Das Versagen des schulischen Religionsunterrichts – Eine Analyse

Wie steht es um den katholischen Religionsunterricht
Wie steht es um den katholischen Religionsunterricht?

Bei Umfra­gen zeigt sich regel­mä­ßig, dass ein Groß­teil der Chri­sten die bibli­schen Ursprün­ge der kirch­li­chen Hoch­fe­ste wie Weih­nach­ten, Ostern und Pfing­sten nicht mehr kennt. Dabei haben die mei­sten der Befrag­ten zehn oder drei­zehn Jah­re an katho­li­scher bzw. evan­ge­li­scher Reli­gi­ons­leh­re teil­ge­nom­men. Trägt der schu­li­sche Reli­gi­ons­un­ter­richt zu der oft beklag­ten Ver­dun­stung des Glau­bens bei?

Eine Bestands­auf­nah­me von Hubert Hecker.

Die Situation der kirchlichen Glaubensvermittlung ist desaströs …

Kuri­en­erz­bi­schof Georg Gäns­wein wur­de kürz­lich bei einem Inter­view der Deut­schen Wel­le auf die Ero­si­on des Glau­bens ange­spro­chen. Die Glau­bens­ver­dun­stung in der Kir­che in Deutsch­land hat­te auch Papst Fran­zis­kus beim Ad-limi­na-Besuch der deut­schen Bischö­fe beklagt. Ähn­li­che Dia­gno­sen stell­ten Bischof Alger­mis­sen und Kar­di­nal Woel­ki in Pre­dig­ten des letz­ten Jah­res. Wor­an liegt es, „dass dem Glau­ben die Wur­zeln oder der Wur­zel­grund feh­len“ – frag­te Prä­lat Gäns­wein. „Es stimmt etwas nicht an der Glau­bens­ver­kün­di­gung der Kir­che.“ Die Ver­ant­wort­li­chen müss­ten „han­deln, um die Leer­stel­len in der Ver­kün­di­gung und der Kate­che­se“ auf­zu­fül­len. Die Kir­che soll­te wie­der „muti­ger den Glau­ben beken­nen, nicht eini­ges abstrei­fen oder leich­ter machen. Denn ein Glau­be light – das geht gar nicht.“

… der schulische Religionsunterricht ein Ausfall

Dann sprach Gäns­wein die pri­vi­le­gier­te Situa­ti­on in Deutsch­land an, wo kon­fes­sio­nel­ler Reli­gi­ons­un­ter­richt in den Schu­len gehal­ten wer­den kann. „Oft aber ist es so, dass die jun­gen Leu­te nach der Schu­le von ihrer Reli­gi­on fast gar nichts wis­sen. Und wenn sie davon nichts wis­sen, kön­nen sie auch mit der Reli­gi­on nichts anfan­gen.“

Mit die­ser kri­ti­schen Aus­sa­ge hat­te der Kuri­en­prä­lat eine The­se des Osna­brücker Bischofs Franz-Josef Bode auf­ge­grif­fen, der bei einer Gesprächs­run­de mit Eltern wäh­rend der letzt­jäh­ri­gen Früh­jahrs­voll­ver­samm­lung der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz mit der Kla­ge kon­fron­tiert war: Der Reli­gi­ons­un­ter­richt ist ein kom­plet­ter Aus­fall. Zur Über­ra­schung der Zuhö­rer bestä­tig­te der ehe­ma­li­ge Jugend-Bischof die­ses Urteil und stell­te fest: „Ja, beim Reli­gi­ons­un­ter­richt bleibt nichts hän­gen.“ Die ent­waff­nend ehr­li­che Bilanz kommt einer Bank­rott-Erklä­rung gleich.

„Die andern sind schuld, wir weisen Verantwortung für die Krise des Glaubens zurück“

Gegen die­se Ein­schät­zung vom Ver­sa­gen des Schul-Reli­gi­ons­un­ter­richts legen zwei Kate­che­ten­ver­bän­de Wider­spruch ein: die Arbeits­ge­mein­schaft Katho­li­sche Reli­gi­ons­päd­ago­gik und der Deut­sche Kate­che­ten­ver­ein (DKV). Sie stim­men zwar mit Gäns­weins Dia­gno­se über­ein, dass es bei der kirch­li­chen Glau­bens­ver­kün­di­gung und Kate­che­se in den Gemein­den Leer­stel­len gebe. Aber für den Bereich des Reli­gi­ons­un­ter­richts, den die bei­den Ver­bän­de ver­tre­ten, sehen sie kei­ner­lei Ver­ant­wor­tung für die augen­fäl­li­ge Kri­se des Glau­bens. Zu der kon­kre­ten Fest­stel­lung von Erz­bi­schof Gäns­wein und Bischof Bode, dass nach zehn oder drei­zehn Jah­ren Reli­gi­ons­un­ter­richt nichts hän­gen blei­be, drücken sich die Ver­bands­ver­tre­ter aller­dings in ihrer Stel­lung­nah­me.

Aus den wei­te­ren Aus­füh­run­gen der Stel­lung­nah­me erklärt sich die Abwehr­hal­tung der Reli­gi­ons­leh­rer­ver­bän­de gegen eine nüch­ter­ne Bilanz: Sie sind voll­auf zufrie­den mit der Form und den Ergeb­nis­sen des Reli­gi­ons­un­ter­richts. Denn der habe sich „in den letz­ten Jahr­zehn­ten gut ent­fal­tet und behaup­tet. Reli­gi­ons­leh­re neh­me im Kanon der schu­li­schen Fächer eine geach­te­te Stel­lung ein“ und lei­ste „einen wesent­li­chen und aner­kann­ten Bei­trag zur All­ge­mein­bil­dung von Schü­le­rin­nen und Schü­lern.“ Die­ses selbst­ge­fäl­li­ge Eigen­lob endet mit der War­nung, dass eine kate­che­ti­sche Kurs­kor­rek­tur „die Aner­ken­nung des Reli­gi­ons­un­ter­richts in Schu­le und Gesell­schaft gefähr­den“ wür­de.

Die Würzburger Synode wollte keine Vermittlung der kirchlichen Glaubenslehre …

Auf­fäl­lig ist, dass als Kri­te­ri­en für den ver­meint­li­chen Erfolg des Reli­gi­ons­un­ter­richts aus­schließ­lich nicht-kirch­li­che und nicht-reli­giö­se Bezugs­punk­te genannt wer­den: des­sen „Bei­trag zur All­ge­mein­bil­dung“ und damit sei­ne „Aner­ken­nung in Schu­le und Gesell­schaft“. Liegt es viel­leicht gera­de an der man­gel­haf­ten Ori­en­tie­rung zur Glau­bens­leh­re, dass im Reli­gi­ons­un­ter­richt „nichts hän­gen bleibt“ und so die „Glau­bens­ver­dun­stung“ for­ciert wird?

