Die Menschheitsfamilie, eine Gemeinschaft des Friedens — Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum Weltfriedenstag 2008

Wir doku­men­tie­ren die Bot­schaft von Papst Bene­dikt zum Welt­frie­dens­tag 2008 im Wortlaut:

BOTSCHAFT
SEINER HEILIGKEIT
PAPST BENEDIKT XVI.
ZUR FEIER DES
WELTFRIEDENSTAGES
1. JANUAR 2008
LIBRERIA EDITRICE VATICANA
VATIKANSTADT
DIE MENSCHHEITSFAMILIE,
EINE GEMEINSCHAFT DES FRIEDENS 

 

1. ZU BEGINN DES NEUEN JAHRES möch­te ich den Men­schen in aller Welt mei­nen inni­gen Frie­dens­wunsch und zugleich eine herz­li­che Bot­schaft der Hoff­nung über­mit­teln. Das tue ich, indem ich zum gemein­sa­men Nach­den­ken über das The­ma anre­ge, das ich an den Anfang die­ser Bot­schaft gestellt habe und das mir beson­ders am Her­zen liegt: Die Mensch­heits­fa­mi­lie, eine Gemein­schaft des Frie­dens. Die erste Form der Gemein­sam­keit zwi­schen Men­schen ist die, wel­che aus der Lie­be zwi­schen einem Mann und einer Frau her­vor­geht, die ent­schlos­sen sind, sich auf immer zusam­men­zu­schlie­ßen, um mit­ein­an­der eine neue Fami­lie auf­zu­bau­en. Doch auch die Völ­ker der Erde sind auf­ge­ru­fen, unter­ein­an­der Bezie­hun­gen der Soli­da­ri­tät und der Zusam­men­ar­beit zu schaf­fen, wie sie sich für Glie­der der einen Mensch­heits­fa­mi­lie gezie­men. „Alle Völ­ker sind eine ein­zi­ge Gemein­schaft“, hat das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil gesagt, „sie haben den­sel­ben Ursprung, da Gott das gan­ze Men­schen­ge­schlecht auf dem gesam­ten Erd­kreis woh­nen ließ (vgl. Apg 17,26); auch haben sie Gott als ein und das­sel­be letz­te Ziel“. (Erkl. Nostra aeta­te, 1.)

Fami­lie, Gesell­schaft und Frieden

2. Die auf die Ehe zwi­schen einem Mann und einer Frau gegrün­de­te natür­li­che Fami­lie als inni­ge Gemein­schaft des Lebens und der Lie­be (Vgl. Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Past. Konst. Gau­di­um et spes, 48) ist der „erste Ort der ‚Huma­ni­sie­rung’ der Per­son und der Gesell­schaft“, (Johan­nes Paul II., Apo­sto­li­sches Schrei­ben Chri­sti­fi­de­les lai­ci, 40: AAS 81 (1989) 469) die „Wie­ge des Lebens und der Lie­be“ (Ebd.). Zu Recht wird dar­um die Fami­lie als die erste natür­li­che Gesell­schaft bezeich­net, als „eine gött­li­che Ein­rich­tung, die als Pro­to­typ jeder sozia­len Ord­nung das Fun­da­ment des Lebens der Per­so­nen bil­det“ (Päpst­li­cher Rat für Gerech­tig­keit und Frie­den, Kom­pen­di­um der Sozi­al­leh­re der Kir­che, Nr.211).

