„Gestürmt und gedemütigt“ — Der Umbau des Instituts Johannes Paul II. durch Franziskus und die „sexuelle Revolution im Vatikan“

Papst Franziskus "säubert" da Päpstliche Institut Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie für "Amoris Laetitia"
Papst Franziskus "säubert" das Päpstliche Institut Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie für "Amoris Laetitia"

(Rom) Der Theo­lo­ge Andrea Gril­lo, über­zeug­ter Ber­go­glia­ner, ent­hüll­te in einem Kommentar„den Plan hin­ter den unglaub­li­chen Ernen­nun­gen“ (Il Timo­ne) an der Spit­ze des Päpst­li­chen Insti­tuts Johan­nes Paul II. für Stu­di­en zu Ehe und Fami­lie, die am Mitt­woch durch Papst Fran­zis­kus erfolgt sind.

Die Umbe­set­zun­gen bedeu­ten eine Neu­aus­rich­tung des von Johan­nes Paul II. errich­te­ten inter­na­tio­na­len Zen­trums, das 25 Jah­re Bewah­rer und För­de­rer „des authen­ti­schen Lehr­am­tes der Kir­che“ im Bereich Ehe und Fami­lie war. Der Ein­griff von Papst Fran­zis­kus bedeu­tet „die Anwen­dung der von Bene­dikt XVI. beklag­ten ‚Her­me­neu­tik des Bru­ches‘ des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils auf die­ses Insti­tut und auf die Moral­theo­lo­gie gene­rell, und im beson­de­ren die Über­win­dung des lehr­amt­li­chen Erbes über Sexua­li­tät, Leben und Fami­lie von Paul VI. und Johan­nes Paul II“, so das katho­li­sche Monats­ma­ga­zin Il Timo­ne.

„Familiaris Consortio“ war gestern, heute ist „Amoris Laetitia“

Der schwer­wie­gen­de per­so­nel­le Ein­griff legt nahe, daß nicht nur Hand an das nach­syn­oda­le Schrei­ben Fami­lia­ris Con­sor­tio von Johan­nes Paul II., son­dern auch an die pro­phe­ti­sche Enzy­kli­ka Huma­nae vitae von Paul VI. gelegt wer­den soll.

Pier­an­ge­lo Seque­ri wur­de zum neu­en Direk­tor und Kuri­en­erz­bi­schof Vin­cen­zo Paglia zum neu­en Groß­kanz­ler des Päpst­li­chen Insti­tuts ernannt. Auf her­aus­ra­gen­de Ver­tre­ter der katho­li­sche Ehe- und Fami­li­en­leh­re, wie Kar­di­nal Car­lo Caf­farra, Kar­di­nal Ange­lo Sco­la und Msgr. Livio Meli­na, die seit Bestehen das Insti­tut nach­ein­an­der gelei­tet haben, folgt nun Seque­ri. „Der Über­gang ist groß, stark und über­ra­schend, vor allem weil er par­al­lel zu eini­gen gene­rel­len Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jah­re erfolgt“, so Gril­lo.

Das Insti­tut Johan­nes Paul II. wur­de 1981 im sel­ben Jahr gegrün­det, in dem Fami­lia­ris Con­sor­tio ver­öf­fent­licht wur­de und steht mit die­sem in direk­tem Zusam­men­hang. Die Grün­dung erfolg­te auf Wunsch des dama­li­gen Pap­stes, um die Theo­lo­gie und die Phi­lo­so­phie der Ehe und der Fami­lie, die als Prio­ri­tät des Pon­ti­fi­kats von Johan­nes Paul II. sicht­bar wur­de, zu stu­die­ren und zu ver­tie­fen.

Der Haupt­sitz befin­det sich an der Late­ran­uni­ver­si­tät in Rom. Fünf wei­te­re Nie­der­las­sun­gen ent­stan­den in den USA, Benin, Bra­si­li­en, Indi­en Mexi­ko, Spa­ni­en und Austra­li­en.

