Vier Jahre Benedikt — Eine Zwischenbilanz des Pontifikats

von Dr. Josef Bordat

Vor vier Jah­ren wur­de aus Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger, Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, Papst Bene­dikt XVI. Wenn ich dar­an zurück­den­ke, kom­men mir haupt­säch­lich Jubel­bil­der in den Sinn, die in einer „Wir sind Papst“-Hysterie ent­stan­den, die so gar nicht zur Situa­ti­on paß­ten. Denn ich kann mir nicht hel­fen, aber ich glau­be, daß Ratz­in­ger da, wo er vor­her saß, bes­ser auf­ge­ho­ben war, als dort, wo er jetzt ist. Der Gelehr­te, der Den­ker, der Stil­le-Arbei­ter, der Büro­krat, der Tief- und Hin­ter­gründ­ler, es scheint, als tra­ge er den Ent­scheid des Kon­kla­ve mehr als Last denn als Freu­de. Er ist auch als Papst Bene­dikt der Theo­lo­ge Ratz­in­ger geblie­ben, was Pro­ble­me mit sich bringt, denn als Papst kann er nicht mal ver­suchs­wei­se in die spe­ku­la­ti­ve Phi­lo­so­phie abtau­chen oder gewag­te theo­lo­gi­sche The­sen auf­stel­len, wie dies in der aka­de­mi­schen Welt all­täg­lich ist. Das, was er als Papst sagt, und sei es noch so infor­mell und behelfs­mä­ßig, geht eine hal­be Stun­de spä­ter über die Ticker der Agen­tu­ren als das, was die Kir­che meint. Welt­weit.

Mit sei­ner Regens­bur­ger Rede (Sep­tem­ber 2006) hat Bene­dikt die­se Erfah­rung machen müs­sen. Er hat aus ihr gelernt und wirkt heu­te bei sei­nen öffent­li­chen Auf­trit­ten mehr wie ein staats­män­ni­scher Diplo­mat denn ein Dog­ma­ti­ker, der gera­de aus dem Stu­dier­zim­mer kommt. Er ver­legt sich mehr auf den pasto­ra­len Dienst des Bischofs als sich in Remi­nis­zen­zen an die Ver­gan­gen­heit als Theo­lo­gie­pro­fes­sor zu erge­hen, ohne frei­lich sei­nen bril­lan­ten Intel­lekt außen vor zu las­sen. Lang­sam scheint Bene­dikt in sei­nem Amt ange­kom­men zu sein und gelernt zu haben, mit des­sen Bür­de umzu­ge­hen. Dazu gehört auch, manch­mal als Staats­chef zu agie­ren, im Umgang mit ande­ren Staats­chefs und zur Wah­rung der katho­li­schen Inter­es­sen in der Welt­po­li­tik.

Wie so ziem­lich jedes ande­re Land hat auch der Vati­kan sei­ne Pro­ble­me mit Chi­na. Bene­dikts erklär­tes Ziel ist es, die Bezie­hun­gen zur neu­en Super­macht zu ver­bes­sern, um damit zu errei­chen, daß den Katho­li­ken im bevöl­ke­rungs­reich­sten Land der Erde die freie Reli­gi­ons­aus­übung gewähr­lei­stet wird. Ban­ge Blicke gin­gen aber auch immer wie­der Rich­tung Irak, wo die Chri­sten­ver­fol­gung beson­ders dra­ma­ti­sche For­men ange­nom­men hat. Doch Bene­dikt scheut sich nicht, dar­auf hin­zu­wei­sen, daß auch in ande­ren Tei­len der Welt Chri­sten um ihres Glau­bens wil­len ver­folgt und ermor­det wer­den – jähr­lich sind über 100.000 Todes­op­fer zu bekla­gen; rund 80 Pro­zent aller wegen ihrer Reli­gi­on dis­kri­mi­nier­ten Men­schen sind Chri­sten. Der Papst macht, wie sein Vor­gän­ger, immer wie­der deut­lich, daß Reli­gi­ons­frei­heit ein ele­men­ta­res Men­schen­recht ist.

Brücke zwi­schen Reli­gi­on und Gesell­schaft, Glau­ben und Wis­sen, Kir­che und Staat

Bene­dikt ist ein Papst, der wie kaum ein ande­rer vor ihm in der Lage ist, eine Brücke zwi­schen Reli­gi­on und Gesell­schaft, Glau­ben und Wis­sen, Kir­che und Staat zu schla­gen. Sei­ne Dis­kus­sio­nen mit Jür­gen Haber­mas und mit Pao­lo Flo­res d’Arcais zei­gen die Bereit­schaft und Fähig­keit des Pap­stes, am gemein­sa­men Bau einer post-säku­la­ren Gesell­schaft intel­lek­tu­ell und spi­ri­tu­ell mit­zu­wir­ken.