3. Tat­säch­lich macht man in einem gesun­den Fami­li­en­le­ben die Erfah­rung eini­ger grund­sätz­li­cher Kom­po­nen­ten des Frie­dens: Gerech­tig­keit und Lie­be unter den Geschwi­stern, die Funk­ti­on der Auto­ri­tät, die in den Eltern ihren Aus­druck fin­det, der lie­be­vol­le Dienst an den schwäch­sten – weil klei­nen oder kran­ken oder alten – Glie­dern, die gegen­sei­ti­ge Hil­fe in den Bedürf­nis­sen des Lebens, die Bereit­schaft, den Ande­ren anzu­neh­men und ihm nöti­gen­falls zu ver­zei­hen. Des­we­gen ist die Fami­lie die erste und uner­setz­li­che Erzie­he­rin zum Frie­den. So ist es nicht ver­wun­der­lich, daß inner­fa­mi­liä­re Gewalt als beson­ders untrag­bar emp­fun­den wird. Wenn also die Fami­lie als „Grund- und Lebens­zel­le der Gesell­schaft“ (Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Dekret Apo­sto­li­cam actuo­si­tatem, 11) bezeich­net wird, ist damit etwas Wesent­li­ches aus­ge­drückt. Die Fami­lie ist das Fun­da­ment der Gesell­schaft auch des­halb, weil sie die Mög­lich­keit zu ent­schei­den­den Erfah­run­gen von Frie­den bie­tet. Dar­aus folgt, daß die mensch­li­che Gemein­schaft auf den Dienst, den die Fami­lie lei­stet, nicht ver­zich­ten kann. Wo könn­te der Mensch in der Pha­se sei­ner Prä­gung bes­ser ler­nen, die unver­fälsch­te Atmo­sphä­re des Frie­dens zu genie­ßen, als im ursprüng­li­chen „Nest“, das die Natur ihm vor­be­rei­tet? Der fami­liä­re Wort­schatz ist ein Wort­schatz des Frie­dens; aus ihm muß man immer wie­der schöp­fen, um das Voka­bu­lar des Frie­dens nicht zu ver­ler­nen. In der Infla­ti­on der Spra­che darf die Gesell­schaft den Bezug zu jener „Gram­ma­tik“ nicht ver­lie­ren, die jedes Klein­kind aus den Gesten und Blicken von Mut­ter und Vater auf­nimmt, noch bevor es sie aus ihren Wor­ten erlernt.

4. Da der Fami­lie die Auf­ga­be der Erzie­hung ihrer Glie­der zukommt, hat sie spe­zi­fi­sche Rech­te. Die All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te, die eine Errun­gen­schaft einer Rechts­kul­tur von wirk­lich uni­ver­sel­lem Wert dar­stellt, bestä­tigt: „Die Fami­lie ist die natür­li­che Grund­ein­heit der Gesell­schaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesell­schaft und Staat“. (Art. 16/3). Der Hei­li­ge Stuhl hat sei­ner­seits der Fami­lie eine beson­de­re recht­li­che Wür­de zuer­kannt, indem er die Char­ta der Fami­li­en­rech­te ver­öf­fent­lich­te. In der Prä­am­bel heißt es: „Die Rech­te der Per­son haben, auch wenn sie als Rech­te des Indi­vi­du­ums for­mu­liert sind, eine grund­le­gen­de gesell­schaft­li­che Dimen­si­on, die in der Fami­lie ihren urei­gent­li­chen und vita­len Aus­druck fin­det“. (Päpst­li­cher Rat für die Fami­lie, Char­ta der Fami­li­en­rech­te, 24. Novem­ber 1983, Prä­am­bel, A.) Die in der Char­ta auf­ge­stell­ten Rech­te sind Aus­druck und deut­li­che Dar­le­gung des Natur­rech­tes, das ins Herz des Men­schen ein­ge­schrie­ben ist und ihm durch die Ver­nunft offen­bar wird. Die Leug­nung oder auch Ein­schrän­kung der Rech­te der Fami­li­en bedroht, indem sie die Wahr­heit über den Men­schen ver­dun­kelt, die Grund­la­gen des Frie­dens selbst.

