„Eine Interpretation von Amoris Laetitia aus der Tradition ist nicht möglich“ — Interview mit Abbé Claude Barthe

Abbé Claude Barthe: Kapitel VIII von Amoris Laetitia ist mit der kirchlichen Überlieferung unvereinbar
Abbé Claude Barthe: Kapitel VIII von Amoris Laetitia ist mit der kirchlichen Überlieferung unvereinbar

(Rom) Der fran­zö­si­sche Prie­ster Abbé Clau­de Bar­t­he war einer der Ersten, der bereits am 8. April, dem Tag der Ver­öf­fent­li­chung, zum Apo­sto­li­schen Schrei­ben Amo­ris Lae­ti­tia Stel­lung nahm. Der Theo­lo­ge ist Autor zahl­rei­cher Bücher, unter ande­ren von La mes­se, une forêt de sym­bo­les (Die Mes­se, ein Wald an Sym­bo­len), Les roman­ciers et le catho­li­cis­me (Die Roman­au­toren und die Katho­li­zi­tät) und Pen­ser l’œcuménisme autre­ment (Die Öku­me­ne anders den­ken). Der Histo­ri­ker und katho­li­sche Den­ker Rober­to de Mattei führ­te für Cor­ris­pon­den­za Roma­na ein Inter­view mit Abbé Bar­t­he, um sei­ne Ana­ly­se zu ver­tie­fen.

Prof. de Mattei: Abbé Bar­t­he, es inter­es­siert uns sehr, Ihnen das Wort zu geben, weil Sie in Ihrer Reak­ti­on auf Amo­ris Lae­ti­tia nicht wie ande­re in einem ersten Moment ver­sucht haben, das Apo­sto­li­sche Schrei­ben anhand eines tra­di­tio­nel­len Rasters zu lesen, und wir Ihre Les­art tei­len.

Abbé Clau­de Bar­t­he: Ich kann ehr­li­cher­wei­se nicht erken­nen, wie man das Kapi­tel VIII des Schrei­bens im Sin­ne der über­lie­fer­ten Leh­re inter­pre­tie­ren könn­te. Es hie­ße, dem Text Gewalt anzu­tun und die Absicht der Redak­teu­re nicht zu respek­tie­ren, die ein neu­es Ele­ment ein­füh­ren wol­len: „Daher ist es nicht mehr mög­lich zu behaup­ten …“ (AL, 301).

Prof. de Mattei: Und doch ist das, was im Apo­sto­li­schen Schrei­ben gesagt wird, nicht so neu.

Abbé Clau­de Bar­t­he: Sie haben recht, es ist nicht neu von sei­ten der theo­lo­gi­schen Pro­test­be­we­gung. Seit dem Kon­zil, unter Paul VI. und Johan­nes Paul II., war das gro­ße Unter­fan­gen der Pro­test­theo­lo­gen in erster Linie der Angriff gegen Huma­nae vitae mit Hil­fe von Büchern, „Erklä­run­gen“ von Theo­lo­gen und Kon­gres­sen. Gleich­zei­tig spiel­te die For­de­rung der Kom­mu­ni­on für die „wie­der­ver­hei­ra­te­ten“ Geschie­de­nen (und auch die Homo­se­xu­el­len als Paar und die Zusam­men­le­ben­den), wür­de ich sagen, eine sym­bo­li­sche Rol­le. Man muß wis­sen, daß es seit lan­gem die Pra­xis sehr vie­ler Prie­ster in Frank­reich, Deutsch­land, der Schweiz und vie­len ande­ren Orten ist, die „wie­der­ver­hei­ra­te­ten“ Geschie­de­nen zur Kom­mu­ni­on zuzu­las­sen, und ihnen auch die Los­spre­chung zu geben, wenn die­se sie wün­schen.

Die bekann­te­ste Unter­stüt­zung für die­se For­de­rung kam durch einen Hir­ten­brief vom 1. Juli 1993 der ober­rhei­ni­schen Bischö­fe Sai­er, Leh­mann und Kas­per mit dem Titel: „Zur seel­sorg­li­chen Beglei­tung von Men­schen aus zer­bro­che­nen Ehen, Geschie­de­nen und Wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen“. Dar­in ging es um „den Respekt vor einer Gewis­sens­ent­schei­dung“. Er ent­hielt unter ande­rem exakt die Anord­nun­gen des aktu­el­len Apo­sto­li­schen Schrei­bens: in der Theo­rie kei­ne gene­rel­le Zulas­sung zur Kom­mu­ni­on, son­dern die Aus­übung einer Unter­schei­dung mit dem Prie­ster, um zu sehen, ob die neu­en Part­ner „sich durch das eige­ne Gewis­sen auto­ri­siert sehen, zum Tisch des Herrn zu tre­ten“.  In Frank­reich haben eini­ge Bischö­fe (Cam­brai, Nan­cy) die Akten von Diö­ze­san­syn­oden ver­öf­fent­licht, die in die­sel­be Rich­tung gehen. Kar­di­nal Mar­ti­ni, Erz­bi­schof von Mai­land, hat­te in einer am 7. Okto­ber 1999 an die Voll­ver­samm­lung der Bischofs­syn­ode über Euro­pa gehal­te­nen Rede, die ein regel­rech­tes Pro­gramm für ein Pon­ti­fi­kat war, eben­falls Ände­run­gen der Sakra­men­ten­ord­nung gefor­dert.

Und tat­säch­lich geht man in Frank­reich, in Bel­gi­en, in Kana­da und den USA sogar noch wei­ter: Eini­ge Prie­ster, sogar rela­tiv vie­le, zele­brie­ren für Zweit­ehen eine klei­ne Zere­mo­nie, ohne daß die Bischö­fe sie dar­an hin­dern. Eini­ge Bischö­fe ermu­ti­gen die­se Pra­xis sogar, wie es Msgr. Armand le Bour­geois, der ehe­ma­li­ge Bischof von Autun in sei­nem Buch „Chré­ti­ens divor­cés rema­riés“ (Wie­der­ver­hei­ra­tet geschie­de­ne Chri­sten, Des­clée de Brou­wer, 1990) getan hat. Die „Ordodiö­ze­sa­nen“, wie jener der Diö­ze­se Auch, „regeln“ die­se Zere­mo­nie sogar, die dis­kret, ohne Glocken­ge­läut, ohne Seg­nung der Rin­ge usw. sein soll.

Prof. de Mattei: Tei­len Sie die Ein­schät­zung, daß Kar­di­nal Kas­per eine trei­ben­de Rol­le spiel­te?

Abbé Clau­de Bar­t­he: Am Anfang schon. Von Papst Fran­zis­kus kurz nach sei­ner Wahl als „gro­ßer Theo­lo­ge“ bezeich­net, berei­te­te er den Boden mit sei­ner Rede vor dem Kon­si­sto­ri­um vom 20. Febru­ar 2014, die gro­ßes Auf­se­hen erreg­te. Ab da wur­de die Sache mit gro­ßer Mei­ster­schaft in drei Etap­pen wei­ter­ge­führt: zwei Syn­oden­ver­samm­lun­gen im Okto­ber 2014 und im Okto­ber 2015, deren Berich­te die „Bot­schaft“ Kas­pers ent­hiel­ten.

Zwi­schen den bei­den Syn­oden wur­de am 8. Sep­tem­ber 2015 der Geset­zes­text Mit­is iudex Domi­nus Jesus ver­öf­fent­licht, des­sen Archi­tekt Msgr. Pin­to, der Dekan der Rota Roma­na ist, der das Ehe­nich­tig­keits­ver­fah­ren ver­ein­facht, vor allem weil es direkt vor dem Bischof statt­fin­det, wenn die Ehe­leu­te gemein­sam die Nich­tig­keit bean­tra­gen, und der allein dar­über ent­schei­den kann, da das dop­pel­te Urteil abschafft wur­de. Eini­ge Kir­chen­recht­ler spra­chen in die­sem Fall bereits von einer Annul­lie­rung durch gegen­sei­ti­gen Kon­sens.

