Die Sorgen der Katholiken im Vorfeld des nachsynodalen Schreibens

Papst Franziskus bei der Familiensynode (rechts Kardinal Baldisseri)
Papst Franziskus bei der Familiensynode (rechts Kardinal Baldisseri)

von Rober­to de Mattei*

In die­ser Kar­wo­che 2016 ver­mengt sich der Schmerz über das Lei­den Chri­sti mit der schwer­wie­gen­den Sor­ge über die schmerz­li­che Situa­ti­on, in der sich die Kir­che befin­det. Die größ­ten Sor­gen betref­fen die bevor­ste­hen­de Ver­öf­fent­li­chung des nach­syn­oda­len Apo­sto­li­schen Schrei­bens, das Papst Fran­zis­kus am 19. März unter­zeich­net hat, das aber erst nach Ostern ver­öf­fent­licht wird. Laut dem Vati­ka­ni­sten Lui­gi Accat­to­li „sagen Indis­kre­tio­nen einen Text ohne auf­se­hen­er­re­gen­de dok­tri­nel­le oder juri­di­sche Aus­sa­gen vor­aus, aber mit vie­len prak­ti­schen, inno­va­ti­ven Ent­schei­dun­gen, was die Ehe­vor­be­rei­tung und die Paa­re in irre­gu­lä­ren Situa­tio­nen betrifft: nicht nur die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen, son­dern auch die Paa­re ohne Trau­schein, die aus einem Gläu­bi­gen und einem Ungläu­bi­gen bestehen oder die nur stan­des­amt­lich ver­hei­ra­tet sind“ (Cor­rie­re del­la Sera, 20. März 2016).

Um wel­che „inno­va­ti­ven Prak­ti­ken“ geht es dabei? Das Schlüs­sel­wort des Doku­ments ist „Inte­gra­ti­on“. Jene, die sich in einer irre­gu­lä­ren Situa­ti­on befin­den, wer­den in die Gemein­schaft „inte­griert“ wer­den: sie wer­den Kate­che­ten, Kan­to­ren, Tauf- oder Firm­pa­ten, Trau­zeu­gen und ande­res mehr sein kön­nen. Das sind alles Akti­vi­tä­ten, die ihnen bis zum heu­ti­gen Tag durch die tra­di­tio­nel­le Pra­xis der Kir­che auf­grund ihrer Situa­ti­on als öffent­li­che Sün­der unter­sagt sind.

Alber­to Mel­lo­ni ((Lei­ter der pro­gres­si­ven „Schu­le von Bolo­gna“.)) schreibt hin­ge­gen in der Repub­bli­ca vom 19. März, daß „zur Kom­mu­ni­on für die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen kei­ne Neu­ig­kei­ten erwar­tet wer­den. Denn das Pro­blem ist, eine Pra­xis zu legi­ti­mie­ren (…), nicht, sie theo­lo­gisch zu begrün­den.“ Das Doku­ment sehe kei­ne „gene­rel­le Regel“ für den Zugang zur Eucha­ri­stie vor, son­dern über­las­se es den Beicht­vä­tern und den ein­zel­nen Bischö­fen, „von Fall zu Fall“ die Zulas­sung zu den Sakra­men­ten zu erlau­ben. Die Neu­ig­keit, so Mel­lo­ni, lie­ge nicht in den Wor­ten, son­dern in den Taten, „indem die Bischö­fe zur Ver­ant­wor­tung geru­fen wer­den, denen effek­ti­ve Voll­mach­ten zurück­ge­ge­ben wer­den und damit eine regel­rech­te ‚Revo­lu­ti­on‘ erzielt wird, wie Kar­di­nal Kas­per sag­te.“

Stel­len wir uns nun also vor, jemand wür­de sagen: Es gibt die Moral, aber ver­hal­ten wir uns so, als wür­de es sie nicht geben. Da die Moral die Norm für das mensch­li­che Ver­hal­ten ist, wäre das eine Auf­for­de­rung zu einer Gesell­schaft ohne Regeln; zu einem regel­rech­ten mora­li­schen Wil­den Westen, in dem alles erlaubt ist, Haupt­sa­che man theo­re­ti­siert es nicht. Jesus sagt: „Wer mich liebt, beach­tet mei­ne Gebo­te“ (Joh 14,21). In die­sem Fall wür­den die Gebo­te Got­tes im Namen einer fal­schen, barm­her­zi­gen Lie­be miß­ach­tet und man wür­de Sei­ner spot­ten. Doch genau das ist das von Mel­lo­ni erhoff­te Sze­na­rio „der Legi­ti­ma­ti­on der Pra­xis“.