5. Wer die Ein­rich­tung der Fami­lie behin­dert – und sei es auch unbe­wußt –, macht also den Frie­den in der gesam­ten natio­na­len und inter­na­tio­na­len Gemein­schaft brü­chig, denn er schwächt das, was tat­säch­lich die wich­tig­ste „Agen­tur“ des Frie­dens ist. Dies ist ein Punkt, der einer beson­de­ren Über­le­gung wert ist: Alles, was dazu bei­trägt, die auf die Ehe eines Man­nes und einer Frau gegrün­de­te Fami­lie zu schwä­chen, was direkt oder indi­rekt die Bereit­schaft der Fami­lie zur ver­ant­wor­tungs­be­wuß­ten Annah­me eines neu­en Lebens lähmt, was ihr Recht, die erste Ver­ant­wort­li­che für die Erzie­hung der Kin­der zu sein, hin­ter­treibt, stellt ein objek­ti­ves Hin­der­nis auf dem Weg des Frie­dens dar. Die Fami­lie braucht ein Heim, sie braucht die Arbeit bzw. die gerech­te Aner­ken­nung der häus­li­chen Tätig­keit der Eltern, eine Schu­le für die Kin­der und eine medi­zi­ni­sche Grund­ver­sor­gung für alle. Wenn Gesell­schaft und Poli­tik sich nicht dafür ein­set­zen, der Fami­lie auf die­sen Gebie­ten zu hel­fen, brin­gen sie sich um eine wesent­li­che Quel­le im Dienst des Frie­dens. Beson­ders die Mas­sen­me­di­en haben wegen der erzie­he­ri­schen Mög­lich­kei­ten, über die sie ver­fü­gen, eine spe­zi­el­le Ver­ant­wor­tung, die Ach­tung der Fami­lie zu för­dern, ihre Erwar­tun­gen und Rech­te dar­zu­le­gen und ihre Schön­heit herauszustellen.
Die Mensch­heit ist eine gro­ße Familie

6. Auch die sozia­le Gemein­schaft muß sich, um im Frie­den zu leben, an den Wer­ten ori­en­tie­ren, auf die sich die fami­liä­re Gemein­schaft stützt. Das gilt für die ört­li­chen wie für die natio­na­len Gemein­schaf­ten; es gilt sogar für die Völ­ker­ge­mein­schaft, für die Mensch­heits­fa­mi­lie, die in jenem gemein­sa­men Haus wohnt, das die Erde ist. Unter die­sem Gesichts­punkt darf man jedoch nicht ver­ges­sen, daß die Fami­lie aus dem ver­ant­wor­tungs­vol­len und defi­ni­ti­ven Ja eines Man­nes und einer Frau her­vor­geht und von dem bewuß­ten Ja der Kin­der lebt, die nach und nach dazu­kom­men. Um zu gedei­hen, braucht die fami­liä­re Gemein­schaft das groß­her­zi­ge Ein­ver­neh­men aller ihrer Glie­der. Es ist nötig, daß die­ses Bewußt­sein auch zur gemein­sa­men Über­zeu­gung aller wird, die beru­fen sind, die all­ge­mei­ne Mensch­heits­fa­mi­lie zu bil­den. Man muß fähig sein, per­sön­lich Ja zu die­ser Beru­fung zu sagen, die Gott eigens in unse­re Natur ein­ge­schrie­ben hat. Wir leben nicht zufäl­lig neben­ein­an­der; als Men­schen sind wir alle auf dem­sel­ben Weg und dar­um gehen wir ihn als Brü­der und Schwe­stern. Des­halb ist es wesent­lich, daß jeder sich bemüht, sein Leben in einer Hal­tung der Ver­ant­wort­lich­keit vor Gott zu leben, indem er in Ihm den Urquell der eige­nen Exi­stenz wie auch jener der ande­ren erkennt. In der Rück­be­sin­nung auf die­sen höch­sten Ursprung kön­nen der unbe­ding­te Wert eines jeden Men­schen wahr­ge­nom­men und so die Vor­aus­set­zun­gen für den Auf­bau einer ver­söhn­ten Mensch­heit geschaf­fen wer­den. Ohne die­ses tran­szen­den­te Fun­da­ment ist die Gesell­schaft nur eine Ansamm­lung von Nach­barn, nicht eine Gemein­schaft von Brü­dern und Schwe­stern, die beru­fen sind, eine gro­ße Fami­lie zu bilden.

