Der Zölibat, eine Frage evangelischer Radikalität — Eine Antwort auf die Zölibatskritik

(Vati­kan) Kar­di­nal Mau­ro Pia­cen­za, Prä­fekt der Kle­rus­kon­gre­ga­ti­on der katho­li­schen Kir­che ver­öf­fent­lich­te in der Aus­ga­be vom 22. März 2011 im Osser­va­to­re Roma­no eine Posi­ti­ons­be­stim­mung zur der­zeit vor allem im deut­schen Sprach­raum ange­fach­ten Zöli­bats­dis­kus­si­on. Wobei der Aus­druck „Dis­kus­si­on“ bei den Pro­mo­to­ren der peri­odisch wie­der­keh­ren­den Debat­te als „in Fra­ge stel­len“ gele­sen wer­den muß. Kar­di­nal Pia­cen­za gibt den Kri­ti­kern des Zöli­bats eine deut­li­che Ant­wort.

Sei­ne Ant­wort fällt zudem in der Außen­wahr­neh­mung deut­lich anders aus, als jene des Wie­ner Erz­bi­schofs, Chri­stoph Kar­di­nal Schön­born, die am sel­ben Tag ambi­va­len­te Schlag­zei­len zur Fol­ge hat­te wie: „Schön­born will ‚offen‘ über Zöli­bat debat­tie­ren“ (Der Stan­dard), „Schön­born für ‚offe­ne Debat­te‘ über Zöli­bat“ (ORF). Wir doku­men­ti­ern den Bei­trag Kar­di­nal Pia­cenz­as in deut­scher Über­set­zung.

Der Zöli­bat, eine Fra­ge evan­ge­li­scher Radi­ka­li­tät

Ein vor­kon­zi­lia­res Relikt und „nur“ ein Gesetz der Kir­che. Das sind letzt­lich die wich­tig­sten und auch schäd­lich­sten Kri­tik­punk­te, die in der peri­odisch sich neu ent­fa­chen­den Debat­te über den prie­ster­li­chen Zöli­bat immer wie­der auf­tau­chen. Doch nichts davon hat ein rea­les Fun­da­ment, weder wenn man die Doku­men­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils noch das päpst­li­che Lehr­amt betrach­tet. Der Zöli­bat ist eine Gabe des Herrn, die der Prie­ster aus frei­en Stücken beru­fen ist anzu­neh­men und in Fül­le zu leben.

Prüft man die Doku­men­te, fällt vor allem die radi­ka­le Kon­ti­nui­tät auf zwi­schen dem Lehr­amt vor dem Kon­zil und nach dem Kon­zil. Wenn auch teil­wei­se mit unter­schied­li­chen Akzen­ten, stimmt  das päpst­li­che Lehr­amt der letz­ten Jahr­zehn­te von Pius XI. bis Bene­dikt XVI. dar­in völ­lig über­ein, wor­auf der Zöli­bat grün­det, näm­lich auf der theo­lo­gi­schen Rea­li­tät des sakra­men­ta­len Prie­ster­tums, auf der onto­lo­gi­schen und sakra­men­ta­len Kon­fi­gu­ra­ti­on (in den Herrn), am Teil­ha­ben an Sei­nem ein­zi­gen Prie­ster­tum und der dar­in impli­zier­ten Imi­ta­tio Chri­sti.

Nur eine nicht kor­rek­te Her­me­neu­tik der Kon­zils­tex­te, ange­fan­gen von Pres­by­terorum ordi­nis, könn­te also dazu füh­ren, im Zöli­bat ein Relikt der Ver­gan­gen­heit zu sehen, von dem man sich befrei­en müs­se. Abge­se­hen davon, daß eine sol­che Posi­ti­on histo­risch, theo­lo­gisch und dok­tri­nal falsch ist, ist sie zudem auch geist­lich, pasto­ral und mit Blick auf die Mis­si­on und die Beru­fun­gen schäd­lich.

Im Licht des päpst­li­chen Lehr­am­tes gilt es auch jene, in bestimm­ten Krei­sen weit­ver­brei­te­te Redu­zie­rung des Zöli­bats auf ein rei­nes Gesetz der Kir­che zu über­win­den. Er ist ledig­lich des­halb Gesetz, weil er eine dem Prie­ster­tum und der Kon­fi­gu­ra­ti­on in Chri­stus imma­nen­te Not­wen­dig­keit ist, die das Wei­he­sa­kra­ment prägt. In die­sem Sinn muß die For­mung und Ein­übung des Zöli­bats, abge­se­hen von allen ande­ren mensch­li­chen und geist­li­chen Aspek­ten, eine soli­de dok­tri­na­le Dimen­si­on mit­ein­schlie­ßen, da man nicht in einer Form leben kann, deren Sinn man nicht begreift.

Die peri­odisch im Lauf der Jahr­hun­der­te immer wie­der auf­flackern­de Debat­te über den Zöli­bat för­dert jeden­falls sicher­lich nicht die Gelas­sen­heit der jun­gen Genera­tio­nen, einen so ent­schei­den­den Fak­tor des prie­ster­li­chen Lebens zu ver­ste­hen.

