Karlspreis für eine „multikulturelle Identität“ Europas — Ansprache von Papst Franziskus

Karlspreis: Verleihung an Papst Franziskus

Verleihung des Karlspreises
Ansprache von Papst Franziskus

Sala Regia
Freitag, 6. Mai 2016

Sehr ver­ehr­te Gäste,

herz­lich hei­ße ich Sie will­kom­men und dan­ke Ihnen, dass Sie da sind. Ein beson­de­rer Dank gilt den Her­ren Mar­cel Phil­ipp, Jür­gen Lin­den, Mar­tin Schulz, Jean-Clau­de Juncker und Donald Tusk für ihre freund­li­chen Wor­te. Ich möch­te noch ein­mal mei­ne Absicht bekräf­ti­gen, den ehren­vol­len Preis, mit dem ich aus­ge­zeich­net wer­de, Euro­pa zu wid­men: Wir wol­len die Gele­gen­heit ergrei­fen, über die­ses fest­li­che Ereig­nis hin­aus gemein­sam einen neu­en kräf­ti­gen Schwung für die­sen gelieb­ten Kon­ti­nent zu wün­schen.

Die Krea­ti­vi­tät, der Geist, die Fähig­keit, sich wie­der auf­zu­rich­ten und aus den eige­nen Gren­zen hin­aus­zu­ge­hen, gehö­ren zur See­le Euro­pas. Im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert hat es der Mensch­heit bewie­sen, dass ein neu­er Anfang mög­lich war: Nach Jah­ren tra­gi­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die im furcht­bar­sten Krieg, an den man sich erin­nert, gip­fel­ten, ent­stand mit der Gna­de Got­tes etwas in der Geschich­te noch nie dage­we­se­nes Neu­es. Schutt und Asche konn­ten die Hoff­nung und die Suche nach dem Ande­ren, die im Her­zen der Grün­der­vä­ter des euro­päi­schen Pro­jekts brann­ten, nicht aus­lö­schen. Sie leg­ten das Fun­da­ment für ein Boll­werk des Frie­dens, ein Gebäu­de, das von Staa­ten auf­ge­baut ist, die sich nicht aus Zwang, son­dern aus frei­er Ent­schei­dung für das Gemein­wohl zusam­men­schlos­sen und dabei für immer dar­auf ver­zich­tet haben, sich gegen­ein­an­der zu wen­den. Nach vie­len Tei­lun­gen fand Euro­pa end­lich sich selbst und begann sein Haus zu bau­en.

Die­se „Fami­lie von Völ­kern“ ((Anspra­che an das Euro­päi­sche Par­la­ment, Straß­burg, 25. Novem­ber 2015.)) , die in der Zwi­schen­zeit lobens­wer­ter­wei­se grö­ßer gewor­den ist, scheint in jüng­ster Zeit die Mau­ern die­ses gemein­sa­men Hau­ses, die mit­un­ter in Abwei­chung von dem glän­zen­den Pro­jekt­ent­wurf der Väter errich­tet wur­den, weni­ger als sein Eigen zu emp­fin­den. Jenes Kli­ma des Neu­en, jener bren­nen­de Wunsch, die Ein­heit auf­zu­bau­en, schei­nen immer mehr erlo­schen. Wir Kin­der die­ses Trau­mes sind ver­sucht, unse­ren Ego­is­men nach­zu­ge­ben, indem wir auf den eige­nen Nut­zen schau­en und dar­an den­ken, bestimm­te Zäu­ne zu errich­ten. Den­noch bin ich über­zeugt, dass die Resi­gna­ti­on und die Müdig­keit nicht zur See­le Euro­pas gehö­ren und dass auch die „Schwie­rig­kei­ten zu macht­vol­len För­de­rern der Ein­heit wer­den kön­nen“ ((ebd)) .

