Seit Tagen sorgt in Italien eine Nachricht für Aufsehen, die längst über den lokalen Rahmen hinausgewachsen ist: In Casalba bei Capua soll eine Statue des heiligen Padre Pio eine Träne vergossen haben. Inzwischen beschäftigt der Fall nicht nur die italienischen Medien, sondern auch die Kirche.
Die Statue befindet sich derzeit unter Verschluß in den Räumen der Erzdiözese Capua. Don Girolamo Capuano, der zuerst von einem möglichen „Zeichen des Himmels“ sprach, mahnt, nachdem er zur Diözesanleitung zitiert worden war, inzwischen zur Zurückhaltung. Fanatismus müsse vermieden werden, betont er, zugleich hält er jedoch daran fest, daß die Tränen „nicht Menschenwerk“ seien.
Noch ist es zu früh für ein Urteil der diözesanen Untersuchungskommission, heißt es von der Diözese. Unter den Gläubigen scheint sich jedoch bereits die Überzeugung gefestigt zu haben. Die Verehrung Padre Pios wird unabhängig vom Ausgang der Untersuchungen keinen Schaden nehmen.
Besondere Aufmerksamkeit fand die Nachricht auch in Pietrelcina, dem Geburtsort des Kapuzinerheiligen. Die Menschen dort sind seit Jahrzehnten mit Berichten über Wunder, Zeichen und außergewöhnliche Phänomene vertraut.
Vincenzo Mastronardi, Präsident des Verschönerungs- und Fremdenverkehrsvereins von Pietrelcina, erklärte, es brauche keine Träne Padre Pios, um zu erkennen, daß die Welt sich auf einem gefährlichen Weg befinde. Kriege, gesellschaftliche Spaltungen und der Verlust von Werten seien Warnzeichen genug. Der Glaube selbst müsse zur Umkehr führen.
Vatikanist Stefano Campanella, Direktor von Padre Pio TV und Biograph des Heiligen, mahnt zur Vorsicht. Die Kirche habe solche Vorgänge stets mit großer Strenge geprüft. Zudem verweist er auf die neuen Normen des Glaubensdikasteriums von 2024. Heute gehe es nicht darum, vorschnell ein Wunder festzustellen,so Campanella, sondern die lehrmäßige Unbedenklichkeit und die geistlichen Früchte eines Ereignisses zu prüfen.
In der Tat bieten die neuen Normen gar nicht mehr die Möglichkeit, die Übernatürlichkeit eines Phänomens anzuerkennen. Rom erklärte sich unter der Ägide von Papst Franziskus und Glaubenspräfekt Victor Manuel „Tucho“ Fernández außerstande, ein übernatürlichen Phänomen zu bestätigen. Allein der pastorale Aspekt wird seither geprüft und bewertet.
Ein unerklärliches Phänomen sei noch kein göttliches Zeichen, mahnt daher Campanella, ganz auf dieser neuen Linie, und erinnert dabei an die jahrzehntelangen Untersuchungen der Stigmata Padre Pios. Damals habe der Vatikan mit äußerster Gründlichkeit geprüft, ob natürliche oder sogar dämonische Ursachen ausgeschlossen werden könnten.
Gerade dieser Vergleich zeigt weniger, wie vorsichtig die Kirche bei angeblich übernatürlichen Ereignissen vorgeht, sondern wohl mehr, wie sehr sie eine solche Möglichkeit gar nicht mehr in Betracht zu ziehen scheint. Tatsächlich käme eine weinende Statue von Pater Pio für die vatikanischen Vertreter des bergoglianischen Geistes wohl wenig gelegen.
In Pietrelcina ist die geistliche Gestalt Padre Pios lebendig. Fortunato Grottola, Guardian des dortigen Kapuzinerklosters, erinnert daran, daß der Heilige den christlichen Glauben konkret lebte – durch Gebet, Opfer, Leidensbereitschaft und Werke der Nächstenliebe. Vor allem seine Treue zur Kirche, auch in schweren Zeiten, beeindrucke bis heute.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Erklärung für die starke Wirkung des Falls von Casalba: Nicht irgendeine mögliche Träne bewegt die Menschen, sondern der Umstand, daß Pater Pio diese Träne vergossen haben könnte. Ein Heiliger, der mit deutlichen Worten zur Umkehr mahnte, vor Fehlentwicklungen in der Kirche warnte und die erste nachkonziliare Liturgiereform von 1965 ablehnte. Bis an sein Lebensende zelebrierte der Kapuziner einzig den überlieferten Römischen Ritus. Die große Liturgiereform von 1969 erlebte er nicht mehr mit, da er am 23. September 1968 aus dieser Welt abberufen wurde.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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