Sexualerziehung ist kein Schutz vor Mißbrauch, sondern eine Form des Mißbrauchs — Eine Antwort auf Kardinal Sterzinskys Forderung

Ein Nach­den­ken über die Ursa­che des Kin­des­miß­brauchs setzt ein. Doch unter dem Stich­wort „Prä­ven­ti­on“ ver­steht gar man­cher, Kin­der und Jugend­li­che ein­fach „noch mehr auf­zu­klä­ren“. Das hal­ten wir für einen ver­häng­nis­vol­len Irr­weg, sowohl von der Ver­nunft als auch von der Erfah­rung der Päd­ago­gik und von der gesun­den Leh­re der Kir­che her.

Wer kann erklä­ren, daß eine „Auf­klä­rung“, die mit Ent­scha­mung und Stö­rung der kind­li­chen Unbe­fan­gen­heit ein­her­geht und die detail­lier­te phan­ta­sie­be­la­sten­de Beschrei­bung des Geschlechts­ak­tes und Ver­hü­tungs­in­dok­tri­na­ti­on beinhal­tet, vor sexu­el­lem Miß­brauch schüt­zen soll?

Steht an der Wur­zel des Miß­brauchs nicht vor allem die Miß­ach­tung des Wer­tes der Keusch­heit (als Tugend eines jeden Men­schen, je nach sei­nem Lebens­stand)? Die Erzie­hung zur Keusch­heit hat der Kon­ver­ti­ten­kar­di­nal John Hen­ry New­man, der bald selig­ge­spro­chen wird, als „Ruhm der katho­li­schen Kir­che“ bezeich­net. Der Auf­stand gegen Huma­nae vitae seit 1968 und die Infra­ge­stel­lung der kirch­li­chen Sexu­al­mo­ral schon vor­her (sonst wäre der Damm­bruch 1968 gar nicht mög­lich gewe­sen) im Kon­text der „sexu­el­len Revo­lu­ti­on“ der Gesell­schaft sind wohl nicht für alle abscheu­li­chen Miß­brauchs­ver­bre­chen ursäch­lich, aber sie haben doch vie­le von die­sen schul­dig gewor­de­nen Ordens­leu­ten und Prie­stern bestärkt, ihren sünd­haf­ten Nei­gun­gen nach­zu­ge­ben und jun­ge Men­schen zu miß­brau­chen.

Hät­te man nicht unter­las­sen, die „Fas­zi­na­ti­on der Keusch­heit“ (Johan­nes Paul II.) zu leben und jun­gen Men­schen anzie­hend vor Augen zu stel­len, wäre eine Vor­be­rei­tung auf treue Ehen, auf das Hal­ten von Zöli­bats­ver­spre­chen und Ordens­ge­lüb­den, die Ehr­furcht vor in Ehe und Prie­ster­stand gebun­de­nen Men­schen und die Ehr­furcht vor den ver­letz­li­chen Kin­dern und Jugend­li­chen auf­ge­baut wor­den.

Mit der Keusch­heit untrenn­bar ver­bun­den ist die Tugend des Stark­mu­tes, der dem sexua­li­sier­ten Zeit­geist wider­steht, aber auch Kraft schenkt, eher unsitt­li­che Berüh­run­gen und Miß­brauchs­ver­su­che abzu­weh­ren – getra­gen von der Atmo­sphä­re einer lie­ben­den Fami­lie.

Die Rich­tig­keit die­ser Ansicht bestä­tigt übri­gens auch die Aus­sa­ge des renom­mier­ten Sexu­al­the­ra­peu­ten Chri­stoph Joseph Ahlers von der Ber­li­ner Cha­ri­té in einem Inter­view der links-alter­na­ti­ven Tages­zei­tung taz (18.3.2010): „Es wer­den vor allem Kin­der Opfer sexu­el­ler Über­grif­fe, die zu Hau­se nicht genug Lie­be und Auf­merk­sam­keit bekom­men. Je gebor­ge­ner und wert­ge­schätz­ter Kin­der auf­wach­sen, desto bes­ser sind sie gegen sexu­el­le Über­grif­fe gefeit. Selbst­be­wuß­te Kin­der kön­nen sich stär­ker abgren­zen und gege­be­nen­falls wider­set­zen, auch bei Miß­brauch in ihrem per­sön­li­chen Umfeld.“