Bei den Syn­oden bil­de­te sich eine Art von Lei­tungs­kern, die Cup­o­la [das von Abbé Bar­t­he gebrauch­te ita­lie­ni­sche Wort bezeich­net die Füh­rungs­spit­ze einer mafiö­sen Orga­ni­sa­ti­on], rund um den sehr ein­fluß­rei­chen Kar­di­nal Bal­dis­se­ri, dem Gene­ral­se­kre­tär der Syn­ode, zusam­men mit Msgr. Bru­no For­te, Erz­bi­schof von Chie­ti-Vas­to und Son­der­se­kre­tär der Syn­ode, also die Num­mer Zwei, dazu Msgr. Fabio Fabe­ne, neu­es Mit­glied der Bischofs­kon­gre­ga­ti­on und Unter­se­kre­tär der Syn­ode, dann noch Kar­di­nal Rava­si, Vor­sit­zen­der des Päpst­li­che Kul­tur­ra­tes, der für die Bot­schaft der Syn­oden­ver­samm­lung zustän­dig war, und alle zusam­men auf­merk­sam unter­stützt von Msgr. Vic­tor Manu­el Fer­nan­dez, Rek­tor der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Argen­ti­ni­en, und vom Jesui­ten Anto­nio Spa­daro, Chef­re­dak­teur der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift Civil­tà Cat­to­li­ca. Hin­zu kom­men noch wei­te­re ein­fluß­rei­che Per­so­nen, die alle dem Papst nahe­ste­hen wie der Bischof von Alba­no und C9-Kar­di­nal­s­rats-Sekre­tär Mar­cel­lo Semer­a­ro und Msgr. Vin­cen­zo Paglia, Vor­sit­zen­der des Päpst­li­chen Fami­li­en­ra­tes. Zu ihnen kam noch Kar­di­nal Schön­born, der Erz­bi­schof von Wien hin­zu, der Haupt­ver­ant­wort­li­che für den katho­li­schen Welt­ka­te­chis­mus, der bei der Syn­ode die Rol­le des Garan­ten über­nahm, daß der Text des Schluß­be­rich­tes schon ortho­dox sei, was Kar­di­nal Mül­ler abge­lehnt hat­te. Die­se gan­ze Mann­schaft lei­ste­te eine beacht­li­che Arbeit, um das ange­streb­te Ziel zu errei­chen …

Prof. de Mattei: Um nach der zwei­ten Syn­oden­ver­samm­lung einen Text von mehr als 250 Sei­ten vor­zu­le­gen …

Abbé Clau­de Bar­t­he: Auch schon vor­her … Der Text des nach­syn­oda­len Schrei­bens war in gro­ben Zügen bereits im Sep­tem­ber 2015, also schon vor Beginn der zwei­ten Bischofs­syn­ode über die Ehe und die Fami­lie, aus­ge­ar­bei­tet.

Prof. de Mattei: Sie haben von einem ange­streb­ten Ziel gespro­chen. Wel­ches genau?

Abbé Clau­de Bar­t­he: Es ist sehr gut mög­lich, daß es am Anfang die Absicht von Papst Fran­zis­kus war, nur einen „pasto­ra­len“ und „barm­her­zi­gen“ Pas­sier­schein zu gewäh­ren. Da die Theo­lo­gie aber eine stren­ge Wis­sen­schaft ist, muß­ten Grund­sät­ze ver­kün­det wer­den, die eine Gewis­sens­ent­schei­dung recht­fer­ti­gen, laut der Men­schen, die im öffent­li­chen Ehe­bruch leben, zu den Sakra­men­ten gehen kön­nen. Von Anfang an berei­ten zahl­rei­che Pas­sa­gen des Apo­sto­li­schen Schrei­bens die dok­tri­nel­le Aus­sa­ge des ach­ten Kapi­tels vor. Dar­in ist die Rede von „Situa­tio­nen der Schwä­che oder der Unvoll­kom­men­heit“ (AL, 296) und beson­ders von den Geschie­de­nen, die sich „in einer zwei­ten, im Lau­fe der Zeit gefe­stig­ten Ver­bin­dung, mit neu­en Kin­dern, mit erwie­se­ner Treue, groß­her­zi­ger Hin­ga­be, christ­li­chem Enga­ge­ment, mit dem Bewusst­sein der Irre­gu­la­ri­tät der eige­nen Situa­ti­on“ enga­gie­ren, „und gro­ßer Schwie­rig­keit, die­se zurück­zu­dre­hen, ohne im Gewis­sen zu spü­ren, dass man in neue Schuld fällt (AL, 298). In die­ser „unvoll­kom­me­nen“ Situa­ti­on (AL, 307), was das „voll­kom­me­ne Ide­al der Ehe“ betrifft, stellt das Apo­sto­li­sche Schrei­ben Regeln für eine „beson­de­re Unter­schei­dung“ (AL, 301) auf.

Das geschieht natür­lich mit der Hil­fe eines Prie­sters „im forum inter­num“ (für bei­de Part­ner der neu­en Ver­bin­dung?), das den Inter­es­sier­ten es erlau­be, ein kor­rek­tes Gewis­sen­s­ur­teil zu for­men (AL, 300). Die­ses Urteil (des Prie­sters?, der Part­ner mit der Erläu­te­rung des Prie­sters?) mache es auf­grund von „Bedingt­hei­ten oder mil­dern­der Fak­to­ren […] mög­lich, dass man mit­ten in einer objek­ti­ven Situa­ti­on der Sün­de – die nicht sub­jek­tiv schuld­haft ist oder es zumin­dest nicht völ­lig ist“ zu den Sakra­men­ten gehen kann (AL, 305). Es wird nicht gesagt, ob die­ses Urteil auch für die ande­ren Prie­ster gilt, die den Inter­es­sier­ten die Sakra­men­te spen­den sol­len. Jeden­falls muß gesagt wer­den, daß der Text sich nicht auf den Zugang zu den Sakra­men­ten fokus­siert, der in einer Fuß­no­te behan­delt wird, was einen ziem­lich ver­schäm­ten Ein­druck ver­mit­telt (Fuß­no­te 351).

Betont wird hin­ge­gen ein theo­lo­gi­sches Prin­zip, das im Para­gra­phen 301 zusam­men­ge­faßt ist, den es noch ein­mal zu zitie­ren gilt: „Daher ist es nicht mehr mög­lich zu behaup­ten, dass alle, die in irgend­ei­ner soge­nann­ten ‚irre­gu­lä­ren‘ Situa­ti­on leben, sich in einem Zustand der Tod­sün­de befin­den und die hei­lig­ma­chen­de Gna­de ver­lo­ren haben. Die Ein­schrän­kun­gen haben nicht nur mit einer even­tu­el­len Unkennt­nis der Norm zu tun. Ein Mensch kann, obwohl er die Norm genau kennt, gro­ße Schwie­rig­kei­ten haben‚ im Ver­ste­hen der Wer­te, um die es in der sitt­li­chen Norm geht‘,[339] oder er kann sich in einer kon­kre­ten Lage befin­den, die ihm nicht erlaubt, anders zu han­deln und ande­re Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, ohne eine neue Schuld auf sich zu laden.“

Ein Prin­zip, das wie folgt ana­ly­siert wer­den kann: 1) auf­grund kon­kre­ter Bedingt­hei­ten, wür­den Per­so­nen, die sich im „akti­ven“ öffent­li­chen Ehe­bruch befin­den und die Moral­vor­schrift ken­nen, die ihnen das ver­bie­tet, eine Schuld auf sich laden, wenn sie die­se Situa­ti­on ver­las­sen wür­de (beson­ders gegen­über den aus die­ser Ver­bin­dung gebo­re­nen Kin­dern); 2) Die Per­so­nen die im „akti­ven“ öffent­li­chen Ehe­bruch leben, wür­den dem­nach kei­ne schwe­re Sün­de bege­hen, wenn sie in die­sem Zustand ver­blei­ben.