Würzburger Synode
Würz­bur­ger Syn­ode 1971–1975: im Reli­gi­ons­un­ter­richt „kein Glau­bens­wis­sen ver­mit­teln“

Die bis heu­te gül­ti­gen Leit­li­ni­en für die schu­li­sche Reli­gi­ons­leh­re wur­den vor vier Jahr­zehn­ten auf der Würz­bur­ger Syn­ode auf­ge­stellt. In einer 1975 ver­ab­schie­de­ten Syn­oden­schrift fin­det man tat­säch­lich die Richt­li­ni­en dafür, dass der Reli­gi­ons­un­ter­richt kein Glau­bens­wis­sen ver­mit­teln soll.

Es macht fas­sungs­los, wenn man heu­te liest, was die Kir­chen­ver­samm­lung damals fest­leg­te: Das Ziel der katho­li­schen Reli­gi­ons­leh­re soll­te aus­drück­lich nicht die „Ver­mitt­lung von Glau­bens­wahr­hei­ten der Kir­che“ sein. Die Schü­ler dürf­ten in ihrer Spon­ta­nei­tät nichtauf Ant­wor­ten des katho­li­schen Glau­bens ein­ge­engt wer­den“.

… sondern nur zur Identitätsfindung und Lebensbewältigung der Schüler beitragen

Das Haupt­lern­ziel der Reli­gi­ons­leh­re hat laut Syn­oden­be­schluss dar­in zu bestehen, den Kin­dern und Jugend­li­chen zur „Selbst­wer­dung zu ver­hel­fen“. Die­ses Ziel soll­te den Schü­lern anhand „mensch­li­cher Erfah­run­gen wie Lie­be und Glück“ sowie den sozia­len und poli­ti­schen Dimen­sio­nen der Welt erschlos­sen wer­den.

Die Beschäf­ti­gung mit „bibli­schen Geschich­ten und der kirch­li­chen Über­lie­fe­rung“ dürf­te nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le im Reli­gi­ons­un­ter­richt spie­len – und auch nur, um damit die „Iden­ti­täts­fin­dung und Kri­tik­fä­hig­keit“ der Schü­ler zu beför­dern. Außer­dem soll­ten die biblisch-kirch­li­chen Wahr­hei­ten nur in Form von „plu­rifor­men Aus­sa­gen“ zur Spra­che gebracht wer­den – ergänzt  durch eine plu­ra­li­sti­sche Reli­gi­ons­kun­de über ande­re Kon­fes­sio­nen und Reli­gio­nen.

Das Würz­bur­ger Syn­oden­pa­pier spie­gelt den rebel­li­schen Zeit­geist der 68er und 70er Jah­re wie­der. Bei dem ange­streb­ten Bil­dungs­ziel des Reli­gi­ons­un­ter­richts als dif­fu­se Selbst­ver­wirk­li­chung der Kin­der und Jugend­li­chen stell­te man die kri­ti­sche Distanz zu Glau­ben und Kir­che in den Vor­der­grund. Mit die­ser Metho­de wur­den damals man­che katho­li­sche Schü­ler, die noch kirch­lich sozia­li­siert waren, von der Kir­che ent­frem­det. Seit­her ist der Grund­was­ser­spie­gel des Glau­bens in Eltern­haus und Gemein­de wei­ter abge­sackt. Für das Gros der Schü­ler hät­te der kon­fes­sio­nel­le Reli­gi­ons­un­ter­richt seit Jahr­zehn­ten die Auf­ga­be, bei einer Erst­be­geg­nung mit Reli­gi­on in den Glau­ben der Kir­che ein­zu­füh­ren und zur Christ­wer­dung der Schü­ler in katho­li­scher Glau­bens­i­den­ti­tät bei­zu­tra­gen. Doch dazu ist das oben beschrie­be­ne Syn­oden-Kon­zept völ­lig unge­eig­net. Der DKV scheint ziem­lich rea­li­täts­blind zu sein, wenn er die­se Dis­kre­pan­zen und Wider­sprü­che mit Selbst­be­lo­bi­gun­gen zu über­tün­chen ver­sucht.

Umstürzender Paradigmenwechsel: Selbstverwirklichung statt Katechese

Die katho­li­schen Reli­gi­ons­leh­rer wer­den zwar von der Kir­che ‚gesen­det’ (mis­sio cano­ni­ca), aber sie sol­len nicht den Glau­ben der Kir­che und die christ­li­che Leh­re ver­mit­teln, son­dern sozia­le und reli­giö­se The­men für die Selbst­wer­dung und Welt­be­geg­nung der Schü­ler frucht­bar machen. Das biblisch-christ­li­che Glau­bens­wis­sen soll nicht ein­mal im Sin­ne einer reli­gi­ons­kund­li­chen Infor­ma­ti­on ein­ge­bracht wer­den. Wenn aber das Grund­wis­sen über die Inhal­te der christ­li­chen Reli­gi­on nicht oder nur mar­gi­nal gelehrt wird, kann natür­lich auch „nichts hän­gen­blei­ben“.

Ein Blick auf den Lehr­plan Katho­li­sche Reli­gi­on für die Sekun­dar­stu­fe I in Hes­sen bestä­tigt die­sen Befund. Es ergibt sich dort das Para­dox, dass bei der Ziel­set­zung des Reli­gi­ons­un­ter­richts als „Iden­ti­täts­fin­dung und Lebens­be­wäl­ti­gung jun­ger Men­schen“ die Ori­en­tie­rung auf reli­giö­se Inhal­te und Bekennt­nis­se kei­ne Rol­le spielt. Erst bei der Ent­fal­tung des Lehr­plans in fünf The­men­fel­dern wer­den christ­li­che Inhal­te her­an­ge­zo­gen. Im Vor­der­grund ste­hen aber Lern­be­rei­che mit nicht-christ­li­chen The­men wie „Begeg­nung mit sich selbst, mit ande­ren Men­schen und der Schöp­fung“ sowie „mit ande­ren Reli­gio­nen und Welt­deu­tun­gen“. Nach­ge­ord­net ste­hen in den bei­den letz­ten Begeg­nungs­fel­dern die „bibli­sche Bot­schaft und die Kir­che“ auf dem Lehr­plan. Der Ein­druck von Eltern, im Reli­gi­ons­un­ter­richt wür­de vor­wie­gend Lebens- und Sozi­al­kun­de betrie­ben, hat hier sei­ne Basis.

Das Würz­bur­ger Syn­oden­pa­pier hat­te einen umstür­zen­den Para­dig­men­wech­sel ein­ge­lei­tet: Der katho­lisch-kon­fes­sio­nel­le Reli­gi­ons­un­ter­richt soll­te nicht mehr der päd­ago­gisch auf­be­rei­te­te Ver­mitt­lungs­pro­zess vom unver­kürz­ten Glau­bens­gut und dem Leben der Kir­che sein (Kate­che­se), son­dern allein päd­ago­gisch legi­ti­miert wer­den aus den Erfah­run­gen des  moder­nen – d. h. zeit­gei­sti­gen — Mensch­seins hin zu einer Lebens­be­wäl­ti­gung. Dabei soll­ten dann auch bibli­sche und kirch­li­che Tra­di­tio­nen reflek­tiert wer­den.