Im Euro­päi­schen Par­la­ment habe ich mir erlaubt, von Euro­pa als Groß­mutter zu spre­chen. Zu den Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten sag­te ich, dass von ver­schie­de­nen Sei­ten der Gesamt­ein­druck eines müden und geal­ter­ten Euro­pa, das nicht frucht­bar und leben­dig ist, zuge­nom­men hat, wo die gro­ßen Idea­le, wel­che Euro­pa inspi­riert haben, ihre Anzie­hungs­kraft ver­lo­ren zu haben schei­nen; ein her­un­ter­ge­kom­me­nes Euro­pa, das sei­ne Fähig­keit, etwas her­vor­zu­brin­gen und zu schaf­fen, ver­lo­ren zu haben scheint. Ein Euro­pa, das ver­sucht ist, eher Räu­me zu sichern und zu beherr­schen, als Inklu­si­ons- und Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se her­vor­zu­brin­gen; ein Euro­pa, das sich „ver­schanzt“, anstatt Taten den Vor­rang zu geben, wel­che neue Dyna­mi­ken in der Gesell­schaft för­dern – Dyna­mi­ken, die in der Lage sind, alle sozia­len Hand­lungs­trä­ger (Grup­pen und Per­so­nen) bei der Suche nach neu­en Lösun­gen der gegen­wär­ti­gen Pro­ble­me ein­zu­be­zie­hen und dazu zu bewe­gen, auf dass sie bei wich­ti­gen histo­ri­schen Ereig­nis­sen Frucht brin­gen. Ein Euro­pa, dem es fern liegt, Räu­me zu schüt­zen, son­dern das zu einer Mut­ter wird, die Pro­zes­se her­vor­bringt (vgl. Apo­sto­li­sches Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um, 223).

Was ist mit dir los, huma­ni­sti­sches Euro­pa, du Ver­fech­te­rin der Men­schen­rech­te, der Demo­kra­tie und der Frei­heit? Was ist mit dir los, Euro­pa, du Hei­mat von Dich­tern, Phi­lo­so­phen, Künst­lern, Musi­kern, Lite­ra­ten? Was ist mit dir los, Euro­pa, du Mut­ter von Völ­kern und Natio­nen, Mut­ter gro­ßer Män­ner und Frau­en, die die Wür­de ihrer Brü­der und Schwe­stern zu ver­tei­di­gen und dafür ihr Leben hin­zu­ge­ben wuss­ten?

Der Schrift­stel­ler Elie Wie­sel, Über­le­ben­der der Nazi-Ver­nich­tungs­la­ger, sag­te, dass heu­te eine „Trans­fu­si­on des Gedächt­nis­ses“ grund­le­gend ist. Es ist not­wen­dig, „Gedächt­nis zu hal­ten“, ein wenig von der Gegen­wart Abstand zu neh­men, um der Stim­me unse­rer Vor­fah­ren zu lau­schen. Das Gedächt­nis wird uns nicht nur erlau­ben, nicht die­sel­ben Feh­ler der Ver­gan­gen­heit zu bege­hen (vgl. Evan­ge­lii gau­di­um, 108), son­dern gibt uns auch Zutritt zu den Errun­gen­schaf­ten, die unse­ren Völ­kern gehol­fen haben, die histo­ri­schen Kreu­zungs­we­ge, denen sie begeg­ne­ten, posi­tiv zu beschrei­ten. Die Trans­fu­si­on des Gedächt­nis­ses befreit uns von der oft attrak­ti­ve­ren gegen­wär­ti­gen Ten­denz, hastig auf dem Treib­sand unmit­tel­ba­rer Ergeb­nis­se zu bau­en, die »einen leich­ten poli­ti­schen Ertrag schnell und kurz­le­big erbrin­gen [könn­ten], aber nicht die mensch­li­che Fül­le auf­bau­en« (ebd., 224).

Zu die­sem Zweck wird es uns gut tun, die Grün­der­vä­ter Euro­pas in Erin­ne­rung zu rufen. Sie ver­stan­den es, in einem von den Wun­den des Krie­ges gezeich­ne­ten Umfeld nach alter­na­ti­ven, inno­va­ti­ven Wegen zu suchen. Sie hat­ten die Kühn­heit, nicht nur von der Idee Euro­pa zu träu­men, son­dern wag­ten, die Model­le, die bloß Gewalt und Zer­stö­rung her­vor­brach­ten, radi­kal zu ver­än­dern. Sie wag­ten, nach viel­sei­ti­gen Lösun­gen für die Pro­ble­me zu suchen, die nach und nach von allen aner­kannt wur­den.

