Nein zur Privatisierung des Glaubens, ja zu Anglikanern, die nach Rom wollen — „Sehr positive“ Bilanz einer „extrem schwierigen“ Reise

(Bir­ming­ham) Die libe­ra­le bri­ti­sche Tages­zei­tung Guar­di­an sprach von einem „Wun­der“, um den uner­war­te­ten Erfolg Papst Bene­dikts XVI. in Groß­bri­tan­ni­en zu beschrei­ben. Fast das gesam­te Jahr vor dem Besuch des Pap­stes in Schott­land und Eng­land war von kir­chen­kri­ti­schen oder gar kir­chen­feind­li­chen Stim­men in den Medi­en domi­niert wor­den. Daß die Rea­li­tät anders aus­sieht, zeig­ten die vier Besuchs­ta­ge. Der bri­ti­sche Pre­mier­mi­ni­ster sprach von einem „histo­ri­schen Besuch“, was ein Fak­tum ist. Vor allem sprach er aber von „vier unglaub­lich berüh­ren­den Tagen“. Der schot­ti­sche Pri­mas, Msgr. Keith O’Bri­en, sprach von einem „Effekt Bene­dikt“ (Bene­dict boun­ce), der imstan­de ist, „eine neue katho­li­sche Ära im Ver­ei­nig­ten König­reich“ ein­zu­lei­ten.

Die gro­ße Zahl von mehr als 600.000 Gläu­bi­gen und die zahl­rei­chen Ver­tre­ter denen er begeg­ne­te und deren Wor­te er in den Tagen hör­te, ver­an­laß­ten Papst Bene­dikt XVI. zur Fest­stel­lung, „wie groß unter den Bri­ten der Durst nach der Bot­schaft von Jesus Chri­stus ist“. Die Zeit wird zei­gen, ob dies die Vor­her­sa­ge eines „neu­en katho­li­schen Früh­lings“ in Eng­land sein wird, nach zwei Jahr­hun­der­ten der Ver­fol­gung und des Mar­ty­ri­ums durch das Schis­ma Hein­richs VIII. und wei­te­ren 250 Jah­ren des Miß­trau­ens und einer mühe­vol­len, lang­sa­men Annä­he­rung. Die „Unheils­pro­phe­ten“ wur­den jeden­falls wider­legt, die vor und wäh­rend der Rei­se ver­such­ten, das Inter­es­se auf Neben­säch­lich­kei­ten abzu­len­ken, mit denen die eigent­li­che Bot­schaft des Pap­stes ver­dun­kelt wer­den soll­te.

Die zen­tra­le Anspra­che Bene­dikts XVI. war jene von West­mi­ni­ster Hall. Dort sprach er die War­nung vor einer „Pri­va­ti­sie­rung des Glau­bens“ durch einen über­hand­neh­men­den Rela­ti­vis­mus aus. Dort erin­ner­te das Ober­haupt der katho­li­schen Kir­che an das Mar­ty­ri­um des eng­li­schen Lord­kanz­lers Tho­mas Morus, des­sen Hin­rich­tung genau in jenem Saal ent­schie­den wur­de. Eine Mah­nung an das Gewis­sen der eng­li­schen Nati­on und eine Erin­ne­rung an histo­ri­sche Ereig­nis­se, die von Anfang an die angli­ka­ni­sche Kir­chen­spal­tung bela­ste­ten.

Höhe­punkt der Rei­se bil­de­te die Selig­spre­chung des her­aus­ra­gen­den eng­li­schen Theo­lo­gen und Phi­lo­so­phen John Hen­ry Kar­di­nal New­man, der vom Angli­ka­nis­mus den Weg zurück in die Ein­heit mit Rom gegan­gen war. Papst Bene­dikt XVI. lob­te des­sen „heroi­schen Tugend­grad“ und „Hei­lig­keit“, die er in sei­nem Prie­ster­le­ben, in sei­ner Lehr- und Pre­digt­tä­tig­keit leb­te.

