Papst an Sapienza: Was ist Wahrheit?

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Radio Vati­kan doku­men­tie­ren wir in deut­scher Fas­sung den Voll­text des nicht gehal­te­nen Vor­trags Papsts Bene­dikt XVI. an der römi­schen Sapi­en­za-Uni­ver­si­tät.

Magni­fi­zenz,
ver­ehr­te Ver­tre­ter des poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Lebens,
sehr geehr­te Dozen­ten und Verwaltungsangestellte,
lie­be Studenten!

Es ist für mich ein Grund zu gro­ßer Freu­de, anläß­lich der Eröff­nung des aka­de­mi­schen Jah­res die Gemein­schaft der Römi­schen Uni­ver­si­tät Sapi­en­za zu besu­chen. Schon seit Jahr­hun­der­ten prägt die­se Uni­ver­si­tät den Weg und das Leben der Stadt Rom, indem sie in allen Wis­sens­ge­bie­ten die besten intel­lek­tu­el­len Kräf­te Früch­te tra­gen läßt. Sowohl in der Zeit, als die Ein­rich­tung nach der von Papst Boni­fa­ti­us VIII. gewoll­ten Grün­dung unmit­tel­bar der kirch­li­chen Auto­ri­tät unter­stand, als auch spä­ter, als das Stu­di­um Urbis sich zu einer Insti­tu­ti­on des ita­lie­ni­schen Staa­tes ent­wickel­te, hat Ihre aka­de­mi­sche Gemein­schaft ein hohes wis­sen­schaft­li­ches und kul­tu­rel­les Niveau bewahrt, das sie unter die renom­mier­te­sten Uni­ver­si­tä­ten der Welt ein­reiht. Von jeher betrach­tet die Kir­che von Rom die­ses Uni­ver­si­täts­zen­trum mit Sym­pa­thie und Bewun­de­rung und zollt ihm Aner­ken­nung für sei­ne bis­wei­len schwie­ri­ge und mühe­vol­le Auf­ga­be der For­schung und der Aus­bil­dung der jun­gen Genera­tio­nen. So hat es auch in den letz­ten Jah­ren nicht an bedeut­sa­men Momen­ten der Zusam­men­ar­beit und des Dia­logs gefehlt. Beson­ders möch­te ich an das welt­wei­te Rek­to­ren-Tref­fen anläß­lich des Jubi­lä­ums für die Uni­ver­si­tä­ten erin­nern, bei dem Ihre Gemein­schaft nicht nur die Auf­nah­me und die Orga­ni­sa­ti­on über­nom­men, son­dern vor allem den pro­phe­ti­schen und umfas­sen­den Vor­schlag der Erar­bei­tung eines „neu­en Huma­nis­mus für das drit­te Jahr­tau­send“ vor­ge­legt hat.

Ger­ne möch­te ich bei die­ser Gele­gen­heit mei­ne Dank­bar­keit dar­über aus­drücken, daß Ihre Uni­ver­si­tät mich zu Besuch und Vor­trag ein­ge­la­den hat. Im Hin­blick dar­auf habe ich mir zual­ler­erst die Fra­ge gestellt: Was kann und soll ein Papst bei einer sol­chen Gele­gen­heit sagen? Bei mei­ner Vor­le­sung in Regens­burg habe ich, gewiß als Papst, aber vor allem auch als ehe­ma­li­ger Hoch­schul­leh­rer an mei­ner eige­nen Uni­ver­si­tät gespro­chen und dabei Erin­ne­run­gen und Gegen­wart mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen ver­sucht. Aber an der Sapi­en­za, der alten Uni­ver­si­tät von Rom, bin ich gera­de als Bischof von Rom ein­ge­la­den und muß daher als sol­cher spre­chen. Gewiß, die Sapi­en­za war ein­mal Uni­ver­si­tät des Pap­stes, aber heu­te ist sie eine säku­la­re Uni­ver­si­tät mit der Auto­no­mie, wel­che von ihrer Grün­dungs­idee her immer zum Wesen der Uni­ver­si­tät gehör­te, die allein der Auto­ri­tät der Wahr­heit ver­pflich­tet sein soll. In ihrer Frei­heit von poli­ti­schen und kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten kommt der Uni­ver­si­tät ihre beson­de­re Funk­ti­on gera­de auch für die moder­ne Gesell­schaft zu, die einer sol­chen Insti­tu­ti­on bedarf.

