Griechisch-katholische Ukrainer fühlen sich von Rom „verraten“

(Kiew) Die Ukrai­ni­sche Grie­chisch-Katho­li­sche Kir­che fühlt sich nach dem Tref­fen von Papst Fran­zis­kus und Patri­arch Kyrill von Mos­kau vom Vati­kan „ver­ra­ten“. Das römisch-katho­li­sche und das rus­sisch-ortho­do­xe Kir­chen­ober­haupt kamen am ver­gan­ge­nen 12. Febru­ar auf Kuba erst­mals zu einer Begeg­nung zusam­men. Laut Groß­erz­bi­schof Swja­to­slaw Schewt­schuk von Kiew-Halytsch han­del­te es sich in Havan­na um ein Tref­fen zwi­schen „zwei Par­al­lel­wel­ten“. In Kiew herrscht distan­zier­te Skep­sis, wenn es um Mos­kau geht. Dabei wird mit eini­ger Besorg­nis auch nach Rom geblickt. Man­che grie­chi­schen Katho­li­ken befürch­ten, das Bau­ern­op­fer der Annä­he­rung zu werden.

Sei­ne Bewer­tung stützt der Groß­erz­bi­schof auf die unter­schied­li­chen Kom­men­ta­re auf bei­den Sei­ten nach der Begeg­nung. „Die bei­den Sei­ten befin­den sich in unter­schied­li­chen Dimen­sio­nen und haben sich unter­schied­li­che Zie­le gesetzt“, so der grie­chisch-katho­li­sche Groß­erz­bi­schof in einem Inter­view mit dem Pres­se­dienst der Ukrai­ni­schen Grie­chisch-Katho­li­schen Kirche.

Zwölf Prozent der Ukrainer sind griechische Katholiken

Rund 12 Pro­zent der Ukrai­ner gehö­ren der mit Rom unier­ten grie­chisch-katho­li­schen Kir­che an und kon­zen­trie­ren sich vor allem im ehe­mals öster­rei­chi­schen Westen der Ukrai­ne. Wei­te­re zwei bis drei Pro­zent sind latei­ni­sche Katho­li­ken. Etwa 53 Pro­zent der Ukrai­ner sind ortho­do­xe Chri­sten, wobei die Uni­on des autoke­pha­len, kano­nisch nicht aner­kann­ten Kie­wer Patri­ar­chats und das Mos­kau­er Patri­ar­chat in etwa gleich stark sind. Geschätz­te 15 Pro­zent der Ukrai­ner gehö­ren ver­schie­de­nen pro­te­stan­ti­schen Frei­kir­chen an, die seit der Unab­hän­gig­keit sehr inten­siv in der Ukrai­ne tätig sind.

Das Mos­kau­er Patri­ar­chat habe bereits vor dem histo­ri­schen Tref­fen in der Kari­bik erklärt, daß es in der grie­chisch-katho­li­schen Kir­che der Ukrai­ne das größ­te Hin­der­nis für eine Annä­he­rung zwi­schen rus­si­schen Ortho­do­xen und Katho­li­ken sehe. Zum Aus­druck gebracht wur­de das durch die Ableh­nung eines von Rom gewünsch­ten, gemein­sa­men Gebets zwi­schen Patri­arch und Papst. Begrün­det wur­de die­se Ableh­nung mit dem Flug­ha­fen, der als „neu­tra­ler und nicht-kirch­li­cher“ Raum unge­eig­net für ein fei­er­li­ches Gebet sei.

Groß­erz­bi­schof Swja­to­slaw Schewt­schuk inter­pre­tier­te das Tref­fen als Begeg­nung von „Par­al­lel­wel­ten“: „Nach den Regeln der Mathe­ma­tik fin­den zwei par­al­le­le Gera­de nie zusammen.“

Der Groß­erz­bi­schof fand loben­de Wor­te für die „Demut“ von Papst Fran­zis­kus, des­sen Han­deln auf der geist­li­chen Ebe­ne im Zusam­men­hang mit dem Hei­li­gen Geist ver­stan­den wer­den müs­se. Gleich­zei­tig warn­te er vor jenen, die den Papst für ihre poli­ti­schen Inter­es­sen „aus­nüt­zen“ woll­ten, womit die rus­si­sche Sei­te gemeint war.

Kritische Worte zu Ukraine-Passagen der Gemeinsamen Erklärung

Schewt­schuks Urteil über die Gemein­sa­me Erklä­rung, die von Papst Fran­zis­kus und Patri­arch Kyrill in Havan­na unter­zeich­net wur­de, fiel deut­lich schär­fer aus. „Grund­sätz­lich“ hand­le es sich um einen „posi­ti­ven“ Text, so der Groß­erz­bi­schof, der „Fra­gen auf­wirft, die sowohl Katho­li­ken als auch Ortho­do­xe beschäf­ti­gen, und der neue Per­spek­ti­ven der Zusam­men­ar­beit eröffnet“.