Fami­lie, mensch­li­che Gemein­schaft und Umwelt

7. Die Fami­lie braucht ein Heim, eine ihr ange­mes­se­ne Umge­bung, in der sie ihre Bezie­hun­gen knüp­fen kann. Für die Mensch­heits­fa­mi­lie ist die­ses Heim die Erde, die Umwelt, die Gott, der Schöp­fer, uns gege­ben hat, damit wir sie mit Krea­ti­vi­tät und Ver­ant­wor­tung bewoh­nen. Wir müs­sen für die Umwelt Sor­ge tra­gen: Sie ist dem Men­schen anver­traut, damit er sie in ver­ant­wort­li­cher Frei­heit bewahrt und kul­ti­viert, wobei sein Ori­en­tie­rungs­maß­stab immer das Wohl aller sein muß. Natür­lich besitzt der Mensch einen Wert­vor­rang gegen­über der gesam­ten Schöp­fung. Die Umwelt zu scho­nen heißt nicht, die Natur oder die Tier­welt wich­ti­ger ein­zu­stu­fen als den Men­schen. Es bedeu­tet viel­mehr, sie nicht in ego­isti­scher Wei­se als völ­lig ver­füg­bar für die eige­nen Inter­es­sen anzu­se­hen, denn auch die kom­men­den Genera­tio­nen haben das Recht, aus der Schöp­fung Nut­zen zu zie­hen, indem sie ihr gegen­über die­sel­be ver­ant­wort­li­che Frei­heit zum Aus­druck brin­gen, die wir für uns bean­spru­chen. Eben­so dür­fen die Armen nicht ver­ges­sen wer­den, die in vie­len Fäl­len von der all­ge­mei­nen Bestim­mung der Güter der Schöp­fung aus­ge­schlos­sen sind. Heu­te bangt die Mensch­heit um das künf­ti­ge öko­lo­gi­sche Gleich­ge­wicht. Es ist gut, dies­be­züg­li­che Ein­schät­zun­gen mit Bedacht­sam­keit, im Dia­log zwi­schen Exper­ten und Gelehr­ten, ohne ideo­lo­gi­sche Beschleu­ni­gun­gen auf über­eil­te Schluß­fol­ge­run­gen hin vor­zu­neh­men; vor allem soll­te dabei ein annehm­ba­res Ent­wick­lungs­mo­dell gemein­sam ver­ein­bart wer­den, das unter Beach­tung des öko­lo­gi­schen Gleich­ge­wichts das Wohl­erge­hen aller gewähr­lei­stet. Wenn der Umwelt­schutz mit Kosten ver­bun­den ist, müs­sen die­se gerecht ver­teilt wer­den, indem man die Unter­schie­de in der Ent­wick­lung der ver­schie­de­nen Län­der und die Soli­da­ri­tät mit den kom­men­den Genera­tio­nen berück­sich­tigt. Bedacht­sam­keit bedeu­tet nicht, kei­ne eige­ne Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und Ent­schei­dun­gen auf­zu­schie­ben; es bedeu­tet viel­mehr, es sich zur Pflicht zu machen, nach ver­ant­wor­tungs­be­wuß­ter Abwä­gung gemein­sam zu ent­schei­den, wel­cher Weg ein­zu­schla­gen ist, mit dem Ziel, jenen Bund zwi­schen Mensch und Umwelt zu stär­ken, der ein Spie­gel der Schöp­fer­lie­be Got­tes sein soll – des Got­tes, in dem wir unse­ren Ursprung haben und zu dem wir unter­wegs sind.

8. Grund­le­gend ist in die­sem Zusam­men­hang, die Erde als „unser gemein­sa­mes Haus“ zu „emp­fin­den“ und für ihre Nut­zung im Dien­ste aller eher den Weg des Dia­logs zu wäh­len als den der ein­sei­ti­gen Ent­schei­dun­gen. Falls nötig, kön­nen die insti­tu­tio­nel­len Stel­len auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne ver­mehrt wer­den, um gemein­sam die Lei­tung die­ses unse­res „Hau­ses“ in Angriff zu neh­men; noch mehr kommt es jedoch dar­auf an, im all­ge­mei­nen Bewußt­sein die Über­zeu­gung rei­fen zu las­sen, daß eine ver­ant­wort­li­che Zusam­men­ar­beit not­wen­dig ist. Die Pro­ble­me, die sich am Hori­zont abzeich­nen, sind kom­plex, und die Zeit drängt. Um der Situa­ti­on wirk­sam ent­ge­gen­zu­tre­ten, bedarf es der Über­ein­stim­mung im Han­deln. Ein Bereich, in dem es beson­ders not­wen­dig wäre, den Dia­log zwi­schen den Natio­nen zu inten­si­vie­ren, ist jener der Ver­wal­tung der Ener­gie­quel­len des Pla­ne­ten. Eine zwei­fa­che Dring­lich­keit stellt sich dies­be­züg­lich den tech­nisch fort­ge­schrit­te­nen Län­dern: Einer­seits müs­sen die durch das aktu­el­le Ent­wick­lungs­mo­dell beding­ten hohen Kon­sum-Stan­dards über­dacht wer­den, und ande­rer­seits ist für geeig­ne­te Inve­sti­tio­nen zur Dif­fe­ren­zie­rung der Ener­gie­quel­len und für die Ver­bes­se­rung der Ener­gie­nut­zung zu sor­gen. Die Schwel­len­län­der haben Ener­gie­be­darf, doch manch­mal wird die­ser Bedarf zum Scha­den der armen Län­der gedeckt, die wegen ihrer auch tech­nisch unge­nü­gen­den Infra­struk­tu­ren gezwun­gen sind, die in ihrem Besitz befind­li­chen Ener­gie-Res­sour­cen unter Preis zu ver­schleu­dern. Manch­mal wird sogar ihre poli­ti­sche Frei­heit in Fra­ge gestellt durch For­men von Pro­tek­to­rat oder zumin­dest von Abhän­gig­kei­ten, die sich ein­deu­tig als demü­ti­gend erweisen.