Ich kom­me auf mei­ne Aus­gangs­fra­ge zurück: Was kann und soll der Papst bei der Begeg­nung mit der Uni­ver­si­tät sei­ner Stadt sagen? Beim Beden­ken die­ser Fra­ge schien mir, sie schlie­ße zwei ande­re Fra­gen ein, deren Klä­rung von selbst zur Ant­wort füh­ren müß­te. Es ist näm­lich zu fra­gen: Was ist Wesen und Auf­trag des Papst­tums? Und: Was ist Wesen und Auf­trag der Uni­ver­si­tät? Ich möch­te Sie und mich an die­ser Stel­le nicht mit lan­gen Erör­te­run­gen über das Wesen des Papst­tums hin­hal­ten. Ein kur­zer Hin­weis mag genü­gen. Der Papst ist zual­ler­erst Bischof von Rom und als sol­cher in der Nach­fol­ge des hei­li­gen Petrus mit einer bischöf­li­chen Ver­ant­wor­tung für die gan­ze katho­li­sche Kir­che aus­ge­stat­tet. Das Wort Bischof – Epi­sko­pos, das zunächst so viel wie Auf­se­her bedeu­tet, ist schon im Neu­en Testa­ment mit dem bibli­schen Begriff des Hir­ten ver­schmol­zen wor­den: Er ist der, der von einem Über­sichts­punkt aus aufs Gan­ze sieht, sich um den rech­ten Weg und den Zusam­men­halt des Gan­zen müht. Inso­fern ist mit die­ser Berufs­be­zeich­nung zunächst der Blick aufs Inne­re der gläu­bi­gen Gemein­schaft gerich­tet. Der Bischof – der Hir­te – ist der Mann, der sich um die­se Gemein­schaft küm­mert; der sie dadurch bei­ein­an­der­hält, daß er sie auf dem Weg zu Gott hält, wie ihn dem christ­li­chen Glau­ben gemäß Chri­stus gezeigt hat — und nicht nur gezeigt hat; Er ist selbst für uns der Weg. Aber die­se Gemein­schaft, um die sich der Bischof sorgt, lebt – ob sie nun groß oder klein ist – in der Welt; ihr Zustand, ihr Weg, ihr Bei­spiel und ihr Wort wirkt sich unwei­ger­lich aufs Gan­ze der übri­gen mensch­li­chen Gemein­schaft aus. Je grö­ßer sie ist, desto mehr wird ihr rech­ter Zustand oder ihr even­tu­el­ler Ver­fall sich aufs Gan­ze der Mensch­heit aus­wir­ken. Wir sehen es heu­te sehr deut­lich, wie der Zustand der Reli­gio­nen und wie die Situa­ti­on der Kir­che, ihre Kri­sen und ihre Erneue­run­gen aufs Gan­ze der Mensch­heit ein­wir­ken. So ist der Papst gera­de als Hir­te sei­ner Gemein­schaft immer mehr auch zu einer Stim­me der mora­li­schen Ver­nunft der Mensch­heit geworden.

