Es wird Generationen dauern, bis in Deutschland wieder ein normales katholisches Leben möglich ist

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Hend­rick Jolie wur­de 1963
gebo­ren und 1992 zum Prie­ster
geweiht. Er ist Prie­ster des
Bis­tums Mainz und seit zehn
Jah­ren Pfar­rer von vier klei­nen
Dia­spo­ra­ge­mein­den im vor­de­ren
Oden­wald (Nähe Darm­stadt).
2001 grün­de­te er mit Dr. Gui­do
Rod­heudt in Frank­furt
das „Netz­werk Katho­li­scher
Priester“.Bild: pri­vat

War­um gibt es das Prie­ster­netz­werk? Wann wur­de es gegrün­det? Was ist die Haupt­auf­ga­be?

Das Prie­ster­netz­werk wur­de 2001 von Pfar­rer Dr. Rod­heudt und mir gegrün­det. Aus­gangs­punkt für mich per­sön­lich war die irri­tie­ren­de Erfah­rung, daß die Treue zu mei­nem Wei­he­vespre­chen schon in mei­nen ersten Prie­ster­jah­ren zu extre­men Kon­flik­ten in der kon­kre­ten Seel­sor­ge führ­te. Ich war schon nach weni­gen Jah­ren als „Hard­li­ner“ ver­schrien und wuß­te eigent­lich nicht, was ich falsch gemacht haben soll­te.

Weil ich nicht die klas­si­sche katho­li­sche Sozia­li­sa­ti­on (Messdiener,Lektor, Pfarr­ge­mein­de­rat etc.) durch­lau­fen habe, war mir das katho­li­sche Mil­lieu bis zum Ein­tritt in das Prie­ster­se­mi­nar nicht ver­traut. Ich war dann fas­sungs­los, daß in den Pfar­rei­en, in denen ich als Kaplan ein­ge­setzt war, lit­ur­gi­sche und seel­sorg­li­che Richt­li­ni­en der Kir­che und des kirch­li­chen Gesetz­bu­ches mit der größ­ten Selbst­ver­ständ­lich­keit miß­ach­tet wur­den.

In mei­ner gren­zen­lo­sen Nai­vi­tät war ich wirk­lich davon aus­ge­gan­gen, daß der prie­ster­li­che Dienst eines Neu­ge­weih­ten (und die damit ver­bun­de­nen Auf­ga­ben) in den Gemein­den mit offe­nen Armen emp­fan­gen wer­de. Dies war jedoch nicht der Fall. Es gab das übli­che Durch­ein­an­der mit Fami­li­en­got­tes­dienst­krei­sen, mit Lai­en­pre­digt und Inter­kom­mu­ni­on sowie die zer­mür­ben­den Dis­kus­sio­nen um das Frau­en­prie­ster­tum und die Stel­lung des Lai­en.


Mir wur­de des­halb sehr bald die Not­wen­dig­keit einer Soli­da­ri­sie­rung mit ande­ren Geist­li­chen bewußt. Gott sei Dank mach­te mir die Begeg­nung mit Dr. Rod­heudt und ande­ren Prie­stern deut­lich, daß ich nicht der ein­zi­ge war, der unter gewal­ti­gem Lei­dens­druck stand. So for­mu­lier­ten wir im Herbst 2001 die Magna Char­ta des Netz­werks katho­li­scher Prie­ster: Wir set­zen uns ein für die unver­kürz­te Ver­kün­di­gung der katho­li­schen Leh­re, für die ord­nungs­ge­mä­ße Spen­dung der Sakra­men­te und für die kon­se­quen­te Wahr­neh­mung prie­ster­li­cher Lei­tungs­auf­ga­ben.

Im Grun­de geht es hier um Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten. Jeder Beam­te, jeder Arzt und jeder Jurist ver­pflich­tet sich zur Ein­hal­tung sei­ner Stan­des­pflich­ten und sei­ner Dienst­ord­nung. Daß die Treue zu den Wei­he­ver­spre­chen bei Prie­stern zu Kon­flik­ten in der kon­kre­ten Gemein­de­seel­sor­ge führt, ist eine trau­ri­ge Erkennt­nis, die wir tag­täg­lich machen müs­sen.