Hier nähert er sich sei­nem theo­lo­gi­schen Anti­po­den Hans Küng, der das Gespräch der Kir­che mit Nicht­re­li­giö­sen für eben­so wich­tig hält wie den Tria­log der mono­the­isti­schen Reli­gio­nen. Es geht Bene­dikt (und, wie sich immer wie­der zeigt, auch Haber­mas) dar­um, das Phä­no­men der neu­en Reli­gio­si­tät frucht­bar zu machen für Sozi­al­be­zie­hun­gen, poli­ti­sche Mei­nungs­bil­dungs- und Ent­schei­dungs­pro­zes­se sowie die Wirt­schaft. Gera­de der hat Bene­dikt mit der Enzy­kli­ka Deus Cari­tas est (Janu­ar 2006) erneut die katho­li­sche Sozi­al­leh­re ins Stamm­buch geschrie­ben, die heu­te, über 160 Jah­re nach Ket­telers Main­zer Mani­fest (1848), aktu­el­ler denn je erscheint, um nach den tota­li­tä­ren Staats­uto­pien des 20. Jahr­hun­derts eine neue Uto­pie zu ver­hin­dern, die nicht weni­ger tota­li­tär ist: den frei­en Markt. Kri­tik des Libe­ra­lis­mus – man wünsch­te sich, die Uni­on schau­te in die­ser Ange­le­gen­heit mal öfter gen Rom.

Bene­dikt übte fer­ner deut­li­che Kri­tik an dem auf Kul­tur und Geist über­grei­fen­den Erklä­rungs- und Deu­tungs­an­spruch der Wis­sen­schaft (Enzy­kli­ka Spe sal­vi, Novem­ber 2007), er sucht aber zugleich den Dia­log mit Wis­sen­schaft­lern, auch wenn nicht alle ihn anzu­neh­men bereit sind. So muß­te im Janu­ar 2008 eine Rede Bene­dikts an der römi­schen Uni­ver­si­tät La Sapi­en­za nach Pro­te­sten eini­ger Hoch­schul­an­ge­hö­ri­ger abge­sagt wer­den.

Der Papst Bene­dikt kri­ti­siert in Spe sal­vi den Anspruch der moder­nen Wis­sen­schaft, dem Men­schen „Erlö­sung“ brin­gen zu kön­nen, Befrei­ung vom Leid. Im Fokus der Aus­ein­an­der­set­zung steht Fran­cis Bacon als Begrün­der der natur­wis­sen­schaft­li­chen Metho­dik, der Empi­rie, die sich als Para­dig­ma für die Wis­sen­schaft ins­ge­samt her­aus­ge­bil­det hat. Deren Prin­zip lau­tet: Wahr ist, was nach Beob­ach­tung durch sinn­li­che Wahr­neh­mung der Fall ist. Der Papst kommt in der Enzy­kli­ka zu dem Urteil, daß der Mensch „nie ein­fach nur von außen her erlöst wer­den kann“, denn „Fran­cis Bacon und die ihm fol­gen­de Strö­mung der Neu­zeit irr­ten, wenn sie glaub­ten, der Mensch wer­de durch die Wis­sen­schaft erlöst. Mit einer sol­chen Erwar­tung ist die Wis­sen­schaft über­for­dert; die­se Art von Hoff­nung ist trü­ge­risch.“ Die Wis­sen­schaft kön­ne zwar „vie­les zur Ver­mensch­li­chung der Welt und der Mensch­heit bei­tra­gen“, doch sie kann eben­so „den Men­schen und die Welt zer­stö­ren, wenn sie nicht von Kräf­ten geord­net wird, die außer­halb ihrer selbst lie­gen.“ Fazit: „Nicht die Wis­sen­schaft erlöst den Men­schen. Erlöst wird der Mensch durch die Lie­be.“ Muti­ge, ein­dring­li­che und wah­re Wor­te.

Man kann nur hof­fen, daß sich der Papst nicht ent­mu­ti­gen läßt und wei­ter ver­sucht, Brücken zwi­schen Reli­gi­on und Wis­sen­schaft zu schla­gen, um gemein­sam mit den Aka­de­mi­kern guten Wil­lens die mensch­li­che Ver­nunft auf die­se Wahr­heit hin zu ori­en­tie­ren und mit­zu­hel­fen, ein Kli­ma in den Wis­sen­schaf­ten zu erzeu­gen, in dem die mora­li­schen Impli­ka­tio­nen der For­schung stets mit­be­dacht wer­den.