In Wirk­lich­keit sind die nega­ti­ven Fol­gen, die sich aus der Been­di­gung des ehe­bre­che­ri­schen Zustan­des erge­ben (die aus der unrecht­mä­ßi­gen Ver­bin­dung gebo­re­nen Kin­der wür­den unter der Tren­nung der Eltern lei­den) kei­ne neu­en Sün­den, son­dern die indi­rek­te Wir­kung einer tugend­haf­ten Hand­lung, näm­lich der Been­di­gung eines sünd­haf­ten Zustan­des.

Natür­lich muß die Gerech­tig­keit respek­tiert wer­den, das gilt beson­ders für die Fort­set­zung der Erzie­hung der Kin­der aus der zwei­ten Ver­bin­dung, aber außer­halb eines sünd­haf­ten Zustan­des. Hier haben wir also einen fron­ta­len Gegen­satz mit der bis­he­ri­gen Leh­re, die Johan­nes Paul II. im Para­graph 84 von Fami­lia­ris con­sor­tio beton­te. Die­ser prä­zi­sier­te: Wenn schwer­wie­gen­de Moti­ve es ver­hin­dern, daß „Wie­der­ver­hei­ra­te­te“ das gemein­sa­me Leben unter einem Dach been­den, haben sie wie Bru­der und Schwe­ster zu leben. Im Gegen­satz dazu lau­tet der neue dok­tri­nel­le Vor­schlag: Unter bestimm­ten Bedin­gun­gen ist Ehe­bruch kei­ne Sün­de.

Prof. de Mattei: Sie sag­ten, daß man den Glau­bens­in­stinkt nicht erken­nen kön­ne?

Abbé Clau­de Bar­t­he: Das alles läßt sich nicht in Ein­klang brin­gen mit der natür­li­chen und der christ­li­chen Moral. Per­so­nen, die Kennt­nis von der mora­li­schen Norm haben, die sie sub gra­vi ver­pflich­tet (das gött­li­che Gebot, das Unzucht und Ehe­bruch ver­bie­tet), deren Sün­de kann nicht ent­schul­digt wer­den, und des­halb kann von ihnen auch nicht gesagt wer­den, daß sie sich im Stand der Gna­de befin­den. Der hei­li­ge Tho­mas von Aquin sagt in einer Quae­stio der Sum­ma theo­lo­gi­ca, die alle Mora­li­sten gut ken­nen, in der Quae­stio 19 von IA und IIæ: Es ist die Güte eines Objekts, das sich unse­rem Stre­ben stellt, die eine Wil­lens­hand­lung gut macht und nicht die Umstän­de der Hand­lung (Art. 2), und auch wenn es stimmt, daß die mensch­li­che Ver­nunft sich irren kann und eine schlech­te Hand­lung für gut hal­ten kann (Art. 5), sind eini­ge Feh­ler nicht ent­schuld­bar, beson­ders nicht jener, der miß­ach­tet, daß man sich nicht der Frau eines ande­ren nähern darf, da dies direkt vom Gesetz Got­tes ange­ord­net ist (Art. 6).

An ande­rer Stel­le, die eben­falls den Mora­li­sten wohl­be­kannt ist, im Quod­li­bet IX, Quae­stio 7, Art. 2 erklärt der hei­li­ge Tho­mas, daß die Umstän­de nicht den Wert einer Hand­lung ändern kön­nen, aber sei­ne Natur: die Tötung oder die Bestra­fung eines Straf­tä­ters gehört zur Gerech­tig­keit oder der legi­ti­men Ver­tei­di­gung. Es han­delt sich in die­sem Fall nicht um unge­rech­te Gewalt, son­dern um eine tugend­haf­te Hand­lung. Dem­ge­gen­über betont er, daß mit eini­gen Hand­lun­gen die Schlech­tig­keit untrenn­bar ver­bun­den ist, so bei der Unzucht, dem Ehe­bruch und ande­ren ver­gleich­ba­ren Hand­lun­gen. Sie kön­nen nie­mals gut wer­den.

Ein Kind, das den Kate­chis­mus liest, ver­steht das, sag­te Pius XII. in einer Rede vom 18. April 1952, mit der er die Situa­ti­ons­ethik ver­ur­teil­te, die sich nicht auf das uni­ver­sa­le Moral­ge­setz stützt, wie die Zehn Gebo­te, son­dern „auf rea­le und kon­kre­te Bedingt­hei­ten und Umstän­de, unter denen man han­deln muß, und denen gemäß das indi­vi­du­el­le Gewis­sen urtei­len und ent­schei­den muß“.

Pius XII. erin­ner­te dar­an, daß eine gute Absicht nie abzu­leh­nen­de Mit­tel recht­fer­ti­gen kann, und daß es Situa­tio­nen gibt, in denen der Mensch, und beson­ders der Christ, alles opfern muß, sogar sein Leben, um sei­ne See­le zu ret­ten. Das­sel­be wie­der­hol­te die Enzy­kli­ka Veri­ta­tis sple­ndor von Johan­nes Paul II., wenn sie sagt, daß die Umstän­de oder die Absich­ten eine in sich unehr­li­che Hand­lung wegen ihres Objekts nie in eine sub­jek­tiv ehr­li­che Hand­lung ver­wan­deln kön­nen. Er zitier­te dabei den hei­li­gen Augu­sti­nus (Con­tra men­da­ci­um): Unzucht, Flü­che, usw. blei­ben, auch wenn sie aus guten Grün­den began­gen wur­den, immer Sün­de.

Prof. de Mattei: Was ist also zu tun?

Abbé Clau­de Bar­t­he: Die Wor­te Chri­sti kön­nen nicht geän­dert wer­den: „Auch eine Frau begeht Ehe­bruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe ent­läßt und einen ande­ren hei­ra­tet“ (Mk 10,12). Pro­fes­sor Robert Spa­e­mann, ein deut­scher Phi­lo­soph und Freund von Bene­dikt XVI. bemerk­te dazu, daß jeder ver­nünf­ti­ge Mensch erken­nen kann, daß wir hier einen Bruch haben. Ich den­ke nicht, daß man sich damit begnü­gen kann, eine Inter­pre­ta­ti­on des ach­ten Kapi­tels des apo­sto­li­schen Schrei­bens zu behaup­ten, laut der sich nichts geän­dert habe. Man muß zudem die Wor­te des Pap­stes ernst neh­men, der auf dem Rück­flug von Les­bos die Prä­sen­ta­ti­on des Schrei­bens durch Kar­di­nal Schön­born bekräf­tig­te

Der theo­lo­gi­sche Grund­satz ist ein­deu­tig und die Ver­pflich­tung zur Wahr­heit ver­langt, zu sagen, daß er nicht akzep­ta­bel ist. Das gilt auch für die damit ver­bun­de­nen Vor­schlä­ge, wie jene, die behaup­ten, daß das wil­de Zusam­men­le­ben oder die Ver­bin­dung von wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen das Ide­al der Ehe „zumin­dest teil­wei­se und ana­log“ ver­wirk­li­chen (AL, 292). Es ist daher zu hof­fen, und zwar im star­ken Sinn der theo­lo­gi­schen Hoff­nung, daß zahl­rei­che Hir­ten, Bischö­fe und Kar­di­nä­le auf kla­re Wei­se spre­chen für das See­len­heil. Gleich­zei­tig kann man durch das unfehl­ba­re Lehr­amt des Pap­stes oder vom Papst und den mit ihm ver­bun­de­nen Bischö­fen, eine authen­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on erbit­ten, bean­tra­gen und for­dern — im Sin­ne einer Inter­pre­ta­ti­on des geof­fen­bar­ten Depo­si­tums ein­schließ­lich des Depo­si­tums des Natur­rechts, das damit ver­bun­den ist  — , die unter­schei­det und damit im Namen des Glau­bens bekräf­tigt, was wahr ist und zurück­weist, was es nicht ist.