Robert Schu­man sag­te bei dem Akt, den vie­le als die Geburts­stun­de der ersten euro­päi­schen Gemein­schaft aner­ken­nen: „Euro­pa lässt sich nicht mit einem Schla­ge her­stel­len und auch nicht durch eine ein­fa­che Zusam­men­fas­sung: Es wird durch kon­kre­te Tat­sa­chen ent­ste­hen, die zunächst eine Soli­da­ri­tät der Tat schaf­fen.“ ((Erklä­rung am 9. Mai 1950 im Salon de l’Horloge, Quai d’Orsay, Paris.)) Gera­de jetzt, in die­ser unse­rer zer­ris­se­nen und ver­wun­de­ten Welt, ist es not­wen­dig, zu die­ser Soli­da­ri­tät der Tat zurück­zu­keh­ren, zur sel­ben kon­kre­ten Groß­zü­gig­keit, der auf den Zwei­ten Welt­krieg folg­te, denn – wie Schu­man wei­ter aus­führ­te – »Der Frie­de der Welt kann nicht gewahrt wer­den ohne schöp­fe­ri­sche Anstren­gun­gen, die der Grö­ße der Bedro­hung ent­spre­chen.«. ((ebd.)) Die Plä­ne der Grün­der­vä­ter, jener Herol­de des Frie­dens und Pro­phe­ten der Zukunft, sind nicht über­holt: Heu­te mehr denn je regen sie an, Brücken zu bau­en und Mau­ern ein­zu­rei­ßen. Sie schei­nen einen ein­dring­li­chen Auf­ruf aus­zu­spre­chen, sich nicht mit kos­me­ti­schen Über­ar­bei­tun­gen oder gewun­de­nen Kom­pro­mis­sen zur Ver­bes­se­rung man­cher Ver­trä­ge zufrie­den zu geben, son­dern mutig neue, tief ver­wur­zel­te Fun­da­men­te zu legen. Wie Alci­de De Gas­pe­ri sag­te: »Von der Sor­ge um das Gemein­wohl unse­rer euro­päi­schen Vater­län­der, unse­res Vater­lan­des Euro­pa glei­cher­ma­ßen beseelt, müs­sen alle ohne Furcht eine kon­struk­ti­ve Arbeit wie­der neu begin­nen, die alle unse­re Anstren­gun­gen einer gedul­di­gen und dau­er­haf­ten Zusam­men­ar­beit erfor­dert.« ((Vgl. Rede auf der Euro­päi­schen Par­la­men­ta­ri­schen Kon­fe­renz, Paris, 21. April 1954.))

Die­se Über­tra­gung des Gedächt­nis­ses macht es uns mög­lich, uns von der Ver­gan­gen­heit inspi­rie­ren zu las­sen, um mutig dem viel­schich­ti­gen mehr­po­li­gen Kon­text unse­rer Tage zu begeg­nen und dabei ent­schlos­sen die Her­aus­for­de­rung anzu­neh­men, die Idee Euro­pa zu „aktua­li­sie­ren“ – eines Euro­pa, das imstan­de ist, einen neu­en, auf drei Fähig­kei­ten gegrün­de­ten Huma­nis­mus zur Welt zu brin­gen: Fähig­keit zur Inte­gra­ti­on, Fähig­keit zum Dia­log und Fähig­keit, etwas her­vor­zu­brin­gen.