In die­sen 35 Jah­ren wur­den Tau­sen­de von Theo­lo­gen, Bischö­fen, Prie­stern, Pro­fes­so­ren und Seel­sor­ger im Bereich der „Theo­lo­gie und Anthro­po­lo­gie der Ehe“ aus­ge­bil­det. Der Ansatz, so Gril­lo sei sehr „klas­sisch“ gewe­sen, habe aber schnell ein star­kes apo­lo­ge­ti­sches Pro­fil erhal­ten und erleb­te nach der Enzy­kli­ka Veri­ta­tis Sple­ndor von 1994 die „schritt­wei­se Akzen­tu­ie­rung eines mora­li­schen Maxi­ma­lis­mus, der die Arbeit der ver­gan­ge­nen 20 Jah­re stark präg­te“.

Konträre Positionen zwischen Papst Franziskus und dem Päpstlichen Institut

Für die jüng­ste Ent­wick­lung war jedoch aus­schlag­ge­bend, was in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren seit dem Ende des Pon­ti­fi­kats von Bene­dikt XVI. gesche­hen ist. Die Töne zwi­schen der von Papst Fran­zis­kus gewoll­ten „Kir­che, die hin­aus­geht“ und dem Insti­tut wur­den immer rau­her.

Der Höhe­punkt der Span­nun­gen setz­te mit der Vor­be­rei­tung der Bischofs­syn­ode über die Fami­lie ein, als sich am Insti­tut die Über­zeu­gung durch­setz­te, daß Papst Fran­zis­kus die The­sen von Kar­di­nal Kas­per tei­le und die Wei­chen auf eine Ände­rung der katho­li­schen Moral­leh­re zu stel­len begann.

Msgr. Livio Melina
Msgr. Livio Meli­na

Pro­fes­so­ren ersten Ran­ges des Insti­tuts bezo­gen offen gegen die Kasper-„Öffnungen“ Stel­lung. Die Fol­ge war, daß Papst Fran­zis­kus kei­ne Ver­tre­ter des Insti­tuts als Syn­oda­len oder als Beob­ach­ter ernann­te. Die zum The­ma Ehe und Fami­lie qua­li­fi­zier­te­sten, „haus­ei­ge­nen“ Exper­ten blie­ben von der Syn­ode aus­ge­schlos­sen. Die Mar­gi­na­li­sie­rung durch den Papst ver­stärk­te die bereits vor­han­de­nen Befürch­tun­gen. Auch exter­ne Beob­ach­ter, denen das Über­ge­hen des Insti­tuts durch Fran­zis­kus nicht ent­gan­gen war, sahen dar­in eine Rich­tungs­ent­schei­dung des Pap­stes zugun­sten der Kas­per-The­sen.

Gril­lo muß tief in die rhe­tho­ri­sche Trick­ki­ste grei­fen, um einen „klei­nen Skan­dal“ zu fin­den, der als Strick für den bis­he­ri­gen Direk­tor die­nen soll­te. Der Prie­ster und Moral­theo­lo­ge Livio Meli­na, seit 2006 an der Spit­ze des Insti­tuts, hat­te bereits kurz vor der offi­zi­el­len Prä­sen­ta­ti­on des nach­syn­oda­len Schrei­bens Amo­ris Lae­ti­tia durch Kar­di­nal Chri­stoph Schön­born eine Kri­tik am päpst­li­chen Doku­ment ver­faßt und an die Stu­den­ten des Insti­tuts ver­teilt. Nach der Ver­öf­fent­li­chung des nach­syn­oda­len Schrei­bens am 8. April folg­ten meh­re­re Lehr­ver­an­stal­tun­gen, die sich kri­tisch mit der umstrit­te­nen Exhor­ta­tio befaß­ten. Das Insti­tut ver­trat dabei Posi­tio­nen in offe­nem Wider­spruch zu den päpst­li­chen „Öff­nun­gen“. Eine Hal­tung, die auf höch­ster Ebe­ne jeden­falls nicht gut ange­kom­men ist.

„Zu maximalistisch“

Msgr. Meli­na, der an der Gre­go­ria­na bei Kar­di­nal Caf­farra pro­mo­viert hat­te und meh­re­re Jah­re unter der Lei­tung von Kar­di­nal Ratz­in­ger an der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on tätig war, bevor er an das Päpst­li­che Insti­tut Johan­nes Paul II. beru­fen wur­de,  gilt als einer der inter­na­tio­nal bedeu­tend­sten katho­li­schen Moral­theo­lo­gen und Bio­ethi­ker. Sei­ne Posi­tio­nen schei­nen im Vati­kan aber nicht mehr gefragt.

