Umberto Eco — die traurige Parabel eines Nominalisten

Umberto Eco (1932-2016) "hätte ein heiliger Franz von Sales werden können"
Umberto Eco (1932-2016) "hätte ein heiliger Franz von Sales werden können"

von Rober­to de Mattei*

Am 23. Febru­ar 2016 fand in Mai­land die „lai­zi­sti­sche Bestat­tung“ des Schrift­stel­lers Umber­to Eco statt, der am 19. Febru­ar im Alter von 84 Jah­ren gestor­ben ist. Eco war eines der schlimm­sten Pro­duk­te der Turi­ner und der ita­lie­ni­schen Kul­tur des 20. Jahr­hun­derts. Sei­ne Turi­ner Her­kunft ist zu beto­nen, weil Pie­mont im 19. Jahr­hun­dert eine Schmie­de gro­ßer Hei­li­ger war, im 20. Jahr­hun­dert aber auch zahl­rei­cher lai­zi­sti­scher und anti­ka­tho­li­scher Intellektueller.

Die „Turi­ner Schu­le“, von Augu­sto Del Noce gut beschrie­ben, wech­sel­te unter dem Ein­fluß von Anto­nio Gram­sci (1891–1937) und Pie­ro Gobet­ti (1901–1925) vom Idea­lis­mus zur mar­xi­sti­schen Auf­klä­rung. Dabei behielt sie stets ihr imma­nen­ti­sti­sches und anti­ka­tho­li­sches Wesen bei. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg übte die­se kul­tu­rel­le Rich­tung eine so star­ke Hege­mo­nie aus, daß sie sogar Katho­li­ken anzu­zie­hen ver­moch­te, und das nicht wenige.

Umber­to Eco, 1932 in Ales­sandria gebo­ren, hat­te im Alter von 16 Jah­ren bereits eine Lei­tungs­funk­ti­on in der Katho­li­schen Akti­on sei­ner Hei­mat­diö­ze­se inne. Wie er selbst erzähl­te, war er nicht nur Akti­vist, son­dern „Gläu­bi­ger mit täg­li­chem Kom­mu­nion­emp­fang“. Er nahm am Wahl­kampf von 1948 ((1948 fan­den die ersten Par­la­ments­wah­len der Nach­kriegs­zeit statt, dabei ging es um die Rich­tungs­ent­schei­dung zwi­schen einem christ­de­mo­kra­tisch oder einem kom­mu­ni­stisch geführ­ten Ita­li­en und damit um die Zuge­hö­rig­keit zu einem von Washing­ton geführ­ten west­li­chen oder einem von Mos­kau geführ­ten öst­li­chen Bünd­nis, Anm. Katholisches.info)) teil, kleb­te Pla­ka­te und ver­teil­te anti­kom­mu­ni­sti­sche Flug­blät­ter. Er arbei­te­te dann mit dem natio­na­len Vor­stand der Katho­li­schen Akti­on in Rom zusam­men, wäh­rend er an der Uni­ver­si­tät Turin stu­dier­te. 1954 pro­mo­vier­te er mit einer Arbeit über die Ästhe­tik bei Tho­mas von Aquin. Im sel­ben Jahr gab er den katho­li­schen Glau­ben auf. Sei­ne Arbeit wur­de 1956 unter dem Titel „Das ästhe­ti­sche Pro­blem beim hei­li­gen Tho­mas“ ver­öf­fent­licht und ist sein ein­zi­ges Buch, das zu lesen, sich lohnt.

"Der Name der Rose" (1980)
„Der Name der Rose“ (1980), Wil­liam von Bas­ker­vil­le (Sean Con­ne­ry) und Adson von Melk (Chri­sti­an Slater).