Es wäre auch ver­mes­sen, von Bene­dikt Impul­se für die Öku­me­ne zu erwar­ten

Lit­ur­gisch gilt für den Papst: Kei­ne Expe­ri­men­te! Bene­dikt bleibt der kon­ser­va­ti­ven Linie aus sei­nem Werk Der Geist der Lit­ur­gie. Eine Ein­füh­rung treu. Die „Rol­le rück­wärts“ Rich­tung vor­kon­zi­lia­rem Ritus in der Eucha­ri­stie­fei­er durch Zulas­sung de Triden­ti­ni­schen Mes­se (Juli 2007) wird unter­des­sen über­schätzt, denn zum einen han­delt es sich aus­drück­lich um eine Son­der­form, zum ande­ren hat der Vati­kan betont, damit die Lit­ur­gie­re­form des Kon­zils nicht rück­gän­gig machen zu wol­len. Auch die Auf­he­bung der Exkom­mu­ni­ka­ti­on von vier Bischö­fen der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. ist eher eine Mar­gi­na­lie in Sachen Ein­heit der Kir­che und bleibt es, solan­ge die zah­len­mä­ßig weit bedeu­ten­de­re Grup­pe der aus­ge­schlos­se­nen Befrei­ungs­theo­lo­gen links lie­gen gelas­sen wird. Doch auch das ist eher ein Neben­schau­platz, gemes­sen an den anste­hen­den Auf­ga­ben im Bereich der Öku­me­ne, die Bene­dikt nicht wirk­lich beherzt anpackt. Es wäre auch ver­mes­sen, von Bene­dikt Impul­se für die Öku­me­ne zu erwar­ten. Was er in die­sem Punkt bis­lang gelei­stet hat, ist über­schau­bar und betrifft die wei­te­re Ein­be­zie­hung der Ortho­do­xen in den öku­me­ni­schen Dis­kurs, die häu­fig ver­ges­sen wer­den, in Euro­pa aber nach dem Ver­schwin­den des Eiser­nen Vor­hangs zuneh­mend an Bedeu­tung gewin­nen.

Für vie­le evan­ge­li­sche, aber auch katho­li­sche Chri­sten hier­zu­lan­de war die neu­er­li­che Beto­nung des aus­schließ­lich auf die römisch-katho­li­sche Kir­che bezo­ge­nen Kir­chen­be­griffs des Vati­kan eine bit­te­re Ent­täu­schung. Man darf dabei aber zwei­er­lei nicht ver­ges­sen: erstens, daß der Papst nur das wie­der­holt hat, was sowie­so Stand der Din­ge ist und zwei­tens, daß der Papst Ober­haupt der Welt­kir­che ist und – auch als Deut­scher – auf deut­sche Son­der­be­find­lich­kei­ten kei­ne Rück­sicht neh­men kann. Die „Ant­wor­ten auf Fra­gen zu eini­gen Aspek­ten bezüg­lich der Leh­re über die Kir­che“ (Juni 2007) kamen weni­ge Wochen nach der Bra­si­li­en­rei­se, wo Bene­dikt zur Kennt­nis neh­men muß­te, in welch tie­fer Kri­se die Kir­che im größ­ten latein­ame­ri­ka­ni­schen Land steckt, weil die Katho­li­ken ihrer Kir­che zuneh­mend den Rücken keh­ren und in den letz­ten Jah­ren ver­mehrt zu den eif­rig wer­ben­den evan­ge­li­ka­len Frei­kir­chen gewech­selt sind. Hier tut Abgren­zung Not. Nicht jeder, der kosten­los Milch und Müs­li­rie­gel ver­teilt und spi­ri­tu­el­le Ange­bo­te unter­brei­tet, kann „Kir­che“ im eigent­li­chen Sin­ne sein – bei allem Respekt vor dem jewei­li­gen Bekennt­nis. Der star­re Kir­chen­be­griff des Vati­kan (nur die römisch-katho­li­sche Kir­che ist wahr­haft „Kir­che“), den im Lan­de Luthers kaum jemand ver­steht, hat jeden­falls sei­ne Vor­ge­schich­te in der Aus­ein­an­der­set­zung des ame­ri­ka­ni­schen Kle­rus (die Hälf­te der Katho­li­ken lebt in Ame­ri­ka) mit die­sen neu­en, dyna­mi­schen Strö­mun­gen des Pro­se­ly­tis­mus, die oft genug Anlaß geben zu zwei­feln, ob auch über­all Kirch­lich­keit drin ist, wo „Kir­che“ drauf steht. Inso­weit schafft die erwähn­te Ver­laut­ba­rung, so schmerz­lich sie sein mag, vor allem eines: Klar­heit.