Hier ergibt sich frei­lich sofort der Ein­wand, daß der Papst eben doch nicht wirk­lich von der mora­li­schen Ver­nunft her spre­che, son­dern sei­ne Urtei­le aus dem Glau­ben bezie­he und daher kei­ne Gül­tig­keit für die­je­ni­gen bean­spru­chen kön­ne, die die­sen Glau­ben nicht tei­len. Auf die­se Fra­ge wird zurück­zu­kom­men sein, denn dabei ergibt sich die ganz grund­sätz­li­che Fra­ge: Was ist Ver­nunft? Wie weist sich eine Aus­sa­ge – vor allem eine mora­li­sche Norm – als „ver­nünf­tig“ aus? An die­ser Stel­le möch­te ich vor­erst nur ganz kurz dar­auf hin­wei­sen, daß John Rawls, obwohl er umfas­sen­den reli­giö­sen Leh­ren den Cha­rak­ter der „öffent­li­chen“ Ver­nunft abspricht, in deren „nicht öffent­li­cher“ Ver­nunft immer­hin Ver­nunft sieht, die ihren Trä­gern nicht ein­fach im Namen einer säku­la­ri­stisch ver­här­te­ten Ratio­na­li­tät abge­spro­chen wer­den dür­fe. Ein Kri­te­ri­um die­ser Ver­nünf­tig­keit sieht er unter ande­rem dar­in, daß sol­che Leh­ren aus einer ver­ant­wor­te­ten und dok­tri­nel­len Tra­di­ti­on her­aus stam­men, in der über lan­ge Zeit­räu­me hin­weg hin­rei­chend gute Grün­de für die jewei­li­ge Leh­re ent­wickelt wur­den. An die­ser Aus­sa­ge erscheint mir wich­tig, daß die Erfah­rung und Bewäh­rung über Genera­tio­nen hin – der histo­ri­sche Fun­dus mensch­li­cher Weis­heit – auch ein Zei­chen ihrer Ver­nünf­tig­keit und ihrer wei­ter rei­chen­den Bedeu­tung ist. Gegen­über einer a‑historischen Ver­nunft, die sich nur in einer a‑historischen Ratio­na­li­tät sel­ber zu kon­stru­ie­ren ver­sucht, ist die Weis­heit der Mensch­heit als sol­che – die Weis­heit der gro­ßen reli­giö­sen Tra­di­tio­nen – als Rea­li­tät zur Gel­tung zu brin­gen, die man nicht unge­straft in den Papier­korb der Ideen­ge­schich­te wer­fen kann.

Keh­ren wir zurück zur Aus­gangs­fra­ge. Der Papst spricht als Ver­tre­ter einer gläu­bi­gen Gemein­schaft, in wel­cher in den Jahr­hun­der­ten ihres Bestehens Weis­heit des Lebens gereift ist; als Ver­tre­ter einer Gemein­schaft, die zumin­dest einen Schatz an mora­li­scher Erkennt­nis und Erfah­rung in sich ver­wahrt, der für die gan­ze Mensch­heit von Bedeu­tung ist: Er spricht in die­sem Sinn als Ver­tre­ter mora­li­scher Vernunft.

Aber nun ist zu fra­gen: Und was ist die Uni­ver­si­tät? Was ist ihre Auf­ga­be? Eine gewal­ti­ge Fra­ge, zu der ich wie­der­um nur im Tele­gramm­stil die ein oder ande­re Anmer­kung ver­su­chen kann. Ich den­ke, man dür­fe sagen, der eigent­li­che inne­re Ursprung der Uni­ver­si­tät lie­ge in dem Drang des Men­schen nach Erkennt­nis. Er will wis­sen, was das alles ist, was ihn umgibt. Er will Wahr­heit. In die­sem Sinn kann man das Fra­gen des Sokra­tes als den Impuls sehen, aus dem die abend­län­di­sche Uni­ver­si­tät gebo­ren wur­de. Ich den­ke etwa – um nur einen Text zu nen­nen – an das Streit­ge­spräch mit Euty­phron, der dem Sokra­tes gegen­über die mythi­sche Reli­gi­on und ihre Fröm­mig­keit ver­tei­digt. Dem stellt Sokra­tes die Fra­ge ent­ge­gen: „Du glaubst, daß wirk­lich unter den Göt­tern gegen­sei­ti­ger Krieg bestehe und furcht­ba­re Feind­schaf­ten und Schlach­ten… Sol­len wir wirk­lich sagen, Euty­phron, das alles sei wahr?“ (6 b – c). In die­ser schein­bar unfrom­men Fra­ge, die bei Sokra­tes frei­lich aus einer tie­fe­ren und rei­ne­ren Fröm­mig­keit, aus der Suche nach dem gött­li­chen Gott kam, haben die Chri­sten der ersten Jahr­hun­der­te sich und ihren Weg wie­der­erkannt. Sie haben ihren Glau­ben nicht posi­ti­vi­stisch auf­ge­nom­men, nicht als Aus­weg uner­füll­ter Wün­sche, son­dern als den Durch­bruch aus dem Nebel der mytho­lo­gi­schen Reli­gi­on zu dem Gott ver­stan­den, der schöp­fe­ri­sche Ver­nunft und zugleich Ver­nunft als Lie­be ist. Des­we­gen war das Fra­gen der Ver­nunft nach dem grö­ße­ren Gott und nach dem, was der Mensch wirk­lich ist und soll, für sie nicht eine bedenk­li­che Form von Unfröm­mig­keit, son­dern gehör­te zum Wesen ihrer Wei­se der Fröm­mig­keit. Sie brauch­ten daher das sokra­ti­sche Fra­gen nicht auf­zu­lö­sen oder bei­sei­te zu schie­ben, son­dern durf­ten, ja muß­ten es auf­neh­men und das Rin­gen der Ver­nunft um Erkennt­nis der gan­zen Wahr­heit als Teil ihrer eige­nen Iden­ti­tät erken­nen. So konn­te, muß­te im Raum des christ­li­chen Glau­bens, in der christ­li­chen Welt die Uni­ver­si­tät entstehen.