Mir scheint, daß wir heu­te, 50 Jah­re nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil, in eine neue Nach­kon­zils­pha­se ein­tre­ten. Wir haben mit weni­gen Text­stel­len über die Öku­me­ne, über die Reli­gi­ons­frei­heit, den Damm der lehr­amt­li­chen und theo­lo­gi­schen römi­schen ekkle­sio­lo­gi­schen Leh­re bre­chen sehen, den man für sicher und fest­ge­fügt hielt. Dar­auf wur­de ein ande­rer Damm errich­tet, um gegen die Sturm­flut der Moder­ne stand­zu­hal­ten, die natür­li­che und christ­li­che Moral, deren Aus­gangs­punkt Huma­nae vitae von Paul VI. und alle nach­fol­gen­den Doku­men­te von Johan­nes Paul II. zu die­sem The­ma waren. Alles was „Restau­ra­ti­on“ genannt wur­de, wie Joseph Ratz­in­ger in „Zur Lage des Glau­bens“ sag­te, wur­de weit­ge­hend auf der Grund­la­ge der Ver­tei­di­gung der Ehe und der Fami­lie auf­ge­baut. Alles geschieht nun, als wür­de auch die­ser Damm jeden Augen­blick bre­chen.

Prof. de Mattei: Jemand könn­te Ihnen über­trie­be­nen Pes­si­mis­mus vor­wer­fen …

Abbé Bar­t­he: Im Gegen­teil. Ich den­ke, daß wir einen ent­schei­den­den Moment der Nach­kon­zils­ge­schich­te erle­ben. Es ist schwer zu sagen, wel­ches die Kon­se­quen­zen des­sen sein wer­den, was wir gera­de erle­ben, aber sie wer­den beacht­lich sein. Und trotz allem bin ich mir sicher, daß sie am Ende posi­tiv sein wer­den. Zual­ler­erst bin ich mir des­sen aus dem Glau­ben sicher, weil die Kir­che die Wor­te des ewi­gen Lebens hat. Ich bin es aber auch auf sehr kon­kre­te Wei­se, weil die Not­wen­dig­keit einer Rück­kehr zum Lehr­amt, zum Lehr­amt das auch tat­säch­lich eines ist, sich in Zukunft immer deut­li­cher abzeich­nen wird.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na

12 Kommentare

  1. Sehr, sehr rich­tig!!

    Per­sön­lich habe ich den Ein­druck, dass man­che die Rea­li­tät der Situa­ti­on ein­fach nicht wahr­ha­ben wol­len (wie z.B. Kar­di­nal Mül­ler); so geben sie sich aber eine intel­lek­tu­el­le Blö­ße, die eines wah­ren Chri­sten unwür­dig ist, beson­ders im Bischofs-Stand oder höher!

    Wir müs­sen auch klug wie Schlan­gen sein (und nicht nur arg­los wie Tau­ben)! Das ist eine direk­te Anwei­sung aus dem Evan­ge­li­um, an die sich jeder(!) zu hal­ten hat, der ein wah­rer Christ sein will!

  2. Der Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on Kar­di­nal Mül­ler hat in Spa­ni­en einen län­ge­ren Vor­trag über AL gehal­ten, der vor weni­gen Tagen in der Tages­post vor­ge­stellt und Mor­gen in der glei­chen Zei­tung im Orgi­nal abge­druckt wer­den wird. Die Schlag­zei­le der Vor­anzei­ge lau­tet: „Kar­di­nal Mül­ler: Papst hält an der Leh­re sei­ner Vor­gän­ger fest. Zusatz: Der Glau­bens­prä­fekt sieht im nach­syn­oda­len Schrei­ben von Fran­zis­kus kei­ne Neue­run­gen für Wie­der­ver­hei­ra­te­te.

    Aus dem Vor­trag eini­ge Sät­ze:

    Satz 1: „Hät­te AL eine so ver­wur­zel­te und so gewich­ti­ge Dis­zi­plin auf­kün­di­gen wol­len, hät­te es sich deut­lich aus­ge­drückt und die Grün­de dafür ange­ge­ben. Es gibt jedoch dar­in kei­ne Aus­sa­ge in die­sem Sin­ne. Der Papst stellt in kei­nem Augen­blick die Argu­men­te sei­ner Vor­gän­ger in Fra­ge. Die­se basie­ren nicht auf der sub­jek­ti­ven Schuld die­ser unse­rer Brü­der und Schwe­stern, son­dern auf der sicht­ba­ren, objek­ti­ven Lebens­füh­rung, die den Wor­ten Chri­sti ent­ge­gen­ge­setzt ist.“

    Satz 2: „Ohne näher dar­auf ein­zu­ge­hen, reicht es aus, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sich die­se Fuß­no­te auf objek­ti­ve Situa­tio­nen der Sün­de im All­ge­mei­nen bezieht, nicht auf den spe­zi­el­len Fall der zivil wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen. Denn die Situa­ti­on der Letzt­ge­nann­ten hat eigen­tüm­li­che Züge, die sie von ande­ren Situa­tio­nen unter­schei­det.“

    Satz 3: „Der Grund­satz ist, dass nie­mand ein Sakra­ment – die Eucha­ri­stie – wirk­lich emp­fan­gen wol­len kann, ohne gleich­zei­tig den Wil­len zu haben, den ande­ren Sakra­men­ten, dar­un­ter dem Ehe­sa­kra­ment, gemäß zu leben. Wer auf eine dem Ehe­band ent­ge­gen­ge­setz­te Art und Wei­se lebt, wider­setzt sich dem sicht­ba­ren Zei­chen des Ehe­sa­kra­ments.

    Satz 4: „Was sei­ne Exi­stenz im Leib betrifft, macht er sich zum ‚Gegen­zei­chen‘ der Unauf­lös­lich­keit, auch wenn ihn sub­jek­tiv kei­ne Schuld trifft. Gera­de des­halb, weil sich sein Leben im Leib dem Zei­chen ent­ge­gen­stellt, kann er nicht zum höch­sten eucha­ri­sti­schen Zei­chen gehö­ren, in dem sich die mensch­ge­wor­de­ne Lie­be Jesu mani­fe­stiert,
    indem er die Kom­mu­ni­on emp­fängt. Wür­de ihn die Kir­che zur Kom­mu­ni­on zulas­sen, so wür­de sie das bege­hen, was Tho­mas von Aquin ‚Falsch­heit in den sakra­men­ta­len Zei­chen‘ nennt.“

    Ich sehe Kar­di­nal Mül­ler im Recht, wenn er im Hin­blick auf Fuß­no­te 351 sagt:
    „Ohne näher dar­auf ein­zu­ge­hen, reicht es aus, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sich die­se Fuß­no­te auf objek­ti­ve Situa­tio­nen der Sün­de im All­ge­mei­nen bezieht, nicht auf den spe­zi­el­len Fall der zivil wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen. Denn die Situa­ti­on der Letzt­ge­nann­ten hat eigen­tüm­li­che Züge, die sie von ande­ren Situa­tio­nen unter­schei­det.“