Ber­go­glia­ner wie Gril­lo rümpf­ten bereits in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren die Nase über das Insti­tut, weil es „zu maxi­ma­li­stisch“ sei und Fami­lia­ris Con­sor­tio als „Säu­le des Hera­kles“ betrach­te. Um den päpst­li­chen Ein­griff zu recht­fer­ti­gen, warf Gril­lo nun dem Insti­tut sogar vor, daß das Fest­hal­ten an Fami­lia­ris Con­sor­tio in Sachen Ehe­theo­lo­gie „in den ver­gan­ge­nen Mona­ten eine fast patho­lo­gi­sche Form“ ange­nom­men habe.

Die Ver­tei­di­gung des Ehe­sa­kra­ments und der kirch­li­chen Moral­leh­re wur­de von ihm nicht nur als „Qua­si-Patho­lo­gie“ ver­un­glimpft, son­dern auch als „Abir­rung“ dar­ge­stellt. Die­ser sei nun durch die Ernen­nung von Pier­an­ge­lo Seque­ri „aber rich­ti­ger­wei­se ein Ende gesetzt“ wor­den. Gril­lo wört­lich: „Sym­bo­lisch öff­net sich nach einer Pha­se von 35 Jah­ren, die mit Fami­lia­ris Con­sor­tio begon­nen hat, weni­ge Mona­te nach Amo­ris Lae­ti­tia eine neue Pha­se. Nicht ohne Kon­ti­nui­tät mit dem Guten, das gemacht wur­de, aber auch nicht ohne Bruch mit allen Gren­zen die­ser Erfah­rung.“

Der neue Direktor

Der neue Direk­tor Pier­an­ge­lo Seque­ri ent­stammt dem Kle­rus des Erz­bis­tums Mai­land. 1968 zum Prie­ster geweiht, ist Seque­ri älter als der von ihm abge­lö­ste Meli­na. Der Fun­da­men­tal­theo­lo­ge Seque­ri wur­de vor allem als Musi­ker bekannt, unter ande­rem durch sei­ne Zusam­men­ar­beit mit der Musik­grup­pe Gen Ver­de der Foko­lar­be­we­gung. Seit 2010 gehört er der von Bene­dikt XVI. errich­te­ten inter­na­tio­na­len Med­ju­g­or­je-Unter­su­chungs­kom­mis­si­on an und war seit 2012 Rek­tor der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät Nord­ita­li­ens. Mit dem Päpst­li­chen Insti­tut Johan­nes Paul II. hat­te er bis­her nicht zu tun.

Pierangelo Sequeri
Pier­an­ge­lo Seque­ri

Wel­che Linie von ihm als neu­er Direk­tor dort zu erwar­ten ist, erhellt der Sam­mel­band „Fami­lie und Kir­che“ (Famiglia e Chie­sa, LEV, 2015). Der neue Groß­kanz­ler, Kuri­en­erz­bi­schof Vin­cen­zo Paglia, hat­te im Früh­jahr 2015 in sei­ner Funk­ti­on als Vor­sit­zen­der des Päpst­li­chen Fami­li­en­ra­tes drei Semi­na­re zum The­ma der Bischofs­syn­ode durch­füh­ren las­sen. Die Refe­ren­ten waren im enge­ren und wei­te­ren Sinn aus­nahms­los Kas­pe­ria­ner. Ihre Vor­trä­ge soll­ten die „Öff­nun­gen“ mit Blick auf die ent­schei­den­de Bischofs­syn­ode im Okto­ber 2015 unter­mau­ern und wur­den als Sam­mel­band vom Vati­kan­ver­lag ver­öf­fent­licht. Die Ver­tei­di­ger der kirch­li­chen Moral­leh­re, ob Kar­di­nä­le oder Syn­oda­le, muß­ten sich die Ver­la­ge für ihre Publi­ka­tio­nen sel­ber suchen.