Unser Ziel ist es, ande­ren Geist­li­chen Mut zu machen, sich bei der Aus­übung ihres Dien­stes an die Leh­re und Ord­nung der Kir­che zu hal­ten. Nicht zuletzt möch­ten wir auch den Ver­ant­wort­li­chen der Diö­ze­sen den Rücken stär­ken. Denn auch die Bischö­fe sind bei der Aus­übung ihres Dien­stes nicht sel­ten in die Sach­zwän­ge ihrer Appa­ra­te ver­strickt.

Wenn Sie sagen, daß zu Ihrer Kaplan­zeit der typi­sche „katho­li­sche“ All­tag aus Lai­en­pre­digt, Inter­kom­mu­ni­on und Dis­kus­sio­nen um das Frauen­amt und die wei­te­re Her­vor­he­bung der Lai­en­funk­tio­nen geprägt war, stellt sich die Fra­ge nach Füh­rung durch den Bischof und auch nach der wis­sen­schaft­lich theo­lo­gi­schen Dis­kus­si­on. Sind die Bischö­fe, sind die Uni­ver­si­täts­theo­lo­gen, sind die Leh­ren­den in den Semi­na­ren an dem Zustand mit­ver­ant­wort­lich?

Es ist nicht ganz unge­fähr­lich, die­se Fra­ge direkt zu beant­wor­ten, das wer­den Sie ver­ste­hen. Sagen wir es indi­rekt: In mei­ner Semi­nar- und Stu­di­en­zeit waren die Wor­te „Ratz­in­ger“ und „vor­kon­zi­li­ar“ Schimpf­wor­te, mit denen man einen Semi­na­ri­sten sozi­al und theo­lo­gisch kalt­stel­len konn­te. Da ich nicht aus dem katho­li­schen Mil­lieu kom­me, habe ich das am Anfang mit gro­ßer Ver­wun­de­rung wahr­ge­nom­men. Mir wur­de erst lang­sam klar, daß sich die „recht­gläu­bi­gen“ Prie­ster soli­da­ri­sie­ren müs­sen — ein im Grun­de geno­men abstru­ser Gedan­ke, denn woge­gen soll man sich soli­da­ri­sie­ren, wenn man doch katho­lisch und in der Kir­che zuhau­se ist?

Ein wei­te­rer Gedan­ke: Sicher ist den mei­sten Bischö­fen mitt­ler­wei­le unwohl, wenn sie wahr­neh­men, wie weit die Gemein­de­wirk­lich­keit aus dem Ruder gelau­fen ist. Ich kann mir nicht vor­stel­len, daß ihnen das gefällt. Aber trotz Papst-Eupho­rie und der angeb­li­chen „Wie­der­kehr der Reli­gi­on“: Es wird Genera­tio­nen dau­ern, bis in Deutsch­land wie­der ein nor­ma­les katho­li­sches Leben mög­lich ist. Was über Jahr­zehn­te ver­wahr­lost ist, kann nicht über Nacht wie­der auf­ge­baut wer­den. Den­ken Sie nur an die feh­len­de Buß­pra­xis und den ehr­furchts­lo­sen Kom­mu­nion­emp­fang bei Anläs­sen wie Erst­kom­mu­ni­on etc. Wie wol­len Sie das kor­ri­gie­ren?

Und schließ­lich: Nach­dem bereits Johan­nes Paul II. in meh­re­ren Instruk­tio­nen die Bischö­fe ange­fleht hat­te, in Sachen Lit­ur­gie und Dis­zi­plin die Ein­hal­tung der kano­ni­schen Vor­ga­ben zu über­wa­chen, hat er sich in „redemp­tio­nis sacra­men­tum“ (2004) direkt an die Gläu­bi­gen gewandt und sie an ihr Recht erin­nert, sich bei ent­spre­chen­den Miß­bräu­chen auch direkt in Rom zu beschwe­ren. Die­ses Vor­ge­hen des Pap­stes muß doch gar nicht wei­ter kom­men­tiert wer­den. Wie wür­den Sie sich dabei füh­len, wenn Sie Bischof wären? Die Empö­rung in den ent­spre­chen­den Krei­sen war ver­ständ­li­cher­wei­se groß. Ich habe dar­in eine gewis­se „Not­wehr“ des Pap­stes und sei­ner Kon­gre­ga­tio­nen gese­hen. Sie wuß­ten ein­fach nicht mehr wei­ter, und des­we­gen haben sie die Gläu­bi­gen direkt um Hil­fe ange­ru­fen. Ein unge­wöhn­li­ches Vor­ge­hen, nicht wahr?