Der Zöli­bat stellt eine beson­de­re Anglei­chung an den Lebens­stil Chri­sti selbst dar

Unter Bene­dikt dürf­ten theo­lo­gi­sche Debat­ten um das Zöli­bat und das Ordi­na­ri­at der Frau theo­lo­gi­sche Debat­ten blei­ben. In dem nach­syn­oda­len Apo­sto­li­schen Schrei­ben Sacra­men­tum Cari­ta­tis (Febru­ar 2007) wird die Bedeu­tung des Zöli­bats für die Radi­ka­li­tät eines christ­li­chen Lebens­stils, bei dem sich sakra­men­ta­le Kom­pro­mis­se (hier: Ehe und Prie­ster­wei­he) aus­schlie­ßen, betont: „Es ist not­wen­dig, den tie­fen Sinn des prie­ster­li­chen Zöli­bats zu bekräf­ti­gen, der zu Recht als ein unschätz­ba­rer Reich­tum betrach­tet wird. In die­ser Wahl des Prie­sters kom­men näm­lich in ganz eige­ner Wei­se sei­ne Hin­ga­be, die ihn Chri­stus gleich­ge­stal­tet, und sei­ne Selbst­auf­op­fe­rung aus­schließ­lich für das Reich Got­tes zum Aus­druck. Des­halb reicht es nicht aus, den prie­ster­li­chen Zöli­bat unter rein funk­tio­na­len Gesichts­punk­ten zu ver­ste­hen. In Wirk­lich­keit stellt er eine beson­de­re Anglei­chung an den Lebens­stil Chri­sti selbst dar.“

Das hin­dert die Jugend in der Kir­che nicht dar­an, „ihren“ Papst mehr­heit­lich gut zu fin­den. Bene­dikt trat vor drei Jah­ren ein schwe­res Erbe an, war sein Vor­gän­ger Johan­nes Paul II. doch ins­be­son­de­re bei der Jugend sehr beliebt. Ihr schenk­te er ein Mega-Event, den Welt­ju­gend­tag, der bei sei­ner zehn­ten Auf­la­ge 1995 in Mani­la die größ­te Ver­samm­lung in der Mensch­heits­ge­schich­te erleb­te: fast vier Mil­lio­nen jun­ge Chri­sten hat­ten sich in der Haupt­stadt der Phil­ip­pi­nen zusam­men­ge­fun­den. Zehn Jah­re spä­ter soll­ten immer­hin 1,2 Mil­lio­nen nach Köln kom­men – eine orga­ni­sa­to­ri­sche Bewäh­rungs­pro­be für die Stadt und eine wür­di­ge „Tau­fe“ für den gera­de weni­ge Wochen im Petrus­amt befind­li­chen Ratz­in­ger, den man mit allem mög­li­chen asso­zi­iert, nur nicht mit „Jugend“. Umso über­ra­schen­der, daß der zurück­hal­ten­de, kon­ser­va­ti­ve Gelehr­te die Jugend­li­chen in Köln in sei­nen Bann zog und bin­nen weni­ger Tage zum Pop­star einer Genera­ti­on wur­de – der „Genera­ti­on Bene­dikt“.

Von sei­nen Rei­sen gin­gen immer wie­der Impul­se aus

Johan­nes Paul II. galt als „Rei­se-Papst“ – er hat auf 104 Rei­sen 127 Län­der besucht. Bene­dikt ist in die­ser Hin­sicht etwas zurück­hal­ten­der. Nach sei­nem Auf­tritt in Köln (August 2005) war er in Polen (Mai 2006), Spa­ni­en (Juli 2006), ein wei­te­res Mal in Deutsch­land, genau­er: in Bay­ern (Sep­tem­ber 2006), in der Tür­kei (Novem­ber 2006), in Bra­si­li­en (Mai 2007), Öster­reich (Sep­tem­ber 2007), in den USA (April 2008), beim Welt­ju­gend­tag in Austra­li­en (Juli 2008), in Frank­reich (Sep­tem­ber 2008) und zuletzt in Kame­run und Ango­la (März 2009). Für Mai ist ein Besuch im Hei­li­gen Land geplant.

Von sei­nen Rei­sen gin­gen immer wie­der Impul­se aus und auch das, was er in der Fer­ne sag­te, ließ auf­hor­chen. Von Regens­burg war schon im ersten Teil die Rede. Vie­le Fein­de, die er sich mit dem Zitat eines schar­fen Urteils des byzan­ti­ni­schen Kai­sers Manu­el II. Palaio­lo­gos über den Islam als einer angeb­lich wider­ver­nünf­ti­gen Reli­gi­on mit gro­ßer Gewalt­be­reit­schaft gemacht hat­te, ver­söhn­te er eini­ge Wochen spä­ter bei sei­nem Tür­kei­auf­ent­halt, wo er den Mus­li­men Respekt bezeug­te.