An ein­fa­chen Bei­spie­len hei­li­ger Jugend­li­cher wird die Rich­tig­keit katho­li­scher (wirk­li­cher) Sexu­al­erzie­hung deut­lich. Eine hei­li­ge Maria Goret­ti wur­de ohne detail­lier­te Sexu­al­auf­klä­rung von der Mut­ter durch ihr Bei­spiel und ihr Wort tief im Glau­ben gefe­stigt. Trotz­dem wuß­te sie ganz genau Bescheid, was der Ver­füh­rer Ales­san­dro von ihr woll­te. Sie mach­te ihn auf die Sün­de auf­merk­sam. Zwar konn­te sie sich dann sei­ner phy­si­schen Gewalt nicht erweh­ren und wur­de, weil sie ihm nicht zu Wil­len war, töd­lich ver­letzt. Ihren heroi­schen Stark­mut zeig­te sie, als sie auf dem Ster­be­bett ihrem Mör­der „um JESU wil­len“ ver­zieh.

Ist das nur fer­nes, uner­reich­ba­res Ide­al? Die Ant­wort mag der Brief eines 16-jäh­ri­gen Jugend­li­chen an den Papst geben (geschrie­ben vor einem Jahr nach den Attacken von Pres­se und Poli­tik gegen Bene­dikt XVI. wegen der Ableh­nung des Kon­doms): „…Dank Ihnen, Hei­li­ger Vater, der uns erin­nert, ein­fa­che, red­li­che Men­schen zu sein, wäh­rend so vie­le, die sich als Intel­lek­tu­el­le bezeich­nen, uns ernied­ri­gen wol­len in den Rang unse­rer vier­fü­ßi­gen Freun­de. Dank Ihnen, daß Sie mir gesagt haben, daß Rein­heit eine Tugend ist, die schwer zu prak­ti­zie­ren ist, aber den­noch mög­lich, und daß sie uns zu ent­decken hilft, was wah­re Lie­be ist… Ich will wei­ter glau­ben, daß das schön­ste Geschenk an die Frau, die mit mir das Leben tei­len will, die Tat­sa­che ist, daß ich mich für sie vor­be­hal­ten habe… Charles“.«

Zu viel­fa­chem Ent­set­zen und Unver­ständ­nis tra­ten nicht (nur) „die übli­chen Ver­däch­ti­gen“, die bekann­ten Wort­füh­rer der Schulsexual„erziehung“, mit der For­de­rung auf, die Sexu­al­erzie­hung müs­se ver­mehrt und ver­stärkt wer­den, um den Miß­brauch zu ver­hin­dern, son­dern ein leib­haf­ter Kar­di­nal.

In einer Talk­sen­dung des SWR („2+Leif“) zeig­te der Ber­li­ner Erz­bi­schof, Georg Kar­di­nal Ster­zinsky, sei­ne Betrof­fen­heit über die Miß­brauchs­fäl­le und for­der­te „bereits in der ersten Klas­se Sexu­al­kun­de­un­ter­richt ein­zu­füh­ren“. Er habe sei­nen Schul­de­zer­nen­ten gefragt und „war sel­ber ver­wun­dert, wie viel Phan­ta­sie da auf­ge­bracht wird, seit Jah­ren, seit Jahr­zehn­ten, was da also zur Prä­ven­ti­on geschieht“. Doch sol­le man nicht erst in der drit­ten oder vier­ten Klas­se, son­dern bereits in der ersten Klas­se mit der Sexu­al­erzie­hung begin­nen.

Im christ­li­chen Inter­net­fo­rum Medrum kom­men­tier­te am 20.4. Kurt J. Heinz: Der Kar­di­nal habe damit „ein erwei­ter­tes Ein­satz­feld für Ver­ei­ne wie pro fami­lia und die Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung oder auch für Thea­ter­stücke wie Mein Kör­per gehört mir ent­deckt. Sei­ne Idee von der schu­li­schen Sexu­al­früh­auf­klä­rung wird Kin­der kaum vor dem Miß­brauch durch Täter aus dem Amts­be­reich der Katho­li­schen Kir­che oder pädo­phi­ler Reform­päd­ago­gen bewah­ren.“

Weiß der Kar­di­nal wirk­lich nicht, was schon in der Grund­schu­le, ja mit­un­ter schon im Kin­der­gar­ten an Miß­brauch der kind­li­chen See­len durch die soge­nann­te Sexual„erziehung“ geschieht? Die ihm seit Jahr­zehn­ten zuge­sand­te „FMG-INFORMATION“ hat er offen­sicht­lich mit Miß­ach­tung gestraft. — Bei den „Reform­päd­ago­gen“, die schon in Kin­der­lä­den „freie“ Sexua­li­tät prak­ti­zier­ten, hät­te es dann im Übri­gen kei­ner­lei Miß­brauch jun­ger Men­schen geben dür­fen!