Fähigkeit zur Integration

Erich Przy­wa­ra for­dert uns mit sei­nem groß­ar­ti­gen Werk Idee Euro­pa her­aus, sich die Stadt als eine Stät­te des Zusam­men­le­bens ver­schie­de­ner Ein­rich­tun­gen auf unter­schied­li­chen Ebe­nen vor­zu­stel­len. Er kann­te jene reduk­tio­ni­sti­sche Ten­denz, die jedem Ver­such, das gesell­schaft­li­che Gefü­ge zu den­ken und davon zu träu­men, inne­wohnt. Die vie­len unse­rer Städ­te inne­woh­nen­de Schön­heit ver­dankt sich der Tat­sa­che, dass es ihnen gelun­gen ist, die Unter­schie­de der Epo­chen, Natio­nen, Sti­le, Visio­nen in der Zeit zu bewah­ren. Es genügt, auf das unschätz­ba­re kul­tu­rel­le Erbe Roms zu schau­en, um noch ein­mal zu bekräf­ti­gen, dass der Reich­tum und der Wert eines Vol­kes eben dar­in wur­zelt, alle die­se Ebe­nen in einem gesun­den Mit­ein­an­der aus­zu­drücken zu wis­sen. Die Reduk­tio­nis­men und alle Bestre­bun­gen zur Ver­ein­heit­li­chung – weit ent­fernt davon, Wert her­vor­zu­brin­gen – ver­ur­tei­len unse­re Völ­ker zu einer grau­sa­men Armut: jene der Exklu­si­on. Und weit ent­fernt davon, Grö­ße, Reich­tum und Schön­heit mit sich zu brin­gen, ruft die Exklu­si­on Feig­heit, Enge und Bru­ta­li­tät her­vor. Weit ent­fernt davon, dem Geist Adel zu ver­lei­hen, bringt sie ihm Klein­lich­keit.

Die Wur­zeln unse­rer Völ­ker, die Wur­zeln Euro­pas festig­ten sich im Lau­fe sei­ner Geschich­te. Dabei lern­te es, die ver­schie­den­sten Kul­tu­ren, ohne sicht­li­che Ver­bin­dung unter­ein­an­der, in immer neu­en Syn­the­sen zu inte­grie­ren. Die euro­päi­sche Iden­ti­tät ist und war immer eine dyna­mi­sche und mul­ti­kul­tu­rel­le Iden­ti­tät.

Die Poli­tik weiß, dass sie vor die­ser grund­le­gen­den und nicht ver­schieb­ba­ren Arbeit der Inte­gra­ti­on steht. Wir wis­sen: »Das Gan­ze ist mehr als der Teil, und es ist auch mehr als ihre ein­fa­che Sum­me.« Dafür muss man immer arbei­ten und »den Blick aus­wei­ten, um ein grö­ße­res Gut zu erken­nen, das uns allen Nut­zen bringt« (Evan­ge­lii gau­di­um, 235). Wir sind auf­ge­for­dert, eine Inte­gra­ti­on zu för­dern, die in der Soli­da­ri­tät die Art und Wei­se fin­det, wie die Din­ge zu tun sind, wie Geschich­te gestal­tet wer­den soll. Es geht um eine Soli­da­ri­tät, die nie mit Almo­sen ver­wech­selt wer­den darf, son­dern als Schaf­fung von Mög­lich­kei­ten zu sehen ist, damit alle Bewoh­ner unse­rer – und vie­ler ande­rer – Städ­te ihr Leben in Wür­de ent­fal­ten kön­nen. Die Zeit lehrt uns gera­de, dass die bloß geo­gra­phi­sche Ein­glie­de­rung der Men­schen nicht aus­reicht, son­dern dass die Her­aus­for­de­rung in einer star­ken kul­tu­rel­len Inte­gra­ti­on besteht.