Dage­gen löste er in Bra­si­li­en mit sei­ner posi­ti­ven Deu­tung der Mis­sio­nie­rung Latein­ame­ri­kas im 16. Jahr­hun­dert eine Kon­tro­ver­se aus. Ver­tre­ter der Indio-Nach­fah­ren ver­wie­sen dar­auf, daß die Chri­stia­ni­sie­rung sehr wohl ein gewalt­sa­mes Auf­zwin­gen einer frem­den Kul­tur war, etwas, daß Bene­dikt mit Blick auf die uni­ver­sa­le Sehn­sucht nach Erlö­sung durch Jesus und sein Evan­ge­li­um ver­neint hat­te, eine Posi­ti­on, der sich Latein­ame­ri­ka-Ken­ner Maria­no Del­ga­do anschloß, wäh­rend der Histo­ri­ker Hans-Jür­gen Prien offen von „Geschichts­klit­te­rung“ sprach. Man kann Bene­dikt wohl nur dann fol­gen, wenn man es für rich­tig hält, eine theo­lo­gisch-meta­phy­si­sche Betrach­tung zum Leit­mo­tiv eines Urteils über histo­ri­sche Epo­chen zu erklä­ren und dabei den Blick von den empi­ri­schen Befun­den bewußt zu lösen, um ihn auf das sote­rio­lo­gi­sche Gan­ze zu len­ken. Das ist eine geschichts­phi­lo­so­phi­sche Fra­ge, aber auch eine, die so eng mit Glau­bens­kon­sti­tu­ten (Erlö­sung) ver­bun­den ist, daß es kei­ne kla­re Ant­wort gibt. Nur eines ist klar: Diplo­ma­tisch geschickt kann die Äuße­rung des Pap­stes wohl nicht genannt wer­den.

Diplo­ma­tisch geschickt war hin­ge­gen die Rei­se Bene­dikts in die USA, einem Land, daß jahr­zehn­te­lang dem Vati­kan gegen­über sehr reser­viert war – und umge­kehrt. Erst unter Rea­gan nahm man diplo­ma­ti­sche Bezie­hun­gen auf. Die Rei­se führ­te den Papst nicht nur zur UNO und nach Ground Zero, son­dern auch zur größ­ten Jüdi­schen Gemein­de außer­halb Isra­els.

Die Posi­ti­on des Pap­stes zum Gebrauch des Kon­doms ist seit Jahr­zehn­ten auch die Posi­ti­on der wich­tig­sten katho­li­schen Hilfs­wer­ke sowie zahl­rei­cher säku­la­rer Ein­rich­tun­gen in der AIDS-Bekämp­fung

Sei­ne letz­te Rei­se führ­te Bene­dikt nach Afri­ka, genau­er: nach Kame­run und Ango­la. Es ist bedau­er­lich, daß die Afri­ka-Rei­se auf die „Flug­zeug­re­de“ und die­se wie­der­um auf die „Kon­dom­fra­ge“ redu­ziert wur­de. Doch Reduk­ti­on ist das Geschäft der Medi­en. Wer hat denn schon Zeit und Lust, sich mit katho­li­scher Moral­theo­lo­gie im Gan­zen zu beschäf­ti­gen oder eine Papst­re­de mal zu Ende zu lesen? Zwar wür­de man dann erken­nen, daß die anschei­nend so „lebens­frem­de“ Sexu­al­mo­ral gar nicht das Ergeb­nis der patho­lo­gi­schen Gän­ge­lungs­ab­sicht einer lust­feind­li­chen Alt­her­ren­run­de ist, son­dern eine zwin­gen­de Fol­ge der ganz­heit­li­chen Sicht auf den Men­schen als Per­son mit unver­äu­ßer­li­cher Wür­de, doch will man das eigent­lich erken­nen? Wer gegen den Zeit­geist ein­mal dar­auf ach­tet, daß die katho­li­sche Moral­leh­re von der Per­so­na­li­tät des Men­schen aus­geht, auch und gera­de dann, wenn es um Inti­mi­tät und Sexua­li­tät geht, wird sich hüten, vor­schnell von „unmensch­lich“ zu spre­chen, wenn es dar­um geht, das Kon­dom als All­heil­mit­tel zu kri­ti­sie­ren, wie es der Papst regel­mä­ßig und völ­lig zu Recht tut.

Die Aus­sa­ge, daß nicht Kon­do­me die erste Wahl bei der AIDS-Bekämp­fung sind, ins­be­son­de­re wenn es um die Ver­hin­de­rung von Neu­in­fek­tio­nen geht, son­dern Keusch­heit und Treue, ist dabei nur dann ein medi­en­träch­ti­ger Skan­dal, wenn der Papst dies sagt. An der Rie­ge pro­fes­sio­nel­ler Kir­chen­kri­ti­ker, die kei­ne Chan­ce zur Papst­schel­te unge­nutzt ver­strei­chen läßt, scheint indes völ­lig vor­bei­ge­gan­gen zu sein, daß dies seit Jahr­zehn­ten auch die Posi­ti­on der wich­tig­sten katho­li­schen Hilfs­wer­ke sowie zahl­rei­cher säku­la­rer Ein­rich­tun­gen in der AIDS-Bekämp­fung ist.