Ein wei­te­rer Schritt ist nötig. Der Mensch will erken­nen – er will Wahr­heit. Wahr­heit ist zunächst eine Sache des Sehens, des Ver­ste­hens, der theorà­a, wie die grie­chi­sche Tra­di­ti­on es nennt. Aber Wahr­heit ist nie bloß theo­re­tisch. Augu­sti­nus hat in sei­ner Zuord­nung der Selig­prei­sun­gen der Berg­pre­digt und der Gei­stes­ga­ben von Jes 11 sci­en­tia und tri­sti­tia auf­ein­an­der bezo­gen: Blo­ßes Wis­sen, so meint er, macht trau­rig. Und in der Tat – wer nur alles ansieht und erfährt, was in der Welt geschieht, wird trau­rig wer­den. Aber Wahr­heit meint mehr als Wis­sen: Die Erkennt­nis der Wahr­heit zielt auf die Erkennt­nis des Guten. Das ist auch der Sinn des sokra­ti­schen Fra­gens: Was ist das Gute, das uns wahr macht? Die Wahr­heit macht uns gut, und das Gute ist wahr: Dies ist der Opti­mis­mus, der im christ­li­chen Glau­ben lebt, weil er des Logos, der schöp­fe­ri­schen Ver­nunft ansich­tig gewor­den ist, die sich in der Mensch­wer­dung Got­tes zugleich als das Gute, als die Güte selbst gezeigt hat.