Fami­lie, mensch­li­che Gemein­schaft und Wirtschaft

9. Eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung für den Frie­den in den ein­zel­nen Fami­li­en ist, daß sie sich auf ein soli­des Fun­da­ment gemein­sam aner­kann­ter gei­sti­ger und ethi­scher Wer­te stüt­zen. Dazu ist aber ergän­zend zu bemer­ken, daß die Fami­lie eine ech­te Erfah­rung von Frie­den macht, wenn kei­nem das Nöti­ge fehlt und das fami­liä­re Ver­mö­gen – die Frucht der Arbeit eini­ger, des Spa­rens ande­rer und der akti­ven Zusam­men­ar­beit aller – gut ver­wal­tet wird in Soli­da­ri­tät, ohne Unmä­ßig­kei­ten und ohne Ver­schwen­dun­gen. Für den fami­liä­ren Frie­den ist also einer­seits die Öff­nung auf ein tran­szen­den­tes Erbe an Wer­ten not­wen­dig, ande­rer­seits aber ist es zugleich nicht bedeu­tungs­los, sowohl die mate­ri­el­len Güter klug zu ver­wal­ten als auch die zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen mit Umsicht zu pfle­gen. Eine Ver­nach­läs­si­gung die­ses Aspek­tes hat zur Fol­ge, daß auf­grund der unsi­che­ren Aus­sich­ten, wel­che die Zukunft der Fami­lie bedro­hen, das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en Scha­den nimmt.

10. Ähn­li­ches ist über jene ande­re gro­ße Fami­lie zu sagen, wel­che die Mensch­heit im Gan­zen ist. Auch die Mensch­heits­fa­mi­lie, die heu­te durch das Phä­no­men der Glo­ba­li­sie­rung noch enger ver­eint ist, braucht außer einem Fun­da­ment an gemein­sam aner­kann­ten Wer­ten eine Wirt­schaft, die wirk­lich den Erfor­der­nis­sen eines All­ge­mein­wohls in welt­wei­ten Dimen­sio­nen gerecht wird. Die Bezug­nah­me auf die natür­li­che Fami­lie erweist sich auch unter die­sem Gesichts­punkt als beson­ders auf­schluß­reich. Zwi­schen den ein­zel­nen Men­schen und unter den Völ­kern müs­sen kor­rek­te und ehr­li­che Bezie­hun­gen geför­dert wer­den, die allen die Mög­lich­keit geben, auf einer Basis der Pari­tät und der Gerech­tig­keit zusam­men­zu­ar­bei­ten. Zugleich muß man sich um eine klu­ge Nut­zung der Res­sour­cen und um eine gerech­te Ver­tei­lung der Güter bemü­hen. Im Beson­de­ren müs­sen die den armen Län­dern gewähr­ten Hil­fen den Kri­te­ri­en einer gesun­den wirt­schaft­li­chen Logik ent­spre­chen, indem Ver­schwen­dun­gen ver­mie­den wer­den, die letzt­lich vor allem der Erhal­tung kost­spie­li­ger büro­kra­ti­scher Appa­ra­te die­nen. Eben­falls gebüh­rend zu berück­sich­ti­gen ist der mora­li­sche Anspruch, dafür zu sor­gen, daß die wirt­schaft­li­che Orga­ni­sa­ti­on nicht nur den stren­gen Geset­zen des schnel­len Pro­fits ent­spricht, die sich als unmensch­lich erwei­sen können.