    Der betref­fen­de Satz in AL, auf den sich die Fuß­no­te bezieht, lau­tet:
    „Auf­grund der Bedingt­hei­ten oder mil­dern­der Fak­to­ren ist es mög­lich, dass man mit­ten in einer objek­ti­ven Situa­ti­on der Sün­de – die nicht sub­jek­tiv schuld­haft ist oder es zumin­dest nicht völ­lig ist – in der Gna­de Got­tes leben kann, dass man lie­ben kann und dass man auch im Leben der Gna­de und der Lie­be wach­sen kann, wenn man dazu die Hil­fe der Kir­che bekommt“.
    Nach Mei­nung von Kar­di­nal Mül­ler kann sich die Fuß­no­te 351 weder spe­zi­ell auf „Wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne“ bezie­hen noch die­se indi­rekt ein­schlie­ßen.
    Denn: Jede Wie­der­ver­hei­ra­tung einer/es Geschie­de­nen, die den Wor­ten Jesu und damit dem Wil­len Got­tes ent­ge­gen­steht, geschieht aus frei­em Wil­len der Betei­lig­ten. Damit ist sie nicht nur objek­tiv, son­dern ein­deu­tig auch „sub­jek­tiv schuld­haft“. Nicht­wis­sen schei­det ange­sichts der Tat­sa­che aus, dass im sakra­men­ta­len Ehe­schlie­ßungs­ver­spre­chen „… bis dass der Tod euch schei­det“ der Wil­len Got­tes im vol­len Bewusst­sein bejaht wor­den ist.

    Somit erüb­rigt sich eine Dis­kus­si­on dar­über, ob bei der Wie­der­ver­hei­ra­tung der eine oder ande­re Betei­lig­te doch nicht auch ein wenig unschul­dig gewe­sen sein könn­te. Damit schei­det die Zulas­sung Wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner zur Hl. Kom­mu­ni­on usw. unter Bezug­nah­me auf Fuß­no­te 351 aus, denn die­se Fuß­no­te bezieht sich klar erkenn­bar auf objek­ti­ve Situa­tio­nen der Sün­de im All­ge­mei­nen, „nicht auf den spe­zi­el­len Fall der zivil wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen“ (Kar­di­nal Mül­ler). Sie lau­tet:
    „In gewis­sen Fäl­len könn­te es auch die Hil­fe der Sakra­men­te sein. Des­halb » erin­ne­re ich [die Prie­ster] dar­an, dass der Beicht­stuhl kei­ne Fol­ter­kam­mer sein darf, son­dern ein Ort der Barm­her­zig­keit des Herrn « (Apo­sto­li­sches Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um [14. Novem­ber 2013], 44: AAS 105 [2013], S. 1038). Glei­cher­ma­ßen beto­ne ich, dass die Eucha­ri­stie » nicht eine Beloh­nung für die Voll­kom­me­nen, son­dern ein groß­zü­gi­ges Heil­mit­tel und eine Nah­rung für die Schwa­chen « ist (ebd., 47: AAS 105 [2013], S.1039)[351].
    Von Wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen, die vor Gott des Ehe­bruchs objek­tiv und sub­jek­tiv schul­dig gewor­den sind, ist nicht die Rede! Andern­falls hät­te auf deren Situa­ti­on geson­dert ein­ge­gan­gen wer­den müs­sen — so Kar­di­nal Mül­ler, der die „Rea­li­tät der Situa­ti­on“ wohl sehr genau erfasst hat.

  3. Hoch­ver­ehr­ter @Sophus,

    Abbé Bar­t­he schließt ja sein Gespräch mit dem Satz ab: Ich bin es aber auch auf sehr kon­kre­te Wei­se, weil die Not­wen­dig­keit einer Rück­kehr zum Lehr­amt, zum Lehr­amt das auch tat­säch­lich eines ist, sich in Zukunft immer deut­li­cher abzeich­nen wird.

    Kar­di­nal Mül­ler hat in sei­nem Vor­trag über AL die Inter­pre­ta­ti­ons­gren­zen sehr deut­lich auf­ge­zeigt. Als Prä­fekt der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re spricht hier also nicht ein ein­zel­ner Kar­di­nal son­dern das Lehr­amt der Kir­che!

    Ergän­zend zu dem von Ihnen schon zitier­ten Pas­sa­gen, erschei­nen mir noch fol­gen­de Aus­sa­gen des Prä­fek­ten der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re bedeu­tend: „Die Dis­zi­plin in die­sem bestimm­ten Punkt zu ändern, einen Wider­spruch zwi­schen Eucha­ri­stie und Ehe­sa­kra­ment zuzu­las­sen, wür­de not­wen­di­ger­wei­se bedeu­ten, das Glau­bens­be­kennt­nis der Kir­che zu ändern.“ Mit die­sem Satz zeigt Kar­di­nal Mül­ler sehr klar auf, wo die Inter­pre­ta­ti­ons­gren­zen lie­gen und dass die ange­streb­ten „Wei­ter­ent­wick­lun­gen“ von Kar­di­nal Kas­per eben nicht mehr mit dem Glau­bens­be­kennt­nis der Kir­che über­ein­stim­men!

    Zen­tral scheint mir hier die Pas­sa­ge, in der der Prä­fekt der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re noch­mals bezug­neh­mend auf das Bild der Arche Noah her­vor­hebt: „Jemand zur Kom­mu­ni­on zuzu­las­sen, der in einer dem Ehe­sa­kra­ment ent­ge­gen­ge­setz­ten, sicht­ba­ren Art und Wei­se lebt, selbst wenn es sich um ver­ein­zel­te Fäl­le han­del­te, wür­de kei­nes­wegs bedeu­ten, ein wei­te­res Fen­ster zu öff­nen. Es wäre viel­mehr, als wür­de man ein Loch in den Schiffs­grund boh­ren und dadurch erlau­ben, dass Mee­res­was­ser ins Schiff gelangt. Auf die­se Art und Wei­se wür­de die Schiffs­fahrt aller gefähr­det, der Dienst der Kir­che an der Gesell­schaft in Fra­ge gestellt. Statt ein Weg zur Ein­glie­de­rung wäre es ein Weg zur Ver­nich­tung der kirch­li­chen Arche, ein Leck. Wenn die Dis­zi­plin respek­tiert wird, wer­den der Fähig­keit der Kir­che, Fami­li­en zu ret­ten, kei­ne Gren­zen gesetzt. Es wird viel­mehr die Sta­bi­li­tät des Schiffs sowie die Fähig­keit sicher­ge­stellt, uns an den siche­ren Hafen zu brin­gen.“

    Inso­fern, lie­ber @paulus, kann ich Ihre Ein­schät­zung in Bezug auf Kar­di­nal Mül­ler nicht nach­voll­zie­hen. Natür­lich ist das Lehr­amt immer gehal­ten, behut­sam vor­zu­ge­hen und mög­li­che Fehl­ent­wick­lun­gen so zu kor­ri­gie­ren, dass die Kir­che kei­nen Scha­den erlei­det. An dem, was Kar­di­nal Mül­ler als Prä­fekt der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re hier vor­trägt, müs­sen die Rela­ti­vi­sten unter Füh­rung von Kar­di­nal Kas­per und Kar­di­nal Leh­mann erst ein­mal vor­bei kom­men.

    • Noch ein Nach­trag: ich wür­de ger­ne eine Stel­lungs­nah­me von Papst Bene­dikt zu AL lesen. Er ist nach wie vor Papst und es wäre gut, wenn er sich äußern wür­de.