Existentielle Betroffenheitssprache im Jargon der 70er Jahre

Die zu die­sem Ansatz pas­sen­de Didak­tik nann­te das Syn­oden­pa­pier „Kon­ver­genz­mo­dell“: Dort wo päd­ago­gisch-anthro­po­lo­gi­sche Begrün­dun­gen, Erfah­run­gen und Ziel­set­zun­gen sich mit kirch­lich-theo­lo­gi­schen über­schnit­ten, habe die­ser Unter­richt sei­nen Ort. Spä­ter führ­te man für die­ses Ver­hält­nis den Begriff „Kor­re­la­ti­on“ ein.

Die Kor­re­la­ti­ons­di­dak­tik schreibt vor, die Inhal­te von Bibel und Glau­bens­leh­re so zu ver­mit­teln, dass sie sich mit einer tem­po­rä­ren gesell­schaft­li­chen „Lebens­re­le­vanz“ gegen­sei­tig erschlös­sen. Ande­re For­mu­lie­run­gen dafür: wech­sel­sei­ti­ge Erschlie­ßung zwi­schen Lebens­si­tua­ti­on der Schü­ler und den Glau­bens­tra­di­tio­nen.

Die­ses didak­ti­sche Kon­zept ist nicht zu ver­wech­seln mit der aner­kann­ten päd­ago­gi­schen Metho­de, bei der Ver­mitt­lung von Lehr­in­hal­ten auf den Lebens- und Ver­ste­hens­ho­ri­zont der Schü­ler ein­zu­ge­hen. Ein sol­ches schü­ler­ge­rech­tes Vor­ge­hen bedeu­tet z. B., an bestehen­des Wis­sen und die Inter­es­sen der Schü­ler anzu­knüp­fen oder einen gänz­lich neu­en Lern­ge­gen­stand ver­ein­fa­chend und mit Ver­glei­chen ein­zu­füh­ren. Kei­nes­falls aber darf eine didak­ti­sche Metho­de dazu füh­ren, dass der Lern­stoff selbst in sei­ner Sub­stanz ver­än­dert oder ver­zerrt wird.

Bibel und kirchliche Lehre durch die Brille des Zeitgeistes gefiltert

Genau das geschieht aber bei der Kor­re­la­ti­ons­di­dak­tik:

  • Zum einen wirkt sich der Ansatz selek­tiv aus: Da mit sol­chen zen­tra­len Glau­bens­the­men wie Erb­sün­de und Erlö­sung, Drei­fal­tig­keit und Got­tes­sohn­schaft Chri­sti, Gericht und  Wie­der­kunft kei­ne „Lebens­re­le­vanz und Erfah­rungs­räu­me der Schü­ler zu erschlie­ßen“ sind, kom­men sie in den bischöf­lich geneh­mig­ten Lehr­plä­nen des katho­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richts nicht oder nur am Ran­de vor.
  • Zum ande­ren biegt man sich wei­te­re Tor­hei­ten des Glau­bens wie Wun­der, Erlö­sungs­tod und Auf­er­ste­hung ins moder­ne Ver­ste­hen zurecht. Wenn sie über­haupt Gegen­stand des Unter­richts sind, wer­den sie in einen kon­stru­ier­ten Zeit­geist­ho­ri­zont ein­ge­passt, der als Inter­pre­ta­ti­ons­fil­ter der Lebens­re­le­vanz fun­giert. Dann wird z. B. der erlö­sen­de Kreu­zes­tod Chri­sti auf ein Soli­da­ri­täts­han­deln Jesu redu­ziert.  Die Fol­ge die­ser dog­ma­ti­schen Neu-Leh­re ist dann aber, dass die fun­da­men­ta­len Glau­bens­wahr­hei­ten ver­wäs­sert wer­den und damit erst recht an Lebens­be­deu­tung für die Schü­ler ver­lie­ren.

Biblische Geschichten als Aufhänger für Sozialisationsthemen und …

EinFach Religion Tochter des Jairus
„Ein­Fach Reli­gi­on“

An einem Unter­richts­werk soll die Kon­zep­ti­on der reli­gi­ons­päd­ago­gi­schen Kor­re­la­ti­ons­di­dak­tik erläu­tert wer­den: In der Rei­he „Ein­Fach Reli­gi­on“ wer­den die bei­den bibli­schen Auf­er­weckungs­ge­schich­ten von der Toch­ter des Jai­rus und dem Jüng­ling von Naim zu einer Unter­richts­ein­heit auf­be­rei­tet. Nach der Tex­ter­schlie­ßung der bei­den Evan­ge­li­ums­er­zäh­lun­gen steht die Erar­bei­tung fol­gen­der The­men mit den Schü­lern an: „geschlechts­spe­zi­fi­sche Zugän­ge zur Puber­tät, moder­ne Geschich­ten vom Erwach­sen­wer­den“ sowie „Moti­ve des Auf­ste­hens und Erwa­chens in Lyrik, Pop­mu­sik und Mär­chen“.  Die bibli­sche Geschich­te wird bei die­sem Vor­ge­hen zu einem Auf­hän­ger degra­diert, um sol­che The­men­kom­ple­xe wie Sozia­li­sa­ti­on und Iden­ti­täts­ent­wick­lung im Kon­text heu­ti­ger Zeit zu behan­deln. Im Nach­hin­ein muss den Schü­lern die Beschäf­ti­gung mit dem bibli­schen Text wie ein über­flüs­si­ger Ein­stieg vor­kom­men. Auch die Reli­gi­ons­leh­rer selbst machen sich mit der genann­ten The­men­ab­lei­tung über­flüs­sig, denn für sol­che fach­frem­den Lehr­ge­gen­stän­de wie moder­ne Geschich­ten und Lyrik sind Deutsch­leh­rer bes­ser qua­li­fi­ziert.

