zak eine Stu­di­en­ta­gung für die Justiz und die Sicher­heits­kräf­te des Lan­des mit dem Titel: „Den Men­schen­han­del, reli­giö­sen Extre­mis­mus und mis­sio­na­ri­sche Akti­vi­tä­ten besie­gen“.

Trotz des Ver­bots des Pro­se­ly­tis­mus nimmt die Zahl der Chri­sten seit eini­gen Jah­ren rasch zu. Da die amt­li­che Aner­ken­nung Jah­re dau­ert und mit zahl­rei­chen Hür­den ver­bun­den ist, wer­den die Chri­sten in die Ille­ga­li­tät gezwun­gen. Sind die Behör­den bereit, aus­län­di­sche Chri­sten eini­ger­ma­ßen zu tole­rie­ren, gehen sie beson­ders hart gegen usbe­ki­sche Chri­sten vor. Dies gilt in beson­de­rer Wei­se für die auto­no­me Regi­on Kara­ka­l­pak­stan. Die Men­schen in Usbe­ki­stan sind vor­sich­tig gewor­den. Sie spre­chen in der Öffent­lich­keit kaum mehr über reli­giö­se Din­ge aus Angst vor staat­li­cher Repres­si­on.

(BQ/Giuseppe Nar­di, Bild: Ber­li­ner Gebets­kreis ver­folg­te Kir­che)