Sie spre­chen Ihre Kaplans­zeit an, geht es Ihnen heu­te bes­ser? Sind Sie voll und ganz Pfar­rer, ohne die von Ihnen auf­ge­zähl­ten Pro­ble­me? Dür­fen Sie heu­te „Hard­li­ner“ sein?

Machen wir uns nichts vor: Ein Gemein­de­pfar­rer, der zumin­dest ver­sucht, sich kon­se­quent an die Vor­ga­ben des Kir­chen­rechts und die Leh­re der Kir­che zu hal­ten, voll­führt einen bestän­di­gen „Tanz auf dem Vul­kan“. Hier vor Ort wur­den schon mehr­fach Unter­schrif­ten gesam­melt, die gegen mich und mei­ne Amts­füh­rung gerich­tet waren. Man braucht also eine robu­ste Gesund­heit, ein star­kes Ner­ven­ko­stüm und ein paar gleich­ge­sinn­te Prie­ster­freun­de, sonst hält man das nicht aus.

Wenn ein Prie­ster in Ver­dacht gerät, zu „spal­ten“ oder zu „pola­ri­sie­ren“, dann wackelt sein Stuhl. Ich habe das erst jüngst bei einem Mit­bru­der aus näch­ster Nähe mit­ver­folgt, als er in sei­ner neu­en Gemein­de gegen den lit­ur­gi­schen Wild­wuchs vor­ge­hen woll­te. Zum Schluß wur­de er ver­setzt, obwohl er zwei­fel­los im Recht war.

Um aus der Defen­si­ve her­aus­zu­kom­men, hilft nach mei­ner Erfah­rung fol­gen­des: Die Ableh­nung, die ein Prie­ster auf­grund sei­ner glau­bens­treu­en Hal­tung erfährt, kann er teil­wei­se kom­pen­sie­ren, wenn er anson­sten „ein net­ter Kerl“ ist, der sich um die Leu­te küm­mert, bei Außen­ste­hen­den aner­kannt und ins­be­son­de­re bei Kin­dern und Jugend­li­chen beliebt ist. Kin­der und Jugend­li­che urtei­len nach dem Her­zen und nicht danach, ob der Pfar­rer im karier­ten Hemd oder in Sou­ta­ne kommt.

Die­se Aner­ken­nung ist ein Kapi­tal, das dem Prie­ster einen gewis­sen Schutz gewährt. Aber eine Garan­tie ist das zwei­fel­los nicht. Und im Grun­de ist die­ses Vor­ge­hen ja auch etwas skur­ril. Wenn mich Leu­te in der Pfar­rei direkt ken­nen­ler­nen, sagen sie oft: „Sie sind ja ganz nett. Wir hat­ten ganz ande­re Din­ge über sie gehört.“ Das ist ja schon fast come­dy-reif, wenn es nicht so trau­rig wäre.

War­um sind Sie (noch) Prie­ster? Kön­nen Sie emp­feh­len, das Prie­ster­tum anzu­stre­ben? Auf der einen Sei­te kann man ja auch stolz sein, den wah­ren Glau­ben unver­fälscht zu ver­tre­ten, zu prak­ti­zie­ren und zu ver­tei­di­gen.

Mei­ne eige­ne Beru­fung zum Prie­ster­tum kam nicht auf dem Hin­ter­grund von Pfar­rei­er­fah­run­gen, son­dern über ver­schie­de­ne Ordens­ge­mein­schaf­ten zustan­de. Den­noch glau­be ich, daß ich in der Pfar­rei zur Zeit am rich­ti­gen Ort bin. Aller­dings: Die Lebens­wirk­lich­keit des Gemein­de­pfar­rers ist momen­tan kei­ne Wer­bung für den Prie­ster­nach­wuchs. Jun­ge Leu­te sagen mir das ganz unver­ho­len. Wer möch­te schon in einem Kli­ma laten­ten Miß­trau­ens gegen das katho­li­sche Prie­ster­tum leben? Wer will es sich als Prie­ster antun, daß sei­ne Voll­macht und Kom­pe­tenz als Hir­te und Leh­rer der Gemein­de per­ma­nent ange­zwei­felt wird? Kein Kaf­fee­kränz­chen ohne Dis­kus­si­on über Zöli­bat und Frau­en­feind­lich­keit — wer hat Lust dazu? Und schließ­lich: Die soge­nann­te „koope­ra­ti­ve Pasto­ral“ mit ihren unüber­schau­ba­ren „Seel­sorgs­kol­cho­sen“ und demo­kra­tisch orga­ni­sier­ten „Pasto­ral­teams“ ist hier — gelin­de gesagt — eben­falls nicht hilf­reich im Hin­blick auf das Wecken von Beru­fun­gen.