Auf die­se Wei­se wird die Gemein­schaft der euro­päi­schen Völ­ker die Ver­su­chung über­win­den kön­nen, sich auf ein­sei­ti­ge Para­dig­men zurück­zu­zie­hen und sich auf „ideo­lo­gi­sche Kolo­nia­li­sie­run­gen“ ein­zu­las­sen. So wird sie viel­mehr die Grö­ße der euro­päi­schen See­le wie­der­ent­decken, die aus der Begeg­nung von Zivi­li­sa­tio­nen und Völ­kern ent­stan­den ist, die viel wei­ter als die gegen­wär­ti­gen Gren­zen der Euro­päi­schen Uni­on geht und beru­fen ist, zum Vor­bild für neue Syn­the­sen und des Dia­logs zu wer­den. Das Gesicht Euro­pas unter­schei­det sich näm­lich nicht dadurch, dass es sich ande­ren wider­setzt, son­dern dass es die Züge ver­schie­de­ner Kul­tu­ren ein­ge­prägt trägt und die Schön­heit, die aus der Über­win­dung der Bezie­hungs­lo­sig­keit kommt. Ohne die­se Fähig­keit zur Inte­gra­ti­on wer­den die einst von Kon­rad Ade­nau­er gespro­che­nen Wor­te heu­te als Pro­phe­zei­ung der Zukunft erklin­gen: „Die Zukunft der abend­län­di­schen Mensch­heit [ist] durch nichts, aber auch durch gar nichts, durch kei­ne poli­ti­sche Span­nung so sehr gefähr­det wie durch die Gefahr der Ver­ma­ssung, der Uni­for­mie­rung des Den­kens und Füh­lens, kurz, der gesam­ten Lebens­auf­fas­sung und durch die Flucht aus der Ver­ant­wor­tung, aus der Sor­ge für sich selbst.“ ((Anspra­che auf dem Deut­schen Hand­wer­ker­tag, Düs­sel­dorf, 27. April 1952.))

Die Fähig­keit zum Dia­log

Wenn es ein Wort gibt, das wir bis zur Erschöp­fung wie­der­ho­len müs­sen, dann lau­tet es Dia­log. Wir sind auf­ge­for­dert, eine Kul­tur des Dia­logs zu för­dern, indem wir mit allen Mit­teln Instan­zen zu eröff­nen suchen, damit die­ser Dia­log mög­lich wird und uns gestat­tet, das sozia­le Gefü­ge neu auf­zu­bau­en. Die Kul­tur des Dia­logs impli­ziert einen ech­ten Lern­pro­zess sowie eine Aske­se, die uns hilft, den Ande­ren als eben­bür­ti­gen Gesprächs­part­ner anzu­er­ken­nen, und die uns erlaubt, den Frem­den, den Migran­ten, den Ange­hö­ri­gen einer ande­ren Kul­tur als Sub­jekt zu betrach­ten, dem man als aner­kann­tem und geschätz­tem Gegen­über zuhört. Es ist für uns heu­te dring­lich, alle sozia­len Hand­lungs­trä­ger ein­zu­be­zie­hen, um »eine Kul­tur, die den Dia­log als Form der Begeg­nung bevor­zugt,« zu för­dern, indem wir »die Suche nach Ein­ver­neh­men und Über­ein­künf­ten [vor­an­trei­ben], ohne sie jedoch von der Sor­ge um eine gerech­te Gesell­schaft zu tren­nen, die erin­ne­rungs­fä­hig ist und nie­man­den aus­schließt« (Apo­sto­li­sches Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um, 239). Der Frie­den wird in dem Maß dau­er­haft sein, wie wir unse­re Kin­der mit den Werk­zeu­gen des Dia­logs aus­rü­sten und sie den „guten Kampf“ der Begeg­nung und der Ver­hand­lung leh­ren. Auf die­se Wei­se wer­den wir ihnen eine Kul­tur als Erbe über­las­sen kön­nen, die Stra­te­gien zu umrei­ßen weiß, die nicht zum Tod, son­dern zum Leben, nicht zur Aus­schlie­ßung, son­dern zur Inte­gra­ti­on füh­ren.

Die­se Kul­tur des Dia­logs, die in alle schu­li­schen Lehr­plä­ne als über­grei­fen­de Ach­se der Fächer auf­ge­nom­men wer­den müss­te, wird dazu ver­hel­fen, der jun­gen Genera­ti­on eine ande­re Art der Kon­flikt­lö­sung ein­zu­prä­gen als jene, an die wir sie jetzt gewöh­nen. Heu­te ist es drin­gend nötig, „Koali­tio­nen“ schaf­fen zu kön­nen, die nicht mehr nur mili­tä­risch oder wirt­schaft­lich, son­dern kul­tu­rell, erzie­he­risch, phi­lo­so­phisch und reli­gi­ös sind. Koali­tio­nen, die her­aus­stel­len, dass es bei vie­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen oft um die Macht wirt­schaft­li­cher Grup­pen geht. Es braucht Koali­tio­nen, die fähig sind, das Volk vor der Benut­zung durch unlau­te­re Zie­le zu ver­tei­di­gen. Rüsten wir unse­re Leu­te mit der Kul­tur des Dia­logs und der Begeg­nung aus.