… Hinführung zu einer Verkehrung des Glaubensbekenntnisses

Die Kehr­sei­te von der kor­re­la­ti­ons­di­dak­ti­schen Kon­zen­tra­ti­on auf lebens­re­le­van­te Inter­pre­ta­ti­ons­mu­ster zu bibli­schen Erzäh­lun­gen besteht dar­in, dass die theo­lo­gi­schen Kern­aus­sa­gen auf der Strecke blei­ben – in die­sem Fall die Erör­te­rung von Krank­heit und Tod als Fol­ge der Erb­sün­de oder die Dar­stel­lung der Per­son Jesu Chri­sti als Erlö­ser von Sün­de und Tod. Eben­so­we­nig wer­den die­se Auf­er­weckungs­wun­der Chri­sti als macht­vol­le Zei­chen für die zukünf­ti­ge Auf­er­ste­hung gedeu­tet. Im Gegen­teil – laut Lehr­plan soll die „Auf­er­ste­hung der Toten“ aus dem apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis in eine „Auf­er­ste­hung der Leben­den“ ver­kehrt wer­den. So wer­den die gro­ßen bibli­schen The­men und die spe­zi­fisch christ­li­chen Inhal­te  zu All­tags­ge­schich­ten bana­li­siert nach der Art: „Auf­er­ste­hung als Lebens­kunst, Auf­ste­hen als Lebens­prin­zip“ – bei­des Zita­te aus dem Mit­tel­stu­fen­lehr­plan katho­li­sche Reli­gi­ons­leh­re.

Der Horizont der Transzendenz wird eher verschüttet als geöffnet …

"Auferstehung als Lebenskunst", hier als Buch der Leiterin der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Bischofskonferenz
„Auf­er­ste­hung als Lebens­kunst“?, hier bspw. als Buch der Lei­te­rin der Arbeits­stel­le für Frau­en­seel­sor­ge der DBK

Der lang­jäh­ri­ge Reli­gi­ons­leh­rer Jakob Knab bezeich­net es als das Spe­zi­fi­sche des  Reli­gi­ons­un­ter­richts, die grund­le­gen­den Sinn- und Exi­stenz­fra­gen wach­zu­hal­ten – so in der Tages­post vom 1. 8. 2015. Hork­hei­mer zitie­rend, nennt er als Bei­spie­le die Sehn­sucht nach voll­ende­ter Gerech­tig­keit, die Hoff­nung der Reli­gi­on, dass das „Unrecht die­ser Welt nicht das letz­te Wort haben wird“ sowie den Glau­ben dar­an, dass „Gott Heil und Frie­den bringt, den die Welt nicht geben kann“. Es scheint aber so, dass der Reli­gi­ons­un­ter­richt nach Lehr­plan die­se Sehn­sucht nach einem Leben im Hori­zont der Tran­szen­denz  eher ver­schüt­tet als för­dert. Jeden­falls wer­den die bibli­schen Geschich­ten nicht wirk­lich als Tür­öff­ner für Got­tes­glau­ben und Tran­szen­denz­er­fah­rung ver­mit­telt, son­dern eben nur für prak­ti­sche Lebens­re­le­vanz, Iden­ti­täts­fin­dung oder sozia­le The­men.

 

… an Ufos glauben mehr Menschen als an das Jüngste Gericht

Ist es bei einem sol­chen Reli­gi­ons­un­ter­richt ver­wun­der­lich, dass nur ein Drit­tel der Deut­schen an die wirk­li­che Auf­er­ste­hung Chri­sti glaubt, wie Kar­di­nal Rai­ner Maria Woel­ki kürz­lich in einer Pre­digt fest­stell­te? 60 Pro­zent glaubt nicht an ein ewi­ges Leben. An Ufos glau­ben in Deutsch­land mehr Men­schen als an das Jüng­ste Gericht. Im Reli­gi­ons­un­ter­richt jeden­falls gilt der Glau­be an Got­tes Gericht kor­re­la­ti­ons­di­dak­tisch als nicht ver­mit­tel­bar. Der Aus­fall der Glau­bens­wei­ter­ga­be im Reli-Unter­richt dürf­te eine Basis dafür sein, dass sich „die gemein­sa­men Glau­bens­in­hal­te (der Kir­che) weit­ge­hend in Luft auf­ge­löst haben“, wie der Köl­ner Kar­di­nal resü­mier­te.

Was soll hängen bleiben, wenn kaum Kirchlich-Religiöses gelehrt wird?

Ähn­lich sieht es bei den kirch­li­chen The­men im Begeg­nungs­feld V aus. Nicht vor­ge­se­hen im Reli­gi­ons­un­ter­richt sind die Behand­lung des Kreuz­zei­chens als Kurz­for­mel vom drei­ei­nen Gott, des Glau­bens­be­kennt­nis­ses, der Zehn Gebo­te, des Vater unsers, der sie­ben Sakra­men­te oder des Auf­baus der hl. Mes­se. Die kirch­li­chen Hoch­fe­ste Weih­nach­ten, Ostern und Pfing­sten sol­len nur in ihrem kul­tu­rel­len Nie­der­schlag als Brauch­tum mit Riten und Sym­bo­len erläu­tert wer­den, nicht in ihrem biblisch-kirch­li­chen Gehalt. Damit wird auch die Ein­gangs­fest­stel­lung erklär­lich, war­um den mei­sten Absol­ven­ten des Reli­gi­ons­un­ter­richts die bibli­schen Grund­la­gen der Hoch­fe­ste nicht bewusst ist. Die Sakra­men­te der Tau­fe und Fir­mung sol­len nur als „Sym­bo­le für die Auf­nah­me in die Gemein­schaft“, also als Initia­ti­ons­ri­ten gelehrt wer­den. Ver­kürzt wer­den das Ehe­sa­kra­ment und die kirch­li­che Ehe­leh­re dar­ge­stellt.

Bischof Heinz Josef Alger­mis­sen von Ful­da sag­te vor eini­ger Zeit in einem Inter­view zu dem „Dra­ma der Kir­chen­aus­trit­te“: „Bei mei­nen Besu­chen und Gesprä­chen stel­le ich fest: Das Glau­bens­wis­sen ist auf einem erschreckend nied­ri­gen Niveau ange­kom­men. Ich bin seit 46 Jah­re Prie­ster und muss sagen: Der Grund­was­ser­spie­gel des Glau­bens war noch nie so tief wie im Augen­blick.“ Die grund­le­gen­den Glau­bens­wahr­hei­ten müss­ten neu ver­mit­telt wer­den. Mit dem Inter­view­er stimm­te er dar­in über­ein, dass es bei dem schlei­chen­den Glau­bens­ver­lust kei­ne The­ra­pie geben kön­ne ohne die Ver­mitt­lung von Glau­bens­in­hal­ten, also Kate­che­se. An der Glau­bens­ver­dun­stung hat sicher­lich auch der oben beschrie­be­ne Reli­gi­ons­un­ter­richt ihren Anteil. Und bei der The­ra­pie wird man um eine Rück­be­sin­nung in der schu­li­schen Reli­gi­ons­leh­re auf die Kern­the­men des Glau­bens nicht umhin kom­men.