Seque­ris Bei­trag ent­hält „ein klei­nes, gro­ßes Pro­gramm zumin­dest für die näch­sten 20 Jah­re des Insti­tuts“, so Gril­lo erfreut. „Man ändert Kurs, ver­läßt den Hafen, segelt auf das offe­ne Meer. Der Kapi­tän kennt die Rou­te und hat kei­ne Angst. Es wird nicht nur die kirch­li­che, son­dern auch die welt­li­che Fami­li­en­kul­tur Nut­zen dar­aus zie­hen, die ihn viel­leicht eben­so not­wen­dig hat. Auch zu die­ser Kul­tur zu spre­chen, ist plötz­lich wie­der neu mög­lich gewor­den.“ Mit die­sen Wor­ten fei­ert Gril­lo den päpst­li­chen Ein­griff, mit dem Fran­zis­kus eine „Festung des Ehe­sa­kra­ments und der Moral­leh­re“ (Kar­di­nal Caf­farra), die 35 Jah­re stand­ge­hal­ten hat­te, mit einem Feder­strich schleif­te.

Il Timo­ne spricht  davon, daß Papst Fran­zis­kus das Päpst­li­che Insti­tut Johan­nes Paul II. für Stu­di­en zu Ehe und Fami­lie „gestürmt und gede­mü­tigt“ habe, um „die sexu­el­le Revo­lu­ti­on im Vati­kan“ durch­zu­set­zen. Die wirk­li­che „Revo­lu­ti­on“ von Papst Fran­zis­kus erfolgt durch Ernen­nun­gen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL




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2 Kommentare

  1. Ich hat­te in Wien eini­ge Dis­pu­te mit Katho­li­ken, die in kirch­li­chen oder kir­chen­na­hen Insti­tu­tio­nen beschäf­tigt sind. Sie woll­ten kei­ne Kri­tik an der Poli­tik von Papst Fran­zis­kus und an AL hören. Das führ­te zu per­sön­lich bedau­er­li­chen Kon­se­quen­zen.

    Ich wie­der­ho­le hier mei­ne Auf­for­de­rung an die­se „papst­treu­en“ Funk­tio­nä­re und Mit­ar­bei­ter nun auf die­sem Weg (katholisches.info wird ja weit­hin gele­sen):

    Wenn das Inter­na­tio­nal Theo­lo­gi­cal Insti­tu­te, Tru­mau (vor­mals Gaming), das bekannt­lich beson­ders den Stu­di­en zu Ehe und Fami­lie im Sinen von Johan­nes Paul II. gewid­met ist, das Insti­tut für Ehe und Fami­lie der Österr. Bischofs­kon­fe­renz und die Initia­ti­ve Christ­li­cher Fami­li­en nicht sofort in aller Klar­heit Stel­lung gegen den der­zei­ti­gen Wahn­sinn aus Rom bezie­hen, dann haben alle die­se Ein­rich­tun­gen ihre Auf­ga­ben­stel­lung ver­fehlt. Alle wei­te­ren Stel­lung­nah­men zu son­sti­gen The­men wer­den irrele­vant sein.

    JETZT, mei­ne Her­ren, sind Wahr­heits­lie­be und Tap­fer­keit gefragt! Möge dabei die Ari­sto­kra­tie mit gutem Bei­spiel vor­an­ge­hen!

    Auch ande­re Ein­rich­tun­gen und Publi­ka­tio­nen gibt es, die jetzt die Stim­me im Sin­ne der Wahr­heit erhe­ben müß­ten, an erster Stel­le Radio Maria Öster­reich, das ein­mal durch­aus viel­ver­spre­chend ange­fan­gen hat, aber immer mehr in die schön­born­sche Poli­tik abge­glit­ten ist und dem Ver­neh­men nach genau in die­se Rich­tung Druck und Zen­sur auf Bei­tra­gen­de aus­übt.

    • Auch in Radio Hor­eb wird Papst Fran­zis­kus und sei­ne Theo­lo­gie der Ver­wir­rung und des Ver­falls, stets nur geprie­sen und beweih­raeu­chert, so dass der Pro­gramm­di­rek­tor all­seits bemüht ist, die neu­en Fehl­trit­te des ach so ver­kann­ten Pap­stes wie­der ins rech­te Licht zu rücken und mit sei­ner unkom­pli­zier­ten, argen­ti­ni­schen Art zu ent­schul­di­gen. Auch hier wer­den die Hörer gehirn­ge­wa­schen und für dumm ver­kauft, wo Schwei­gen das klei­ne­re Übel wäre. Wenn es da mal kein böses Erwa­chen gibt!

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