Der Teil der Gemein­sa­men Erklä­rung, der die Ukrai­ne betref­fe, wer­fe jedoch „mehr Fra­gen auf, als er Ant­wort gibt“. Die poli­ti­sche Dar­le­gung sei unzu­tref­fend. Laut Gemein­sa­mer Erklä­rung herr­sche in der Ukrai­ne ein Bür­ger­krieg. In Wirk­lich­keit hand­le es sich „um die Aggres­si­on“ eines Nach­bar­staa­ten. „Für ein Doku­ment, das nicht theo­lo­gi­scher, son­dern gesell­schafts­po­li­ti­scher Natur sein soll­te, ist das eine schwa­che Dar­stel­lung.“ Die Kri­tik gilt direkt Metro­po­lit Hil­ari­on, dem „Außen­mi­ni­ster“ des Mos­kau­er Patri­ar­chats, und Kar­di­nal Koch, dem Vor­sit­zen­den des Päpst­li­chen Rates zur För­de­rung der Ein­heit der Chri­sten, die den Text vor­be­rei­tet hatten.

Kar­di­nal Koch sei in „theo­lo­gi­schen Fra­gen kom­pe­tent“, aber nicht in Fra­gen der inter­na­tio­na­len Poli­tik und schon gar nicht „in Fra­gen der rus­si­schen Aggres­si­on in der Ukrai­ne. Das wur­de vom Außen­amt des Mos­kau­er Patri­ar­chats aus­ge­nützt“, so der Großerzbischof.

Großerzbischof Schewtschuk: „Sie sprechen von uns ohne uns“

Schewt­schuk ist selbst Mit­glied im Päpst­li­chen Rat zur För­de­rung der Ein­heit der Chri­sten, doch “nie­mand hat mich ein­ge­la­den, mei­ne Mei­nung zu sagen, wie es auch schon in der Ver­gan­gen­heit gesche­hen ist. Sie spre­chen von uns ohne uns.“

Im Para­graph 25 der Gemein­sa­men Erklä­rung „scheint es, daß sie [Mos­kau] unser Exi­stenz­recht nicht mehr in Fra­ge stel­len“, so der Groß­erz­bi­schof. „Wir brau­chen aber nie­man­den um Erlaub­nis zu fra­gen, ob wir exi­stie­ren und wir­ken dür­fen. In der Ver­gan­gen­heit hat man uns vor­ge­wor­fen, in das kano­ni­sche Gebiet des Mos­kau­er Patri­ar­chats ein­zu­drin­gen. Nun wur­den unse­re Rech­te, uns um unse­re Gläu­bi­gen zu küm­mern, wo immer sie es brau­chen, aner­kannt. Ich neh­me an, daß das auch für die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on gilt, wo wir heu­te kei­ne Mög­lich­keit haben, frei und legal zu wir­ken, eben­so­we­nig auf der von Ruß­land annek­tier­ten Krim, wo wir fak­tisch liqui­diert wurden.“

Kri­tisch sieht der Groß­erz­bi­schof auch jenen Teil der Gemein­sa­men Erklä­rung, wo „unse­re Kir­chen in der Ukrai­ne“ ein­ge­la­den wer­den, für die „sozia­le Ein­tracht“ zu arbei­ten und sich aller Feind­se­lig­kei­ten zu ent­hal­ten und den Kon­flikt nicht zu för­dern. „Es scheint, daß sich das Mos­kau­er Patri­ar­chat wei­gert, anzu­er­ken­nen, selbst Par­tei in die­sem Kon­flikt zu sein, indem es die Aggres­si­on Ruß­lands gegen die Ukrai­ne unter­stützt und die Mili­tär­ak­tio­nen Ruß­lands in Syri­en als ‚Hei­li­gen Krieg‘ seg­net.“ Die grie­chisch-katho­li­sche Kir­che habe „immer für den Frie­den gearbeitet“.

„Tiefe Enttäuschung“ unter ukrainischen Katholiken

Die Gemein­sa­me Erklä­rung habe unter den grie­chisch-katho­li­schen Gläu­bi­gen der Ukrai­ne eine „tie­fe Ent­täu­schung“ aus­ge­löst, so der Groß­erz­bi­schof. „Vie­le haben mich kon­tak­tiert, um mir zu sagen, daß sie sich vom Vati­kan ver­ra­ten füh­len und von den Halb­wahr­hei­ten in der Erklä­rung sowie der indi­rek­ten Unter­stüt­zung des Hei­li­gen Stuhls für die Aggres­si­on gegen die Ukrai­ne ent­täuscht sind.“

Er rufe die Gläu­bi­gen auf, Geduld und Ruhe zu bewah­ren: „Wir haben ver­schie­de­ne Erklä­run­gen erlebt und wer­den auch die­se über­le­ben. Die Ein­heit und die Gemein­schaft mit dem Hei­li­gen Vater, dem Nach­fol­ger des Apo­stels Petrus, ist nicht das Ergeb­nis eines poli­ti­schen Abkom­mens oder eines diplo­ma­ti­schen Kom­pro­mis­ses, son­dern eine Fra­ge unse­res Glau­bens“, so Groß­erz­bi­schof Swja­to­slaw Schewtschuk.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Asianews

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