Den­noch: Die Prie­ster­be­ru­fung ist natür­lich eine gro­ße Gna­de. Das Prie­ster­tum gehört zum Größ­ten, was der Herr sei­ner Kir­che anver­traut hat. Nicht zufäl­lig sagt der Hei­li­ge Pfar­rer von Ars, der ja der Patron der Prie­ster ist: Der Prie­ster müß­te vor Ehr­furcht ster­ben, wenn er sei­ne Wür­de erkennt.

Die Grün­dung des Netz­wer­kes Katho­li­scher Prie­ster war für mich per­sön­lich „Ret­tung in letz­ter Sekun­de“: Das Prie­ster­netz­werk hat mich mit ande­ren Prie­stern ver­bun­den, die mehr­heit­lich Gemein­de­pfar­rer sind und die sich für eine glau­bens­treue Amts­füh­rung ein­set­zen. Nicht weni­ge Pfar­rer haben hier lei­der längst resi­gniert. Sie sind in Ordens­ge­mein­schaf­ten ein­ge­tre­ten oder sind in die Son­der­seel­sor­ge oder in die „neu­en geist­li­chen Bewe­gun­gen“ geflüch­tet. Man­che pas­sen sich an und emp­fin­den ihr Gehalt als eine Art „Schmer­zens­geld“. Soweit wol­len wir es nicht kom­men las­sen. Wir wol­len den libe­ra­len Kräf­ten nicht kampf­los das Feld der Gemein­de­seel­sor­ge über­las­sen. Denn unse­rer Erfah­rung nach spielt die Pfar­rei bei der Erneue­rung der Kir­che eine zen­tra­le Rol­le.

Joseph Ratz­in­ger ist nun Bene­dikt XVI., und alle fin­den es pri­ma, Sie haben also Recht bekom­men.

In der Tat wür­de sich eine gewis­sen Scha­den­freu­de ein­stel­len, wenn das nicht eine unchrist­li­che Hal­tung wäre. Die deut­schen Intel­li­genz­blät­ter titel­ten wäh­rend des Kon­kla­ves unab­läs­sig: „Deut­sche wol­len einen Reform­papst“. Nun haben sie einen Reform­papst bekom­men — einen, der bei­spiels­wei­se den neu­en Meß­ri­tus refor­mie­ren will auf dem Hin­ter­grund der über­lie­fer­ten Mes­se. Man könn­te hier schon sagen: Der Lie­be Gott hat Humor.

Ande­rer­seits ist die Lage hier vor Ort viel zu ver­fah­ren, als daß eine Tri­um­ph­po­se ange­mes­sen wäre. Wie gesagt, das gegen­wär­ti­ge Pon­ti­fi­kat ist ein Glücks­fall, aber es wird Jahr­zehn­te dau­ern, bis die Schä­den der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on in der Kir­che auf­ge­ar­bei­tet sind.

Wie sieht die Arbeit des Netz­werks prak­tisch aus?

Wir tref­fen uns in regio­na­len Grup­pen, um dem Ein­zel­nen bei prak­ti­schen Fra­gen bei­zu­ste­hen. Dar­über hin­aus gibt es eine Art Mate­ri­al­bör­se für die pasto­ra­le Pra­xis. Wir orga­ni­sie­ren theo­lo­gi­sche und lit­ur­gi­sche Fort­bil­dun­gen in Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Prie­ster­krei­sen, außer­dem Exer­zi­ti­en und Wall­fahr­ten.