Die Verdunstung des Glaubens wird im RU konzeptionell betrieben

Als Resü­mee ist fest­zu­hal­ten: Bei den bibli­schen und kirch­li­chen The­men­fel­dern ver­mit­telt der Reli­gi­ons­un­ter­richt wenig reli­giö­ses Glau­bens­wis­sen im Bezugs­rah­men des kirch­li­chen Glau­bens­be­kennt­nis­ses. Es fin­det kei­ne Ver­tie­fung der Glau­bens­leh­re statt. Die The­men bibli­scher und kirch­li­cher Tra­di­ti­on wer­den viel­fach zum Aus­gangs­ma­te­ri­al abge­wer­tet, um den Kin­dern und Jugend­li­chen zu Selbst­wer­dung zu ver­hel­fen. Durch die­se instru­men­tel­le Form der Reli­gi­ons­ver­mitt­lung wer­den die Schü­ler eher vom Glau­ben der Kir­che weg- als hin­ge­führt. Bei den drei wei­te­ren, nicht spe­zi­fisch christ­li­chen The­men­fel­dern strebt man die Ziel­set­zung der anthro­po­lo­gi­schen Iden­ti­täts­fin­dung direkt an. Die Erfah­rung, dass nach zehn oder drei­zehn Jah­ren Reli­gi­ons­un­ter­richt nichts hän­gen bleibt, beruht also dar­auf, dass erstens reli­giö­ses Grund­wis­sen nur mar­gi­nal ver­mit­telt wird. Dar­über hin­aus wer­den die Kern­aus­sa­gen des Chri­sten­tums in sozi­al-anthro­po­lo­gi­sche Dimen­sio­nen auf­ge­ho­ben im dop­pel­ten Sin­ne. Die oft beklag­te „Ver­dun­stung des Glau­bens“ wird im Reli­gi­ons­un­ter­richt kon­zep­tio­nell betrie­ben. Denn der Reli­gi­ons­un­ter­richt ist ent­kernt, er ist hohl bezüg­lich sei­nes christ­lich-reli­giö­sen Zen­trums.  Die­se Aus­sa­gen gel­ten für die strik­te Anwen­dung des Lehr­plans – ein­zel­ne Lehr­per­so­nen mögen ent­ge­gen den Vor­ga­ben durch­aus einen glau­bens- und kir­chen­treu­en Reli­gi­ons­un­ter­richt hal­ten.

Christliche Schüler sind gegenüber muslimischen Jugendlichen die Dummen

Man fragt sich, wie die christ­li­chen Schü­ler ange­sichts des Man­gels an Grund­wis­sen über ihren Glau­ben etwa im Dia­log mit gebil­de­ten Mus­li­men bestehen sol­len. Bei Zunah­me des isla­mi­schen Reli­gi­ons­un­ter­richts an Schu­len wer­den mus­li­mi­sche Schü­ler  bald deut­lich gefe­stig­ter in ihrer Glau­bens­leh­re ste­hen als christ­li­che. Wenn dann Mus­li­me Chri­sten (ent­spre­chend von Koran­aus­sa­gen) damit kon­fron­tie­ren, dass sie drei Göt­ter anbe­ten wür­den, wer­den die Chri­sten-Schü­ler rat­los daste­hen. Sie kön­nen über ihren Glau­ben kei­ne Rechen­schaft abge­ben.  Denn das Glau­bens­be­kennt­nis und die Leh­re vom drei­ei­n­i­gen Gott  waren und sind kei­ne offi­zi­el­len The­men in 13 Jah­ren Reli­gi­ons­un­ter­richt.

Im krassen Gegensatz zum Konzil

Mit dem Ansatz, die Glau­bens­leh­re der Kir­che nur mar­gi­nal und in distan­ziert-plu­ra­li­sti­scher Sicht­wei­se zu ver­mit­teln, steht das Syn­oden­pa­pier auch im kras­sen Gegen­satz zu den ent­spre­chen­den Kon­zils­do­ku­men­ten. Mit der Erklä­rung „Gra­vis­si­mum edu­ca­tio­nis“ hat­te das Vati­ca­num II eine Instruk­ti­on über die christ­li­che Erzie­hung ver­ab­schie­det. In dem Papier sind die Prin­zi­pi­en der Kate­che­se ent­fal­tet. Die­se Kon­zils­er­klä­rung wur­de in dem Würz­bür­ger Syn­oden­pa­pier nicht ein­mal erwähnt, geschwei­ge denn berück­sich­tigt.

Im Jah­re 1982 ana­ly­sier­te Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger in einem Vor­trag vor fran­zö­si­schen Bischö­fen „die Kri­se der Kate­che­se“ und zeig­te „Wege zu ihrer Über­win­dung“ auf. Damals kri­ti­sier­te der Glau­bens­prä­fekt die Abschaf­fung des Kate­chis­mus und dräng­te dar­auf, den Glau­ben an die jun­ge Genera­ti­on unver­kürzt wei­ter­zu­ge­ben. Aus­ge­hend vom Glau­bens­be­kennt­nis zum drei­ei­nen Gott sowie in der heils­ge­schicht­li­chen Ent­fal­tung von Schöp­fung, Sün­den­fall, Erlö­sung und Voll­endung müss­te wie­der grö­ße­rer Wert auf die Ver­mitt­lung von Glau­bens­in­hal­ten gelegt wer­den. Mit dem Jugend­ka­te­chis­mus YOUCAT liegt inzwi­schen ein Ori­en­tie­rungs­rah­men dafür vor. Der aber wird für den Reli­gi­ons­un­ter­richt weit­ge­hend  boy­kot­tiert.

Päpstliche Richtlinien gegen die Glaubensverdunstung …

Papst Bene­dikt XVI. gab nach die­sen Über­le­gun­gen beim Ad-limi­na-Besuch im Novem­ber 2006 den deut­schen Bischö­fen eini­ge Instruk­tio­nen mit auf den Weg:

  • Die Cur­ri­cu­la für den Reli­gi­ons­un­ter­richt sind an der Leh­re der Kir­che aus­zu­rich­ten, wie sie im Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che dar­ge­legt ist.
  • Ziel muss es sein, im Lau­fe der Schul­zeit das Gan­ze des Glau­bens und der Lebens­voll­zü­ge der Kir­che schü­ler­ge­recht zu ver­mit­teln.
  • Die ganz­heit­li­che und ver­ständ­li­che Dar­stel­lung der Glau­bens­in­hal­te muss  der wesent­li­che Ent­schei­dungs­punkt bei der Geneh­mi­gung von Lehr­bü­chern sein.
  • Der Inhalt der Kate­che­se darf gegen­über der didak­ti­schen Metho­de nicht in den Hin­ter­grund tre­ten. (Gemeint ist die Metho­de der Kor­re­la­ti­ons­di­dak­tik.)

Die­se päpst­li­chen Kri­te­ri­en waren deut­li­che Ermah­nun­gen, den Reli­gi­ons­un­ter­richt künf­tig an der Glau­bens­wei­ter­ga­be zu ori­en­tie­ren und eine ent­spre­chen­de Kurs­kor­rek­tur ein­zu­lei­ten.