Papst Franziskus
Papst Fran­zis­kus

Soll­ten sich die Indis­kre­tio­nen bewahr­hei­ten, könn­ten jene, die sich in einem noto­ri­schen und dau­er­haf­ten Zustand der Sün­de befin­den, in die Rol­le von Zeu­gen, Anfüh­rern und Erzie­hern der christ­li­chen Gemein­schaft auf­stei­gen. Das wür­de anschei­nend nicht nur für die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen, son­dern auch für öffent­lich Zusam­men­le­ben­de jeder Art gel­ten, unter­schieds­los ob Hete­ro- oder Homo­se­xu­el­le.

Wird es mög­lich sein, auf ein sol­ches Doku­ment die „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ anzu­wen­den, ver­stan­den als Ver­such, jede Hand­lung oder jedes Wort, egal wel­che, der kirch­li­chen Hier­ar­chie für tra­di­ti­ons­kon­form zu hal­ten?

Damit eine Kon­ti­nui­tät mit der Ver­gan­gen­heit besteht, genügt es nicht, die Unauf­lös­lich­keit der Ehe zu bekräf­ti­gen. Die Kon­ti­nui­tät der Dok­trin zeigt sich durch die Fak­ten und nicht durch die Wor­te. Wie kann man, ange­sichts sol­cher Neue­run­gen in der Pra­xis sagen, daß sich nichts ändert? Wie kann man als Lösung die Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät vor­schla­gen, die bereits geschei­tert ist, was die Doku­men­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils betrifft? In sei­ner Rede vom 14. Febru­ar 2013 an den römi­schen Kle­rus gestand Bene­dikt XVI., der Haupt­ver­tre­ter der Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät, das Deba­kel die­ser Inter­pre­ta­ti­ons­li­nie ein. Sein Ver­zicht auf den päpst­li­chen Thron ist vor allem eine Nie­der­la­ge des Ver­suchs, die nach­kon­zi­lia­re reli­giö­se und mora­li­sche Abir­rung durch eine rein theo­lo­gi­sche und her­me­neu­ti­sche Debat­te ein­zu­däm­men. Dort, wo Bene­dikt XVI. mit dem Motu pro­prio Summorum Pon­ti­fi­cum von der Ebe­ne der Her­me­neu­tik auf jene der Fak­ten wech­sel­te, hat er hin­ge­gen sei­ne Schlacht gewon­nen. Des­halb stellt das Summorum Pon­ti­fi­cum auch den Höhe­punkt sei­nes Pon­ti­fi­kats dar.

Wer die her­me­neu­ti­sche Metho­de gebraucht, muß die Mög­lich­keit unter­schied­li­cher Inter­pre­ta­tio­nen des­sel­ben Tex­tes oder des­sel­ben Ereig­nis­ses aner­ken­nen. Wird die Plu­ra­li­tät der Inter­pre­ta­tio­nen geleug­net, indem man behaup­tet, ein päpst­li­ches Doku­ment oder Ent­schei­dung muß zwangs­läu­fig in Kon­ti­nui­tät mit dem vor­her­ge­hen­den Lehr­amt gele­sen wer­den, wird die her­me­neu­ti­sche Metho­de zunich­te gemacht. Die Inter­pre­ta­ti­ons­re­gel ist im übri­gen, wie bei jeder mensch­li­chen Hand­lung, die Suche nach dem was wahr ist und nicht was gün­stig ist. Des­halb ist die Unter­schei­dung zwi­schen einem unfehl­ba­ren und einem nicht unfehl­ba­ren Lehr­amt, das die Mög­lich­keit von Feh­lern durch die ober­sten Hir­ten der Kir­che ein­räumt, die ein­zi­ge, die hilft, das Vor­han­den­sein von Unstim­mig­kei­ten zwi­schen lehr­amt­li­chen Doku­men­ten zu ver­ste­hen.