In der mit­tel­al­ter­li­chen Theo­lo­gie hat es einen ein­ge­hen­den Dis­put über das Ver­hält­nis von Theo­rie und Pra­xis, über den rech­ten Zusam­men­hang von Erken­nen und Tun gege­ben, den wir hier nicht auf­zu­rol­len brau­chen. Fak­tisch stellt die mit­tel­al­ter­li­che Uni­ver­si­tät mit ihren vier Fakul­tä­ten die­sen Zusam­men­hang dar. Begin­nen wir mit der nach dama­li­gem Ver­ständ­nis vier­ten Fakul­tät, der­je­ni­gen der Medi­zin. Sie wur­de zwar mehr als „Kunst“ denn als Wis­sen­schaft betrach­tet, aber ihre Ein­fü­gung in den Kos­mos der Uni­ver­si­tas bedeu­te­te doch klar, daß sie im Raum der Ratio­na­li­tät ange­sie­delt war, daß die Kunst des Hei­lens unter der Lei­tung der Ver­nunft stand und dem Bereich des Magi­schen ent­zo­gen wur­de. Hei­len ist eine Auf­ga­be, die immer mehr als den blo­ßen Ver­stand ver­langt, aber gera­de so die Ver­bin­dung von Wis­sen und Kön­nen, die Zuge­hö­rig­keit zum Raum der Ratio braucht. Unver­meid­lich erscheint die Fra­ge nach dem Zusam­men­hang von Pra­xis und Theo­rie, von Erkennt­nis und Han­deln, in der juri­sti­schen Fakul­tät. Es geht um die rech­te Gestal­tung der mensch­li­chen Frei­heit, die immer Frei­heit im Mit­ein­an­der ist: Das Recht ist Vor­aus­set­zung der Frei­heit, nicht ihr Gegen­spie­ler. Aber hier erhebt sich sofort die Fra­ge: Wie fin­det man die Maß­stä­be der Gerech­tig­keit, die gemein­sam geleb­te Frei­heit ermög­li­chen und dem Gut­sein des Men­schen die­nen? An die­ser Stel­le drängt sich ein Sprung in die Gegen­wart auf — die Fra­ge, wie eine Rechts­ord­nung, die eine Ord­nung der Frei­heit, der Men­schen­wür­de und der Men­schen­rech­te dar­stellt, gefun­den wer­den kann. Es ist die Fra­ge, die uns heu­te in den demo­kra­ti­schen Mei­nungs­bil­dun­gen bewegt und die uns zugleich als Fra­ge für die Zukunft der Mensch­heit bedrängt. Jür­gen Haber­mas drückt, wie mir scheint, einen weit­ge­hen­den Kon­sens des heu­ti­gen Den­kens aus, wenn er sagt, die Legi­ti­mi­tät einer Ver­fas­sung als Vor­aus­set­zung der Lega­li­tät gehe aus zwei Quel­len her­vor: aus der gleich­mä­ßi­gen poli­ti­schen Betei­li­gung aller Bür­ger und aus der ver­nünf­ti­gen Form, in der die poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen aus­ge­tra­gen wer­den. Zu die­ser „ver­nünf­ti­gen Form“ stellt er fest, daß sie nicht bloß ein Kampf um arith­me­ti­sche Mehr­hei­ten sein kön­ne, son­dern als ein „wahr­heits­sen­si­bles Argu­men­ta­ti­ons­ver­fah­ren“ zu cha­rak­te­ri­sie­ren sei. Das ist gut gesagt, aber sehr schwer in poli­ti­sche Pra­xis umzu­set­zen. Denn die Ver­tre­ter die­ses öffent­li­chen „Argu­men­ta­ti­ons­ver­fah­rens“ sind nun ein­mal über­wie­gend die Par­tei­en als Trä­ger der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung. Fak­tisch wer­den sie unaus­weich­lich vor allem auf das Gewin­nen von Mehr­hei­ten bedacht sein und damit fast unver­meid­lich auf Inter­es­sen ach­ten, denen sie Befrie­di­gung ver­spre­chen, die aber häu­fig par­ti­ku­lär sind und nicht wirk­lich dem Gan­zen die­nen. Die Wahr­heits-Sen­si­bi­li­tät wird immer wie­der über­la­gert von der Inter­es­sen-Sen­si­bi­li­tät. Ich fin­de es bedeut­sam, daß Haber­mas von der Sen­si­bi­li­tät für die Wahr­heit als not­wen­di­gem Ele­ment im poli­ti­schen Argu­men­ta­ti­ons­pro­zess spricht und so den Begriff der Wahr­heit wie­der in die phi­lo­so­phi­sche und in die poli­ti­sche Debat­te einführt.

Aber die Pila­tus-Fra­ge wird da unaus­weich­lich: Was ist Wahr­heit? Und wie erkennt man sie? Wenn man dafür auf die „öffent­li­che Ver­nunft“ ver­weist, wie Rawls es tut, dann folgt unaus­weich­lich noch ein­mal die Fra­ge: Was ist ver­nünf­tig? Wie weist sich Ver­nunft als wirk­li­che Ver­nunft aus? Jeden­falls wird von da aus sicht­bar, daß ande­re Instan­zen in der Suche nach dem Recht der Frei­heit, nach der Wahr­heit des rech­ten Mit­ein­an­der zu Gehör kom­men müs­sen als Par­tei­en und Inter­es­sen­grup­pen, deren Bedeu­tung damit nicht im min­de­sten bestrit­ten wer­den soll. So kom­men wir auf die Struk­tur der mit­tel­al­ter­li­chen Uni­ver­si­tät zurück. Neben der Rechts­wis­sen­schaft stan­den da die Fakul­tä­ten für Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie, denen die Suche nach dem Gan­zen des Mensch­seins und so das Wach­hal­ten der Sen­si­bi­li­tät für die Wahr­heit auf­ge­tra­gen war. Man könn­te gera­de­zu sagen, daß dies der blei­ben­de, wah­re Sinn bei­der Fakul­tä­ten ist: Hüter der Sen­si­bi­li­tät für die Wahr­heit zu sein, den Men­schen nicht von der Suche nach der Wahr­heit abbrin­gen zu las­sen. Aber wie kön­nen sie die­ser Auf­ga­be gerecht wer­den? Das ist eine Fra­ge, um die immer neu gerun­gen wer­den muß und die nie ein­fach zu Ende gestellt und beant­wor­tet ist. So kann auch ich an die­ser Stel­le nicht eigent­lich eine Ant­wort anbie­ten, son­dern viel eher eine Ein­la­dung, mit die­ser Fra­ge unter­wegs zu blei­ben – unter­wegs mit den gro­ßen Rin­gen­den und Suchen­den der gan­zen Geschich­te, mit ihren Ant­wor­ten und ihrer über jede ein­zel­ne Ant­wort immer neu hin­wei­sen­den Unru­he für die Wahrheit.

Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie bil­den dabei ein eigen­tüm­li­ches Zwil­lings­paar, in dem kei­nes vom ande­ren gänz­lich zu lösen ist und doch jedes sei­nen eige­nen Auf­trag und sei­ne beson­de­re Iden­ti­tät wah­ren muß. Es ist das geschicht­li­che Ver­dienst des hei­li­gen Tho­mas von Aquin, daß er gegen­über der von ihrem geschicht­li­chen Kon­text anders gear­te­ten Ant­wort der Väter die Eigen­stän­dig­keit der Phi­lo­so­phie und mit ihr das Eigen­recht und die Eigen­ver­ant­wor­tung der von ihren Kräf­ten her fra­gen­den Ver­nunft her­aus­ge­stellt hat. Die Väter hat­ten gegen­über den neu­pla­to­ni­schen Phi­lo­so­phien, in denen Reli­gi­on und Phi­lo­so­phie untrenn­bar ver­floch­ten waren, den christ­li­chen Glau­ben als die wah­re Phi­lo­so­phie dar­ge­stellt und dabei auch betont, daß die­ser Glau­be den Ansprü­chen der nach Wahr­heit suchen­den Ver­nunft ent­spricht; daß er das Ja zur Wahr­heit gegen­über den zu blo­ßer Gewohn­heit gewor­de­nen mythi­schen Reli­gio­nen war. Aber nun, im Zeit­punkt der Ent­ste­hung der Uni­ver­si­tät, gab es im Abend­land die­se Reli­gio­nen nicht mehr, son­dern nur noch das Chri­sten­tum, und so muß­te nun auf neue Wei­se die Eigen­ver­ant­wor­tung der Ver­nunft her­aus­ge­stellt wer­den, die nicht vom Glau­ben absor­biert wird. Tho­mas wirk­te in einem pri­vi­le­gier­ten Zeit­punkt: Die phi­lo­so­phi­schen Schrif­ten des Ari­sto­te­les waren erst­mals in ihrer Ganz­heit zugäng­lich gewor­den; die jüdi­schen und ara­bi­schen Phi­lo­so­phien als je eige­ne Anver­wand­lun­gen und Wei­ter­füh­run­gen der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie stan­den im Raum. Das Chri­sten­tum muß­te so in einem neu­en Dia­log mit der ihr begeg­nen­den Ver­nunft der ande­ren um sei­ne eige­ne Ver­nünf­tig­keit rin­gen. Die phi­lo­so­phi­sche Fakul­tät, die als soge­nann­te Arti­sten-Fakul­tät bis­her nur eine Vor­schu­le für die Theo­lo­gie gewe­sen war, wur­de zur eigent­li­chen Fakul­tät, zum eigen­stän­di­gen Part­ner der Theo­lo­gie und des von ihr reflek­tier­ten Glau­bens. Über das span­nen­de Rin­gen, das sich dabei ergab, kann hier nicht gehan­delt wer­den. Ich wür­de sagen, daß die Vor­stel­lung des hei­li­gen Tho­mas über das Ver­hält­nis von Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie sich in der For­mel aus­drücken las­se, die das Kon­zil von Chal­ze­don für die Chri­sto­lo­gie gefun­den hat­te: Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie müs­sen zuein­an­der im Ver­hält­nis des „Unver­mischt und Unge­trennt“ ste­hen. Unver­mischt, das will sagen, daß jede der bei­den ihre eige­ne Iden­ti­tät bewah­ren muß. Die Phi­lo­so­phie muß wirk­lich Suche der Ver­nunft in ihrer Frei­heit und ihrer eige­nen Ver­ant­wor­tung blei­ben; sie muß ihre Gren­ze und gera­de so auch ihre eige­ne Grö­ße und Wei­te sehen. Die Theo­lo­gie muß dabei blei­ben, daß sie aus einem Schatz von Erkennt­nis schöpft, den sie nicht selbst erfun­den hat und der ihr vor­aus­bleibt, nie ganz von ihrem Beden­ken ein­ge­holt wird und gera­de so das Den­ken immer neu auf den Weg bringt. Mit die­sem „Unver­mischt“ gilt auch zugleich das „Unge­trennt“: Die Phi­lo­so­phie beginnt nicht immer neu vom Null­punkt des ein­sam den­ken­den Sub­jekts her, son­dern sie steht im gro­ßen Dia­log der geschicht­li­chen Weis­heit, die sie kri­tisch und zugleich hör­be­reit immer neu auf­nimmt und wei­ter­führt; sie darf sich aber auch nicht dem­ge­gen­über ver­schlie­ßen, was die Reli­gio­nen und was beson­ders der christ­li­che Glau­be emp­fan­gen und der Mensch­heit als Weg­wei­sung geschenkt haben. Man­ches, was von Theo­lo­gen im Lau­fe der Geschich­te gesagt oder auch von kirch­li­cher Auto­ri­tät prak­ti­ziert wur­de, ist von der Geschich­te fal­si­fi­ziert wor­den und beschämt uns heu­te. Aber zugleich gilt, daß die Geschich­te der Hei­li­gen, die Geschich­te der vom christ­li­chen Glau­ben her gewach­se­nen Mensch­lich­keit die­sen Glau­ben in sei­nem wesent­li­chen Kern veri­fi­ziert und damit auch zu einer Instanz für die öffent­li­che Ver­nunft macht. Gewiß, vie­les von dem, was Theo­lo­gie und Glau­be sagen, kann nur im Inne­ren des Glau­bens ange­eig­net wer­den und darf daher nicht als Anspruch an die­je­ni­gen auf­tre­ten, denen die­ser Glau­be unzu­gäng­lich bleibt. Aber zugleich gilt, daß die Bot­schaft des christ­li­chen Glau­bens nie nur eine „com­pre­hen­si­ve reli­gious doc­tri­ne“ im Sinn von Rawls ist, son­dern eine rei­ni­gen­de Kraft für die Ver­nunft selbst, die ihr hilft, mehr sie selbst zu sein. Die christ­li­che Bot­schaft soll­te von ihrem Ursprung her immer Ermu­ti­gung zur Wahr­heit und so eine Kraft gegen den Druck von Macht und Inter­es­sen sein.