  4. Um Amo­ris Lae­ti­tia rich­tig ein­zu­ord­nen, muss man ein Jahr zurück- und vom Hand­lungs­druck aus­ge­hen, der von der DBK (Früh­jah­res­be­schlüs­se von Hil­des­heim 2015, der Medi­ei­of­fen­si­ve und der Erwar­tungs­hal­tung pro­gres­si­sti­scher Krei­se in Deutsch­land aus­ge­übt wor­den ist. Weit­hin ist dabei der Ein­druck erweckt wor­den, die bedin­gungs­lo­se Zulas­sung von Wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen und prak­ti­zie­ren­den Homo­se­xu­el­len zu allen Sakra­men­ten und Ämtern der Kir­che sei bereits vor Beginn der Ordent­li­chen Syn­ode im Herbst 2015 beschlos­se­ne Sache.

    Dass bekann­ter­ma­ßen der KKK die Voll­mach­ten der höch­sten kirch­li­chen Auto­ri­tät in Sachen Refor­men begrenzt, scheint damals nie­man­den inter­es­siert zu haben, zumal auch Kar­di­nal Kas­per unter dem Ban­ne sei­ner, aus der pro­te­stan­ti­schen Bibel­wis­sen­schaft abge­lei­te­ten Spät­da­tie­rungs­ideo­lo­gie Dog­men all­ge­mein igno­rie­ren zu dür­fen glaub­te. Damit arbei­te­ten er und sei­ne Gefolg­schaft Papst Fran­zis­kus zu, mit dem Ziel, dass die­ser die öffent­lich geweck­ten Erwar­tun­gen aus eige­ner päpst­li­cher Voll­macht erfüllt und Wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen und Homo­se­xu­el­len auch unter fort­dau­ern­der Tod­sün­de des Ehe­bruchs usw. die Zulas­sung zu den Sakra­men­ten gewährt.

    Dass sol­che Sirenen­tö­ne Anklang im Kir­chen­volk fan­den, beweist der fol­gen­de Leser­brief von Herrn Diet­rich Kothe aus Hohen­furth (MM vom 15.4.2015, S12) zum Arti­kel Prof. Stu­ben­rauchs „Der Streit um die Offen­ba­rung“, der zeigt, dass Kar­di­nal Kas­pers Rela­ti­vis­mus auch unter Lai­en in der Kir­che Wur­zeln geschla­gen hat­te: „Dog­ma­ti­ker vom Schla­ge Kar­di­nal Mül­lers sind wohl der Auf­fas­sung, im Besitz der über den Zeit­geist erha­be­nen Wahr­heit zu sein. Wäh­rend Geist­li­che vom For­mat Pro­fes­sor Stu­ben­rauchs (an-)erkennen, dass auch im häu­fig von kle­ri­ka­ler Sei­te gene­rell ver­ächt­lich gemach­ten Zeit­geist der Hei­li­ge Geist wirkt. Denn der jewei­li­ge geschicht­li­che und gesell­schaft­li­che Kon­text floss stets bereits in die Gestal­tung der Bibel­tex­te und in die Ent­ste­hung der kirch­li­chen Leh­ren ein. So sind zum Bei­spiel Dog­men immer auch Kin­der der Zeit. Vor allem sind sie auch Echo auf die Stim­me des Vol­kes, das nach dem alten Wort der Wider­hall der Stim­me Got­tes zu sein ver­mag. Man kann sich nur wün­schen, dass Fran­zis­kus noch viel Zeit ver­gönnt ist, dass „vox popu­li, vox dei“ in die Glau­bens­ar­beit mit ein­flie­ßen zu las­sen“.

    Fast alle sol­cher Leser­brief­schrei­ber haben es dabei in Punk­to Gehäs­sig­keit gegen­über Kar­di­nal Ger­hard Lud­wig Mül­ler an nichts feh­len las­sen, da sie in ihm den vati­ka­ni­schen Gegen­spie­ler zu Papst Fran­zis­kus gese­hen haben. Und die Erwar­tun­gen waren auch im pro­te­stan­tisch geführ­ten Münch­ner Mer­kur hoch: „Im Herbst wird sich ent­schei­den, wer gewinnt: die rei­ne Leh­re oder Got­tes Barm­her­zig­keit“ (Clau­dia Möl­lers in: „Dog­ma statt Dia­log“ MM vom 10.4.2015)
    Gemes­sen dar­an, ist das nach­syn­oda­le Schrei­ben Amo­ris Lae­ti­tia kein Kas­per­sches Jahr­tau­send­schrei­ben, das die Türen weit öff­net, son­dern eines, das zur dies­be­züg­li­chen The­ma­tik die Türe geschlos­sen hält — sofern man es unbe­ein­flusst, ohne Eigen­in­ter­es­sen und damit vor­ur­teil­frei lesen kann.

  5. Hoch­ver­ehr­ter @ Sua­rez
    Dan­ke für Ihre The­ma­er­wei­te­rung und ‑ver­tie­fung!
    Las­sen Sie mich ergän­zen:
    Wie weit es unter katho­li­schen Dog­ma­ti­kern in Deutsch­land in der Rela­ti­vie­rung der gött­li­chen Offen­ba­rung in Sachen Ehe und Fami­lie bereits gekom­men war, belegt der oben genann­te Dog­ma­tik­pro­fes­sor Bert­ram Stu­ben­rauch mit der Aus­sa­ge: „Auch die Ver­ant­wort­li­chen für das uni­ver­sal-kirch­li­che Lehr­amt urtei­len aus bestimm­ten theo­lo­gi­schen Prä­gun­gen her­aus und haben kein unver­mit­tel­tes Wis­sen um die gött­li­che Wahr­heit“. Damit bekann­te er sich im Vor­feld der Ordent­li­chen Syn­ode 2015 zu dem aus der Spät­da­tie­rung abge­lei­te­ten rela­ti­vi­sti­schen Wahr­heits­be­griff Kar­di­nal Kas­pers, der es erlaubt, in den von Jesus Chri­stus über­lie­fer­ten Wor­ten zu Ehe und Ehe­bruch nicht Got­tes Wort zu ver­neh­men, son­dern unver­bind­li­che, und damit inter­pre­tier­ba­re, das heißt dem Zeit­geist anpass­ba­re, spä­te Men­schen­wor­te.

    Wie weit bereits der Hei­li­ge Vater Papst Fran­zis­kus im Kas­per­schen Rela­ti­vis­mus ver­strickt gewe­sen ist, ließ er vor Weih­nach­ten 2014 erken­nen, als er bemerk­te, dass das kirch­li­che Lehr­amt stets auch die Glau­bens­pra­xis der ein­fa­chen Katho­li­ken im Auge haben müs­se. Es habe die Pflicht, auf­merk­sam zu regi­strie­ren, was der Hei­li­ge Geist den Kir­chen durch authen­ti­sche Aus­drucks­for­men des Sinns der Gläu­bi­gen kund­tue.

    Dass neu­er­dings „der Hei­li­ge Geist den Kir­chen“ (Plu­ral!) etwas kund­tue, war mir damals erst ein­mal neu. Hat­te nicht Jesus vor­ge­se­hen, durch den Hei­li­gen Geist der einen, hei­li­gen, katho­li­schen und apo­sto­li­schen Kir­che bei­zu­ste­hen, den Glau­ben an die Selb­stof­fenba­rung Got­tes in sei­ner eige­nen Bot­schaft immer tie­fer zu erfas­sen? Mein­te man damals um Papst Fran­zis­kus auf­grund der Obstruk­ti­on der afri­ka­ni­schen Bischö­fe gegen den Zwi­schen­be­richt der Vor­syn­ode 2014, der Hei­li­ge Geist könn­te für Jesu Wor­te zu Ehe und Fami­lie in unter­schied­li­chen katho­li­schen Regio­nen der Welt­kir­che auf Grund unter­schied­li­cher „Glau­bens­sin­ne“ oder unter­schied­li­cher „Glau­bens­prak­ti­ken“ oder gar nur unter­schied­li­cher „Rea­li­tä­ten von Mensch und Welt“ unter­schied­li­che pasto­ra­le „Lösun­gen“ parat hal­ten?