Fami­lie, mensch­li­che Gemein­schaft und Sittengesetz

11. Eine Fami­lie lebt im Frie­den, wenn alle ihre Glie­der sich einer gemein­sa­men Richt­li­nie unter­wer­fen: Die­se muß dem ego­isti­schen Indi­vi­dua­lis­mus weh­ren und die Ein­zel­nen zusam­men­hal­ten, indem sie ihre har­mo­ni­sche Koexi­stenz und ihren ziel­ge­rich­te­ten Fleiß för­dert. Das in sich schlüs­si­ge Prin­zip gilt auch für die grö­ße­ren Gemein­schaf­ten, von den loka­len über die natio­na­len bis hin zur inter­na­tio­na­len Gemein­schaft. Um Frie­den zu haben, bedarf es eines gemein­sa­men Geset­zes, das der Frei­heit hilft, wirk­lich sie selbst zu sein und nicht blin­de Will­kür, und das den Schwa­chen vor Über­grif­fen des Stär­ke­ren schützt. In der Völ­ker­fa­mi­lie ist viel will­kür­li­ches Ver­hal­ten zu ver­zeich­nen, sowohl inner­halb der ein­zel­nen Staa­ten als auch in den Bezie­hun­gen der Staa­ten unter­ein­an­der. Dazu gibt es zahl­rei­che Situa­tio­nen, in denen der Schwa­che sich nicht etwa den Erfor­der­nis­sen der Gerech­tig­keit beu­gen muß, son­dern der unver­hoh­le­nen Kraft des­sen, der über mehr Mit­tel ver­fügt als er. Es ist nötig, dies noch ein­mal zu bekräf­ti­gen: Die Macht muß immer durch das Gesetz gezü­gelt wer­den, und das hat auch in den Bezie­hun­gen zwi­schen sou­ve­rä­nen Staa­ten zu geschehen.

12. Über die Natur und die Funk­ti­on des Geset­zes hat die Kir­che sich vie­le Male geäu­ßert: Die Rechts­norm, wel­che die Bezie­hun­gen der Men­schen unter­ein­an­der regelt, indem sie das äuße­re Ver­hal­ten dis­zi­pli­niert und auch Stra­fen für die Über­tre­ter vor­sieht, hat als Kri­te­ri­um das auf der Natur der Din­ge beru­hen­de Sit­ten­ge­setz. Die­ses kann im übri­gen – zumin­dest in sei­nen Grund­for­de­run­gen – von der mensch­li­chen Ver­nunft ein­ge­se­hen wer­den, die so auf die schöp­fe­ri­sche Ver­nunft Got­tes zurück­geht, die am Anfang aller Din­ge steht. Die­ses Sit­ten­ge­setz muß die Gewis­sens­ent­schei­dun­gen regeln und das gesam­te Ver­hal­ten der Men­schen lei­ten. Gibt es Rechts­nor­men für die Bezie­hun­gen zwi­schen den Natio­nen, wel­che die Mensch­heits­fa­mi­lie bil­den? Und wenn es sie gibt, sind sie wirk­sam? Die Ant­wort lau­tet: Ja, die Geset­ze exi­stie­ren, doch um zu errei­chen, daß sie tat­säch­lich wirk­sam wer­den, muß man auf das natür­li­che Sit­ten­ge­setz als Basis der Rechts­norm zurück­ge­hen, andern­falls ist die­se anfäl­li­gen und pro­vi­so­ri­schen Über­ein­kom­men überlassen.