Nun, ich habe bis­her nur von der mit­tel­al­ter­li­chen Uni­ver­si­tät gespro­chen, dabei frei­lich ver­sucht, das blei­ben­de Wesen der Uni­ver­si­tät und ihres Auf­trags durch­schei­nen zu las­sen. In der Neu­zeit haben sich neue Dimen­sio­nen des Wis­sens eröff­net, die in der Uni­ver­si­tät vor allem in zwei gro­ßen Berei­chen zur Gel­tung kom­men: in der Natur­wis­sen­schaft, die aus der Ver­bin­dung von Expe­ri­ment und vor­aus­ge­setz­ter Ratio­na­li­tät der Mate­rie sich gebil­det hat; in den Geschichts- und Human­wis­sen­schaf­ten, in denen der Mensch sich im Spie­gel sei­ner Geschich­te und im Aus­leuch­ten der Dimen­sio­nen sei­nes Wesens bes­ser zu ver­ste­hen sucht. Bei die­ser Ent­wick­lung hat sich der Mensch­heit nicht nur ein unge­heu­res Maß von Wis­sen und Kön­nen erschlos­sen; auch Erkennt­nis und Aner­kennt­nis von Men­schen­rech­ten und Men­schen­wür­de sind gewach­sen, und dafür kön­nen wir nur dank­bar sein. Aber der Weg des Men­schen ist nie ein­fach zu Ende, und die Gefahr des Abstur­zes in die Unmensch­lich­keit nie ein­fach gebannt: Wie sehr erle­ben wir das im Pan­ora­ma der gegen­wär­ti­gen Geschich­te: Die Gefahr der west­li­chen Welt – um nur davon zu spre­chen – ist es heu­te, daß der Mensch gera­de ange­sichts der Grö­ße sei­nes Wis­sens und Kön­nens vor der Wahr­heits­fra­ge kapi­tu­liert. Und das bedeu­tet zugleich, daß die Ver­nunft sich dann letzt­lich dem Druck der Inter­es­sen und der Fra­ge der Nütz­lich­keit beugt, sie als letz­tes Kri­te­ri­um aner­ken­nen muß. Von der Struk­tur der Uni­ver­si­tät her gesagt: Die Gefahr ist, daß die Phi­lo­so­phie sich ihre eigent­li­che Auf­ga­be nicht mehr zutraut und in Posi­ti­vis­mus abglei­tet; daß die Theo­lo­gie mit ihrer an die Ver­nunft gewand­ten Bot­schaft ins Pri­va­te einer mehr oder weni­ger gro­ßen Grup­pe abge­drängt wird. Aber wenn die Ver­nunft aus Sor­ge um ihre ver­meint­li­che Rein­heit taub wird für die gro­ße Bot­schaft, die ihr aus dem christ­li­chen Glau­ben und sei­ner Weis­heit zukommt, dann ver­dorrt sie wie ein Baum, des­sen Wur­zeln nicht mehr zu den Was­sern hin­un­ter­rei­chen, die ihm Leben geben. Sie ver­liert den Mut zur Wahr­heit und wird so nicht grö­ßer, son­dern klei­ner. Auf unse­re euro­päi­sche Kul­tur ange­wandt heißt dies: Wenn sie sich nur selbst aus ihrem Argu­men­ta­ti­ons­zir­kel und dem ihr jetzt Ein­leuch­ten­den kon­stru­ie­ren will und sich aus Furcht um ihre Säku­la­ri­tät von den Wur­zeln abschnei­det, von denen sie lebt, dann wird sie nicht ver­nünf­ti­ger und rei­ner, son­dern zerfällt.