Das bischöf­li­che Hilfs­werk Mise­re­or etwa teilt den Stand­punkt des Pap­stes: „Vie­le Men­schen in Euro­pa ver­bin­den mit dem Schutz vor AIDS vor­schnell Kon­dom­kam­pa­gnen. Wer aber meint, unter den Lebens­be­din­gun­gen der Armuts­re­gio­nen wären sie das Mit­tel in der AIDS-Bekämp­fung, greift viel zu kurz. Die Erfah­run­gen unse­rer Part­ner in Afri­ka, Asi­en und Latein­ame­ri­ka und die Erfol­ge der gemein­sa­men Pro­jek­te zei­gen uns, daß ein wirk­sa­mer Schutz vor AIDS anders, das heißt ganz­heit­lich, anset­zen muß“.

Das UN-Hilfs­werk UNESCO und die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO pro­pa­gie­ren den so genann­ten ABC-Ansatz, bei dem A (=absence; Ent­halt­sam­keit) und B (=beha­vi­or; Ver­hal­ten, also Treue) für vor­ran­gig gegen­über C (=con­doms; Kon­do­me) erach­tet wer­den. Die größ­ten Erfol­ge erreicht man mit A, dann mit B und erst dann – als ulti­ma ratio – mit C.

Einen ein­drucks­vol­len Beleg für die­se The­se lie­fert Ugan­da. Das Land hat­te in den 1980er Jah­ren ver­geb­lich ver­sucht, das AIDS-Pro­blem „tech­nisch“, also mit der for­cier­ten Abga­be von Kon­do­men zu lösen, gespon­sert durch euro­päi­sche Ent­wick­lungs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Erst durch eine von der katho­li­schen Kir­che sowie ande­ren reli­giö­sen Gemein­schaf­ten unter­stütz­te Kam­pa­gne für eine Ver­än­de­rung des Sexu­al­ver­hal­tens, mit der dar­auf hin­ge­wirkt wur­de, daß der erste Geschlechts­ver­kehr spä­ter statt­fin­det und Sex außer­halb einer festen Bezie­hung sel­te­ner geschieht, konn­ten in den 1990er Jah­ren die unver­bind­li­chen Sexu­al­kon­tak­te um 60 Pro­zent und die AIDS-Quo­te um 70 Pro­zent gesenkt wer­den (Sci­ence). Ande­re Län­der der Regi­on, die nur auf Kon­do­me gesetzt hat­ten, konn­ten, so Sci­ence, kei­ner­lei Erfolg mes­sen. Heu­te hat Ugan­da mit 4% eine der nied­rig­sten AIDS-Raten des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents.

Grund­sätz­lich scheint die Tat­sa­che, daß die Zahl der Katho­li­ken und die Zahl der AIDS-Kran­ken in Afri­ka nega­tiv kor­re­liert, weit­ge­hend unbe­kannt zu sein. Folgt man den Sta­ti­sti­ken der Zeit­schrif­ten Kom­ma und ide­aSpek­trum, so erkennt man: In den Län­dern, in denen der Katho­li­ken­an­teil bei unter 5% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infi­zier­ten bei über 30% (Swa­zi­land: 43% Infi­zier­te, 5% Katho­li­ken, Bots­wa­na: 37%, 4%), in den Län­dern, in denen der Katho­li­ken­an­teil bei unter 10% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infi­zier­ten bei über 20% Sim­bab­we 25% Infi­zier­te, 8% Katho­li­ken, Süd­afri­ka 22%, 6%). Dort hin­ge­gen, wo der Katho­li­ken­an­teil bei über 10% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infi­zier­ten bei unter 20% (Sam­bia 17% Infi­zier­te, 26% Katho­li­ken, Mala­wi 14%, 19%). Und dort schließ­lich, wo der Katho­li­ken­an­teil bei über 30% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infi­zier­ten bei unter 5% (Ruan­da 5% Infi­zier­te, 47% Katho­li­ken, Ugan­da 4%, 36 %). Kurz: Je mehr Katho­li­ken, desto weni­ger AIDS.