Regi­ne Schwarz­hoff, Vor­sit­zen­de des Eltern­ver­eins NRW e. V. stell­te in einem Inter­view mit der Inter­net­zei­tung Die Freie Welt (abge­ru­fen 5.5.10) fest: „An unse­rem Not­te­le­fon haben wir immer wie­der ent­setz­te Eltern, die beim Eltern­ver­ein Rat suchen und haar­sträu­ben­de Geschich­ten erzäh­len. Im Alter von 8 bis 9 Jah­ren ler­nen Kin­der in der Grund­schu­le unter ande­rem, Kon­do­me über Holz­pe­nis­se oder Bana­nen zu zie­hen, und müs­sen Schil­de­run­gen sexu­el­ler Prak­ti­ken von ihren Lehr­kräf­ten anhö­ren. Oft wird ihnen von sexu­el­len Kon­tak­ten Erwach­se­ner so detail­liert berich­tet und vor­ge­schwärmt, daß beson­ders Jun­gen neu­gie­rig gemacht wer­den und ver­su­chen, die­se Din­ge an sich selbst oder gar an Mit­schü­le­rin­nen aus­zu­pro­bie­ren. Die sti­mu­lie­ren­den und sexua­li­sie­ren­den Bro­schü­ren der Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung BZgA – immer­hin eine Bun­des­be­hör­de – die­nen dazu als Grund­la­ge, aber gleich­zei­tig als Legi­ti­ma­ti­on, obwohl die BZgA sie ‚nur’ zur Ver­fü­gung stellt. Die Bro­schü­re der BZgA für die 8–12-Jährigen Klei­nes Kör­per-ABC ent­hält unter ande­rem detail­ge­treue rea­li­sti­sche Zeich­nun­gen von Erwach­se­nenge­ni­ta­li­en bei­der Geschlech­ter. Über Kin­der, die sich beim Betrach­ten sol­cher Bil­der schä­men, wird gelacht; manch­mal stel­len Lehr­kräf­te sie sogar vor der Klas­se bloß als ver­klemmt und prü­de. Des­halb schä­men sie sich so sehr, daß sie sich nicht ein­mal der eige­nen Mut­ter anver­trau­en kön­nen. Wenn wir Eltern von die­sen Din­gen erfah­ren, dann nur aus Zufall, weil die Kin­der eine Fra­ge stel­len oder irgend­ein Wort gebrau­chen, das wir nicht in ihrem Wort­schatz ver­mu­tet hät­ten. Eine Mut­ter berich­te­te kürz­lich von einer Leh­re­rin, die den Kin­dern eine Abtrei­bung gestand und dies als geeig­ne­tes Mit­tel der ‚Emp­fäng­nis­ver­hü­tung’ dar­stell­te. In einem ande­ren Fall wur­de Grund­schul­kin­dern der Geburts­vor­gang anschau­lich dar­ge­stellt, indem eine mit der Leh­re­rin befreun­de­te Heb­am­me eine Pup­pe durch den Aus­schnitt eines Pull­overs quetsch­te, wäh­rend die Lehr­kraft dazu pas­send stöhn­te und hechel­te. Man muß nicht mal gläu­bi­ger Christ sein, um sol­che Dar­stel­lun­gen abzu­leh­nen. Wenn Eltern ihre Kin­der bewußt christ­lich erzie­hen, wer­den ihre Erzie­hungs- und Glau­bens­grund­sät­ze durch sol­chen ‚Unter­richt’ gra­vie­rend unter­gra­ben…“

Regi­na Schwarz­hoff ant­wor­te­te auch auf die Fra­ge, ob Kin­der nicht früh­zei­tig eine kla­re Vor­stel­lung von Sexua­li­tät bräuch­ten, um sich gegen Über­grif­fe weh­ren zu kön­nen: „Das ist ein schwer­wie­gen­der Irr­tum, der die­se Mise­re mit aus­ge­löst hat. Die sexu­el­le ‚Befrei­ung’ führt dazu, daß die natür­li­che Scham der Kin­der aus­ge­he­belt wird… Das bedeu­tet, daß der ange­bo­re­ne Schutz­me­cha­nis­mus, der ein Kind vor einem ent­blöß­ten Geschlechts­teil oder unge­woll­ten Berüh­run­gen weg­lau­fen läßt, ver­nich­tet wird. ‚Das habe ich ja schon in der Schu­le gese­hen, dann ist das ja wohl nor­mal’, wird das Kind den­ken, statt sich in Sicher­heit zu brin­gen. Die detail­lier­ten Aus­füh­run­gen über die Sexua­li­tät Erwach­se­ner erwecken bei den Kin­dern den Ein­druck, daß sie sich dafür inter­es­sie­ren müs­sen und daß es sie angeht, schon im Alter von 8 oder 9 Jah­ren. Das bedeu­tet, ihnen wird ihre Unwis­sen­heit, also ihre ‚Unschuld’ genom­men, die sie auch davor schützt, sich dar­an schul­dig zu füh­len, wenn Erwach­se­ne sich an ihnen ver­grei­fen. Dadurch daß ihnen Ver­ständ­nis für sol­che Hand­lun­gen abver­langt wird – sie sol­len ja die­se Hand­lun­gen ver­ste­hen –, wird ihre Distanz der­art ver­rin­gert, daß sie sich von Beginn an ein­be­zo­gen und ver­wickelt füh­len; der Befrei­ungs­im­puls wird dadurch erst recht aus­ge­he­belt.“