Damit keh­re ich zum Aus­gangs­punkt zurück. Was hat der Papst an der Uni­ver­si­tät zu tun oder zu sagen? Er darf gewiß nicht ver­su­chen, ande­re in auto­ri­tä­rer Wei­se zum Glau­ben zu nöti­gen, der nur in Frei­heit geschenkt wer­den kann. Über sei­nen Hir­ten­dienst in der Kir­che hin­aus und vom inne­ren Wesen die­ses Hir­ten­dien­stes her ist es sei­ne Auf­ga­be, die Sen­si­bi­li­tät für die Wahr­heit wach zu hal­ten; die Ver­nunft immer neu ein­zu­la­den, sich auf die Suche nach dem Wah­ren, nach dem Guten, nach Gott zu machen und auf die­sem Weg die hilf­rei­chen Lich­ter wahr­zu­neh­men, die in der Geschich­te des christ­li­chen Glau­bens auf­ge­gan­gen sind und dabei dann Jesus Chri­stus wahr­zu­neh­men als Licht, das die Geschich­te erhellt und den Weg in die Zukunft zu fin­den hilft.

Die geplan­te Anspra­che wur­de nach den Pro­te­sten gegen die Ein­la­dung des Pap­stes zur Eröff­nung des Aka­de­mi­schen Jah­res an der Sapi­en­za und der Absa­ge Bene­dikts auf des­sen Wunsch dem Rek­tor der Uni­ver­si­tät über­mit­telt. Am spä­ten Mitt­woch Nach­mit­tag ver­öf­fent­lich­te der Vati­kan den Text.