Die Fähigkeit, etwas hervorzubringen

Der Dia­log und alles, was er mit sich bringt, erin­nern uns dar­an, dass kei­ner sich dar­auf beschrän­ken kann, Zuschau­er oder blo­ßer Beob­ach­ter zu sein. Alle, vom Klein­sten bis zum Größ­ten, bil­den einen akti­ven Part beim Auf­bau einer inte­grier­ten und ver­söhn­ten Gesell­schaft. Die­se Kul­tur ist mög­lich, wenn alle an ihrer Aus­ge­stal­tung und ihrem Auf­bau teil­ha­ben. Die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on lässt kei­ne blo­ßen Zaun­gä­ste der Kämp­fe ande­rer zu. Sie ist im Gegen­teil ein deut­li­cher Appell an die per­sön­li­che und sozia­le Ver­ant­wor­tung.

In die­sem Sin­ne spie­len unse­re jun­gen Men­schen eine domi­nie­ren­de Rol­le. Sie sind nicht die Zukunft unse­rer Völ­ker, sie sind ihre Gegen­wart. Schon heu­te schmie­den sie mit ihren Träu­men und mit ihrem Leben den euro­päi­schen Geist. Wir kön­nen nicht an ein Mor­gen den­ken, ohne dass wir ihnen eine wirk­li­che Teil­ha­be als Trä­ger der Ver­än­de­rung und des Wan­dels anbie­ten. Wir kön­nen uns Euro­pa nicht vor­stel­len, ohne dass wir sie ein­be­zie­hen und zu Prot­ago­ni­sten die­ses Traums machen.

Kürz­lich habe ich über die­sen Aspekt nach­ge­dacht, und ich habe mich gefragt: Wie kön­nen wir unse­re jun­gen Men­schen an die­sem Auf­bau teil­ha­ben las­sen, wenn wir ihnen die Arbeit vor­ent­hal­ten? Wenn wir ihnen kei­ne wür­di­ge Arbei­ten geben, die ihnen erlau­ben, sich mit Hil­fe ihrer Hän­de, ihrer Intel­li­genz und ihren Ener­gien zu ent­wickeln? Wie kön­nen wir behaup­ten, ihnen die Bedeu­tung von Prot­ago­ni­sten zuzu­ge­ste­hen, wenn die Quo­ten der Arbeits­lo­sig­keit und der Unter­be­schäf­ti­gung von Mil­lio­nen von jun­gen Euro­pä­ern anstei­gen? Wie kön­nen wir es ver­mei­den, unse­re jun­gen Men­schen zu ver­lie­ren, die auf der Suche nach Idea­len und nach einem Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl schließ­lich anders­wo­hin gehen, weil wir ihnen hier in ihrem Land kei­ne Gele­gen­hei­ten und kei­ne Wer­te zu ver­mit­teln ver­mö­gen?

»Die gerech­te Ver­tei­lung der Früch­te der Erde und der mensch­li­chen Arbeit ist kei­ne blo­ße Phil­an­thro­pie. Es ist eine mora­li­sche Pflicht« ((Anspra­che beim Welt­tref­fen der Volks­be­we­gun­gen, San­ta Cruz de la Sier­ra, 9. Juli 2015.)) Wenn wir unse­re Gesell­schaft anders kon­zi­pie­ren wol­len, müs­sen wir wür­di­ge und lukra­ti­ve Arbeits­plät­ze schaf­fen, beson­ders für unse­re jun­gen Men­schen.