Kardinal Kasper verkündet die "Revolution Franziskus" und seinen Sieg
Kar­di­nal Kas­per ver­kün­det die „Revo­lu­ti­on Fran­zis­kus“ und sei­nen Sieg

Wenn alle Doku­men­te des Lehr­am­tes die­sel­ben Din­ge sagen wür­den und sich nie unter­ein­an­der wider­spre­chen könn­ten, wür­den die Wor­te ihre Bedeu­tung ver­lie­ren. Die Objek­ti­vi­tät der Tex­te wür­de durch die dia­lek­ti­sche Geschick­lich­keit der Her­me­neu­tik ersetzt wer­den, imstan­de zu sein, das unver­söhn­li­che zu ver­söh­nen. Wer aber wür­de die Inter­pre­ta­ti­on der Her­me­neu­tik inter­pre­tie­ren? Der Pro­zeß ist end­los und jede Her­me­neu­tik ist, wie der deut­sche Phi­lo­soph Otto Fried­rich Bell­now sagt, eine „offe­ne Form“, die alles ent­hal­ten kann, weil der Schwer­punkt vom Erkennt­nis­ge­gen­stand zum erken­nen­den Sub­jekt ver­scho­ben wird. Ande­rer­seits bedarf die Her­me­neu­tik der Dun­kel­heit und gedeiht nur in Gegen­den, in denen die Son­ne der Klar­heit nicht auf­geht.

Das nach­syn­oda­le Schrei­ben wird „kei­ne Spal­tung“ ent­hal­ten, kün­digt Alber­to Mel­lo­ni an. Der Papst, der die enge Linie, die Häre­sie von Ortho­do­xie trennt, genau kennt, über­schrei­tet die­se rote Linie nicht, son­dern ver­or­tet sich, indem er jenen fata­len Schritt mei­det, den Mel­lo­ni „den Riß“ nennt, in einer Grau­zo­ne. Damit aber ein Doku­ment schlecht ist, ist es nicht nötig, daß es for­mal häre­tisch ist. Es genügt, daß es absicht­lich zwei­deu­tig und in sei­ner Dun­kel­heit einer Häre­sie nahe oder zur Häre­sie ver­lei­tend ist. Zwi­schen Wahr­heit und Irr­tum stellt die Zwei­deu­tig­keit kein akzep­ta­bles ter­ti­um genus dar, son­dern einen dunk­len Bereich, der zu klä­ren und zu defi­nie­ren ist. Ein gutes Doku­ment kann eini­ge miß­ver­ständ­li­che Stel­len ent­hal­ten, die im Licht des Gesamt­tex­tes zu inter­pre­tie­ren sind. Wenn die dunk­len Zonen jedoch gegen­über den hel­len über­wie­gen, kann die Bot­schaft nur tückisch und unge­sund sein.

Es sind zwei Jah­re ver­gan­gen, seit Kar­di­nal Kas­per die syn­oda­le Debat­te begon­nen hat, und der­sel­be Kas­per behaup­tet heu­te den Sieg, indem er die­sel­be, von ihm am 20. Febru­ar 2014 vor­ge­schla­ge­ne For­mu­lie­rung gebraucht: „Die Leh­re ändert sich nicht, das Neue betrifft nur die pasto­ra­le Pra­xis.“