Wir haben in der FMG-INFORMATION schon mehr­fach zitiert aus dem Lexi­kon Fami­lie, her­aus­ge­ge­ben vom Päpst­li­chen Rat für die Fami­lie. Das Geleit­wort zur deutsch­spra­chi­gen Aus­ga­be 2007 unter­schrieb – ja wer? Der Ber­li­ner Kar­di­nal Georg Ster­zinsky als „Vor­sit­zen­der der Kom­mis­si­on für Ehe und Fami­lie“ der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz. Wir emp­feh­len ihm drin­gend, sich den Arti­kel „Ver­let­zung der Rech­te des Kin­des, Gewalt und sexu­el­le Aus­beu­tung“ ein­mal anzu­schau­en und anzu­eig­nen. Dar­in wird auf­ge­zeigt, daß der Kin­des­miß­brauch „zuerst und vor allem als eine Ver­let­zung sitt­li­chen Cha­rak­ters zu ver­ur­tei­len ist“ und nicht nur psy­chi­scher Scha­den und nega­ti­ve Fol­gen für die sozia­le und emo­tio­na­le Ent­wick­lung des Kin­des ver­ur­sacht, son­dern ins­be­son­de­re des­halb „so empö­rend (ist), weil er spi­ri­tu­ell scha­det, den Per­sön­lich­keits­wert und die Wür­de des Kin­des ver­letzt, des­sen Fähig­keit beein­träch­tigt, sich selbst zu akzep­tie­ren, und des Kin­des Blick auf die Welt und sei­ne Vor­stel­lung von Gott zer­stört“ (S. 420).

Unter den „kul­tu­rel­len Bedin­gun­gen des Miß­brauchs“ wird die „All­ge­gen­wär­tig­keit der Sexua­li­tät in der west­li­chen Kul­tur“ benannt: „sie ver­mit­telt den Kin­dern aller­or­ten sexu­el­le Kennt­nis­se, setzt sie sexu­el­len Rei­zen aus, läßt sie nach sexu­el­len Erfah­run­gen gie­ren (Sexua­li­tät als Dro­ge), zer­stört das Gefühl für Scham und Anstand, das Bedürf­nis nach Inti­mi­tät und Pri­vat­sphä­re sowie die Ach­tung vor dem Kör­per – und zugleich macht sie das Kind für sexu­el­le Ver­füh­rung anfäl­lig, wäh­rend Indi­vi­du­en mit krank­haf­ten Nei­gun­gen zu scham­lo­sen Hand­lun­gen pro­vo­ziert wer­den“. Und in die­sem Kon­text, so wird dar­ge­legt, steht auch das Prä­sen­tie­ren der Sexua­li­tät in den Medi­en und im Sexu­al­un­ter­richt (S. 423).

Wört­lich heißt es im Lexi­kon Fami­lie (S. 425): „Der Hei­li­ge Stuhl weist war­nend dar­auf hin, daß der Sexu­al­kun­de­un­ter­richt in den Schu­len und die Por­no­gra­phie in den Medi­en gegen­über der jun­gen Genera­ti­on For­men des Miß­brauchs in der Sexu­al­sphä­re sind.“

Will Kar­di­nal Ster­zinsky also – und wir fol­gen hier nur den Aus­füh­run­gen in einem Werk, für das er das Geleit­wort schrieb! – den Kin­des­miß­brauch bekämp­fen, indem er eine Ver­meh­rung des Miß­brauchs for­dert? Wir erhof­fen Ein­sicht und eine Rück­nah­me und Rich­tig­stel­lung sei­ner Aus­sa­gen im Fern­se­hen!

(Der Auf­satz wur­de mit freund­li­cher Geneh­mi­gung den FMG-Infor­ma­tio­nen 100 — Juli 2010 ent­nom­men)