Johan­nes Paul II. erklär­te in Pasto­res dabo vobis (29), in dem er die Ent­schei­dung der syn­oda­len Ver­samm­lung zusam­men­faß­te: „Die Syn­ode will bei nie­man­dem den gering­sten Zwei­fel an der festen Ent­schlos­sen­heit der Kir­che auf­kom­men las­sen, an dem Gesetz fest­zu­hal­ten, das den zur Prie­ster­wei­he nach dem latei­ni­schen Ritus aus­er­se­he­nen Kan­di­da­ten den frei gewähl­ten stän­di­gen Zöli­bat auf­er­legt. Die Syn­ode drängt dar­auf, daß der Zöli­bat in sei­nem vol­len bibli­schen, theo­lo­gi­schen und spi­ri­tu­el­len Reich­tum dar­ge­stellt und erläu­tert wird, näm­lich als kost­ba­res Geschenk Got­tes an sei­ne Kir­che und als Zei­chen des Rei­ches, das nicht von die­ser Welt ist, Zei­chen der Lie­be Got­tes zu die­ser Welt sowie der unge­teil­ten Lie­be des Prie­sters zu Gott und zum Volk Got­tes.“

Der Zöli­bat ist eine Fra­ge der evan­ge­li­schen Radi­ka­li­tät. Armut, Keusch­heit und Gehor­sam sind nicht Räte, die exklu­siv Men­schen geweih­ten Lebens vor­be­hal­ten sind. Sie sind Tugen­den, die mit inten­si­ver mis­sio­na­ri­scher Lei­den­schaft zu leben sind. Wir kön­nen nichts das Niveau der Aus­bil­dung und damit, de fac­to, des Glau­bens­an­ge­bots redu­zie­ren.

Wir kön­nen das hei­li­ge Volk Got­tes nicht ent­täu­schen, das sich hei­li­ge Hir­ten erwar­tet, wie den Kura­ten von Ars. Wir müs­sen in der Nach­fol­ge Chri­sti ver­wur­zelt sein, ohne den Rück­gang der Prie­ster­zah­len zu fürch­ten. Denn in Wirk­lich­keit sinkt die­se Zahl, wenn sich die Tem­pe­ra­tur des Glau­bens senkt, weil die Beru­fun­gen eine gött­li­che „Ange­le­gen­heit“ sind und nicht eine mensch­li­che. Sie fol­gen der gött­li­chen Logik, die in den mensch­li­chen Augen eine Tor­heit ist.

Mir ist natür­lich bewußt, daß es in einer säku­la­ri­sier­ten Welt immer schwie­ri­ger ist, die Sinn­haf­tig­keit des Zöli­bats zu begrei­fen. Wir müs­sen aber als Kir­che den Mut haben, uns zu fra­gen, ob wir vor die­ser Situa­ti­on resi­gnie­ren wol­len und damit die fort­schrei­ten­de Säku­la­ri­sie­rung der Gesell­schaf­ten und Kul­tu­ren als unab­wend­bar akzep­tie­ren, oder ob wir bereit sind zu einer grund­le­gen­den und rea­len Neue­van­ge­li­sie­rung, im Dienst des Evan­ge­li­ums und daher der Wahr­heit über den Men­schen.

Ich bin in die­sem Sin­ne der Ansicht, daß die begrün­de­te Unter­stüt­zung des Zöli­bats und sei­ne ihm ange­mes­se­ne Auf­wer­tung in der Kir­che und der Welt einen der effi­zi­en­te­sten Wege dar­stel­len kann, um die Säku­la­ri­sie­rung zu über­win­den. Die theo­lo­gi­sche Wur­zel des Zöli­bats ist daher in der neu­en Iden­ti­tät zu suchen, die jenem geschenkt wird, der durch das Wei­he­sa­kra­ment geprägt ist.

Die Zen­tra­li­tät der onto­lo­gi­schen und sakra­men­ta­len Dimen­si­on und die dar­aus fol­gen­de struk­tu­rel­le eucha­ri­sti­sche Dimen­si­on des Prie­ster­tums reprä­sen­tie­ren die Berei­che von Ver­ständ­nis, Ent­wick­lung und grund­le­gen­de Treue zum Zöli­bat.

Die Fra­ge betrifft also die Qua­li­tät des Glau­bens. Eine Gemein­schaft, die kei­ne beson­de­re Wert­schät­zung für den Zöli­bat hät­te, wel­che Erwar­tung des Rei­ches oder wel­che eucha­ri­sti­sche Span­nung könn­te sie leben?

Wir dür­fen uns also nicht von jenen bedin­gen oder ein­schüch­tern las­sen, die den Zöli­bat nicht ver­ste­hen und die die kirch­li­che Dis­zi­plin ändern oder jeden­falls einen Spalt auf­rei­ßen möch­ten. Ganz im Gegen­teil, wir müs­sen das begrün­de­te Bewußt­sein wie­der­ge­win­nen, daß unser Zöli­bat die Men­ta­li­tät der Welt her­aus­for­dert, indem er deren Säku­la­ri­tät und deren Agno­sti­zis­mus in Kri­se bringt und indem er durch die Jahr­hun­der­te immer neu ruft, daß es Gott gibt und Er prä­sent ist.

Mau­ro Kar­di­nal Pia­cen­za +
Prä­fekt der Kon­gre­ga­ti­on für den Kle­rus