Auf die­se Erfah­run­gen in Ugan­da und die­se ein­drucks­vol­len Zah­len bezog sich offen­sicht­lich auch Bene­dikt, als er auf sei­nem Flug nach Afri­ka zu einer „Huma­ni­sie­rung der Sexua­li­tät“ ein­lud. Auch wenn sol­che Fak­ten die eige­ne Mei­nung so sehr stö­ren, daß man sie am besten ver­nach­lä­ßigt, ganz weg­wi­schen soll­te man sie nicht.

Der Papst möch­te aber ein­dring­lich davor war­nen, daß die­ses ABC aus Grün­den der Leicht­fer­tig­keit und in einer hedo­ni­sti­schen Lebens­wei­se, die weder Rück­sicht auf ande­re noch auf sich selbst nimmt, umge­kehrt wird: erst C, dann B und dann – wenn über­haupt – A. Die katho­li­sche Kir­che erin­nert an die Bedeu­tung von A und B, wäh­rend vie­le nur auf C set­zen, obwohl nach­weis­lich die größ­ten Erfol­ge mit A, dann mit B und schließ­lich mit C erzielt wer­den. Das C als All­heil­mit­tel führt in der Tat eher zu einer Ver­schlim­me­rung des Pro­blems. Auch dafür gibt es einen trau­ri­gen Beleg: die Stadt Washing­ton DC. Im Schwarz­wäl­der Boten vom 25. März 2009 war unter der Über­schrift „Die Haupt­stadt des AIDS“ zu lesen, daß 3 Pro­zent der Bevöl­ke­rung Washing­tons mit dem HI-Virus infi­ziert sein soll. „Die tat­säch­li­che Zahl liegt noch deut­lich höher“, wird Bür­ger­mei­ster Adri­an Fen­ty zitiert, und die AIDS-Beauf­trag­te der Stadt, Shan­non Hader, meint: „Unse­re Ansteckungs­ra­te ist schlim­mer als die in West­afri­ka.“ Tat­säch­lich: Um 22% ist die Zahl der Infi­zier­ten seit 2007 gestie­gen. Man ste­he vor einem Rät­sel wie dies trotz der kosten­lo­sen Abga­be von Kon­do­men gesche­hen konn­te. Viel­leicht soll­te man der Stadt­ver­wal­tung von Washing­ton DC die Tele­fon­num­mer des Bischofs von Ugan­da ver­ra­ten.

Der Grund für eine sol­che Über­le­gen­heit von A und B gegen­über C ist sehr ein­fach: das ver­blei­ben­de Risi­ko, das bei A und B 0%, bei C aber etwa 10% beträgt, folgt man Making con­doms work for HIV pre­ven­ti­on (2004), einer Stu­die des Joint United Nati­ons Pro­gram­me on HIV/AIDS (UNAIDS), in der vier zwi­schen 1993 und 2002 durch­ge­führ­te wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en aus­wer­tet. Schaut man sich die Stu­di­en genau­er an, merkt man schnell, daß UNAIDS sich an der opti­mi­stisch­sten ori­en­tiert. Im Ein­zel­nen lau­ten die Ergeb­nis­se: Sen­kung um 69%, 80%, 87% bzw. 93%. Das macht im Durch­schnitt 82,25%. Die jüng­ste Stu­die aus dem Jahr 2002 von Wel­ler und Davis ermit­telt eine Sen­kung von 80%, was einem Rest­ri­si­ko von 20% ent­spricht. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich wür­de nicht mehr flie­gen, wenn ich damit rech­nen müß­te, daß jedes fünf­te Flug­zeug abstürzt.

Anders gesagt: Mit Kon­do­men kann ledig­lich die Zeit um den Fak­tor 5 bis 10 ver­zö­gert wer­den, bis eine erheb­li­che Infek­ti­ons-Wahr­schein­lich­keit erreicht wird. Noch dra­sti­scher: Wer regel­mä­ßig Kon­do­me ver­wen­det, wird sich mit hoher Wahr­schein­lich­keit frü­her oder spä­ter infi­zie­ren. Das ist der Unter­schied zwi­schen „safe“ und „safer“. Kon­do­me ver­schlim­mern also inso­weit das Pro­blem, als sich ein Gefühl der Sicher­heit ein­stellt, die Sicher­heit selbst aber nicht da ist. Zusam­men mit einer Men­ta­li­tät der sexu­el­len Frei­zü­gig­keit trägt das Kon­dom, wenn es regel­mä­ßig ver­wen­det wird, allen­falls dazu bei, den Zeit­punkt der Infek­ti­on hin­aus­zu­zö­gern, nicht aber das Pro­blem zu besei­ti­gen.