… von den deutschen Bischöfe in den Wind geschlagen

Die deut­schen Bischö­fe dage­gen haben weder die päpst­li­chen Wei­sun­gen auf­ge­nom­men noch irgend­wel­che Über­ar­bei­tun­gen ein­ge­lei­tet. Im Gegen­teil. Man boy­kot­tier­te auch in die­sem Fall die päpst­li­chen Instruk­tio­nen. Bischof Bode hat­te schon im Vor­feld in einem Inter­view mit Radio Vati­kan dem Papst vor­schrei­ben wol­len: „Wir erwar­ten Ermu­ti­gung durch den Papst und kei­ne Dis­kus­sio­nen über Pro­ble­me. Das Wort „Ermu­ti­gung“  gebrauch­ten auch ande­re Bischö­fe in ihren anschlie­ßen­den Pres­se­er­klä­run­gen, um damit die Papst­an­spra­che zu kon­ter­ka­rie­ren.

Beson­ders schlitz­oh­rig äußer­te sich der dama­li­ge Vor­sit­zen­de der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, Kar­di­nal Karl Leh­mann von Mainz:
Die Anspra­che des Pap­stes sei als „Ermu­ti­gung zu ver­ste­hen, unse­ren Ein­satz für den kon­fes­sio­nel­len Reli­gi­ons­un­ter­richt in der Schu­le kon­se­quent fort­zu­set­zen“. Damit wur­de die Kri­tik Bene­dikts an einem nicht-kate­che­ti­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt mit nur mar­gi­na­ler Ver­mitt­lung der Glau­bens­leh­re in eine Ermu­ti­gung zum „Wei­ter so wie bis­her“ umge­deu­tet.

Gesche­hen ist seit dem vor­letz­ten Ad-limi­na-Besuch in Rom nichts. Der glau­bens- und kir­chen­di­stan­zier­te Reli­gi­ons­un­ter­richt wird ohne Kor­rek­tu­ren wei­ter­ge­führt. Seit der päpst­li­chen Anre­gung sind wie­der zehn Jahr­gän­ge von katho­li­schen Schü­lern ent­las­sen wor­den, die nur rudi­men­tä­re Kennt­nis­se von ihrem Glau­ben haben.

DBK-Parole: Weiter so wie seit 40 Jahren

Auf der Herbst­voll­ver­samm­lung der deut­schen Bischö­fe in Ful­da 2012 wur­de das ver­fehl­te Kon­zept des glau­bens­fer­nen Reli­gi­ons­un­ter­richts als Nicht-Kate­che­se noch ein­mal bekräf­tigt: Man schwelg­te im Jar­gon der 70er Jah­re und bete­te die längst über­hol­ten The­sen von Betrof­fen­heits- und Erschlie­ßungs­päd­ago­gik nach.

Offen­sicht­lich ist bei den deut­schen Bischö­fen die Ein­sicht in die Kri­se des Reli­gi­ons­un­ter­richts noch gar nicht ange­kom­men. Oder ver­schlie­ßen sie bewusst die Augen vor der desa­strö­sen Bilanz in der Ver­mitt­lung von Glau­bens­wis­sen und ‑treue bei der katho­li­schen Schul­ju­gend?

Gebt dem Synodenpapier endlich den Abschied

Schul­bi­schof Becker soll­te ein­mal mit dem rea­li­sti­schen Blick sei­nes Mit­bru­ders Bode den Reli­gi­ons­un­ter­richt wahr­neh­men: „Es bleibt nichts hän­gen“. Nach die­ser Bank­rott-Erklä­rung müss­te die Schul­kom­mis­si­on der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz für den Reli­gi­ons­un­ter­richt eine ähn­lich scho­nungs­lo­se Ana­ly­se und Bilanz erstel­len, wie sie die Bischö­fe Woel­ki und Alger­mis­sen für das Glau­bens­wis­sen der Katho­li­ken umris­sen haben (sie­he oben).

Nach der Ursa­chen­for­schung wer­den die Bischö­fe nicht umhin kom­men, dem schon lan­ge über­hol­ten Syn­oden­pa­pier sei­nen Abschied zu geben. Damit dürf­te auch klar sein, dass man das reli­gi­ons­päd­ago­gi­sche Dog­ma des nicht-kate­che­ti­schen Unter­richts hin­ter­fra­gen muss. Denn das ver­al­te­te Syn­oden-Kon­zept der 70er Jahr ist der Wur­zel­grund für den kom­plet­ten Aus­fall des katho­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richts als Ver­mitt­lung der Glau­bens­leh­re. Danach soll­te man unter Berück­sich­ti­gung der kon­zi­lia­ren und päpst­li­chen Ori­en­tie­run­gen der letz­ten Jahr­zehn­te …

"Glaube und Leben" Bischof Laun
„Glau­be und Leben“ von Bischof Andre­as Laun

einige schlichte Wahrheiten als Grundprinzipien aufstellen:

  • Das Ziel des katho­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richts ist die Ein­füh­rung in die biblisch fun­dier­te Glau­bens­leh­re der Kir­che – und nicht die glau­bens­fer­ne Iden­ti­täts­fin­dung der Kin­der und Jugend­li­chen wie etwa im Fach Ethik.
  • Das Cur­ri­cu­lum für die 10 bzw. 13jährige Schul­zeit soll­te das Gan­ze des Glau­bens und der Lebens­voll­zü­ge der Kir­che umfas­sen – etwa ori­en­tiert am Jugend­ka­te­chis­mus YOUCAT.
  • Der Lehr- und Lern­stoff des Reli­gi­ons­un­ter­richts ist zu ver­mit­teln nach den aner­kann­ten päd­ago­gi­schen Prin­zi­pi­en einer schü­ler­ge­rech­ten und jahr­gangs­ge­mä­ßen Didak­tik, die den Lebens- und Ver­ste­hens­ho­ri­zont der Schü­ler und Schü­le­rin­nen berück­sich­tigt. Damit soll­te dann auch das Kapi­tel Kor­re­la­ti­ons­di­dak­tik begra­ben wer­den.

Auf die­ser Basis müss­te dann die bischöf­li­che Schul­kom­mis­si­on einen neu­en Grund­la­gen­plan erstel­len, von dem aus die Cur­ri­cu­la für die ein­zel­nen Schul­stu­fen und –for­men ent­wickelt wer­den. Das Syn­oden­pa­pier war in der Theo­lo­gie der Bibel an Rudolf Bult­mann ori­en­tiert; das neue Kon­zept könn­te sich etwa auf die Jesus-Bücher von Papst Bene­dikt stüt­zen. Es ist ein Glücks­fall, dass für die­se Kurs­kor­rek­tur schon eine erste erprob­te Schul­buch­rei­he exi­stiert, näm­lich das acht­bän­di­ge Werk Glau­be und Leben, kon­zi­piert und her­aus­ge­ge­ben vom Salz­bur­ger Weih­bi­schof Andre­as Laun.