Am wich­tig­sten ist jedoch der mit­brü­der­li­che Aus­tausch und die Bereit­schaft, für­ein­an­der ein­zu­ste­hen. Hier bie­ten wir Bera­tung an — auch im recht­li­chen Sin­ne. Da dies dis­kret gesche­hen muß, ist die­se Arbeit hin­ter den Kulis­sen weni­ger bekannt, aber sie ist unser eigent­li­ches Feld. Ich ver­schwei­ge auch nicht, daß wir mit den ver­schie­den­sten Kle­ri­kern, Orga­ni­sa­tio­nen und Initia­ti­ven ver­netzt sind. Der Aus­tausch von Infor­ma­tio­nen ist in unse­rer Gesell­schaft ein zen­tra­les Ele­ment.

Davon mal abge­se­hen: Wir kön­nen aber auch ganz nor­ma­le Din­ge tun, zum Bei­spiel im Krei­se der Mit­brü­der lustig sein. Wir pas­sen nicht in das Kli­schee, das von kon­ser­va­ti­ven Prie­stern oft gezeich­net wird: Alt, ver­bit­tert, kon­takt­ge­stört. Die mei­sten Prie­ster, die bei uns mit­ma­chen, sind über­ra­schend jung, kom­mu­ni­ka­tiv und auf­ge­schlos­sen — ins­be­son­de­re auch was moder­ne Medi­en wie z.B. das Inter­net angeht.

Sie spre­chen die jun­gen Prie­ster des Netz­werk an, kön­nen Sie das auch von den Gläu­bi­gen sagen? Wen­den die­se sich auch eher von den „Räte­ge­mein­den“ ab und ver­lan­gen eine Seel­sor­ge auf der Grund­la­ge des unver­fälsch­ten katho­li­schen Glau­bens? Es ist immer wie­der zu lesen, daß gera­de jun­ge und alte Men­schen sich zum Bei­spiel über das Motu pro­prio Summorum Pon­ti­fi­cum freu­en, eher in die alte Mes­se gehen wol­len, und die Genera­ti­on 68 in den Insti­tu­tio­nen der „Räte­pra­xis“ hän­gen.

In der Tat ist es so, daß jün­ge­re Men­schen, also Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne, vor­be­halt­lo­ser und ideo­lo­gie­frei­er sowohl mit dem Alten Ritus wie auch mit tra­di­tio­nel­len For­men des katho­li­schen Glau­bens umge­hen. Sie wis­sen nicht, daß man die vor­kon­zi­lia­re Kir­che als „böse“ ein­zu­ord­nen hat und daß alles, was nach dem Kon­zil kam, in jedem Fall als „gut“ zu bewer­ten ist. Und wenn sie sol­che Äuße­run­gen von ihren Eltern hören, über­neh­men sie die­se Deu­tung nicht ein­fach. Schließ­lich haben zahl­lo­se jun­ge Leu­te 2005 dem Papst zuge­ju­belt — einem Mann, der von ihren Eltern noch weit­ge­hend ver­teu­felt wor­den ist. Hier fin­det tasäch­lich ein Para­dig­men­wech­sel statt.

Den­noch wird die­ser Tat­be­stand in sei­nen Aus­wir­kun­gen auf die kon­kre­te Pasto­ral vor Ort oft­mals übeschätzt — nicht zuletzt des­we­gen, weil bei neo­kon­ser­va­ti­ven Ver­an­stal­tun­gen und Kon­gres­sen das Bild von den soge­nann­ten „Geist­li­chen Bewe­gun­gen“ geprägt wird. Die­se Bewe­gun­gen brin­gen es in der Tat fer­tig, im Hand­um­dre­hen 50–100 jun­ge Leu­te auf die Büh­ne und auf Podi­en zu brin­gen, so daß dann der Ein­druck ent­steht, die katho­li­sche Kir­che fän­de bei der Jugend und bei jun­gen Erwach­se­nen enthu­sia­sti­sche Zustim­mung. Auch die kon­ser­va­ti­ven Medi­en grei­fen sol­che Bil­der natür­lich aus Eigen­in­ter­es­se ger­ne auf. Ich per­sön­lich glau­be, daß der oben ange­deu­te­te Para­dig­men­wech­sel eher zu lang­fri­sti­gen Ver­än­de­run­gen füh­ren wird. Auch das katho­li­sche Estab­lish­ment, das die Räte­land­schaft und die Ordi­na­ria­te noch weit­ge­hend beherrscht, ist ja von die­sem Stim­mungs­wech­sel nicht ganz unbe­rührt geblie­ben. Aber bis sich die­ser Kli­ma­wan­del in der kon­kre­ten Wirk­lich­keit unse­rer Kir­che aus­wirkt, wird es noch ein bis zwei Genera­tio­nen dau­ern. Dazu ist das Werk der Zer­stö­rung, das die 68-er Genera­ti­on auch im Raum der Kir­che ange­rich­tet hat, all­zu tief­grei­fend.