Das erfor­dert die Suche nach neu­en Wirt­schafts­mo­del­len, die in höhe­rem Maße inklu­siv und gerecht sind. Sie sol­len nicht dar­auf aus­ge­rich­tet sein, nur eini­gen weni­gen zu die­nen, son­dern viel­mehr dem Wohl jedes Men­schen und der Gesell­schaft. Und das ver­langt den Über­gang von einer „ver­flüs­sig­ten“ Wirt­schaft zu einer sozia­len Wirt­schaft. Ich den­ke zum Bei­spiel an die sozia­le Markt­wirt­schaft, zu der auch mei­ne Vor­gän­ger ermu­tigt haben (vgl. Johan­nes Paul II. Anspra­che an den Bot­schaf­ter der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, 8. Novem­ber 1990). Es ist nötig, von einer Wirt­schaft, die auf den Ver­dienst und den Pro­fit auf der Basis von Spe­ku­la­ti­on und Dar­le­hen auf Zin­sen zielt, zu einer sozia­len Wirt­schaft über­zu­ge­hen, die in die Men­schen inve­stiert, indem sie Arbeits­plät­ze und Qua­li­fi­ka­ti­on schafft.

Von einer „ver­flüs­sig­ten“ Wirt­schaft, die dazu neigt, Kor­rup­ti­on als Mit­tel zur Erzie­lung von Gewin­nen zu begün­sti­gen, müs­sen wir zu einer sozia­len Wirt­schaft gelan­gen, die den Zugang zum Land und zum Dach über dem Kopf garan­tiert. Und dies mit­tels der Arbeit als dem Umfeld, in dem die Men­schen und die Gemein­schaf­ten »vie­le Dimen­sio­nen des Lebens ins Spiel [brin­gen kön­nen]: die Krea­ti­vi­tät, die Pla­nung der Zukunft, die Ent­wick­lung der Fähig­kei­ten, die Aus­übung der Wer­te, die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den ande­ren, eine Hal­tung der Anbe­tung. In der welt­wei­ten sozia­len Wirk­lich­keit von heu­te ist es daher über die begrenz­ten Inter­es­sen der Unter­neh­men und einer frag­wür­di­gen wirt­schaft­li­chen Ratio­na­li­tät hin­aus not­wen­dig, ‚dass als Prio­ri­tät wei­ter­hin das Ziel ver­folgt wird, allen Zugang zur Arbeit zu ver­schaf­fen‘ ((Bene­dikt XVI., Enzy­kli­ka Cari­tas in veri­ta­te (29. Juni 2009), 32: AAS 101 (2009), 666.)) « (Enzy­kli­ka Lau­da­to si‘, 127).

Wenn wir eine men­schen­wür­di­ge Zukunft anstre­ben wol­len, wenn wir eine fried­li­che Zukunft für unse­re Gesell­schaft wün­schen, kön­nen wir sie nur errei­chen, indem wir auf die wah­re Inklu­si­on set­zen: »die, wel­che die wür­di­ge, freie, krea­ti­ve, betei­lig­te und soli­da­ri­sche Arbeit gibt« ((Anspra­che beim Welt­tref­fen der Volks­be­we­gun­gen, San­ta Cruz de la Sier­ra, 9. Juli 2015.)) . Die­ser Über­gang (von einer „ver­flüs­sig­ten“ zu einer sozia­len Wirt­schaft) ver­mit­telt nicht nur neue Per­spek­ti­ven und kon­kre­te Gele­gen­hei­ten zur Inte­gra­ti­on und Inklu­si­on, son­dern eröff­net uns von neu­em die Fähig­keit von jenem Huma­nis­mus zu träu­men, des­sen Wie­ge und Quel­le Euro­pa einst war.