13. Die Erkennt­nis des natür­li­chen Sit­ten­ge­set­zes ist dem Men­schen nicht ver­wehrt, wenn er in sich geht und ange­sichts sei­ner Bestim­mung sich nach der inne­ren Logik der tief­sten in sei­nem Wesen vor­han­de­nen Nei­gun­gen fragt. Er kann, wenn auch unter Unschlüs­sig­kei­ten und Unsi­cher­hei­ten, dahin gelan­gen, die­ses all­ge­mei­ne Sit­ten­ge­setz zumin­dest in sei­nen wesent­li­chen Zügen zu ent­decken – ein Gesetz, das jen­seits der kul­tu­rel­len Unter­schie­de den Men­schen ermög­licht, sich unter­ein­an­der über die wich­tig­sten Aspek­te von gut und böse, von gerecht und unge­recht zu ver­stän­di­gen. Es ist unver­zicht­bar, auf die­ses fun­da­men­ta­le Gesetz zurück­zu­ge­hen und für die­se Suche unse­re besten intel­lek­tu­el­len Ener­gien ein­zu­set­zen, ohne uns durch man­geln­de Ein­deu­tig­keit und Miß­ver­ständ­nis­se ent­mu­ti­gen zu las­sen. Tat­säch­lich fin­den sich, wenn auch bruch­stück­haft und nicht immer kohä­rent, im Natur­ge­setz ver­wur­zel­te Wer­te in den inter­na­tio­na­len Abkom­men, in den welt­weit aner­kann­ten For­men von Auto­ri­tät und in den Grund­sät­zen des huma­ni­tä­ren Rechts, das in die Gesetz­ge­bun­gen der ein­zel­nen Staa­ten oder in die Sta­tu­ten der inter­na­tio­na­len Orga­nis­men auf­ge­nom­men ist. Die Mensch­heit ist nicht „gesetz­los“. Trotz­dem ist es dring­lich, den Dia­log über die­se The­men fort­zu­set­zen und dabei Bestre­bun­gen zu unter­stüt­zen, auch die Gesetz­ge­bun­gen der ein­zel­nen Staa­ten für eine Aner­ken­nung der fun­da­men­ta­len Men­schen­rech­te zu öff­nen. Die Ent­wick­lung der Rechts­kul­tur in der Welt hängt unter ande­rem von dem Ein­satz ab, die inter­na­tio­na­len Nor­men immer mit einem zutiefst mensch­li­chen Gehalt zu erfül­len, um so zu ver­mei­den, daß sie sich auf Pro­ze­du­ren beschrän­ken, die ego­isti­schen oder ideo­lo­gi­schen Moti­ven zulie­be leicht zu umge­hen sind.

Über­win­dung der Kon­flik­te und Abrüstung

14. Die Mensch­heit erlebt heu­te lei­der tie­fe Spal­tun­gen und star­ke Kon­flik­te, die düste­re Schat­ten auf ihre Zukunft wer­fen. Wei­te Zonen des Pla­ne­ten sind in wach­sen­de Span­nun­gen ver­wickelt, wäh­rend die Gefahr, daß immer mehr Län­der in den Besitz von Nukle­ar­waf­fen gelan­gen, in jedem ver­ant­wor­tungs­be­wuß­ten Men­schen begrün­de­te Besorg­nis auf­kom­men läßt. Auf dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent toben noch vie­le Bür­ger­krie­ge, obwohl dort nicht weni­ge Län­der in der Frei­heit und in der Demo­kra­tie Fort­schrit­te gemacht haben. Der Mitt­le­re Osten ist nach wie vor Schau­platz von Kon­flik­ten und Atten­ta­ten, die auch angren­zen­de Natio­nen und Regio­nen beein­fluß­en und Gefahr lau­fen, sie in die Spi­ra­le der Gewalt hin­ein­zu­zie­hen. Auf einer all­ge­mei­ne­ren Ebe­ne ist mit Betrüb­nis fest­zu­stel­len, daß die Anzahl der in den Rüstungs­wett­lauf ver­wickel­ten Län­der zunimmt: Sogar Ent­wick­lungs­län­der wid­men einen bedeu­ten­den Teil ihres mage­ren Brut­to­in­lands­pro­dukts dem Kauf von Waf­fen. Die Ver­ant­wort­lich­kei­ten für die­sen ver­häng­nis­vol­len Han­del sind viel­fäl­tig: Da sind die Län­der der indu­stria­li­sier­ten Welt, die aus dem Waf­fen­ver­kauf rei­chen Gewinn zie­hen, und da sind die herr­schen­den Olig­ar­chien in vie­len armen Län­dern, die durch den Kauf immer höher ent­wickel­ter Waf­fen ihre Situa­ti­on stär­ken wol­len. In solch schwie­ri­gen Zei­ten ist wirk­lich die Mobi­li­sie­rung aller Men­schen guten Wil­lens not­wen­dig, um zu kon­kre­ten Ver­ein­ba­run­gen im Hin­blick auf eine wir­kungs­vol­le Ent­mi­li­ta­ri­sie­rung vor allem im Bereich der Nukle­ar­waf­fen zu kom­men. In die­ser Pha­se, da der Pro­zeß der nuklea­ren Non­pro­li­fe­ra­ti­on nicht von der Stel­le kommt, füh­le ich mich ver­pflich­tet, die Auto­ri­tä­ten dazu auf­zu­ru­fen, die Ver­hand­lun­gen für eine fort­schrei­ten­de und ver­ein­bar­te Abrü­stung der vor­han­de­nen Nukle­ar­waf­fen mit feste­rer Ent­schlos­sen­heit wie­der auf­zu­neh­men. Indem ich die­sen Appell erneue­re, weiß ich, daß ich damit den gemein­sa­men Wunsch all derer zum Aus­druck brin­ge, denen die Zukunft der Mensch­heit am Her­zen liegt.