Des­halb: In den mei­sten Pfar­rei­en gibt es — vor­sich­tig gesagt — zur Zeit kei­nen Über­schuß an jun­gen Leu­ten. Die Gemein­de­rea­li­tät sieht lei­der anders aus. Es ist auch zu bedau­ern, daß in der gesam­ten Dis­kus­si­on über die kirch­li­che Ent­wick­lung unter Bene­dikt XVI. in den sel­ten­sten Fäl­len ein­fa­che Gemein­de­seel­sor­ger zu Wort kom­men. Die Dis­kus­si­on füh­ren haupt­säch­lich Prie­ster aus den geist­li­chen Gemein­schaf­ten oder aber Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren, die in der Regel nicht wis­sen, wie das Lebens­ge­fühl eines Land­pfar­rers mit sei­nen drei, vier oder fünf Gemein­den ist. Manch­mal fragt man sich, wo das Heer begei­ster­ter Jugend­li­cher geblie­ben ist nach dem Welt­ju­gend­tag in Köln oder ähn­li­chen „Events“, Kon­gres­sen oder Wall­fahr­ten. Sie kom­men in der All­tags­wirk­lich­keit der Gemein­den kaum vor.

Noch ein Wort zu den „geist­li­chen Bewe­gun­gen“, die in der Tat auf jun­ge Leu­te eine gewis­se Fas­zi­na­ti­on aus­üben. Nach mei­ner Über­zeu­gung sind sie eher ein Sym­ptom der kirch­li­chen Kri­se als deren Heil­mit­tel. Es ist psy­cho­lo­gisch ja gut nach­voll­zieh­bar, daß sich Jugend­li­che und auch ent­spre­chend gesinn­te Prie­ster lie­ber in einem geist­lich anspre­chen­den, reli­gi­ös und kirch­lich ent­schie­de­nen Kli­ma tum­meln als in den extrem ver­bür­ger­lich­ten Nie­de­run­gen einer nor­ma­len Pfarr­ge­mein­de. Doch die­se Ten­denz führt zu dem schon beschrie­be­nen Aus­ein­an­der­drif­ten von Gemein­de einer­seits und Grup­pen­wirk­lich­keit and­rer­seits. Hier gibt es auch gegen­sei­ti­ge Vor­be­hal­te und eine Abschot­tung, die schon an Sek­tie­rer­tum grenzt. Noch­mals: So ver­ständ­lich das gan­ze rein mensch­lich gese­hen ist: Die Kri­se der Orts­ge­mein­de wird hier­durch eher noch ver­schärft.

Haben die Mit­glie­der des Netz­wer­kes Ver­pflich­tun­gen? Beten Sie um Prie­ster­be­ru­fun­gen, oder zele­brie­ren Sie Mes­sen für die­ses Anlie­gen? Unter­stützt das Netz­werk Semi­na­ri­sten, zum Bei­spiel durch per­sön­li­che Beglei­tung?

Wir gehen davon aus, daß die Prie­ster des Netz­wer­kes eine Soli­dar­ge­mein­schaft des Gebe­tes bil­den — natür­lich auch und ins­be­son­de­re bei der Dar­brin­gung des Hei­li­gen Meß­op­fers. Unse­re Tref­fen die­nen ja unter ande­rem auch dazu, den Mit­brü­dern die eige­nen Gebets­an­lie­gen mit­zu­tei­len. Es ist von gro­ßer Bedeu­tung, daß sich die Prie­ster gegen­sei­tig dar­an erin­nern: Unser frucht­bar­stes Apo­sto­lat, unse­re wich­tig­ste Auf­ga­be und unser vor­ran­gi­ger Dienst besteht im Gebet für die Gläu­bi­gen und für die Prie­ster bzw. die gesam­te Kir­che. Das kann in einer Zeit, in der die Öffent­lich­keit die Prie­ster über­wie­gend nach äußer­li­chen Kri­te­ri­en wie z.B. nach dem Volu­men ihres Ter­min­ka­len­ders bewer­tet, nicht ein­dring­lich genug her­vor­ge­ho­ben wer­den. Auch das Gebet um Beru­fun­gen hat hier im Leben des Prie­sters sei­nen festen Platz, ohne daß wir eine kon­kre­te Gebets­ver­pflich­tung für die Netz­werk-Prie­ster aus­spre­chen.