    Papst Fran­zis­kus bezog sich dabei offen­sicht­lich auf eine drit­te lehr­amt­li­che Erkennt­nis­quel­le zur Wahr­heits­fin­dung, die spät­da­tie­ren­de Theo­lo­gen wie Kar­di­nal Kas­per von der Aus­sa­ge des II. Vati­ka­nums her­lei­ten, nach wel­cher der „Glau­bens­sinn“ der Gesamt­heit der Gläu­bi­gen nicht fehl­ge­hen kön­ne. Doch mit nie­der­gra­di­gen Par­al­lel­for­mu­lie­run­gen wie „Glau­bens­pra­xis des geleb­ten Glau­bens“ oder gar „Rea­li­tä­ten von Mensch und Welt“, womit – so die sar­ka­sti­sche Erläu­te­rung Kuri­en­kar­di­nal Mül­lers – die Lebens­wirk­lich­kei­ten auch von Dro­gen­süch­ti­gen gemeint sein könn­ten, konn­te der Begriff „Glau­bens­sinn“ im Sin­ne des II. Vati­ka­nums wohl kaum gefasst wer­den.

    Denn die Hür­den für eine Glau­bens­inn-Befra­gung sind hoch: Unter dem Titel „Sen­sus fidei im Leben der Kir­che“ hat die Inter­na­tio­na­le Theo­lo­gen­kom­mis­si­on in Rom 2014 eine Hil­fe­stel­lung her­aus­ge­ge­ben (im Inter­net abruf­bar), um ech­te christ­li­che Leh­re und Pra­xis zu erken­nen. Wenn es nach den in die­sem Schrei­ben nie­der­ge­leg­ten Anfor­de­run­gen an Gläu­bi­ge mit Glau­bens­sinn gegan­gen wäre, hät­ten die dazu völ­lig unge­eig­ne­ten Fra­ge­bö­gen Kar­di­nal Bal­dis­se­ris das römi­sche Gene­ral­se­kre­ta­ri­at der Welt­bi­schofs­syn­ode nicht ver­las­sen dür­fen, son­dern sofort ein­ge­stampft gehört.
    Fazit: Nichts von alle­dem ist in das Schrei­ben Amo­ris Lae­ti­tia ein­ge­gan­gen. Wem das wohl auch wesent­lich zuzu­schrei­ben ist?

    • Hoch­ver­ehr­ter @ Sophus,
      in sei­nem Buch „Hän­de in Unschuld“ über Pila­tus schreibt der Histo­ri­ker Alex­an­der Deman­dt:

      „Im Okto­ber 1808 unter­hielt sich Napo­le­on in Wei­mar mit dem Dich­ter Wie­land über das Chri­sten­tum und flü­ster­te ihm ins Ohr, es sei die gro­ße Fra­ge, ob Jesus Chri­stus jemals gelebt hät­te. Napo­le­on schloß sich hier der Skep­sis sei­nes Freun­des Con­stan­tin Fran­vois de Vol­ney an, der in sei­nem Buch »Les Rui­nes« 1791 die histo­ri­sche Exi­stenz Jesu bestrit­ten hat­te. Die­se The­se fand Ein­gang in die wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur. Im Jah­re 1840 schrieb der Ber­li­ner Hegel-Schü­ler Bru­no Bau­er sei­ne »Kri­tik der Evan­ge­li­schen Geschich­te des Johan­nes«. Dar­in such­te er zu zei­gen, daß der bibli­sche Jesus ganz und gar eine reli­giö­se Kon­struk­ti­on sei, die mit dem histo­ri­schen Jesus nichts zu tun habe. Zehn Jah­re spä­ter publi­zier­te Bau­er sei­ne »Kri­tik der pau­li­ni­schen Brie­fe«. Dar­in frag­te er, ob ein histo­ri­scher Jesus je gelebt habe. Bau­ers Ergeb­nis lau­tet, wie Albert Schweit­zer in sei­ner «Geschich­te der Leben Jesu-For­schung« (1906/1933, S.159) for­mu­liert: „Eine histo­ri­sche Per­sön­lich­keit Jesus hat es nie gege­ben“.“

      Die The­sen von Kar­di­nal Kas­per sind also nicht neu, sie haben ihre Wur­zel in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und dem dar­aus fol­gen­den Ver­ständ­nis von Auf­klä­rung. In Wahr­heit bestrei­tet die­se Posi­ti­on den Wahr­heits­ge­halt des Glau­bens und trans­po­niert ihn auf die Ebe­ne des ethi­schen Ide­als. Wäre Kas­per red­lich, müss­te er kon­sta­tie­ren, dass für ihn der Glau­be ledig­lich ein Vehi­kel ist, die­ses Ide­al zu errei­chen, also kei­nen eige­nen Wahr­heits­ge­halt hat. Dem Hegel-Schü­ler Bru­no Bau­er darf man die Nai­vi­tät noch nach­se­hen, die Welt sei auch ohne Glau­be als ver­nünf­ti­ge erkenn­bar. Seit Scho­pen­hau­er und spä­ter dann Nietz­sche ist aus der Ver­nünf­tig­keit das Absur­de gewor­den, da den Erschei­nun­gen jeg­li­cher erkenn­ba­re Sinn fehlt. Der ver­meint­li­che Tri­umph der Auf­klä­rung endet also not­wen­dig im Nihi­lis­mus und das gilt natür­lich auch für das Glau­bens­ver­ständ­nis der­je­ni­gen, die in Kar­di­nal Kas­per den neu­en Refor­ma­tor sehen. Grund­le­gend für die Ver­nünf­tig­keit der Welt ist die Schöp­fungs­ord­nung, denn am Anfang war das (gött­li­che) Wort, der Logos. Was aber die Gen­der­ideo­lo­gie postu­liert, ist das Gegen­teil von Schöp­fungs­ord­nung, es ist der Glau­be an einen Gott, der das Cha­os geschaf­fen hat, in dem die Geschöp­fe blind umher­ir­ren. Im Grun­de könn­te man hier von einem reli­giö­sen Nihi­lis­mus spre­chen, der ledig­lich noch ver­mag, im Anruf der Barm­her­zig­keit Posi­ti­vi­tät her­zu­stel­len. Eine Erb­sün­de gibt es dann nicht mehr, kann es nicht geben und auch nichts, was hät­te posi­tiv offen­bart wer­den kön­nen. Mich erstaunt immer wie­der, wie katho­li­sche Theo­lo­gen ernst­haft an ihren The­sen fest­hal­ten kön­nen, ohne die Kon­se­quen­zen zu den­ken, die aus ihnen not­wen­dig erwach­sen. Hät­te Kas­per Recht, besä­ße der Glau­be kei­ne tie­fe­re Rele­vanz. Es gäbe auch nichts mehr zu ver­ge­ben, weil es eine Schuld im exi­sten­zi­el­len Sinn kei­ne Rea­li­tät hät­te. Auch der Ruf nach Umkehr blie­be ein völ­lig sinn­lo­ses Postu­lat, weil auf kei­ne Ord­nung mehr ver­wie­sen wer­den kann. Schöp­fung wäre der Akt des Bana­len, der Absur­di­tät, die aus der radi­ka­len Sinn­lo­sig­keit nicht her­aus­kommt — die Welt wie sie sich aus Sicht von Jean-Paul Sart­re dem Ver­stand dar­stellt. Aus einer sol­chen Welt­sicht kann aber über Kas­per und Leh­manns The­sen nur gelacht wer­den, da dann nicht ein­mal begründ­bar wäre, war­um ein Mensch über­haupt mora­lisch han­deln soll­te.