Das Kon­dom unter die­sen Umstän­den als wirk­sa­mes (mög­li­cher­wei­se sogar ein­zig wirk­sa­mes) Mit­tel gegen AIDS zu prei­sen, das ist unmensch­lich und zynisch, nicht jedoch die Aus­sa­gen des Pap­stes. Denn sei­ne Alter­na­ti­ve heißt nicht Sex ohne Kon­dom, was das Risi­ko gegen 100% gehen lie­ße, son­dern Treue. Zur Erin­ne­rung: „A“ wie „absence“ und „B“ wie „beha­vi­or“ sen­ken das Risi­ko auf 0%.

Die Lösung liegt in der Tat viel­mehr in einem „spi­ri­tu­el­len und mensch­li­chen Erwa­chen“ und der „Freund­schaft für die Lei­den­den“, wovon Bene­dikt spricht. Die Freund­schaft besteht in der täti­gen Näch­sten­lie­be (jeder vier­te afri­ka­ni­sche AIDS-Kran­ke wird in katho­li­schen Ein­rich­tun­gen ver­sorgt), das Erwa­chen in der Besin­nung auf Ent­halt­sam­keit und Treue. Das ist nicht leicht, aber mög­lich. Der Sexu­al­trieb liegt zwar in der Natur des Men­schen, doch die­se Natur ist nicht nur bio­lo­gi­scher Art, son­dern kennt die Ver­nunft und den Wil­len als wirk­sa­me Regu­la­ti­ve. Eine Ethik wie die katho­li­sche Moral­leh­re kann auf die Schwä­che die­ser Instan­zen kei­ne Rück­sicht neh­men, denn das hie­ße, dem natu­ra­li­sti­schen Fehl­schluß vom Sein auf das Sol­len zu ver­fal­len. Und das wäre das Ende jeder Ethik.

Daß afri­ka­ni­sche Pfar­rer im Ein­zel­fall den­noch auf das Kon­dom als ad hoc-Lösung ver­wei­sen, ist kein Wider­spruch zu der Regel, wenn es in begrün­de­ten Aus­nah­men als Akt der Barm­her­zig­keit geschieht und nicht selbst zur Norm gemacht wird, durch die sich ein trü­ge­ri­sches Sicher­heits­ge­fühl ein­stell­te und sich der Irr­tum ver­ste­tig­te. Für die Gewis­sen­ent­schei­dung des Ein­zel­nen hält sich die katho­li­sche Moral­leh­re immer offen, nicht aber für die Lehr­mei­nung, durch das Ver­tei­len von Kon­do­men kön­ne man den Kampf gegen AIDS gewin­nen. Dar­an ändern auch die übli­chen Schimpf­ka­no­na­den unfehl­ba­rer AIDS- und Afri­ka-Exper­ten aus den Rei­hen der deut­schen Poli­tik nichts.

Die pro­te­stan­ti­schen Preu­ßen zu erobern

Der Papst ist Deut­scher, der Papst ist Bay­er. Dar­aus macht er kei­nen Hehl, war­um auch. Auch wenn die Hyste­rie eini­ger Medi­en For­men der Bericht­erstat­tung her­vor­brach­ten und ‑brin­gen, die gewöh­nungs­be­dürf­tig sind und Ratz­in­ger selbst wohl am wenig­sten zuge­sagt haben dürf­ten („Wir sind Papst!“), gibt er der weit­ge­hend ent­kirch­lich­ten Hei­mat eini­ge drin­gend benö­tig­te spi­ri­tu­el­le Impul­se, auch wenn der öku­me­ni­sche Dia­log weni­ger Rücken­wind erhält als zu wün­schen wäre. Sei­ne Besuchs­rei­sen in der Hei­mat waren Medi­en­er­eig­nis­se und inter­es­sier­ten nicht nur das katho­li­sche Stamm­pu­bli­kum.

Viel­leicht kommt Bene­dikt ja schon im Novem­ber nach Ber­lin, zum 20. Jah­res­tag des Mau­er­falls. Dann könn­te das Kir­chen­ober­haupt ver­su­chen, nach den katho­li­schen Rhein­län­dern und Bay­ern auch die pro­te­stan­ti­schen Preu­ßen zu erobern. Einen pro­mi­nen­ten Pro­te­stan­ten hat der Papst schon auf sei­ner Sei­te: Chri­stoph Mark­schies, Kir­chen­hi­sto­ri­ker und Prä­si­dent der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin. Mark­schies hat­te ange­sichts der La Sapi­en­za-Affä­re betont, an sei­ner Hoch­schu­le sei Bene­dikt im Fal­le eines Ber­lin-Besuchs jeder­zeit will­kom­men. Offen­heit der aka­de­mi­schen Welt und Zei­chen geleb­ter Öku­me­ne – kein schlech­ter Lock­ruf aus einer Stadt, in der die Men­schen wis­sen, wie lebens­feind­lich künst­li­che Gren­zen sind, die tren­nen, was eigent­lich zusam­men­ge­hört.