Die Bischöfe dürfen ihre Verantwortung nicht abschieben

Bei die­sem Vor­ge­hen müs­sen die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit kor­ri­giert wer­den: Das Syn­oden­pa­pier von 1974 hat­ten Pro­fes­so­ren erstellt – ohne Rück­sicht auf Kon­zil, Kir­che und Glau­bens­leh­re. Die mehr­heit­lich von Lai­en besetz­te Syn­ode erteil­te dann den Bischö­fen den Auf­trag zur Umset­zung. Die ihrer­seits scho­ben ihre Ver­ant­wor­tung auf Lehr­plan-Kom­mis­sio­nen, Schul­buch­ex­per­ten und Schul­ab­tei­lungs­lei­ter ab. Was die vor­leg­ten, haben die Bischö­fe dann mei­stens „durch­ge­wun­ken“.

... statt Hubertus Halbfas.
… statt Huber­tus Halb­fas.

Bis zur Jahr­tau­send­wen­de hat­ten die Bischö­fe die Geneh­mi­gung von Reli-Büchern gänz­lich auf eine Kom­mis­si­on dele­giert. Aber auch seit­her neh­men die Bischö­fe ihre auf­ge­tra­ge­ne Ver­ant­wor­tung nicht aus­rei­chend wahr. Das lässt sich an dem Bei­spiel nach­wei­sen, wie die ungläu­bi­gen Halb­fas-Reli­gi­ons­bü­cher in den mei­sten deut­schen Diö­ze­sen den Geneh­mi­gungs­stem­pel erhiel­ten. Ein Ordi­na­ri­ats­lei­ter gab unum­wun­den zu, er habe das — auch nach sei­ner Ansicht — bedenk­li­che Unter­richts­werk durch­ge­wun­ken. Ein Erz­bi­schof jam­mer­te nach sei­ner Unter­schrift, er kön­ne doch sei­ner Schul­ab­tei­lung nicht in den Rücken fal­len. Wenn sich aber die bischöf­li­chen Sekre­ta­ria­te selbst ernst­haft mit dem Buch beschäf­tigt hät­ten, dann wären sie zu einem ande­ren Urteil gekom­men — wie der Gene­ral­vi­kar des Bis­tums Ful­da: Wenn man auf dem Boden der Kir­che steht, kann man die­ses Buch in der Sekun­dar­stu­fe I nicht benut­zen. Es ist geeig­net, den Kin­dern jeg­li­chen Glau­ben aus­zu­trei­ben. Das Buch ver­tritt nicht die Leh­re der Kir­che. Bischof Alger­mis­sen ver­wei­ger­te daher sei­ne Unter­schrift zur Neu­auf­la­ge des Halb­fas-Buches. Doch da man es bei den ande­ren drei Diö­ze­sen des Lan­des Hes­sen (Mainz, Lim­burg, Pader­born) durch­wink­te, war Ful­da über­stimmt. Das Buch konn­te als bischöf­lich geneh­migt geli­stet wer­den.

Bei der not­wen­di­gen Neu­aus­rich­tung des Reli­gi­ons­un­ter­richts wird es ent­schei­dend sein, dass die Bischö­fe das Kon­zept in der Hand behal­ten und nicht an ver­meint­li­che Exper­ten-Kom­mis­sio­nen abge­ben. Die bischöf­li­chen Glau­bens­wäch­ter sind sowohl von Sei­ten des Staa­tes wie auch der Kir­che für Lehr­plan, Lehr­bü­cher und Ein­stel­lung der Reli­gi­ons­leh­rer allein zustän­dig. Sie müs­sen die Direk­ti­ven für die genann­ten Berei­che aus­ge­ben und tra­gen die Ver­ant­wor­tung für deren Umset­zung. Das gilt für die ein­zel­nen Diö­ze­sen und ihre Schul­ab­tei­lun­gen, die Bischö­fe der Bun­des­län­der bezüg­lich der Lehr­plä­ne sowie die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz. Deren drin­gen­de Auf­ga­be wird es sein, den Grund­la­gen­plan für den schu­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt zu revi­die­ren. Erst wenn die Bischö­fe Inhalt, Umfang und Leit­li­ni­en der katho­li­schen Reli­gi­ons­leh­re bestimmt haben, soll­ten die Exper­ten für Didak­tik und Reli­gi­ons­päd­ago­gik ein­be­zo­gen wer­den.

Gegen eine glau­bens­treue Neu­aus­rich­tung des Reli­gi­ons­un­ter­richts wird Wider­stand zu erwar­ten sein, ins­be­son­de­re von Pro­fes­so­ren für Reli­gi­ons­päd­ago­gik. Seit der betont kir­chen- und glau­bens­fer­nen Fun­da­men­tal­ka­te­che­tik von Huber­tus Halb­fas haben sich vie­le Theo­lo­gen in der exi­sten­tia­len Reli­gi­ons­päd­ago­gik des Syn­oden­pa­piers selbst­zu­frie­den ein­ge­rich­tet – ähn­lich wie der DKV, der Halb­fas jahr­zehn­te­lang als Men­tor ansah.

Auch von den Schul­ab­tei­lun­gen der bischöf­li­chen Ordi­na­ria­te wird Gegen­wind kom­men. Die per­so­nell gut aus­ge­stat­te­ten Schul­res­sorts sehen gewöhn­lich im System des gegen­wär­ti­gen Reli­gi­ons­un­ter­richts kei­nen Reform­be­darf. Zu einer kri­ti­schen Anfra­ge bei dem Schul­de­zer­nat des Schul­bi­schofs der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz kam die Ant­wort: Der Reli­gi­ons­un­ter­richt sei nur dazu da, „Sinn­an­ge­bo­te“ zu machen. Von einem Ver­tre­ter der Münch­ner Schul­ab­tei­lung wur­de ein Reli­gi­ons­leh­rer ange­herrscht, er sol­le sei­nen Unter­richt nicht so jesus­zen­triert gestal­ten.

Der Münch­ner Kar­di­nal Rein­hard Marx hat sich mehr­fach opti­mi­stisch zur Zukunft der Kir­che geäu­ßert, sogar die Visi­on einer gro­ßen Zukunft vor­ge­stellt. Wenn aber die katho­li­sche Jugend kei­ne tra­gen­de Basis in Glau­ben und Kir­che hat, dann wird er sei­ne Träu­me begra­ben müs­sen. Marx steht daher als Vor­sit­zen­der der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz in der Ver­ant­wor­tung, die unum­gäng­li­che Kurs­kor­rek­tur beim katho­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt ein­zu­lei­ten.

*Hubert Hecker, pen­sio­nier­ter Ober­stu­di­en­rat mit drei­ßig Jah­ren Unter­richts­er­fah­rung in katho­li­scher Reli­gi­ons­leh­re an allen Klas­sen­stu­fen eines hes­si­schen Gym­na­si­ums.