Hin­zu kamen die Ver­ur­tei­lung der Fäl­le von sexu­el­lem Miß­brauch durch Kle­ri­ker, die das „Erbe der Mär­ty­rer“ auf den bri­ti­schen Inseln befleckt haben.

Bei der Begeg­nung mit der angli­ka­ni­schen Gemein­schaft in Lam­beth Palace hielt sich der Hei­li­ge Vater noch weit­ge­hend zurück. Er erwähn­te sei­ne vor zehn Mona­ten erlas­se­ne Apo­sto­li­sche Kon­sti­tu­ti­on gar nicht, die die Füh­rung der eng­li­schen Staats­kir­che so ärger­te. Ganz anders hin­ge­gen im Oscott Col­le­ge in Bir­ming­ham, wo der Papst die Bischö­fe von Eng­land, Schott­land und Wales traf. Die wich­tig­ste Auf­for­de­rung an die Bischö­fe lau­te­te, die Angli­ka­ner, die zur vol­len Ein­heit mit Rom zurück­keh­ren wol­len, groß­her­zig auf­zu­neh­men. Was bis­her kei­nes­wegs immer der Fall war. Die Apo­sto­li­sche Kon­sti­tu­ti­on Angli­cano­rum Coe­ti­bus müs­se „als pro­phe­ti­sche Geste betrach­tet wer­den“, die hel­fe „den Blick auf das eigent­li­che Ziel jeder öku­me­ni­schen Initia­ti­ve zu leben: die Wie­der­her­stel­lung der vol­len kirch­li­chen Ein­heit“. In Bir­ming­ham leuch­te­te das Öku­me­ne-Ver­ständ­nis Papst Bene­dikt XVI. auf: Kein unend­li­cher Dia­log als Selbst­zweck, son­dern ein tief­ge­hen­der Dia­log für eine Rück­kehr in die Ein­heit der einen, hei­li­gen, katho­li­schen und apo­sto­li­schen Kir­che. Dies sag­te ein Papst, der zwei Mal in der West­min­ster Abbey, im Herz des Angli­ka­nis­mus, zwei Mal dar­an erin­ner­te, der Nach­fol­ger des Apo­stels Petrus zu sein.

In Bir­ming­ham traf der Papst auch mit Tim Tol­ki­en, einem Groß­nef­fen des Schrift­stel­ler J.R.R. Tol­ki­en zusam­men, einem Bild­hau­er, der den Auf­trag erhal­ten hat­te, eine Sta­tue Kar­di­nal New­mans für des­sen fei­er­li­che Selig­spre­chung zu schaf­fen.
Der Groß­nef­fe sag­te dem Papst, daß es sogar eine Ver­bin­dung zwi­schen dem Kar­di­nal und dem Schöp­fer der Tri­lo­gie „Der Herr der Rin­ge“ gibt, näm­lich Cof­ton Park. Der Ort, an dem die Selig­spre­chung des gro­ßen Kar­di­nals statt­fand, war ein vom Schrift­stel­ler bevor­zug­ter und gern auf­ge­such­ter Park. Tol­ki­en wur­de beim Tod sei­ner Mut­ter den Prie­stern des Ora­to­ri­ums des Hl. Phil­ipp Neri anver­traut, das Kar­di­nal New­man in Bir­ming­ham gegrün­det hat­te, damit er katho­lisch erzo­gen wer­de.

Pater Fede­r­i­co Lom­bar­di, der Pres­se­spre­cher des Hei­li­gen Stuhls, zog bereits am Abend des letz­ten Besuch­ta­ges eine „sehr posi­ti­ve“ Bilanz für die­se im Vor­feld als „extrem schwie­rig“ ein­ge­stuf­te Rei­se.

(Giu­sep­pe Nar­di, Bild: flickr/ammar abd rab­bo)