Das Prie­ster­netz­werk ist ja gera­de nicht eine geist­li­che Gemein­schaft wie z.B. das „Opus Dei“ oder die „Maria­ni­sche Prie­ster­be­we­gung“. Wir woll­ten uns bewußt auf kei­ne „Grün­der­spi­ri­tua­li­tät“ fest­le­gen, um mög­lichst vie­len Mit­brü­dern die Mög­lich­keit zu geben, sich mit den Zie­len des Netz­wer­kes — eben die treue Erfül­lung der Wei­he­ver­spre­chen zu iden­ti­fi­zie­ren. Und wir begrü­ßen es, wenn die Mit­brü­der dar­über hin­aus in ihren geist­li­chen Gemein­schaf­ten behei­ma­tet blei­ben. Das Prie­ster­netz­werk ist hier kei­ne Kon­kur­renz.

Was die Semi­na­ri­sten anbe­langt, so sind die­se in der Regel vor­sich­tig, was die Kon­takt­auf­nah­me zum Prie­ster­netz­werk anbe­langt. Lei­der herrscht in vie­len Semi­na­ri­en noch der Geist der 68er. Ich weiß aus zuver­läs­si­ger Quel­le, daß in Krei­sen von Jung­prie­stern die Paro­le aus­ge­ge­ben wur­de: „Mit dem Netz­werk zu kon­tak­tie­ren, ist kar­rie­re­ge­fähr­dend“. Des­we­gen ver­ste­hen wir es gut, daß die Semi­na­ri­sten und übri­gens auch die Kaplä­ne eher auf Distanz zum Netz­werk blei­ben. Vie­le wol­len sich erst ein­mal im Bis­tum eta­blie­ren, bevor sie expli­zit Far­be beken­nen. Aber unser News­let­ter, den wir regel­mä­ßig ver­sen­den, wird von den unter­schied­lich­sten Leu­ten abon­niert, da kön­nen Sie sicher sein.

Was ist Ihr größ­ter Wunsch an die Bischö­fe, an den Papst?

Es steht uns eigent­lich nicht zu, Wün­sche an Papst und Bischö­fe zu äußern, wir sind dies­be­züg­lich auch noch nie gefragt wor­den. Aber wo Sie nun die Fra­ge stel­len: Es ist unser drin­gen­der Wunsch, daß das sakra­men­tal ver­an­ker­te, unver­wech­sel­ba­re Pro­fil des Prie­sters als Hir­te und Leh­rer der Gemein­de mit Ent­schie­den­heit ver­tei­digt wird — ins­be­son­der gegen die Ent­stel­lun­gen durch die soge­nann­te „koope­ra­ti­ve Pasto­ral“ und ande­re rela­ti­vi­sti­sche Ten­den­zen, wel­che die Sub­stanz des Prie­ster­tums gefähr­den und den Prie­ster zu einem reli­giö­sen Funk­tio­när nach pro­te­stan­ti­schem Zuschnitt machen. Aus mei­nen Wor­ten haben Sie ent­neh­men kön­nen, daß wir im Netz­werk nicht der Mei­nung sind, durch die Wahl Bene­dikts XVI. sei die Kri­se der Kir­che im Kern über­wun­den, im Gegen­teil: Unter der Ober­flä­che einer her­bei­ge­re­de­ten „Wie­der­kehr der Reli­gi­on“ set­zen bestimm­te Kräf­te ihr Zer­stö­rungs­werk fort. Wir kön­nen die Ver­ant­wort­li­chen nur anfle­hen, daß sie sich nicht in trü­ge­ri­scher Sicher­heit wie­gen, son­dern daß sie umkeh­ren und alles in ihrer Macht Ste­hen­de tun, um das Prie­ster­tum zu erneu­ern. Denn ohne eine sol­che Erneue­rung kann es kei­ne Erneue­rung der Kir­che geben.

Die Fra­gen stell­te Jens Falk

Sie­he auch Web-Sei­te des Prie­ster­netz­wer­kes.