Am Wie­der­auf­blü­hen eines zwar müden, aber immer noch an Ener­gien und Kapa­zi­tä­ten rei­chen Euro­pas kann und soll die Kir­che mit­wir­ken. Ihre Auf­ga­be fällt mit ihrer Mis­si­on zusam­men, der Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums. Die­se zeigt sich heu­te mehr denn je vor allem dahin, dass wir dem Men­schen mit sei­nen Ver­let­zun­gen ent­ge­gen­kom­men, indem wir ihm die star­ke und zugleich schlich­te Gegen­wart Chri­sti brin­gen, sei­ne trö­sten­de und ermu­ti­gen­de Barm­her­zig­keit. Gott möch­te unter den Men­schen woh­nen, aber das kann er nur mit Män­nern und Frau­en errei­chen, die – wie einst die gro­ßen Glau­bens­bo­ten des Kon­ti­nents – von ihm ange­rührt sind und das Evan­ge­li­um leben, ohne nach etwas ande­rem zu suchen. Nur eine Kir­che, die reich an Zeu­gen ist, ver­mag von neu­em das rei­ne Was­ser des Evan­ge­li­ums auf die Wur­zeln Euro­pas zu geben. Dabei ist der Weg der Chri­sten auf die vol­le Gemein­schaft hin ein gro­ßes Zei­chen der Zeit, aber auch ein drin­gen­des Erfor­der­nis, um dem Ruf des Herrn zu ent­spre­chen, dass alle eins sein sol­len (vgl. Joh 17,21).

Mit dem Ver­stand und mit dem Herz, mit Hoff­nung und ohne lee­re Nost­al­gien, als Sohn, der in der Mut­ter Euro­pa sei­ne Lebens- und Glau­bens­wur­zeln hat, träu­me ich von einem neu­en euro­päi­schen Huma­nis­mus: »Es bedarf eines stän­di­gen Weges der Huma­ni­sie­rung«, und dazu braucht es »Gedächt­nis, Mut und eine gesun­de mensch­li­che Zukunfts­vi­si­on« ((Anspra­che an den Euro­pa­rat, Straß­burg, 25. Novem­ber 2014.)) . Ich träu­me von einem jun­gen Euro­pa, das fähig ist, noch Mut­ter zu sein: eine Mut­ter, die Leben hat, weil sie das Leben ach­tet und Hoff­nung für das Leben bie­tet. Ich träu­me von einem Euro­pa, das sich um das Kind küm­mert, das dem Armen brü­der­lich bei­steht und eben­so dem, der Auf­nah­me suchend kommt, weil er nichts mehr hat und um Hil­fe bit­tet. Ich träu­me von einem Euro­pa, das die Kran­ken und die alten Men­schen anhört und ihnen Wert­schät­zung ent­ge­gen­bringt, auf dass sie nicht zu unpro­duk­ti­ven Abfalls­ge­gen­stän­den her­ab­ge­setzt wer­den. Ich träu­me von einem Euro­pa, in dem das Migrant­sein kein Ver­bre­chen ist, son­dern viel­mehr eine Ein­la­dung zu einem grö­ße­ren Ein­satz mit der Wür­de der gan­zen mensch­li­chen Per­son. Ich träu­me von einem Euro­pa, wo die jun­gen Men­schen die rei­ne Luft der Ehr­lich­keit atmen, wo sie die Schön­heit der Kul­tur und eines ein­fa­chen Lebens lie­ben, die nicht von den end­lo­sen Bedürf­nis­sen des Kon­su­mis­mus beschmutzt ist; wo das Hei­ra­ten und der Kin­der­wunsch eine Ver­ant­wor­tung wie eine gro­ße Freu­de sind und kein Pro­blem dar­stel­len, weil es an einer hin­rei­chend sta­bi­len Arbeit fehlt. Ich träu­me von einem Euro­pa der Fami­li­en mit einer echt wirk­sa­men Poli­tik, die mehr in die Gesich­ter als auf die Zah­len blickt und mehr auf die Geburt von Kin­dern als auf die Ver­meh­rung der Güter ach­tet. Ich träu­me von einem Euro­pa, das die Rech­te des Ein­zel­nen för­dert und schützt, ohne die Ver­pflich­tun­gen gegen­über der Gemein­schaft außer Acht zu las­sen. Ich träu­me von einem Euro­pa, von dem man nicht sagen kann, dass sein Ein­satz für die Men­schen­rech­te an letz­ter Stel­le sei­ner Visio­nen stand. Dan­ke.

Bild: CTV (Screen­shot)

1 Kommentar

Kommentare sind deaktiviert.