15. Sech­zig Jah­re sind ver­gan­gen, seit die Orga­ni­sa­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen fei­er­lich die All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te ver­öf­fent­lich­te (1948–2008). Mit die­sem Doku­ment reagier­te die Mensch­heits­fa­mi­lie auf die Schrecken des Zwei­ten Welt­kriegs, indem sie ihre auf der glei­chen Wür­de aller Men­schen beru­hen­de Ein­heit aner­kann­te und ins Zen­trum des mensch­li­chen Zusam­men­le­bens die Ach­tung der Grund­rech­te der Ein­zel­nen und der Völ­ker stell­te: Das war ein ent­schei­den­der Schritt auf dem schwie­ri­gen und anspruchs­vol­len Weg zu Ein­tracht und Frie­den. Eine beson­de­re Erwäh­nung ver­dient auch der 25. Jah­res­tag der Annah­me der Char­ta der Fami­li­en­rech­te durch den Hei­li­gen Stuhl (1983–2008) sowie das 40jährige Jubi­lä­um der Fei­er des ersten Welt­frie­dens­tags (1968- 2008). Die­sen Tag zu bege­hen, war die Frucht einer glück­li­chen Intui­ti­on Papst Pauls VI., die mein lie­ber, ver­ehr­ter Vor­gän­ger Papst Johan­nes Paul II. mit gro­ßer Über­zeu­gung auf­ge­grif­fen hat. Die Fei­er bot im Lau­fe der Jah­re die Mög­lich­keit, durch die für den Anlaß ver­öf­fent­lich­ten Bot­schaf­ten eine erhel­len­de Leh­re der Kir­che zugun­sten die­ses grund­le­gen­den mensch­li­chen Gutes zu ent­wickeln. Gera­de im Licht die­ser bedeu­ten­den Jah­res­ta­ge lade ich jeden ein­zel­nen Men­schen ein, sich der gemein­sa­men Zuge­hö­rig­keit zu der einen Mensch­heits­fa­mi­lie noch kla­rer bewußt zu wer­den und sich dafür ein­zu­set­zen, daß das Zusam­men­le­ben auf der Erde immer mehr die­se Über­zeu­gung wider­spie­gelt, von der die Errich­tung eines wah­ren und dau­er­haf­ten Frie­dens abhängt. Zudem lade ich die Gläu­bi­gen ein, uner­müd­lich von Gott das gro­ße Geschenk des Frie­dens zu erfle­hen. Die Chri­sten ihrer­seits wis­sen, daß sie sich der Für­spra­che Mari­as anver­trau­en kön­nen. Sie, die Mut­ter des Soh­nes Got­tes, der für das Heil der gesam­ten Mensch­heit Fleisch ange­nom­men hat, ist Mut­ter aller.
Allen wün­sche ich ein fro­hes Neu­es Jahr!
Aus dem Vati­kan, am 8. Dezem­ber 2007