Wie kam es zu sei­ner Apost­asie? Mit Sicher­heit läßt sich sagen, daß sie über­legt, über­zeugt und end­gül­tig war. Mit spöt­ti­schem Unter­ton sag­te Eco, er habe den Glau­ben durch das Lesen des hei­li­gen Tho­mas von Aquin ver­lo­ren. Den Glau­ben ver­liert man aber nicht, son­dern lehnt ihn ab. Am Ursprung sei­ner Ent­fer­nung von der Wahr­heit steht daher nicht der hei­li­ge Tho­mas, son­dern der phi­lo­so­phi­sche Nomi­na­lis­mus, der eine deka­den­te und defor­mier­te Inter­pre­ta­ti­on der tho­mi­sti­schen Leh­re ist. Eco blieb bis zuletzt ein radi­ka­ler Nomi­na­list, für den es kei­ne uni­ver­sa­len Wahr­hei­ten gab, son­dern nur Namen, Zei­chen und Kon­ven­tio­nen. Wil­helm von Ock­ham (um 1288–1347), der Vater des Nomi­na­lis­mus, ist in Wil­liam von Bas­ker­vil­le dar­ge­stellt, der Haupt­fi­gur sei­nes berühm­te­sten Romans „Der Name der Rose“ (1980, deut­sche Über­set­zung 1982), der mit einem nomi­na­li­sti­schen Mot­to endet: „Stat rosa pri­sti­na nomi­ne, nomi­na nuda tenemus“.

Das Wesen der Rose (wie jeder Sache) redu­ziert sich auf einen Namen; wir haben nur Namen, einen Anschein, Illu­sio­nen, aber kei­ne Wahr­heit und kei­ne Gewiß­heit. Eine ande­re Figur des Romans, Adson von Melk, behaup­tet: „Gott ist ein lau­tes Nichts“. Alles ist letzt­lich nur ein Spiel, ein Tanz auf dem Nichts. Die­ses Kon­zept ist das­sel­be, das einem ande­ren phi­lo­so­phi­schen Roman Ecos zugrun­de­liegt: „Das Fou­cault­sche Pen­del“ (1988, deut­sche Über­set­zung 1989). Hin­ter der Meta­pher des Pen­dels steht ein Gott, der im Nichts auf­geht, im Bösen, dem abso­lu­ten Dunkel.

Ein Gott, der "absolutes Dunkel" ist
Ein Gott, der „abso­lu­tes Dun­kel“ ist

Das wirk­li­che Pen­del im Den­ken Ecos war in Wirk­lich­keit das Schwan­ken zwi­schen dem abso­lu­ten Ratio­na­lis­mus der Auf­klä­rer und dem Irra­tio­na­lis­mus des Okkul­tis­mus, der Kab­ba­la, der Gno­sis, die er zwar bekämpf­te, von denen er aber gleich­zei­tig auf mor­bi­de Wei­se ange­zo­gen wur­de. Wenn der Nomi­na­lis­mus die Rea­li­tät ihrer Bedeu­tung ent­leert, dann ist das unver­meid­li­che Ergeb­nis der Fall ins Irra­tio­na­le. Um dem zu ent­rin­nen, bleibt nichts als der abso­lu­te Skep­ti­zis­mus. Wenn Nor­ber­to Bob­bio (1909–2004) die neo­kan­ti­sche Ver­si­on der Turi­ner Auf­klä­rung des 20. Jahr­hun­derts dar­stellt, ver­kör­pert Umber­to Eco die neo­li­ber­ti­ne. Einer sei­ner letz­ten Roma­ne, „Der Fried­hof von Prag“ (2010, deut­sche Über­set­zung 2011), ist die impli­zi­te Apo­lo­gie die­ses mora­li­schen Zynis­mus, der zwangs­läu­fig auf das Feh­len des Wah­ren und des Guten folgt.