Bild: DKV/Wikicommons/Verlage (Screen­shots)

4 Kommentare

  1. Was unbe­dingt im Reli­gi­ons­un­ter­richt ver­mit­telt wer­den muss:
    Unser Glau­bens­buch — die Bibel.
    Und zwar voll­stän­dig — in der Ein­heits­über­set­zung.
    Wie fin­det man sich in der Bibel zurecht? Abkür­zun­gen und Inhal­te der wich­tig­sten Bücher des AT und des NT.
    Unser Glau­bens­be­kennt­nis: Satz für Satz. Wor­auf beru­hen die­se Aus­sa­gen biblisch begrün­det?
    Wer sind die Pro­phe­ten, wer ist Jesus Chri­stus?
    Die 10 Gebo­te im Lich­te des Dop­pel­ge­bo­tes der Got­tes- und der Näch­sten­lie­be.
    Die gött­li­che Drei­fal­tig­keit.
    Der Kate­chis­mus und sei­ne Aus­sa­gen — mei­net­we­gen als You­cat.
    Die katho­li­sche Kir­che — auch und gera­de im Ver­gleich zu ande­ren christ­li­chen Kon­fes­sio­nen.
    Die wich­tig­sten Sta­tio­nen der Kir­chen­ge­schich­te.
    Das Chri­sten­tum im Ver­gleich zu ande­ren Reli­gio­nen.
    Die Ein­heits­über­set­zung der Bibel ist für mich essen­ti­ell. Jeder Christ muss sie ken­nen und auch besit­zen und sich in Ihr aus­ken­nen.
    Wei­ter­hin kann der You­Cat hilf­reich sein, auch die Reli­gi­ons­un­ter­richts-Bücher von Weih­bi­schof Laun.
    Auch Ratz­in­gers Ein­füh­rung in das Chri­sten­tum wäre als grund­le­gen­des Buch geeig­net eben­so wie der Kate­chis­mus der katho­li­schen Kir­che (zumin­dest das Kom­pen­di­um des­sel­ben).
    Alles was gelehrt wird, soll­te immer auch im Hin­blick auf unse­re Gegen­wart gelehrt wer­den. Die kri­ti­schen Fra­gen der Schü­ler wer­den sicher kom­men, denen darf nicht aus­ge­wi­chen wer­den. Denn das Fra­gen ist das gute Recht der jun­gen Men­schen. Weiß der Leh­ren de kei­ne befrie­di­gend Ant­wort zu geben, so soll­te das Ansporn sein, kom­pe­ten­ter Fach­leu­te zu befra­gen aber sich auch im Gebet an den Hl. Geist selbst zu wen­den.
    So ein „evan­ge­li­ka­ler“ christ­li­cher Reli­gi­ons­un­ter­richt for­dert den Leh­rer oder Kate­che­ten aufs Tief­ste, aber er lohnt sich.
    Aber nicht der Mum­pitz, der in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit unter dem Eti­ket­ten­schwin­del „kathol. Reli­gi­ons­un­ter­richt“ vie­ler­orts ver­zapft wor­den ist.

  2. Ein sehr guter Bericht und eine per­fek­te Zustands­be­schrei­bung der Situa­ti­on in Deutsch­land.
    Die Aus­sa­ge des Muench­ner Kar­di­nals ist ein­fach nur Unsinn.
    Die Des­in­for­ma­ti­on der Chri­sten mit theo­lo­gi­schen Kopf­ge­bur­ten dau­ert nun seit mei­ner Kind­heit an (heu­te 54 Jah­re)
    Was seit­dem an Quatsch gepre­digt wur­de, laesst sich nicht mal eben so kor­ri­gie­ren.
    Die Kir­che in D trae­umt sich ihre Mit­glie­der schoen zurecht und nimmt dabei impo­san­te Zah­len des Kirchensteuer(un)wesens als Grund­la­ge.
    Dem ist aber schon lan­ge nicht mehr so.
    Die mei­sten blei­ben noch Kst Steu­er­zah­ler, weil man sonst fak­tisch exkom­mu­ni­ziert wird, der kom­men­den Genera­ti­on ist das nur noch egal.
    FSSPX und ande­re from­me Zir­kel haben das erkannt und hal­ten Kate­chis­mus Unter­rich­te ab.
    Die­ses Schrecken­s­pon­ti­fi­kat hat zumin­dest ein Gutes, naem­lich die voel­li­ge Schei­dung der Gei­ster, wer jetzt noch glaubt, tut das GEGEN das Geschwaetz der Kir­chen­obe­ren.

  3. Kon­fes­sio­nel­ler RU von dem Sei­ne Exzel­lenz Gäns­wein so selbst­ver­ständ­lich aus­geht, wird dem­nächst Geschich­te sein, weil vom oeku­me­ni­schen RU abge­löst: Ver­schie­de­ne Bischö­fe bei­der­lei Kon­fes­sio­nen haben dar­in Vor­schub gelei­stet und sich bereits inter­kon­fes­sio­nell geei­nigt, d.h. kath. Reli­gi­ons­leh­rer dür­fen in Zukunft evan­ge­li­sche Reli­gi­ons­leh­re und evang. RL im Gegen­zug kath. Reli­gi­ons­leh­re unter­rich­ten. Als Haupt­grund wer­den orga­ni­sa­to­ri­sche Pro­ble­me, wie z.B. Fach­leh­rer­man­gel und Stun­den­plan Kom­pa­ti­bi­li­tät vor­ge­scho­ben!
    Ein Blick in deut­sche Schu­len ver­rät, dass das dem RU, wie er der­zeit ange­legt ist, auch nicht den gering­sten Abbruch tun wür­de. Im Gegen­teil! Wenn 80â„… der katho­li­schen Reli­gi­ons­päd­ago­gen kaum mehr eine Kir­che von innen sehen und sich auch nicht mehr ver­pflich­tet füh­len, nach den Wei­sun­gen der Kir­che zu leben (Amo­ris Lae­ti­tia wird sie dar­in noch bestär­ken), dann kann ein pro­te­stan­ti­scher Reli­gi­ons­kol­le­ge manch­mal das klei­ne­re Übel sein.
    Die Schü­ler jeden­falls, wür­den kei­nen Unter­schied bemer­ken!

  4. Ich möch­te noch nach­tra­gen, dass ich es sogar für nötig erach­te, die aller­wich­tig­sten christ­li­chen Gebe­te (Vater unser, Gegrüßt seist Du Maria, Apo­stol. Glau­bens­be­kennt­nis, Ehre sei dem Vater, Rosen­kranz, Kreuz­weg u.s.w.) im Reli­gi­ons­un­ter­richt zu ver­mit­teln, weil es im Eltern­haus oft­mals nicht mehr geschieht.
    Auch ein Ein­üben des Umgangs mit dem neu­en Got­tes­lob-Gebet­buch scheint mir sinn­voll.

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