Hat Kas­per sei­ne Schlacht wirk­lich gewon­nen? Wir hof­fen von gan­zem Her­zen, daß unse­re Besorg­nis in den näch­sten Tagen vom päpst­li­chen Doku­ment wider­legt wird. Soll­te sie aber bestä­tigt wer­den, hof­fen wir nicht min­der, daß jene Hir­ten der Kir­che, die im Lau­fe der ver­gan­ge­nen zwei Jah­re ver­sucht haben, den Ideen von Kar­di­nal Kas­per den Weg zu ver­sper­ren, ihr Urteil über das nach­syn­oda­le Schrei­ben mit Klar­heit aus­spre­chen wer­den. Der Text, der ver­öf­fent­licht wird, ist ein pasto­ra­les Doku­ment, das nicht beab­sich­tigt, eine Leh­re zu for­mu­lie­ren, son­dern Ver­hal­tens­an­lei­tun­gen zu geben. Wenn die­se Anlei­tun­gen nicht mit der über­lie­fer­ten katho­li­schen Pra­xis über­ein­stim­men, muß man es auch mit respekt­vol­ler Auf­rich­tig­keit sagen. Mehr als eine Mil­li­on Katho­li­ken haben eine „Erge­be­ne Bit­te“ an Papst Fran­zis­kus gerich­tet und ihn um ein kla­res Wort zu den schwer­wie­gen­den mora­li­schen Pro­ble­men unse­rer Zeit gebe­ten. Wenn die­ses kla­re Wort nicht durch das Apo­sto­li­sche Schrei­ben erfolgt, erwar­ten wir es von den Kar­di­nä­len, die den Papst gewählt haben, und die Macht haben, ihn zu tadeln, zu kor­ri­gie­ren und zu ermah­nen, denn nie­mand kann über den Papst urtei­len, außer – wie die mit­tel­al­ter­li­chen Kir­chen­recht­ler leh­ren – er weicht vom rech­ten Weg des ortho­do­xen Glau­bens ab (Gra­tia­nus, Decretum, Pars I, Dist. XL, c. 6).

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt erschie­nen: Vica­rio di Cri­sto. Il pri­mato di Pie­tro tra nor­ma­li­tà  ed ecce­zio­ne (Stell­ver­tre­ter Chri­sti. Der Pri­mat des Petrus zwi­schen Nor­ma­li­tät und Aus­nah­me), Vero­na 2013; in deut­scher Über­set­zung zuletzt: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, Rup­pich­teroth 2011.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: La buo­na parola/CNO (Screen­shots)

2 Kommentare

  1. „Die Leh­re ändert sich nicht, das Neue betrifft nur die pasto­ra­le Pra­xis.“

    Wo die Leh­re von der Pra­xis getrennt wird, ver­liert sie ihre Bedeu­tung, sie wird zum lee­ren Spiel. Eine Pra­xis wie­der­um, die auf kei­nem Fun­da­ment auf­baut, glei­tet über kurz oder lang in Belie­big­keit ab.

    Wahr­heit stellt sich also nur in der Ver­schrän­kung von Leh­re und Pasto­ral also Pra­xis her. Fehlt die Ver­schrän­kung oder ist sie blo­ßer Schein, so wird der Glau­be brü­chig und trägt nicht, denn wenn der Gläu­bi­ge nicht weiß, ob er sei­nen Glau­ben auf Sand baut oder auf Fels, kann er kei­nen Halt fin­den.

    Kar­di­nal Kas­per hat lei­der nicht ver­stan­den, dass die säku­la­re Auf­klä­rung, deren ideo­lo­gi­sche Inten­tio­nen er vehe­ment in die Kir­che tra­gen zu müs­sen glaubt, sich längst als ver­hee­ren­de Irre­füh­rung mensch­li­chen Gei­stes erwie­sen hat, wie nicht etwa der säku­la­ren Auf­klä­rung Fern­ste­hen­de kon­sta­tie­ren, son­dern Den­ker, wie Ador­no, Hork­hei­mer und Haber­mas — um nur die­se zu nen­nen — die sich selbst als in der Tra­di­ti­on der säku­la­ren Auf­klä­rung ste­hend sehen.

    Es stün­de Kar­di­nal Kas­per gut an, sich ein­mal mit der Theo­rie­kri­tik der Frank­fur­ter Schu­le aus­ein­an­der­zu­set­zen, um sei­ne nai­ve Sicht auf Theo­rie und Pra­xis zu revi­die­ren. In der Phi­lo­so­phie ist das Pro­blem­be­wusst­sein der Ver­schrän­kung von Theo­rie und Pra­xis längst über sol­che schlich­te Welt­sich­ten, wie sie Kar­di­nal Kas­per for­mu­liert, hin­aus.

  2. Fuß­ball-Ana­lo­gie: Hand­spiel bleibt ver­bo­ten, aber der Schieds­rich­ter wird ange­hal­ten, Barm­her­zig­keit wal­ten zu las­sen und nicht zu pfei­fen…

Kommentare sind deaktiviert.