Auf den mehr als 500 Sei­ten des Buches fin­det sich weder ein ein­zi­ger idea­ler Impe­tus noch irgend­ei­ne Figur, die von Lie­be oder Idea­lis­mus ange­trie­ben wird. „Der Haß ist die wah­re Urlei­den­schaft. Die Lie­be ist eine ano­ma­le Situa­ti­on“, läßt Eco Ratsch­kow­ski, eine der Haupt­fi­gu­ren sagen. ((Mat­thi­as Matus­sek schrieb im Spie­gel 40/2011 v. 1.10.2011: „Was für eine Oper des Has­ses“ […]. Ein Libret­to aus Gift und Gal­le, aus Hass auf alles, was sich bewegt […]. Wir sit­zen sogar beim soft­por­no­gra­fi­schen Hum­bug einer schwar­zen Mes­se in der ersten Rei­he […].“)) Trotz der ver­ach­tens­wer­ten Figu­ren und dem kri­mi­nel­len Gesche­hen fehlt den Sei­ten jene tra­gi­sche Note, die allein ein lite­ra­ri­sches Werk groß machen kann.

Der sar­ka­sti­sche Ton ist der einer Komö­die, in der sich der Autor über alle und jeden lustig macht, weil das ein­zi­ge, an das er wirk­lich glaubt, die filets de bar­bue sau­ce hol­lan­dai­se sind, die man im Lapé­rou­se am Quai des Grands-Augu­stin bekommt, die écrevis­ses bor­de­lai­ses oder die mousses de Volail­les im Café Ang­lais der Rue Gra­mont und die filets de pou­lar­de piqués aux truf­fes im Le Rocher de Can­ca­le der Rue Mont­or­gueil. Das Essen ist die ein­zi­ge Sache, die im Roman tri­um­phiert und stän­dig von der Haupt­fi­gur zele­briert wird, die gesteht: „Die Küche hat mich immer mehr befrie­digt als der Sex. Viel­leicht ein Fin­ger­ab­druck, den mir die Prie­ster hin­ter­las­sen haben.“ Nicht zufäl­lig wur­de Eco 1992 mit einer kolos­sa­len Magen­ver­stim­mung in ein Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert und dem Tode nahe von den Ärz­ten schon fast aufgegeben.

Umberto Eco mit Kardinal Carlo Maria Martini SJ, beide erhielten 2000 den Prinzessin- von-Asturien-Preis
Umber­to Eco mit Kar­di­nal Car­lo Maria Mar­ti­ni SJ, bei­den wur­de 2000 der Prin­zes­sin- von-Astu­ri­en-Preis verliehen

Eco war tech­nisch gese­hen ein gro­ßer Jon­gleur, weil er alle zum Nar­ren hielt: sei­ne Leser, sei­ne Kri­ti­ker und vor allem die Katho­li­ken, die ihn fast als eine Art Ora­kel zu ihren Tagun­gen ein­lu­den. Als wäre es ein Spiel, rich­te­te er 1974 anläß­lich des ita­lie­ni­schen Refe­ren­dums über die Schei­dung aus den Spal­ten des Wochen­ma­ga­zins Espres­so einen Auf­ruf an die Schei­dungs­ver­fech­ter zu einer intel­li­gen­te­ren Aus­rich­tung ihrer Pro­pa­gan­da­kam­pa­gne mit den Worten:

„Die Kam­pa­gne für das Refe­ren­dum soll­te frei von theo­re­ti­schen Aus­sa­gen, rück­sichts­los und direkt sein, und auf einen kurz­fri­sti­gen Effekt abzie­len. Vor­wie­gend auf ein Publi­kum aus­ge­rich­tet, das leich­te Beu­te für emo­tio­na­le Anstö­ße ist, soll­te sie ein posi­ti­ves Bild der Schei­dung ver­kau­fen, das die emo­ti­ven Appel­le der Gegen­sei­te genau auf den Kopf stellt… Die The­men die­ser ‚Verkaufs‘-Kampagne soll­ten sein: die Schei­dung tut der Fami­lie gut, die Schei­dung tut den Frau­en gut, die Schei­dung tut den Kin­dern gut… Seit Jah­ren erle­ben die ita­lie­ni­schen Wer­be­stra­te­gen ihr Iden­ti­täts­dra­ma: gebil­det und infor­miert, sehen sie sich als Gegen­stand einer sozio­lo­gi­schen Kri­tik, das sie als treue Die­ner der kon­sum­ori­en­tier­ten Macht aus­weist… Sie ver­su­chen kosten­lo­se Kam­pa­gnen für mehr Grün und Blut­spen­den, füh­len sich aber von den gro­ßen Fra­gen ihrer Zeit aus­ge­schlos­sen und dazu ver­dammt, Sei­fen zu ver­kau­fen. Die Schlacht für das Refe­ren­dum wird der Prüf­stein sein für die Ehr­lich­keit der so oft geäu­ßer­ten, angeb­li­chen zivil­ge­sell­schaft­li­chen Ambi­tio­nen sein. Es genügt, daß eine Grup­pe von sach­kun­di­gen, dyna­mi­schen, rück­sichts­lo­sen, demo­kra­ti­schen Wer­be­agen­tu­ren sich koor­di­niert und kosten­deckend arbei­tet, um eine Kam­pa­gne die­ser Art zu unter­stüt­zen. Es genü­gen ein Tele­fon­rund­ruf, zwei Ver­samm­lun­gen, ein Monat inten­si­ver Arbeit. Ein Tabu in weni­gen Mona­ten zu zer­stö­ren, ist eine Her­aus­for­de­rung, die jedem Wer­be­fach­mann, der sei­nen Beruf liebt, das Was­ser im Mund zusam­men­lau­fen las­sen sollte…“.

Das Tabu, das es zu zer­stö­ren galt, war die Fami­lie, die für einen Rela­ti­vi­sten wie ihn, kei­ner­lei Exi­stenz­be­rech­ti­gung hat­te. Die Zer­stö­rung der Fami­lie ging nach 1974 etap­pen­wei­se wei­ter. Eco hat sie mit Genug­tu­ung beglei­tet. Sein Abgang erfolg­te im unmit­tel­ba­ren Vor­feld der Aner­ken­nung homo­se­xu­el­ler Ver­bin­dun­gen, die das End­ergeb­nis der Ein­füh­rung der Schei­dung vor 40 Jah­ren bil­det. Die natür­li­che Fami­lie wird durch die unna­tür­li­che ersetzt.

Der Rela­ti­vis­mus fei­ert sei­nen schein­ba­ren Tri­umph. Umber­to Eco trug kräf­tig zu die­sem Werk der Schän­dung der natür­li­chen und christ­li­chen Ord­nung bei. Er wird sich aber nicht so sehr für das vie­le Schlech­te, das er getan hat, ver­ant­wor­ten müs­sen, son­dern für das Gute, das er tun hät­te kön­nen, wenn er sich der Wahr­heit nicht mit Absicht ver­wei­gert hät­te. Was nützt es, 40 Ehren­dok­to­ra­te zu bekom­men und 30 Mil­lio­nen Exem­pla­re allein von einem Buch (Der Name der Rose) zu ver­kau­fen, wenn man damit nicht die ewi­ge Glück­se­lig­keit erwirbt? Der jun­ge Akti­vist der Katho­li­schen Akti­on hät­te in die­sem Euro­pa, das heu­te Mis­si­ons­land ist, ein hei­li­ger Franz von Sales sein kön­nen. Er aber nahm die Wor­te nicht auf, die der hei­li­ge Igna­ti­us zum hei­li­gen Franz Xaver sag­te, und die Gott in jedem christ­li­chen Herz erklin­gen läßt: „Was nützt es dem Men­schen, wenn er die gan­ze Welt gewinnt, aber an sei­ner See­le Scha­den lei­det?“ (Lk 9,25).

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt erschie­nen: Vica­rio di Cri­sto. Il pri­mato di Pie­tro tra nor­ma­li­tà  ed ecce­zio­ne (Stell­ver­tre­ter Chri­sti. Der Pri­mat des Petrus zwi­schen Nor­ma­li­tät und Aus­nah­me), Vero­na 2013; in deut­scher Über­set­zung zuletzt: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, Rup­pich­teroth 2011.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana/europeanfoundations (Screen­shot)

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