  6. Hoch­ver­ehr­ter @ Sua­rez!

    Dan­ke für Ihre Aus­füh­run­gen und den Hin­weis auf den FAZ-Arti­kel!
    Die Pasto­ral­schrift des Pap­stes Amo­ris Lae­ti­tia hat Chri­sti­an Gey­er in der FAZ unter der Über­schrift „Sün­de bleibt Sün­de“ mit Recht als ent­behr­lich erklärt und sich dabei auf Papst Fran­zis­kus selbst beru­fen, wenn er des­sen Bit­te um Ver­ständ­nis zitiert, „dass man von der Syn­ode oder von die­sem Schrei­ben kei­ne neue, auf alle Fäl­le anzu­wen­den­de gesetz­li­che Rege­lung kano­ni­scher Art erwar­ten durf­te“.
    Wenn aber Chri­sti­an Gey­er meint: „Eben­dies hat aber nie­mand erwar­tet: weder die Refor­mer noch die Behar­rer“, dürf­te er sich irren, denn Sinn und Auf­ga­be der Dop­pel­syn­ode bestand dar­in, Wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne und Homo­se­xu­el­le zu den hl. Sakra­men­ten usw. zuzu­las­sen.

    Das durch­zu­set­zen, war das Ziel der Mehr­heit der DBK in Hil­des­heim, der deut­schen Sek­ti­on des Jesui­ten­or­dens, Kar­di­nal Bal­dis­se­ris vom Syn­oden­se­kre­ta­ri­at und wohl auch des Pap­stes, wie die bekannt­ge­wor­de­ne Ent­hül­lung von Erz­bi­schof Bru­no For­tes über die Hin­ter­grün­de von „Amo­ris Lae­ti­tia“ (vgl. katholisches.info) erken­nen lässt. Dass aus dem Ansin­nen nicht gewor­den ist, hat der Papst in sei­ner drei­hun­dert­sei­ti­gen Pasto­ral­schrift zu erklä­ren ver­sucht – lei­der ohne zu über­zeu­gen, sonst wäre die Klar­stel­lung von Kar­di­nal Mül­ler eben­falls ent­behr­lich gewe­sen.

  7. Hoch­ver­ehr­ter @ Sua­rez!

    Darf ich zu Ihren Ablei­tun­gen Ihren Blick ergän­zend auf zwei vor­re­vo­lu­tio­nä­re Bibel­kri­ti­ker rich­ten, die zwar in die Fran­zö­si­che Revo­lu­ti­on und der mit ihr ver­bun­de­nen Auf­klä­rung hin­ein­wirk­ten, aber im „Pro­test­den­ken“ gegen die katho­li­schen Kir­che schlecht­hin wur­zeln, ein Nega­tiv­den­ken, das durch die Reli­gi­ons­krie­ge im Nach­gang der Refor­ma­ti­on euro­pa­weit ange­heizt wor­den ist.
    So behaup­te­te der jüdi­sche Pan­the­ist Baruch Spi­no­za (1632–1677), die Bibel sei von ein­fa­chen Men­schen geschrie­ben, vol­ler Irr­tü­mer und Wider­sprü­che, über wei­te Strecken nicht authen­tisch, und das auf ihr beru­hen­de Chri­sten­tum sei ein vor­über­ge­hen­des Phä­no­men.

    Das war nicht ohne Ein­fluss auf Kle­rus und Lai­en in der katho­li­schen Kir­che und führ­te recht schnell zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Auto­ri­tät des römisch-katho­li­schen Lehr­amts. Ange­regt durch die stei­gen­de Zahl über­setz­ter Bibeln zum eige­nen Bibel­stu­di­um, stieß man dabei auf die besag­ten Wider­sprü­che inner­halb der Bibel sowie zwi­schen der Bibel und ande­ren anti­ken Über­lie­fe­run­gen. Die einen kehr­ten das ihrer Ansicht nach Feh­ler­haf­te in der Bibel her­aus, ande­re ver­such­ten die Feh­ler zu wider­le­gen und die Rich­tig­keit der Bibel zu erwei­sen. Ins­ge­samt führ­te die­se Bibel­kri­tik dazu, dass die Athe­isten unter den Kri­ti­kern die christ­li­che Reli­gi­on und die Pro­te­stan­ten unter ihnen den katho­li­schen Glau­ben in Fra­ge stell­ten. Nicht weni­ge katho­li­sche Kle­ri­ker war­fen den christ­li­chen Glau­ben über Bord und ende­ten im Deis­mus oder gar im Athe­is­mus.
    Zu letz­te­ren gehör­te der fran­zö­si­sche Früh­auf­klä­rer Abbé Jean Mes­lier (1664–1729), der nach bischöf­li­chen Maß­re­ge­lun­gen den Bruch mit der katho­li­schen Kir­che ins­ge­heim voll­zo­gen hat­te, nach außen hin aber noch sei­nen Dorf­pfarrers­pflich­ten nach­kam. In sei­nem zu Leb­zei­ten geheim gehal­te­nen, reli­gi­ons­kri­ti­schen Testa­ment behaup­te­te er unter Hin­weis auf vie­le Wider­sprü­che in der Bibel, die­se sei ein von Men­schen in betrü­ge­ri­scher Absicht geschrie­be­nes Buch: „Es ist klar und ein­leuch­tend, daß es Miss­brauch, Irr­tum, Täu­schung, Lüge und Betrug ist, rein mensch­li­che Geset­ze und Ein­rich­tun­gen als über­na­tür­li­che und gött­li­che Insti­tu­tio­nen hin­zu­stel­len; nun ist es aber sicher, daß alle Reli­gio­nen, die es auf der Welt gibt, nichts als rein mensch­li­che Erfin­dun­gen sind…Es ist nun klar und deut­lich, daß die oben erwähn­ten angeb­lich hei­li­gen und gött­li­chen Bücher in sich selbst über­haupt kein beson­de­res Anzei­chen gött­li­cher Ein­ge­bung ent­hal­ten, noch irgend­ein Merk­mal von Bil­dung, Wis­sen, Weis­heit, Hei­lig­keit oder irgend­ei­ner ande­ren Voll­kom­men­heit, von der man sagen könn­te, daß sie nur von Gott kom­men kann.“ (vgl. Hart­mut Krauss: Das Testa­ment des Abbé Mes­lier). Mes­lier ende­te als ent­schie­de­ner Athe­ist. Das nach sei­nem Tod in drei Exem­pla­ren auf­ge­fun­de­ne Manu­skript zir­ku­lier­te von Hand zu Hand unter den Auf­klä­rern Frank­reichs und ohne noch die Datie­rungs­fra­ge der neu­te­sta­ment­li­chen Schrif­ten selbst gestellt zu haben, hat­te Mes­lier gro­ßen Anteil dar­an, dass das 18. Jahr­hun­dert zum Jahr­hun­dert des Unglau­bens wur­de. Im 19.Jahrhundert ergriff die Abkehr vom Wun­der­glau­ben die pro­te­stan­ti­sche Bibel­wis­sen­schaft. Mit der aus der Infra­ge­stel­lung der Tem­pel­pro­phe­ti­en Jesu abge­lei­te­ten Spät­da­tie­rung der Evan­ge­li­en hat­te man das Mit­tel zur Allein­stel­lung der als echt erklär­ten Pau­lus­brie­fe zur Hand. Damit konn­te man dem Lehr­amt der katho­li­schen Kir­che die Deu­tungs­ho­heit über das Chri­sten­tum ent­win­den.

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